Gießen | Schon Werner HAFTMANN hat in seiner „Malerei im 20. Jahrhundert“ (Bild-Enzyklopädie, München 1965) im Zusammenhang mit STIL-Umbrüchen und STIL-Namen in der Einleitung seines Buches von „geistigen EVOLUTIONEN“ gesprochen hat. Die moderne Malerei sei „MUTATION, Ausdruck eines radikalen Umbruchs im existentiellen Bezugssystem, im Wirklichkeitsgrund des modernen Menschen“. Dass tatsächlich (kulturelle) EVOLUTION in der bildenden Kunst wirksam und nachweisbar ist, habe ich auch einem Essay (1) belegt. Schon Umberto BOCCIONI – der Theoretiker der FUTURISMUS-Bewegung (die MARC fasziniert hat; von „Dynamisierung des Sehens“ sprach er) - wagte es, von einer „vierten Dimension“ zu sprechen, versuchte "Urformen der Bewegung im Raum" darzustellen. Dies wurde von mir kunsttheoretisch und praktisch-experimentell exemplarisch in evolutionärer Bifurkations-Geometrie ästhetisch visualisiert; vgl. sog. URFORM-Theorie und –Modell.
FUTURISTEN proklamierten die „SCHÖNHEIT“ des sich Bewegenden. 1912 erschien der Futurismus in einer Pariser Ausstellung mit ersten Werken: ein Versuch, das Element des DYNAMISCHEN in die kubistische
Kompositionsweise einzufügen: die Ideen der „Simultaneität“ (APOLLINAIRE) der malerischen Seelenzustände und einer neuen Raum-Auffassung. Das Prinzip KUNST-ENTWICKLUNG hat sich heutzutage NICHT erledigt, wie es Hanno RAUTERBERG in DIE ZEIT (Nr. 52/2008) noch angenommen hat. Die Frage der NATURA NATURANS (Proportionsschlüssel) in der natura naturata wurde auf der Basis meiner neuen evolutionären Bifurkations-Geometrie diskutiert.
Linie. Fläche und Körper leiten sich vom Punkt her (PLATO-LEONARDO-KANDINSKY). Dies habe ich ausführlich erörtert im Artikel „Wassily KANDINSKY: Transformationen abstrakt - absolut – konkret – biomorph/figurativ“. In: ZEIT Online v. 28.02.2009: Linie als lineare Punktmenge, Kreis als Ebenen-Punktmenge etc.. Immer schon vom Punkt (der „Urzelle“) asymmetrisations- & symmetrisations-gesetzlich abgeleite potentielle Punktmengen machen die KUNST-Wirklichkeiten & und KUNST/FARBE-Möglichkeiten eines ars-evolutoria-SCIENCE-ART-Geschehnis-Ganzen aus: Von mir früher auch „Evolutionismus“ & „Symmetrismus“ bezeichnet.
Die Kunsthistorikerin Barbara ESCHENBURG verband überzeugend Franz MARCs Kunst mit ganz unterschiedlichen Theorien und Vorstellungen der EVOLUTION des Lebens (Darwin):
Im VORTRAG „Man hängt nicht
mehr am Naturbilde - Das Tier in FRANZ MARCs Bildern“, den Barbara ESCHENBURG am 23.01.2007 in Göttingen gehalten hat. Franz MARCs Bildfindungen würden auf einer „intensiven Auseinandersetzung mit erkenntnistheoretischen und naturwissenschaftlichen Diskussionen seiner Zeit“ basieren, meint Barbara ESCHENBURG: Das Stilmittel „Aphorismus“ nutzend („Gedankensplitter“) schrieb MARC über die „exakte Naturwissenschaft“, dass sie „das entscheidende Mittel“ sei, „jedem sentimentalen oder materialistischen Naturalismus den Todesstoß zu geben“. Siehe hierzu mehr: in HAHN, Werner (2009): ANIMALISIERUNG & EVOLUTIONISIERUNG der KUNST: Franz MARC – ein Großer des 20. Jahrhunderts. In: ZEIT Online v. 05.03.2009. Dazu auch Kommentare und weiterhin im WEB von W. Hahn - v. 06.03.09 - einen Beitrag mit 11 aufschlussreichen Bildern: "Franz MARC – ein ganz Großer des 20. Jahrhunderts. Über ANIMALISIERUNG & EVOLUTIONISIERUNG der KUNST".
Mit „DARWIN – KUNST UND DIE SUCHE NACH DEN URSPRÜNGEN“ ist der SCHIRN Kunsthalle Frankfurt – vor der beeindruckenden Georges SEURAT Schau - ein kunsthistorischer Durchbruch gelungen, unterstrich ich in „EVOLUTIONÄR (Teil 1): Wie Künstler EVOLUTION malen – Kunst-EVOLUTIONISIERUNG“ (ZEIT ONLINE v. 25.04.09). Siehe
auch myheimat: Wie man den Prozess der EVOLUTION bildkünstlerisch darstellen kann: DARWIN & KUNST (1. Teil). Ebenda betonte ich einführend, dass das Thema Kunst-EVOLUTIONISIERUNG die „Old History Art“ (Vorläufer der New History Art / Bewegung „Neue Kunstgeschichte“) seither gemieden habe. Das EVOLUTIONs-Denken Darwins („Darwinismus“) ist heute Gegenstand der Bildenden KUNST. Unter
http://www.myheimat.de/gladenbach/beitrag/91651/wie-kuenstler-evolution-malen-zur-ausstellung-darwin-kunst-und-die-suche-nach-den-urspruengen-teil-2
Kunstforschung der Renaissance als Vorbild: Kunst der Künstler-Forscher DÜRER & LEONARDO
In diversen Artikeln und meinen EST-Büchern habe ich hervorgehoben, dass sich schon Renaissance-Künstler wie Albrecht DÜRER und LEONARDO da Vinci mit „Strukturproblemen“ befasst haben, um „Dinge von Grund aus“ kennen zu lernen. Von „trasmutazione di forme“ sprach Leonardo und GOETHE entwickelte später seine anschauliche Metamorphosen-Lehre. Dass sich DÜRER mit irrationalen Körperdarstellungen, kubistischer Flächenzerlegung an Köpfen, Metamorphose-Studien
(an Köpfen, Kissen und Händen), Schneckenlinien-Untersuchungen sowie Proportions- und Perspektive-Studien befasst hat, veranschaulichte ich eindringlich in (1) 1989/1998, Fig. 33-35, 286, 559, 569, 616, 627, 634 und 635a. „Simmetria – „fergleichung …, das yst schön“, erkannte der Künstler-Forscher schon damals; Symmetrie deckt sich mit Dürers Begriff der „Vergleichung“ (3.3.2.).
Entscheidend war in LEONARDOs Kunstheorie schon der „Punkt“ (frz. Point „Punkt“). Die spätimpressionistische Stilrichtung „Pointillismus“ wurde 1886 von dem Kunstkritiker Fénéon geprägt. Im Zusammenhang mit Seurats „Sonntagnachmittag auf der Grande Jatte“. Durch Tupfern hat der Künstler-Forscher Seurat die impressionistischen Malweise evolutionär-wissenschaftlich (!) weiterentwickeln können; siehe Tripel Essay Belege von mir. (5)
Der methodische Inspirator der Bewegung Pointillismus Seurat machte sich die Licht- und Farbenanalysen der Naturwissenschaften zunutze: vor allem die Arbeiten von Maxwell, Helmholtz, Rood und Chevreul. Man gelangte im Pointillismus-Stil zur Erkenntnis, dass Farben als Punkte gesetzt einen selbständigen Ausdruckswert haben. Und: Dass „Kunst die Harmonie von Kontrasten“, also ein selbständiges Ordnungsgefüge,
sei. Unabhängig von der realen Motiv-Vorlage. Die Entwicklung des „autonomen Bildes“ konnte evoluieren: hin zum Futurismus und schließlich auch dem „Atomismus“ sowie Pixelismus/Dotismus der ars evolutoria. Evolution zu einer radikal neuen Formensprache, die (endlich) den Zeitgeist des Darwinschen Erbes widerspiegelt.
Seurat versuchte EVOLUTIONISIERUNG: wissenschaftliche Ästhetik
Georges SEURAT erhoffte sich eine „Synthese der Wissenschaft von den Schönen Künsten“ (David Sutter, Artikelfolge ab 1880 in „L’Art“). Sutters Kampf für die Vereinigung von Kunst und Wissenschaft unterstützte Seurat. Eine Wissenschaft von der Kunst müsse existieren, folgerte Seurat. Auf dem Weg zu einer Theorie der Malerei studierte er Roods „Wissenschaftliche Theorie der Farben“, worin er Experimente entdeckte – Maxwell-Scheiben, Doves Dichrooskop und Schistoskop -, die Rood vorstellte; er nutzte sie experimentell für das Auffinden von Gesetzen der Farbwahrnehmung. Ich betonte in Teil 3 der Artikelserie: Interessant sei, dass Rood (wie ich heute in (1)) Serien von Zweier und Dreifarbgruppen harmonischer Art herausstellte, diskutiert hat.
Dass für Seurats Chromo-Luminarismus-Theorie der Erfinder und Mathematiker Charles Henry so wichtig war, stellte
ich in Teil 3 heraus. Ich erläuterte, dass der Ansatz Henrys und Seurats in der Theorie der ars evolutoria (EST) experimentell und theoretisch weiterentwickelt worden ist. Zu betonen war, dass es ärgerlich sei, wenn die Macher der G.S.-Schau in Frankfurt & Zürich die neuesten (Er)Kentnisse zur Theorie der Malerei mutmaßlich nicht kennen, oder aber auch bewusst negieren. Das wissenschaftliche Terrain der Malerei ist durch Evolutionisierung erkenntnistheoretisch zu „beflügeln“ – im Sinne einer „wissenschaftlichen Ästhetik“ (Henry) – urteilte ich.
Eduard BEAUCAMPs Forderung für ein neues KUNST-Jahrzehnt - „EVOLUTION der Kunst“ zu einem „radikalen Neuanfang“ - ist zu unterstützen (6):
Beaucamp forderte für das neues KUNST-Jahrzehnt eine „EVOLUTION der Kunst“ zu einem „radikalen Neuanfang“: Die „Resteverwertung der Moderne“ müsse aufhören, wünschte sich Eduard BEAUCAMP in „KUNSTSTÜCKE“ (FAZ). Ein „Bruch“ müsse her. Naturwissenschaftler sprechen von Symmetrie-Brüchen, wenn evolutionär Neues entstehen soll. Der FAZ-Kunstkritiker verlangt eine „substantielle, individualistische und emanzipatorische Kunst“ und will Aufklärer, denkende Künstler, Begründer einer fundamentalen Ästhetik unterstützen. Gefordert wird von E.B. (fast missionarisch) ein „neuer Weltgeist“. Angesichts von globalem „Kommerz & Rummel“ und vermisster Kunst-Kennerschaft im Kunstbetrieb - eine ehrenhafte Absicht.
Der EVOLUTIONs-Weg zum ZIEL starte - nach Selbstbefreiung und Selbstauslöschung der entzauberten Kunst - mit Gewissensforschung & Kassensturz:
Folgen müssten eine Kunstszene-„Ethos“-Erneuerung sowie der REFORM-Wille mit Qualitäts-Denken und eine konstruktive Kunst-Erbe-Kritik. Die ästhetischen Energien des 20. JHs (der „heroischen Moderne“) seien heute verbraucht: einer „launischen“ Post-Moderne preisgegeben. Die „Metamorphose“ müsse sich über „experimentelle Phantasie“ zu einem „radikalen Neuanfang“ entwickeln. Durch „BRUCH“! Das geforderte „Einzigartige und Außerordentliche“ ist m. E. besonders über eine „l’art-pour-la science“ (eine evolutionisierende Erkenntniskunst) möglich.
Beaucamp diskutierte Themen wie Ermüdung der kämpferischen Moderne – neue Radikalisierungen, Sinngebungen, Entgrenzungen, Sublimierungen – zweite & dritte Moderne – ein Moderne-im-Kreis-Drehen - Diagnose Stillstand - Aufheben & Auflösung des Kunstbegriffs - Abschaffung der Kunst u. a. mehr.
Für eine objektive Künstler-Ästhetik warb ich in der EST-Anthologie: Evolutionäre Ästhetik forderte ich
in „Antithese zu modernistisch-postmodernistischem Kulturkonservatismus“. Ich stellte dar (auch später in einer Vorlesung an der Uni Tübingen; siehe Bilderstrecke), dass „in Antithese zur Pop Art beispielsweise“, das Gedankengebäude einer NEO-MODERNE – ULTRA-MODERNE, TRANS-MODERNE – wirklich ein neues Konzept darstelle. (1)
LITERATUR & Anmerkungen
(1) HAHN, Werner (1989): Symmetrie als Entwicklungsprinzip in Natur und Kunst. Königstein. Gladenbach: Art & Science, 1995. HAHN, Werner (1998): Symmetry as a developmental principle in nature and art. Singapore. (Übersetzung des Originalwerkes von 1989, ergänzt durch ein 13. Kapitel – mit erweitertem Sach- und Personenregister sowie Literatur- und Abbildungsverzeichnis.) HAHN, Werner / WEIBEL, Peter (Hrsg.) (1996): Evolutionäre Symmetrietheorie: Selbstorganisation und dynamische Systeme. Stuttgart. Anthologie mit Beiträgen von 19 Autoren; mit Essay von Werner Hahn: „Evolutionäre Symmetrietheorie und Universale Evolutionstheorie. Evolution durch Symmetrie und Asymmetrie“.
(2) HAHN, Werner (2009): Zum 30. Deutschen Kunsthistorikertag 2009: Kunstbetrieb, Markt & Kanon („Stil“) – EVOLUTIONISIERUNG der Kunstgeschichte? In: ZEIT Online v. 09.04.09. (
http://community.zeit.de/user/wernerhahn/beitrag/2...)
UND: "Kommentar zu Johannes Grave: Die Kunstgeschichte als Unruhestifter im Bilddiskurs. Zur Rolle der Fachgeschichte in Zeiten des Iconic Turn (Kunstgeschichte. Texte zur Diskussion 2009-6)" -
http://www.kunstgeschichte-ejournal.net/kommentare...
(3) HAHN, Werner (1992): DOCUMENTA IX – WILLKÜR STATT KUNSTFREIHEIT!?. Eine Streitschrift zur Demokratisierung staatlicher Kunstförderung. Bad Honnef. 1992. Zum gleichen Thema vgl. auch:
HAHN, Werner (1997): Documenta vor Gericht: Eine Initiative zur Reform des staatlichen Kunstbetriebs. Gladenbach 1997. (
http://swbplus.bsz-bw.de/bsz061667080inh.htm)
HAHN, Werner (2002): Fall Documenta: Kampf für Kunstfreiheitsgarantie und Willkürverbot. Gladenbach 2202.
HAHN, Werner (2007): Documenta Demokratisierung – Auf dem Weg zu einer Hessischen documenta Akademie mit d12-Kritik. Gladenbach 2007.
(4) HUFEN, Friedhelm (1997): Muß Kunst monokratisch sein? Der Fall documenta, in Neue Juristische Wochenschrift (NJW), Heft 17/1997
S. 1177-1179. Zugleich Besprechung von VG Kassel, Gerichtsbescheid v. 29.01.1996 – 3 E 1131/91: Leitsatz „Ein Künstler hat keinen Anspruch auf Schaffung eines bestimmten Vergabeverfahrens dahingehend, daß über den Zugang von Künstlern zur documenta in einem demokratischen und pluralistischen Auswahlsystem entschieden wird.”
Die JUSTIZ in Kassel weigerte sich, ein „demokratisches und pluralistisches Auswahlsystem“ zur veralteten, reformunfähigen documenta-Institution in Kassel bis heute durchzusetzen: Aus künstlerischer Perspektive ist aber eine DEMOKRATISIERUNG der Künstlerauswahl zu documenten zu erwirken (mit oder ohne Kuratoren-Modell): Für KünstlerInnen gilt es, eine heute oft institutionalisierte „Niedrig“-Kunst – eine staatlich geförderte (absurde oder banale, „arme“) Anti-Kunst, Nullform-Kunst (siehe Ferran Adrià: Kochen/Essen-NICHT„Kunst“-Beispiel) – endlich zu entmachten. Eine zulässige Kunstpolitik ist durchzusetzen! Der Vorschlag, geeignete sachkundige Mitglieder der Findungskommission sollten der zukünftigen d13-Chefin als Berater zur Verfügung stehen, wurde nicht akzeptiert; siehe im WEB – BAKARGIEViade zur d13!
(5) Tripel-Essay in der „Gießener Zeitung“ – reich bebildert:
Teil 1:
http://www.giessener-zeitung.de/giessen/beitrag/26872/synthese-von-kunst-and-wissenschaft-georges-seurats-pointillismus-und-der-atomismus-der-ars-evolutoria-teil-1/
Teil 2:
http://www.giessener-zeitung.de/giessen/beitrag/27066/seurats-dynamogener-punktismus-in-frankfurt-umfassende-retrospektive-mit-kleinodien-2-teil/
Teil 3:
http://www.giessener-zeitung.de/giessen/beitrag/27216/spektakulaer-erfinder-seurat-brilliert-punktgenau-mit-pixelismus-dotismus-in-frankfurt-teil-3/
(6) HAHN, Werner (29.01.10 in DIE ZEIT):
http://community.zeit.de/user/wernerhahn/beitrag/2010/01/29/kultureller-symmetriebruch-kunst-gefordert-eduard-beaucamp-faz