Gießen | "Die ganze Welt ist eine Bühne!" Der wohl bekannteste Satz aus William Shakespeares Komödie "Wie es euch gefällt" (Original: "As You Like It") steht auch in der Gießener Inszenierung von Ragna Kirck, die am Freitagabend im Stadttheater Premiere feierte, ganz klar im Mittelpunkt. Die spritzige Komödie aus Shakespeares mittlerer Schaffensperiode sprüht nahezu von Wortwitz, Verwechslungen, Verkleidungen; skurrile Figuren erwecken das Stück zum Leben. Die Gießener Inszenierung greift diesen Grundtenor auf, unterstreicht und untermalt ihn stellenweise und legt hier und da noch eine Schippe drauf.
Schon zu Beginn, als sich der Vorhang öffnet, wird das Motiv des Spielens, das sich durch das ganze Stück zieht, deutlich. Denn es spielt nicht im klassischen Sinne bei Hofe, sondern auf dem Jahrmarkt, dem Freizeitpark "Ardenture Park" (ein Wortspiel aus Adventure für Abenteuer und "Arden", so heißt der Wald in Shakespeares Stück). Dahinter thornt die Achterbahn, ein Symbol für das Durcheinander, das sogleich auf der Bühne herrschen wird. Überhaupt wird der Wald als Motiv aufgebrochen, wird zu dem, für das er im Stück steht:
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Zu einem Ort der Visionen, der Freiheit, der Verwandlung und der Selbstfindung. Ob es nun die höhlenartige, alte, mit Erinnungsstücken vollgepfropfte Hütte ist, in der Herzog Senior (Rainer Hustedt) mit Jaques (Roman Kurtz) und Chef-Schäfer Corin (Harald Pfeiffer) Zuflucht gesucht hat, oder ob es die Schlupflöcher in der kraterartigen Mondlandschaft auf der Bühne sind, in denen die Charaktere abtauchen oder sich verstecken, um das Geschehen auf der Bühne unerkannt beobachten zu können.
Für das Bühnenbild gebührt Bernhard Niechotz mehr als Applaus: Die Drehbühne des Großen Hauses wird einmal mehr voll in ihren Möglichkeiten genutzt und ausgeschöpft. Während auf der einen Bühnenseite der "Ardenture Park" prangt, hebt sich die Bühne zur anderen Seite hin als rosafarbene Kuppel mit Kraterlöchern in die Höhe. Unter der Kuppel auf der anderen Seite schließlich ist die Höhle, in der Senior seine Ruhe gefunden hat. Und die strotzt nur so vor Detailreichtum: alte Karusselltiere, eine nostalgische Stehlampe, verblichene Lampions: All das zeigt einen Kramladen der Erinnerungen, der Kindlichkeit und Verspieltheit. Bei jeder Drehung der Bühne vermag man als Zuschauer Neues zu entdecken.
Ähnlich vollgepackt ist das Stück zudem auch mit Musikeinlagen,
meist im Liedermacherstil, so dass es fast wie ein Musical daherkommt. Während sich die Bühne dreht, sind die Figuren auf Wanderschaft - auf der Suche nach Liebe, nach Ruhe und nach sich selbst. Bei den Wandersequenzen und den Musikstücken kommt zwar deutlich die Parodie der Pastorale (Schäferstück) auf, die Shakespeare verarbeitet hat, doch hätte man hier die über dreistündige Aufführung auch gut etwas einkürzen können - zu langatmig sind die Musikbeigaben und die Ensembleszenen, gerade der dritte Aufzug kommt viel zu gedehnt daher. Ein Glück, dass dann Pause ist, denn danach erholt sich das Stück wieder - Aufzug vier und fünf sind witzig und kurzweilig. Es ist der Sprachwitz, durch den die Gießener Aufführung besticht. Die modernste aller Shakespeare-Übersetzungen, die von Thomas Brasch aus den 80er Jahren, scheint dabei eine besonders gute Wahl. Brasch hat den angestaubten Shakespeare modernisiert und macht die zuweil sehr anzüglichen Passagen auch für moderne Ohren ohne Rätsel verständlich. Klar, dass die Inszenierung noch eins oben drauf legt, und so diskutieren die Bühnenfiguren, die sich teils mit Aluschirmchen auf dem Kopf vor den Gefahren der Neuzeit schützen oder sich mit Antennen ausgestattet haben, schon
mal über das Schulsystem, über Erdwellen, Elektrosmog und Handystrahlung. Und auch die Selbstironie bleibt nicht außen vor: "Dies allumfassende Theater hält noch mehr schlechte Stücke bereit, als die Szene, die wir grad spielen", posaunt Jaques mürrisch und provokativ heraus. Kaum zu toppen sind die Verse von Touchstone - zwar oft in "Reim-dich-oder-ich-fress-dich"-Manier, immer aber witzig und für einen Lacher gut.
Spielerisch stechen besonders Gunnar Seidel als Orlando und Christian Fries als Touchstone hervor. Während Letzterer mit seinen Narreteien selbst dem Publikum nach geraumer Zeit auf die Nerven geht, man sich den Späßen aber dennoch nicht entziehen kann, mimt Seidel den stillen Helden, der seine Rosalind bedingungslos liebt, so sehr, dass er sich sogar auf ein "homosexuelles" Spiel mit Ganymed (Rosalind in Männerverkleidung) einlässt. Gefühlsbetont zeichnet er einen starken und heldenhaften Orlando, der an seiner Liebe fast vergeht. Wer Seidel in der "Woyzeck"-Inszenierung als gefühlskalten und brutalen Tambourmajor erlebt hat, kann anhand dieses deutlichen Kontrastes die Klasse des jungen Schauspielers erahnen. Leidenschaftlich und verzweifelt gibt Frerk Brockmeyer den verliebten Schäfer Silvius, der von seiner Phoebe
(Irina Ries) bis kurz vor Schluss verstoßen wird. Zynisch und verbittert wirkt Roman Kurtz als Jaques, der mit der Welt bei Hofe endgültig abgeschlossen hat und sich auch am Ende für das romantische Leben auf dem Lande entscheidet. Gut herausgearbeitet sind die Kontraste der verschiedenen Paare, die verschiedene Arten der Liebe und der Beziehungen darstellen und parodieren.
Die unterschiedlichen Paare, die versetzt auf der Bühne in Erscheinung treten, sorgen auch in Gießen für ein echtes shakespearesches Verwirrspiel. Wer die literarische Vorlage nicht kennt, läuft nur allzu leicht Gefahr, in all den Irrungen und Wirrungen und bei all den Verkleidungen den roten Faden nicht zu verlieren. Das ist aber nicht der Inszenierung des Stadttheaters geschuldet, sondern einfach typisch Shakespeare.
Weitere Vorstellungen: 19. März, 5., 10. und 29. April, jeweils 19.30 Uhr.