Gießen | Und hier die aktuelle Wettervorhersage:„Tagsüber sonnig und heiter bei 27°“. Wer jetzt irritiert einen Blick aus dem Fenster auf graues Schmuddelwetter wirft, der war am Sonntagabend offensichtlich nicht dabei, als kubanische Großväter mit ihrer Bühnentruppe im Audimax der Gießener Universität ihrem Publikum einheizten. Die trübe Realität blieb für fast drei Stunden außen vor, das Publikum ließ sich in die Karibik entführen und gab sich den heißen Rhythmen hin. „The Bar at Buena Vista“, so lautet der Titel der Revue, die vom schottischen Regisseur Toby Gough ins Leben gerufen wurde. Spätestens seit der erfolgreichen CD-Produktion des Gitarristen Ry Cooder und der gleichnamigen Film-Dokumentation „Buena Vista Social Club“ von Wim Wenders scheinen hochbetagte Herren mit dicken Zigarren und goldberingten Fingern ein Erfolgsgarant im Showgeschäft zu sein. Inszeniert wird die Mischung aus Musical und Konzert in der rauchigen Atmosphäre einer typischen Havanna-Bar. Hier wird noch gequalmt was das Zeug hält, der Rum fließt in Strömen und die Frauen bewegen sich lasziv durchs Bühnenbild. Der Conférencier erhebt sich hin
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The Bar at Buena Vista (1)
und wieder von seinem Barhocker und führt das Publikum mit viel Pathos durch Havannas Musikszene der 50er und 60er Jahre. Dabei scheint der Begriff legendär ein Markenzeichen zu sein, wird er doch geradezu inflationär bemüht. So ist denn selbst die Entstehung dieser Show bereits eine Legende. Demnach traf der Regisseur Toby Gough bei einem seiner Kuba-Aufenthalte zufällig den Barkeeper Lucas, der im „legendären“ Social Club von Buena Vista, einem Stadtteil von Havanna, seine Drinks mixte. Nach einigen Cocktails sei die Idee entstanden, mit der ganzen Bar auf Tour zu gehen. Nicht ganz glaubwürdig, da Toby Gough ansonsten recht wenig dem Zufall überlässt und mit seinen Shows „Lady Salsa“, „Born to Samba“ oder „Havana Rumba“ vor allem auch beweist, dass er Trends aufspüren kann und etwas vom Geschäft versteht. Seine Absicht, die ungezwungene und lebhafte Atmosphäre der kubanischen „descarga“, einer spontanen Jam-Session, auf die Bühne zu bringen, ist denn auch nicht so recht gelungen. Spontanität verlangt Freiraum und den gibt es nicht in dieser minutiös durchinszenierten und oft allzu routinierten Bühnenshow.
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Siomara Avilla Valdes Lescay mit Barkeeper
sind auf große Banner gedruckt und begleiten als Teil der Bühnendekoration ihre Nachfolger. Da ist zum einen der 1918 geborene Reynaldo Creagh. Ein zarter alter Herr, der als Leadsänger immer noch über ein erstaunliches Stimmvolumen verfügt. Teil der Show ist die Koketterie mit dem Alter und so wird er von einer jungen, sehr sexy wirkenden Tänzerin auf die Bühne geführt. Gegen Ende der Vorstellung zeigt er es noch einmal allen und wirft demonstrativ seinen Gehstock von sich. Mit erotischem Hüftkreisen innerhalb einer kleinen Tanzeinlage versetzt er die Zuschauer in Begeisterung. Sex im Alter ist möglich – die Botschaft kommt beim stramm aufs Rentenalter zugehenden Publikum im 55plus-Bereich gut an.
Der Pianist Rubalcaba nimmt zunächst mit dem Titel „Volare“ Kontakt zu seinen Gästen auf. Er spielt den Titel kurz an und fordert dann alle zum Mitsingen auf. Eine gelungene Einführung. Gibt es doch von diesem Song fast so viele verschiedene Interpretationen wie Zuhörer und wer nicht ganz textsicher ist, der bedient sich kurzerhand der Fußball-Variante „Finale oho“. Dass Rubalcaba darüber hinaus als souveräner Bar-Pianist auch vor komplexeren Stücken nicht zurückschreckt, bewies er mit Bravour im weiteren Verlauf des Abends. Emotional
The Bar at Buena Vista
überzeugte noch am ehesten die Grande-Dame der Show, Siomara Avilla Valdes Lescay. Ihr gelang es, die Seele der Musik zu vermitteln und sie schien als einzige durchgängig Spaß an ihren Auftritten zu haben, während ein Teil des Ensembles eher einem Job nachzugehen schien.
Trotz der wirklich guten Begleitband, den hervorragenden Tänzern – die mit teils akrobatischen Einlagen über die Bühne wirbelten – und der manchmal in bestem Sinne schmalzigen bis sehr rhythmischen Musik, klebten die Zuschauer auf ihren Sitzen. Erst gegen Ende der Vorstellung und nach Aufforderung von der Bühne ließen auch die Damen und Herren im Publikum die Hüften kreisen. Wohlgemerkt, erst nach Aufforderung. Dies könnte als Indiz gewertet werden, dass die Vorstellung zwar heiß und wild daherkam, aber in der Darbietung die Herzen nicht berührte. Schade.
"Dies könnte als Indiz gewertet werden, dass die Vorstellung zwar heiß und wild daherkam, aber in der Darbietung die Herzen nicht berührte. Schade"
Das kommt mir irgendwie bekannt vor. Auch bei der Show "La pasion de Buena Vista" ist der Funke erst sehr spät übergesprungen. Das Konzept der Shows ist ähnlich. Ich glaube, dass die Gesellschaft auf diese Art von Darbietung einfach nicht eingestellt ist.
Könnte auch in die Kategorie "Was der Bauer nicht kennt..." fallen. Denn mal ehrlich: In Gießen gibt es ein Riesenangebot für Musikinteressierte junge Leute. Jemanden zu motivieren, mal drei bis vier Euro für den Eintritt zu einem Konzert zu bezahlen, ist aber immer schwierig. Dabei gibt es immer so viel Neues und Ungewöhnliches zu entdecken.
Das stimmt. Ich selbst wusste auch nicht, was mich erwartet. Kein richtiges Konzert, aber auch kein Musical mit einer Story.. In Wetzlar hat so ein bißchen der rote Faden gefehlt. Und da sind dann die "Bauern" im sehr skeptisch :-).
Die Musiker waren nicht "gut" sondern hervorragend einige herausragend und die Trompete war Weltklasse!
Rubalcaba ist kein "Bar-Pianist" (Frechheit) sondern ein hervorragender Pianist und das hat er "souverän" unter Beweis gestellt.
Und ja, Siomara Avilla Valdes Lescay war die herausragende Persönlichkeit an diesem Abend. Aber, das bedeutet nicht, dass alle anderen Akteure deshalb müde und lustlos agiert hätten, sondern spricht lediglich für die unglaubliche Bühnenpräsens dieser Frau.
Und zu guter Letzt:
Es ist zwar richtig, dass erst gegen Ende der Vorstellung und nach Aufforderung von der Bühne das Publikum aufstand um zu tanzen.
Aber mal ehrlich das hatte doch nichts mit der Show zu tun. Wer steht denn schon in einem Konzert mit nummerierten Sitzplätzen spontan auf um zu tanzen und verärgert damit alle die hinter ihm/ihr sitzen.
Schon den ganzen Abend über hatte das Publikum (im sitzen) geswingt und nach der Aufforderung aufzustehen ist keiner/keine sitzengeblieben, sondern alle haben dieses Angebot freudig angenommen - wie schon zuvor bei Mitklatschen und Mitsingen.
Fazit: Der Artikel vermittelt den Eindruck eines etwas bemühten, lustlosen und durchgestylten Abends und geht damit volle Kante am Ziel vorbei.
Das ist - mit Verlaub - ein Verriss!!!
Von einem der erst Anfang 40 ist und der auch beim Anblick des restlichen Publikums nicht den Eindruck hatte auf einer "hüftkreisenden Rentnerversammlung" (so eine Frechheit) zu sein.
Lieber Herr Kriebs,
es hat auch keiner gesagt, dass das mit der Show zu tun hatte. Sondern, dass das wohl nicht wirklich in den Herzen der Zuschauer angekommen ist. Man kennt das doch: Die Leute bleiben meist träge auf so Veranstaltungen, selbst wenn diese bombig sind. Darauf bezog sich diese Äußerung. Zugegebenermaßen ist das Audimax auf Grund der fest verschrubten Sitze nicht gerade zum Abtanzen geeignet.
Bar-Pianist ist im Übrigen keinesfalls negativ behaftet - zumindest nicht in bezug auf die kubanischen Bars.
Einen Verriss kann ich bei aller Liebe aber in diesem Text nicht erkennen und ich habe selbst schon genügend geschrieben. Schauen Sie mal beim text von Heißmann und Rassaus Witwenalarm unter: http://www.giessener-zeitung.de/giessen/beitrag/25762. DAS ist ein Verriss ;-)
Über die Aussage über das Rentenalter kann man sicher streiten. Das kann ich mir selber nicht wirklich vorstellen.
Liebe Frau Glinke,
genau das sagt der Autor dieses Artikels:
"Seine Absicht, die ungezwungene und lebhafte Atmosphäre der kubanischen „descarga“, einer spontanen Jam-Session, auf die Bühne zu bringen, ist denn auch nicht so recht gelungen. Spontanität verlangt Freiraum und den gibt es nicht in dieser minutiös durchinszenierten und oft allzu routinierten Bühnenshow."
Und (!) das Publikum war eben nicht "träge", wie Sie meinen und wie es im Artikel zwischen den Zeilen immer wieder durchkommt, sondern im Gegenteil sehr gut drauf (als kleiner Beweis mag der, gegen Ende der Pause bereits ausverkaufte, Cuba Libre dienen ;-))).
Und "Bar-Pianist" ist dann negativ behaftet, wenn man ihm großmütig zugute hält "auch vor komplexeren Stücken nicht zurückzuschrecken" (na der traut sich ja was!).
Und wenn der Autor dieses Artikels schreibt: "Emotional überzeugte noch am ehesten die Grande-Dame ... " dann bedeutet das eben, dass es ihr gerade so gelungen ist zu überzeugen und der Rest der Truppe eher traurige Gestalten waren die Ihren Job runtergrissen haben.
Und das ist, ich bleibe dabei -egal was andere zu anderen Veranstaltungen schreiben von denen ich keinen eingenen Eindruck habe - ein Verriss!!!
Kultur ist bekanntlich Geschmackssache, und Kritik ist erlaubt. Sie dürfen mir glauben, je mehr man sich anschaut an solchen Shows, desto höher wird die Messlatte - und man schreibt kritischer. Wenn man alles immer nur lobhudelt, verliert man auch seine Glaubwürdigkeit. Denn so perfekt sind die meisten Veranstaltungen ja nicht. Als Rezensent geht man immer mit der höchstmöglichen Erwartung an eine Veranstaltung ran, was auch dazu führen kann, dass man gezielt nach Schwachstellen sucht. Ich bleibe dabei: Ein wahrlicher Verriss sieht anders aus - und der Bericht geht absolut ok. Sonst hätten wir ihn nicht freigeschaltet. Und außerdem (mir einem Augenzwinkern): Ich hoffe, dass sich die Stimmung bei Kulturveranstaltungen generell nicht am Cuba-Libre-Pegel der Besucher messen lässt ;-)
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