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Wozu Horror?

Gießen | Juchu, gewonnen! Ich kann mein Glück kaum fassen, dass ich schon wieder den ersten Preis gewonnen habe. Genau betrachtet sind es viele tausend Menschen, die auch heute wieder am Abenteuer Bahn teilnehmen dürfen. Aber wozu detailliert nachdenken, wenn man doch sein Glück einfach genießen kann.

Ich versuche meinen Kopf ein wenig zu drehen. Die fünf Personen, die sich mit mir diesen einen Stehplatz teilen, wirken nicht glücklich. Manchen kann man es eben gar nicht Recht machen. Anscheinend wissen sie nicht, dass sie hier die sauberste Luft des Landes atmen. Vielleicht die sauberste Luft der Welt. Was von mindestens zwanzig Lungenflügeln bereits vorgefiltert wurde, kann keine Schadstoffe mehr beinhalten. Und auch sonst nichts mehr.

Ich frage meinen Nebenmann, ob er sich bitte bemühen kann, seine Haare aus meiner Nase herauszuhalten. Dieser scheint jedoch mit dem falschen Bein aufgestanden zu sein. Er brummelt bloß immer von ausgefallenen Zügen, von mehreren Stunden Verspätung und von Unverschämtheit. Insgesamt macht er eher einen missgestimmten Eindruck auf mich.

Bedauerlich, dass der stämmige junge Bursche,
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der mir vorhin noch auf dem Fuß stand, kurz vor Fahrtbeginn wieder ausgestiegen ist. Vielleicht wäre er ein besserer Gesprächspartner gewesen. Zumindest schien er nicht gerade schüchtern oder wortkarg. Das darf jetzt gerade der Mensch im Reisezentrum der Bahn feststellen, mit dem er besprechen will, ob dieser befugt ist, ihm den Fahrpreis zurückzugeben. Vielleicht bespricht er mit ihm auch schon, wie angekündigt, ob ein paar Fausthiebe unter Umständen die erforderlichen Befugnisse befördern können.

In Gedanken beglückwünsche ich die Bahn zu der klugen Feststellung der Tatsache, dass man unnötige Heizkosten sparen kann, wenn man bloß ein Drittel der eigentlich benötigten Eisenbahnwagen an den Zug anhängt. Die Wärme der aneinander reibenden Körper ist sicherlich auch viel gesünder als diese trockene Heizungsluft.

Sicherlich haben diese schlauen Planer auch sofort erkannt, was das für zwischenmenschliche Beziehungen bedeuten kann. Diese kommen in unserer entfremdeten Gesellschaft oft zu kurz. Die vielen hundert Menschen, die hier auf engstem Raum ihre Körper innig aneinander reiben, haben sich heute morgen überhaupt noch nicht gekannt. Und jetzt lernen sie sich gleich richtig kennen. Diese soziale Komponente ist wahrlich unbezahlbar.

Ich komme aus meiner Ohnmacht zu mir, weil der Nebenmann das Gleichgewicht verliert und mir in die Kniekehlen sackt. Bahnhof. Die Türen öffnen sich, ein Schwall ungefilterter Luft strömt ins Innere. Ein Mann drängt sich gewaltsam in den Wagen. Der Typ des unfreundlichen Ein-Euro-Zwangsarbeiters. Vielleicht auch einer dieser gänzlich unbezahlten Praktikanten. Sicherlich kann man seinen Frust auch an geeigneter Stelle kommunizieren. Aber Recht hat er: Wozu sich unnötig verstellen. Und wozu guten Willen zeigen, wenn man ohnehin nicht dauerhaft eingestellt wird. Die Fahrkarten mag er gerne sehen, sagt er. Oh, falsche Einschätzung: Das also ist der Zugbegleiter. Ich erblasse vor Ehrfurcht, dass sich ein echter Bahnmitarbeiter zum einfachen Volk in den Eisenbahnwagon begibt. Die Umstehenden versuchen an ihre Taschen heranzukommen. Schwierig: Fast unmöglich.

Draußen sind Menschen darum bemüht, die mittlerweile geschlossene Zugtür durch Knopfdruck zu öffnen. Nach einigen Minuten werden sie von dieser stupiden Tätigkeit erlöst. Der Zug fährt langsam an, ich winke ihnen freundlich zu. Doch die Menschen auf dem Bahnsteig sehen nicht glücklich aus. Offenbar hätten sie gerne noch einige duzend Male auf den Knopf gedrückt. Bloß gut, dass sich die Tür auch über Minuten hinweg nicht öffnete: Die Leute sahen echt wütend, ja gewaltbereit aus.

Leider hat es nicht bloß Vorteile an dieser Fahrt teilnehmen zu dürfen. Als der Zug nach Verlassen des Bahnhofs beschleunigt, entleert sich die einzige im Zug befindliche Toilette. Die übel riechende Brühe, die unter der Toilettentür hervortritt und sich im Großraumabteil des Wagons verteilt, ist ein Service der Bahn, den ich als unnötig erachte. Allerdings lässt die Konsistenz besagter Brühe den Schluss zu, dass es ohnehin nötig war, die Toilette wieder einmal auszuleeren. Praktisch diese Bahnplaner, denke ich beeindruckt. So erfreue ich mich, dass ich mit meinen Reisegefährten in engem Körperkontakt und inmitten dieser stinkenden Brühe stehen darf. Welch ungewöhnliche Erlebnisse man sich doch für relativ wenig Geld erkaufen kann.

Freilich ahnte ich das volle Ausmaß des Abenteuers nicht, als ich mit meiner frisch erworbenen Fahrkarte auf den völlig überfüllten Bahnsteig trat. Ich ließ mich von den Nachdrängenden durch die bereits wartenden Menschenmassen treiben. Die rudernden Arme der Menschen, die versuchten, nicht von der Bahnsteigkante geschubst zu werden, unterhielten mich. Ersten körperlichen Kontakten zwischen den Bahnreisenden stand nichts im Wege. Im Gegenteil.

Als der Zug in den Bahnhof einfuhr, war mir nicht klar, wie derart viele Menschen in einen derart kleinen kurzen Zug hineinpassen sollten. Die Türen öffneten sich und einige Reisende versuchten verzweifelt ins Freie zu gelangen. Der Bahnhofslautsprecher brüllte los, der Aufenthalt auf den Gleisen sei untersagt. Anscheinend hatten einige Menschen das Gleichgewicht an der Bahnsteigkante nicht mehr halten können. Und solche Leute wollten Bahn fahren: Menschen ohne ausreichenden Gleichgewichtssinn.

Weiter hinten im Zug sah ich Menschen wütend gegen eine Tür hämmern. Sahen sie nicht die gelben Zettel. Wenn man links nicht aussteigen kann, weil die Türe defekt ist und rechts nicht aussteigen darf, weil dort das nächste Gleis ist, muss man eben einen oder mehrere Bahnhöfe später sein Glück versuchen. Menschen gibt es. Wer heutzutage alles mit der Bahn reisen darf.

Ich komme wieder zu Bewusstsein, als der Zug am nächsten Bahnhof ruckend anfährt. Zwei Mitreisende unterhalten sich über einen Menschen, der anscheinend heute nicht das exklusive Bahnerlebnis mit ihnen teilen darf. Einer der Sprecher befindet offenbar, dass die anscheinend stattgefundene Bildung des Menschen, über den sie sprechen, überflüssig sei. Er beruft sich auf tausende Euro, die man dem betreffenden Menschen in den Hintern geschoben habe. Dazu steigt der zum Thema passende Fäkalgeruch die Beine herauf. Gott: Nimm mir meine Vorstellungskraft.

Ich versuche mich auf etwas anderes zu konzentrieren. Die harmlos anmutende Dame, die ich unter der Achselhöhle meines Gegenübers hindurch sehen kann, entpuppt sich nicht bloß als Kennerin und Trägerin mannigfaltiger Parfümdüfte, sie stellt sich auch als lebende Enzyklopädie ekelhafter Krankheiten und schmerzhafter Eingriffe heraus. Beeindruckend.

Bald schon darf ich vor meinem geistigen Auge ein Spritzen und Kleckern bewundern. Dort stellt sich mir ein Gemisch aus Eiter, Urin, Erbrochenem, Kot und Blut dar. Bilder wie man sie mittlerweile von fast jedem Fernsehkanal kennt. Ein munteres Schneiden und Stechen in Körper. Horrorfilme waren gestern, waren für Weicheier. Wozu sich Fiktionen betrachten, wenn man real sehen kann, wie Menschen aufgeschnitten werden und ihnen etwas in den Leib gerammt wird. Wozu sich Gedanken über Jugendfreigaben von Horrorfilmen machen, wenn es doch Arztserien gibt. Hier wird keine Szene zensiert. Hier gibt es sie in Großaufnahme. Früher haben sich die Leute noch Gedanken darüber gemacht, ob solche Bilder Kindern und Jugendlichen schaden zufügen könnten. Welch mittelalterlich anmutende Gedanken. Dann könnte man ja gleich die Frage nach Altersfreigaben für Nachrichtensendungen stellen.

Ich werde aus meinen unsachgemäßen Überlegungen gerissen, als sich ein Fahrgast mit Fahrrad gewaltsam ins Innere des Wagens zu drängen versucht. Er brummt und schimpft, dass dies das Fahrradabteil sei. Man solle ihn endlich herein lassen. Eine Mutter schimpft zurück, weil die Pedale seines Rennrades bei dem Versuch einzusteigen ein Stück der Hose ihres Kindes abgerissen hat. Durch das Reissloch in der Hose sieht man das Bein des Kindes, das sich langsam rot einzufärben beginnt. Das Schimpfen der Fahrgäste steigert sich allmählich. Die Stimmen werden lauter und schriller. Sie klingen fast wie...

Laut und schrill beendet der Wecker meinen Schlaf. Ich schalte ihn ab, reibe mir die Augen, quäle mich mühsam aus dem Bett und schlurfe zur Kaffeemaschine. Ein neuer Tag. Nach dem Befüllen und Einschalten der Kaffeemaschine verlasse ich die Küche, um zu Duschen. Bald schon plätschert das Wasser auf mich herab. Schon fühle ich mich lebendiger. Ich nehme mir vor, mich heute nicht zu ärgern. Ich will versuchen dem Alltag etwas positives abzugewinnen.

Juchu, gewonnen! Ich kann mein Glück kaum fassen, dass ich schon wieder den ersten Preis gewonnen habe. Genau betrachtet sind es viele tausend Menschen, die auch heute wieder am Abenteuer Bahn teilnehmen dürfen. Aber wozu detailliert nachdenken, wenn man doch sein Glück einfach genießen kann...

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Kommentare zum Beitrag

Simone Linne
4.025
Simone Linne aus Gießen schrieb am 21.01.2010 um 10:27 Uhr
muharhar, ein wunderbarer Text! Ich bin früher regelmäßig Zug gefahren. Zu den schönsten Erinnerungen gehört eine Reise an Ostermontag. Mein Freund hat mich mit "Gewalt" in den Zug gedrückt und gequetscht und ich musste idealerweise den Kopf zur Seite drehen, um mit nicht direkt vor der Scheibe klebend die Nase zu brechen ... Einmal hab ich nach einer Messe auch mal von Nürnberg bis Gießen gestanden. Das hat mich arg gefreut, nachdem ich schon 3 Tage während der Messe mir die Füße in den Bauch gestanden hatte, da war ich wenigstens schon geübt. :-))
Mathias Engelhart
3.184
Mathias Engelhart aus Gießen schrieb am 21.01.2010 um 14:28 Uhr
Tag: 15.01.10
Fahrt: ICE 984 bzw. 584 (das wusste an diesem Tag keiner so genau) von Hannover nach Hamburg
Umleitung ab Hannover über Rotenburg an der Wümme (ja, das gibts)
Grund: Oberleitungsschaden in Lüneburg
Sonderausstattung: Nur ein Zugteil, keine Bahnhofsfaltblätter, Signalstörung, verdichteter Zuglauf.
Ankunft: 0:30 in Husum

Ansonsten ein sehr schöner Text. Sehr persönlich :)
Thorsten Lux
260
Thorsten Lux aus Gießen schrieb am 23.01.2010 um 12:53 Uhr
Sehr geehrte Frau Linne, sehr geehrter Herr Engelhart,

das adelt natürlich einen Text, wenn der Leser ihn nicht bloß für realistisch geschildert hält, sondern ihn gar mit eigenen Erlebnissen in Verbindung bringen kann.

Und selbstverständlich hat das lyrische Ich auch in diesem Text sehr viel mit dem Textschreiber zu tun.

Und natürlich ging es mir auch darum den halbohnmächtigen Zustand des Protagonisten zu verdeutlichen, der sich krampfhaft versucht seine Reiseerlebnisse schönzureden, der zur Untätigkeit verdammt auf engstem Raum zusammengepfercht dasteht und versucht dem alltäglichen Wahnsinn zu begegnen, aber zeitgleich auch versucht ihm zu entfliehen.

Gleichzeitig reagiert der Erzähler natürlich auf seine Umwelt, indem er - zu körperlicher Untätigkeit gezwungen - der Phantasie freien Lauf lässt; sich beispielsweise mit einer gewissen Sypathie mit dem Menschen indentifiziert, der in der Vorstellung bereits einem Bahnbediensteten im Reisezentrum "ein paar auf die Nase gibt". Andererseits ist er selbst nicht ins Reisezentrum gegangen um es gleich zu tun. Offen bleibt dabei sicherlich die Frage, ob er dies nicht tat, weil er sich irgendwie der Masse verpflichtet fühlte, sich terminlich gefangen fühlte, oder ob ihm bewusst wurde, dass er im Reisezentrum auch bloß auf einen Menschen treffen würde, der - gefangen im Korsett seiner Anweisungen und Vorschriften - auch nichts aktiv entscheiden kann, sondern letztlich auch bloß versucht ohne größere Schäden seinen Alltag zu bewältigen.
Mathias Engelhart
3.184
Mathias Engelhart aus Gießen schrieb am 23.01.2010 um 13:04 Uhr
Jedenfalls schön zu sehen, dass man sich so viele Gedanken für eine Kurzgeschichte macht. Ich musste gerade an das "reale" "Ohnmächtig sein" im Zug des Protagonisten Denken, könnt gut eine Phase sein, in der der Traum Pause macht und der Kopf dann irgendwann wieder ins Geschehen zurück kommt. Zumindest habe ich das Gefühl, dass mir das manchmal beim Schlafen passiert.
Hallo Lieber Leser
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von:  Thorsten Lux

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Thorsten Lux
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