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Zehn Jahre Arbeitsstelle Holocaustliteratur

Gießen | Seit mittlerweile zehn Jahren gibt es die Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Justus-Liebig-Universität (JLU) Gießen. Anlässlich dieses Jubiläums liest die Holocaust-
Überlebende Ruth Klüger am Samstag, 15. November, aus ihrem neuen Erinnerungsbuch „unterwegs verloren“. Die Lesung beginnt um 19.30 Uhr, zu der alle Interessierten eingeladen sind. Veranstaltungsort ist der Netanya-Saal im
Alten Schloss in Gießen (Brandplatz 2). Der Eintritt ist frei.

Ruth Klügers autobiographisches Werk „weiter leben. Eine Jugend“ von 1992 war ein Meilenstein der Erinnerungsliteratur. Sie schildert darin nüchtern und frei von jeglichem Pathos die Erinnerungen an ihre von Antisemitismus und Verfolgung geprägte Kindheit in Wien und das daraus resultierende gespaltene Verhältnis, das sie bis heute zu ihrer Geburtsstadt hat. Klüger berichtet zudem eindringlich von ihrem
Überleben im Getto Theresienstadt und den Konzentrationslagern Auschwitz-Birkenau und Christianstadt sowie über ihr Leben danach. Ihr neues Erinnerungsbuch
„unterwegs verloren“ handelt von Klügers Leben nach dem Krieg. Aus dem 13-jährigen Mädchen, dem die Gaskammer nur durch einen glücklichen Zufall erspart geblieben war, wurde eine angesehene Literaturwissenschaftlerin, eine
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selbstbewusste Feministin und international ausgezeichnete Schriftstellerin. Klügers Leben in den USA in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts, die komplexe Beziehung
zu ihren zwei Söhnen, die unglückliche Ehe und die als Befreiung empfundene Scheidung sind Themen dieser Autobiographie. Es erzählt eine Frau, die sich
ihre Muttersprache sowie ihre Geburtsstadt Wien zurückerobert und sich den Schatten der Vergangenheit stellt. Die Autorin berichtet, welche Reaktionen ihre eintätowierte
Häftlingsnummer aus Auschwitz auslöst – auch noch Jahrzehnte nach dem Holocaust. Zudem schreibt Klüger von ihrem brüchigen Verhältnis zu Männern im Allgemeinen und zu Martin Walser im Besonderen.
Ruth Klüger wurde 1931 in Wien als Tochter eines jüdischen Arztes geboren. Bereits in ihrer frühen Kindheit erlebte sie den Antisemitismus und die systematische Ausgrenzung der Juden aus dem öffentlichen Leben in ihrer Heimatstadt. Der Vater und ihr Bruder fielen dem Holocaust zum Opfer. 1942 wurde Ruth Klüger im Alter von elf Jahren gemeinsam mit ihrer Mutter erst in das Konzentrationslager Theresienstadt,
anschließend nach Auschwitz und nach Christianstadt, einem Außenlager des KZ Groß-Rosen, deportiert. 1945 gelang ihnen kurz vor Kriegsende die Flucht. 1947 emigrierte Ruth Klüger, mittlerweile 16 Jahre alt, mit ihrer Mutter in die
USA und wurde später Professorin für deutsche Literaturwissenschaft.
Klüger heiratete den Historiker Werner Angress, mit dem sie zwei Söhne hat. Von 1980 bis 1986 war sie Professorin an der Princeton University und danach Professorin
für Germanistik an der University of California in Irvine sowie seit 1988 Gastprofessorin an der Georg-August-Universität Göttingen. Als Literaturwissenschaftlerin hat sich Klüger unter anderem intensiv mit Heinrich von Kleist befasst und war
langjährige Herausgeberin der Zeitschrift German Quartely. Klüger hat zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen erhalten. Im Jahr 2001 wurde ihr der Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch verliehen und 2003 die Ehrendoktorwürde der Universität Göttingen. Klügers publizistisches Werk umfasst feministische Schriften, literaturwissenschaftliche Abhandlungen und Beiträge zur Holocaustliteratur.

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