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Wenn ein anderer Therapeut her soll

Gießen | Gießen, 15. Februar 2010 –

Die Behandlung psychischer Probleme bedeutet Fingerspitzenarbeit. Läuft es mit dem Therapeuten nicht gut, ist ein Wechsel möglich – nur muss jeder Schritt mit der Kasse besprochen werden.
Ohne Vertrauensverhältnis ist schlecht Heilen.

Das gilt besonders bei seelischen Problemen.

Ein Wechsel des Psychotherapeuten kann helfen – bleibt aber immer eine
Angelegenheit, die wohl durchdacht sein muss. Immer wieder melden
sich Versicherte bei der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland
(UPD), um solche Schritte zu besprechen. Hier ein Beispielsfall aus Gießen.

Frau F. ist 36 Jahre alt, vor sechs Monaten wandte sie sich an einen
Psychotherapeuten. Im Anschluss an die üblichen fünf Probesitzungen
entschied sie sich für die Behandlung. Nachdem Frau F. sich zunächst
bei ihrem Therapeuten gut aufgehoben fühlte, spürt sie seit einiger Zeit
Unbehagen in den Sitzungen. In ihrem Erleben geht er nicht wirklich
auf ihre Probleme ein, so dass sie sich immer weniger von ihm
verstanden fühlt und keinen Sinn mehr in der Fortsetzung dieser
Therapie sieht. Da Frau F. den Rest der ihr bewilligten Stunden nicht
verfallen lassen möchte, fragt sie bei der UPD nach der Möglichkeit,
den Psychotherapeuten zu wechseln – möglichst ohne große
Unterbrechung.

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Die Beraterin der UPD arbeitet drei Schritte mit Frau F. heraus:

1. Zunächst erscheint es sinnvoll, dass Frau F. ihre Gefühle von
Enttäuschung und Ärger mit ihrem Psychotherapeuten bespricht.
Sehr häufig lassen sich die aufgetretenen Probleme innerhalb der
Therapie klären und das therapeutische Bündnis ist stärker als
zuvor.

2. Gelingt dies nicht, sollte in jedem Fall die Krankenkasse über die
Absicht eines Therapeutenwechsels informiert werden. Es gibt für
diesen Fall keine verbindlichen Regelungen, an die die Kassen
gebunden sind. Stimmt die Kasse dem Wechsel zu, können die
verbliebenen Reststunden bei einem anderen Psychotherapeuten
in Anspruch genommen werden. Allerdings mit einer Einschränkung:
Wurde von der Krankenkasse eine Langzeittherapie, also zunächst
50 Stunden (bzw. 80 Stunden bei einer psychoanalytischen Therapie)
bewilligt, sollte der neue Behandler das gleiche Psychotherapieverfahren
(also Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie
oder psychoanalytische Therapie) anbieten. Möchte Frau F. nicht
nur den Therapeuten, sondern auch das Behandlungsverfahren
wechseln, muss der neue Psychotherapeut einen entsprechenden
Antrag an die Kasse stellen. Die Begründung für einen Wechsel
prüft dann wiederum ein von der Krankenkasse bestellter
Gutachter sehr genau.

3. Ein rascher Wechsel ist aufgrund der Nachfrage nach
psychotherapeutischen Behandlungsplätzen nicht überall zu
erwarten. Häufig gibt es bei Psychotherapeuten mit
Kassenzulassung (Vertragsbehandler) längere Wartezeiten. Ein
Ausweg kann dabei das so genannte Kostenerstattungsverfahren
sein: Die Krankenkassen sind laut § 13 (3) Sozialgesetzbuch 5
verpflichtet, bei festgestellter Behandlungsbedürftigkeit für
„selbstbeschaffte Leistungen“ die Kosten zu erstatten. Das
bedeutet für Frau F.: Findet sie einen Therapieplatz bei einem
Psychotherapeuten ohne Kassenzulassung, besteht im Einzelfall
die Möglichkeit, dort die Therapie weiter zu führen. Voraussetzung
aber dafür ist, dass der Psychotherapeut in einem der o.g.
Therapieverfahren ausgebildet ist – und Frau F. kann belegen,
dass ihre Suche nach einem Therapieplatz bei den
Vertragsbehandlern in ihrer Region vergeblich war. Ob und unter
welchen Bedingungen die Krankenkasse Frau F. diese Möglichkeit
der Kostenerstattung einräumt, sollte sie vorab genau besprechen.
Häufig ist eine Bewilligung dieser Ausnahmeregelung schwierig
durchzusetzen und geht ebenfalls mit Wartezeiten einher.

Fazit: Einem Psychotherapeutenwechsel sollte zunächst ein
Klärungsversuch innerhalb der Psychotherapie voran gehen. Ist das
Vertrauensverhältnis so gestört, dass ein Patient keine Möglichkeit
sieht, die Therapie fortzusetzen, ist in jedem Fall vorher das Gespräch
mit der Krankenkasse zu suchen, um die Bedingungen zu klären, unter
denen ein Wechsel stattfinden kann.

Bei weiteren Fragen stehen die Beraterinnen und Berater der UPD telefonisch oder regional auch persönlich zur Verfügung. Die Öffnungszeiten der Beratungsstelle in Gießen lauten Mo 15-19, Di und Fr 9-12 und Do 9-15 Uhr. Die BeraterInnen sind unter der Telefonnummer 0641-301 33 45 erreichbar.

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von:  Unabhängige Patientenberatung Beratungsstelle Gießen

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