Gießen | Sie finden es nicht gerade anständig, dass ich immer am Fenster von Elli und Ulli hocke und die beiden belausche? Es steht Ihnen frei, über mich zu denken, was Sie wollen. Ich bin ein Frosch und deshalb sozial und vor allem bildungsmäßig benachteiligt. Das allein berechtigt schon zu gewissen Absonderlichkeiten, die ich mir ja nur von den Menschen abgeguckt habe. Außerdem: Wenn ich Ihnen nichts von den beiden berichten würde, gäbe es in der Gießener Zeitung bald überhaupt nichts mehr zu lachen. Das ist übrigens die Nr. 10 von meinen Berichten aus der weiten Welt. Da kann sich die Redaktion schon mal was einfallen lassen, wie sie dieses Jubiläum angemessen begehen möchte. Sofern Ihnen jetzt die Zusammenhänge fehlen sollten: Lesen Sie doch auch die anderen neun Froschgeflüster, die ohne den großen Lauschangriff meinerseits nie zustande gekommen wären.
Was die Humorlosigkeit der deutschen Zeitungslandschaft betrifft, müssen Sie ja mit mir nicht unbedingt einer Meinung sein. Aber allein schon die Meldungen in der GZ sprechen Bände:
Überfall im Gießener Theaterpark; betrunkener Autofahrer rasiert unschuldige Bäume
ab und verbeult fremdes Auto; Diebstahl von drei Barbie-Puppen im Kindergarten „Grüne Maus“; Katze im halbvollen Bierfass auf der Lahn ausgesetzt; Diesel aus einem Bagger geklaut; Schlägerei in einer Kleingartenanlage wegen zwei Handvoll Brombeeren; Vollmond verhindert Reduzierung von Bauchspeck; Weihnachtszeit um weitere drei Monate verlängert; Atomstrom ab nächsten Donnerstag bei ALDI im Angebot ... wo gibt’s denn da noch was zu lachen?!
Trotzdem, wenn ich das höre, wird mir ganz heimatlich zumute. Hier bei uns im Sudan könnte ich Ihnen auch den ganzen Tag lang solche absurden Geschichten auftischen. Als Ergänzung käme dann alle vierundzwanzig Stunden noch ein Toter dazu – wahlweise erschossen, erstochen oder totgefahren. Manchmal auch zwei oder drei pro Nacht, besonders vor Weihnachten. Kürzlich ist ein zugekiffter Armee-Kraftfahrer mit einem riesigen russischen Lkw von einer Brücke abgekommen. Also, genau genommen, er ist so ein bisschen an ihr vorbeigefahren. Geländer gibt’s da ja auch keines. Deshalb ist die ganze Fuhre in den Yei-River gestürzt. Die Fuhre bestand aus über 50 Menschen auf der Ladefläche, Kinder und Erwachsene. Ein Kind starb gleich, der Rest musste ins Krankenhaus – Operationen, Amputationen und so weiter.
Sie gucken so ratlos und fragen sich, was daran witzig ist. Nichts natürlich. Ich wollte Ihnen damit nur mal zeigen: Wir im Sudan können das auch. Wenn Sie denken, Sie hätten in Hessen das Recht auf Verbrecher und Verbrechen, auf betrunkene Autofahrer und auf Tier- und Menschenquälerei sozusagen gepachtet, da sind Sie auf dem Holzweg. Sie dürfen aber gerne unsere neue Brücke mit bezahlen. Das sei wohl zum Lachen? Nein, das meine ich ernst. Die Brücke wird nämlich von der „Gesellschaft für technische Zusammenarbeit“ (GtZ) errichtet. Das ist ein deutsches Entwicklungshilfeunternehmen, was am allerliebsten Steuergelder verbaut. Herzlichen Dank, dass Sie so fröhlich, großzügig und pünktlich Ihre Steuern bezahlen. Die stecken jetzt, zumindest teilweise, in unserer neuen Brücke mit einem äußert stabilen Geländer, damit keiner mehr in den Fluss fällt.
Jetzt lachen Sie bitte nicht schon wieder: Das ist nicht die einzige Brücke im Sudan, die Sie schon mitbezahlt haben. Von der anderen Brücke kann ich Ihnen sogar Fotos zeigen. Eines vor dem Neubau, eines danach. Man darf hierzulande nicht einfach überall fotografieren. Strengstens verboten, vor allem solche Objekte wie Brücken, abgestürzte Armee-Lkw, von Toten oder Verletzten ganz zu schweigen. Das unlustigste, was Yei zu bieten hat, ist das Gefängnis. Da kommt man hin, wenn man unerlaubt fotografiert oder andere schwere Verbrechen begeht.
Diese Bilder hier stammen von der Karlsbrücke. Jetzt werden Sie mir gleich erklären wollen, dass die angeblich in Prag steht. Das mag richtig sein, ich habe das bis jetzt noch nicht nachprüfen können. Aber die Geschichte von der Karlsbrücke zwischen Yei und Goli im Sudan geht so: Elli und Ulli und der Doktor (der z.B. auch im vorangegangenen Froschgeflüster vorkommt) müssen mindestens einmal in der Woche nach Goli fahren, circa 36 Kilometer. Das dauert bei schönem Wetter eine Stunde und zehn Minuten. Goli liegt mitten im Busch, aber dort gibt’s einige Projekte, um die sie sich kümmern. Als die Brücke noch kaputt war, haben sie immer EIN Halleluja gesungen, wenn sie die Brücke in Richtung Goli ohne Schaden überquert hatten. Auf dem Heimweg haben sie dann DREI Halleluja gesungen. An der Zahl der Halleluja kann man ablesen, dass es ihnen deutlich wichtiger war, heil wieder nach Hause zu kommen. Wäre die Brücke in der Zwischenzeit zusammengebrochen oder mit einem eingesackten Lkw blockiert gewesen, dann hätten sie im Busch irgendwo übernachten müssen. Das ist insofern nicht zum Lachen, weil das keine so menschenfreundliche Gegend ist.
Die Brücke wurde immer schlechter, nahezu unpassierbar. Elli schrieb das einem alten Freund, dem Karl, der in der Nähe von Pforzheim im Badischen wohnte. Karl war ein frommer Mann, der in seinem Leben viel Schweres durchgemacht hatte. Dabei hatte er immer wieder erlebt, dass durch Gebet viel mehr zu bewegen ist als durch eigene Kraft. Karl schrieb zurück: „Ich bete für Euch – und für die Brücke, dass sie bald repariert wird.“ Briefe zwischen dem Sudan und Deutschland gehen lange. Karl hatte sich altersbedingt keinen Computer mehr zugelegt und vertraute der guten alten deutschen Post. Insofern war Karl nicht immer aktuell auf dem Laufenden, was die Baufälligkeit der Brücke betraf, und Elli und Ulli waren nie zeitnah darüber im Bilde, wie es Karl gesundheitlich ging.
Eines Tages konnte man den Fluss in Richtung Goli nicht mehr überqueren. Die alte Brücke war abgerissen, die GtZ war dabei, eine neue aufzubauen. Ein paar Wochen später kam der deutsche Botschafter aus Khartoum, besuchte seine Landsleute in Yei und weihte die neue Brücke ein.
Elli schrieb dem Karl einen Brief. „Lieber Karl – herzlichen Dank. Du kannst weiter für uns beten, aber was die Brücke betrifft, so sind Deine Gebete erhört worden. Wir haben jetzt eine neue.“ Was Elli nicht wissen konnte: Karl war in der Zwischenzeit verstorben. Aber er hatte bis zu seinem Tod – neben vielen anderen Anliegen – auch für unsere Brücke gebetet.
Als Elli und Ulli kürzlich in Deutschland waren, da haben sie Karls Grab besucht und konnten nur noch ein paar Blumen daneben pflanzen. Aber ein richtiges Denk-Mal, wo sie jedes Mal dankbar an Karl denken, wenn sie darüberfahren, das steht zwölf Kilometer von Yei in Richtung Goli. Und ob Sie wollen oder nicht: Es ist von Ihnen mit bezahlt worden. Vielleicht ist es das erste und nützlichste Denkmal, in das Sie jemals investiert haben. Schönen Dank auch!
Jetzt weiß ich gar nicht mehr genau, was ich Ihnen eigentlich erzählen wollte. Eine richtig lustige Story sollte es werden – aber nun war es doch nichts zum Lachen. Aber zum Nachdenken, Dankbarsein und Freuen immerhin – oder?