Gießen | Dokumentationen sind fein, denn an ihnen sieht man oftmals wie man von Medien getäuscht werden soll. Manchmal muss man genau recherchieren, manchmal ist es bloß Schlampigkeit, die einem verdeutlicht, woran man alles glauben könnte, wenn man nicht aufpasst.
Ein Beispiel von vielen: Gerade lief auf Phoenix eine Dokumentation, welche belegen sollte, dass der Mythos der Schlacht am Little Big Horn ohne historischen Bestand sei. Dabei werden bunte Bilder und pseudowissenschaftliche Einblicke gemischt mit ein wenig Waffenkunde. Man mag meinen, dass man als “normaler Wohnzimmerbürger” in diesen Gebieten nicht die Wahrheit von dem unterscheiden kann, was man als Wahrheit verkauft bekommen soll. Man meint dies wohl mit Recht, will mir scheinen.
Wenn aber der Sprecher anführt, dass die US-Armee mit veralteten Waffen antrat bevor ein Satz des amerikanisch sprechenden Waffenkundlers übersetzt wird “ein Soldat konnte etwa sechs Schuss pro Minute abfeuern – die Indianer brauchten hierfür 20 Sekunden” und dann der Sprecher fortfährt, dass die Indianer in dieser Schlacht folglich deutlich schneller schießen konnten, dann wird auch dem “normalen Wohnzimmerbürger” klar, dass hier etwas nicht stimmt.
Eine Minute – das weiss auch ein “normaler” Mensch – teilt sich auf in 60 Sekunden. Sechs Schuss pro Minute bedeuten also alle 10 Sekunden ein Schuss. Damit haben wir es mit der gleichen Zeiteinheit zu schaffen und stellen fest, dass die Indianer nicht deutlich schneller schießen, wenn sie alle 20 Sekunden einen Schuss abfeuern können, während die US-Soldaten alle 10 Sekunden einen Schuss abfeuern können, sondern dass die Soldaten mit ihren Gewehren doppelt so schnell schießen können.
Schön dass solche Sendungen mitunter so schlampig gemacht sind, dass man eine ungefähre Vorstellung hat, woraus man sich tagtäglich seine Meinungen und sein Weltbild zu begründen sucht. Denn in Nachrichtensendungen beispielsweise sind Übersetzungen meist ein zusammenhängender Text, bei dem der Übersetzer gewöhnlich über den Originaltext spricht – keine Chance für den Zuschauer den Originaltext mit der Übersetzug zu vergleichen – geschweige denn den Wahrheitsgehalt von Übersetzung und Originaltext zu prüfen. Aber grundsätzlich arbeiten Bildmedien ja gerne mit ständig wechselnden Bildern und Sprechern, auf die man sich einstellen muss und die vom eigentlichen Inhalt ablenken.
Selbstverständlich ist die Frage grundsätzlich bei jeder Meldung angesagt, was man von wem aus welchem Grund mitgeteilt bekommt und welches Interesse dahinter steht. Gerade dort wo es um aktuelle Interessen geht und nicht bloß historische Ereignisse möglichst reisserisch dargestellt werden sollen. Die Frage ist jedoch wie man auch bloß den Hauch einer gesicherten Wahrheit erlangen kann, wenn es um Geschehnisse geht, die nicht im tatsächlich erlebten geschehen, sondern anderswo auf der Welt. Der einzige Weg scheint der zu sein, dass man das Fernsehgerät auslässt damit man nicht belogen wird. Aber vorsicht vor dem voreiligen Schluss: Dann bildet sich ein Anderer aufgrund von Unwahrheiten ein Weltbild. Und sobald dieser mit uns spricht besteht die Gefahr dass wir uns eine Unwahrheit “über die Hintertür” doch wieder aneignen. Womit als einzige Weisheit bleibt, genau hinzusehen und uns immer zu fragen wer uns was aus welchem Grund erzählt und natürlich wer ihn finanziert und für wie wissend wir ihn halten. Aber auch uns unser Unwissen einzugestehen - auch falls dies schlecht für unser Selbstbewusstsein sein sollte. Besser als an Unwahrheiten zu glauben und den Menschen mit denen wir uns unterhalten Unwahrheiten zu erzählen.
Es ist schon interessant - wenn man den Gedanken mal weiter denkt - wie sehr wir uns tagtäglich unbewusst zum Propagandaträger machen für Menschen und Interessen die wir nicht einmal kennen. Eigentlich müssten wir nahezu jeden Satz mit der Erklärung versehen, dass es sich hierbei um Glauben und Weltbild handelt - nicht aber um gesichertes Wissen.
Eine gute Aufführung. Ein Beispiel was ich hier anbringen kann ist folgendes. Ich habe mal einen Beitrag bei "Extra" (RTL) gesehen, indem erklärt wurde das mitunter täglich mehrere Flugzeuge am Frankfurter Flughafen starten und landen, ohne das die Bordbesatzung nur einen Brocken englisch verstehen würde (meist Piloten aus dem ehemaligen Ostblock oder Fernost) und faktisch nicht mit dem Tower kommunizieren kann.
Bei einer Führung durch die Deutsche Flugsicherung erzählte uns der Pressesprecher, wie diese "Reporter" mit dem Personal der DFS umgegangen sind, um auf jeden Fall den Teil aus ihnen herausquetschen zu können, die für ihre Sendung von Bedeutung ist. Nachdem der Pressesprecher dazwischen gegangen ist mit den Worten, das die oben aufgeführte Behauptung schlicht und einfach falsch sei, und das darüber auch nicht diskutiert werden muss, sind die Damen und Herren abgezogen. Inhalt der Story war aber der gleiche, wie er gesendet wurde.
Ergo: will eine Reißsendung über irgendwas berichten, ob falsch oder total falsch, sie machen es, egal ob es der Wahrheit entspricht oder nicht.
Dies alles wissend, verschlingt der informationshungrige Bürger täglich Berge von BILD- und anderen Zeitungen, lässt sich mit tendenziösen Sendungen im Fernsehen veräppeln, obwohl er mit ein wenig Mühe und dem Nachschlagen bei seriösen Agenturen der Wahrheit deutlich näher käme. Selber schuld, sage ich da mal. Jeder Bürger, der den roten Knopf zum Abschalten nicht findet, ist für sein verbogenes Weltbild selbst verantwortlich. Und für die Quote, die es dem Revolverjournalismus erlaubt, fröhlich weiter vor sich hin zu wuchern.
Sie schreiben: "Dies alles wissend, verschlingt der informationshungrige Bürger täglich Berge von BILD- und anderen Zeitungen, lässt sich mit tendenziösen Sendungen im Fernsehen veräppeln (...)".
Da bin ich mir nicht so sicher. Denn der Ausspruch "das steht schwarz auf weiß in der Zeitung" kommt ja nicht von ungefähr. Sicherlich sollte man seinen Mitmenschen nicht grundsätzlich Dummheit oder Unwissenheit unterstellen. Dennoch gehe ich davon aus, dass die meisten Menschen eben nicht solche Medien konsumieren, weil sie sich denken, dass sie sich mal gerne manipulieren lassen wollen, oder dass sie gerne mal für ihre propagandistische Berieselung Geld bezahlen wollen. Ich nehme eher an, dass sie Medien erstmal grundsätzlich Seriösität, Fachkenntnis und journalistische Ehre unterstellen.
Andernfalls wäre sicherlich auch mein Textbeitrag nicht zu begreifen, wenn ich daran glauben würde, dass das einerseits bereits jedem Menschen bewusst sei und andererseits ein wissendes Wollen vorliegt.
Jedem Menschen der an das glaubt was in Zeitungen steht, mag ich anraten einmal die Junge Welt zu lesen, einmal die Junge Freiheit (um mal zwei recht gegensätzliche Zeitungen zu nennen) zu lesen und dann über den Unterschied dieser "Wahrheiten" nachzudenken, und inwiefern man seine Weltsicht an dem festmachen sollte, was man in Medien erfährt.
Ihren Ausspruch "selbst Schuld" interpretiere ich dahingehend, dass Sie davon ausgehen, dass die Leute wissen was sie tun und was sie mit sich tun lassen?
Lieber Herr Lux, ja, ich glaube, dass die meisten Leute wissen, was sie tun. Es ist ja auch viel einfacher, sich die vielen bunten Bilder aus der Regenbogenpresse anzuschauen, ohne viel nachdenken zu müssen. Hintergrundinformationen z.B. in der ZEIT durchzuarbeiten, kostet eben ein wenig mehr Mühe. Sich ein Feature im Deutschlandfunk anzuhören, ist immerhin mit dem Aufwand verbunden, sich für eine dreiviertel Stunde vor das Radio zu setzen. Dass sich eine breite Schicht der Deutschen diese Mühe nicht mehr macht, scheint wiederum eine breite Schichte der Medienmacher zum Anlass zu nehmen, ihr Handwerk zu vernachlässigen. Wer nicht mehr der Wahrheit verpflichtet ist, sondern nur noch der Quote, macht sich der Volksverdummung schuldig. Andererseits ist der "mündige Bürger" nicht verpflichtet, das zu konsumieren.
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
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