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Politik ist scheiße - Der andere Jahresrückblick

Gießen | Januar: Yes he can?
Im Januar wurde der erste schwarze Präsident der USA vereidigt. Das ist schon Mal eine große Leistung für die weltoffenen Amerikaner. Sie waren es ja, die bereits vor über 40 Jahren Wahlrecht für alle Rassen eingeführt haben. Es scheint so, als wollte das Nobel-Komitee in Stockholm allen Amerikanern den Friedensnobelpreis überreichen mit den Worten „Hier, endlich habt ihr mal was richtig gemacht“, denn mit der Völkerverständigung klappt es ja nicht so besonders häufig, wie es die letzten Jahrzehnte gezeigt haben. Vietnam, Korea, Cuba, Chile, Irak I, Irak II, Afghanistan. Nicht die politisch stabilsten Nationen dieser Welt. Doch Obama wird’s schon richten. Er wird der erste sein, der den höchsten Friedenspreis der Welt erhält, für Aktionen, die er dann hoffentlich in Zukunft auch ausrichten wird.

Februar: Finanzkrise
War da was? Irgendein paar verlauste, selbstsüchtige Vollidioten haben mit Krediten gehandelt, die es nur in der Cyberwelt gab und das hat mal eben mehreren Hunderttausend Amerikanern das Haus, dutzenden Weltbanken die Existenz, einigen wenigen Aufsichtsräten den Kopf und sogar
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zwei McDonalds-Filialen auf Island gekostet. Aber ganz ehrlich: Sind uns alle nicht Tausende von Arbeitsplätzen einen Scheiß wert, wenn uns für das erfolgreiche an die Wand fahren eines an sich gesunden Großkonzerns gelingt und dafür eine Summe in Millionenhöhe zugeschrieben wird? Man könnte sich fragen wie hoch der Scheißhaufen gestapelt worden sein muss, um so viel Kohle locker zu machen damit dieser Typ, der das geschafft hat, bloß nie nie nie mehr nur noch einen Fuß in die Institution setzt, in der er zuletzt gewirkt hat. Zugegeben, zu klagen, weil die Abfindung nach getaner Brandrodung, weil die Abfindung nicht hoch genug ist, ist vielleicht ein wenig dreist. Aber hey, ein junger sympathischer Mann von Manager hat ja noch sehr viele Möglichkeiten in anderen Aufsichtsräten oder als Arschabwischer für Politiker, im allgemeinen auch Lobbyist genannt.

März: Staatsarchiv Köln
Der kölsche Klüngel ist allgegenwärtig. Alle paar Jahre muss die Stadt, die diese Art der charmanten Korruption erfunden hat, allerdings auch zeigen. Der unkontrollierte Brunnenbau, der bei einer Anwendung in Kenia oder Tansania sicherlich zu begrüßen wäre, hat in der lustigen Stadt am Rhein für ein bisschen Trouble gesorgt, als die gegenwärtigen Bauherren den Brand der Bibliothek von Alexandria für die Landbevölkerung nachspielen wollten. Nur eben mit einem anderen Element als dem Feuer. Das im wahrsten Sinne unterirdische Ergebnis voller Idiotismus endete mit zwei toten Menschen, dessen Verursacher bis heute nicht belangt sind. Wenn es um Wasser geht, sollte man das denen überlassen, die sich wirklich damit auskennen, zu sehen bei der Kölner Feuerwehr und dem Technischen Hilfswerk. Einen Dank gilt Ihnen die ca. 80% der unschätzbaren Unfallware retten konnten.

April: Mehdorn geht wie die Bahn – viel zu spät!
Lidl, Telekom, Edeka… sie alle haben es getan. Nur wer sich dabei extrem unbeholfen verhalten hat, wie ein Kind, das einen Tag vorher gelernt hat aufrecht zu gehen, war der Chef der Deutschen Bahn bis zum März 2009. Er war am Ende so glaubwürdig wie die Versicherung eines Zugbegleiters, die verstopfte Zugtoilette sei durch das nicht vorhandene Bordpersonal in fünf Minuten repariert. So dünne Salamischeiben, so wie MehDorn(im Auge) es in der allgemein beliebten Taktik vollrichtet hat, würde keine einzige Wurstschneidemaschine dieser Welt hinbekommen. Und es gibt immer noch Leute die meinen, noch dünnere Scheiben schneiden zu können, wie am späteren Arbeitsminister der keiner mehr ist, wegen eines Raketenangriffs irgendwo am Arsch der Welt entlassen wurde. Wie gut, dass sich diese größenwahnsinnigen Personen vor lauter Selbstverliebtheit meistens selbst irgendwann von der Bildfläche heraus kegeln. PS: Wussten Sie, dass die Firma, die die Radreifen des Unglücks-ICE von Eschede baute, noch immer alleiniges Herstellungsrecht der heutigen Radreifen und Achsen der Bahn-Schnellzüge besitzt?

Mai: A(c)hmadinedschad
Der stets ungepflegt wirkende Volkskenner, der seine Gegner zwar verlieren lässt, das aber auf glaubwürdige Weise mit 36% im ersten Wahlgang, war und ist immer einer von ihnen. Das könnte den legèren Look mit seinem Lieblings-Anorak (ist das der einzige, den dieser Mann besitzt?) bedeuten. Ein guter Diktator muss einige Leute aus der Opposition ins Jenseits befördern, schließlich will man sich ja nicht den Ruf als Egozentriker auf weltpolitischer Ebene vermasseln. Es bahnt sich eine neue Revolution im ehemaligen Persien an, dreißig Jahre, nachdem es zum ersten Mal gelungen ist, sich von der Mitte heraus von einem Diktator zu befreien, fast ohne Schuss.

Juni: Abwrackprämie
Cash for Clunkers! Diese ebenfalls niedliche Umschreibung für die Umgehung der Abwrackung ganzer Konzerne ist eine deutsche Erfindung. Eine, die zwar bis einschließlich heute positive Verkaufszahlen bei Autobauer und co. hinterlässt, es aber allgemein erwartet wird, dass die Verkaufszahlen im kommenden Jahr unerbittlich, unaufhörlich, ungehemmt und unkontrollierbar abstürzen werden. Lassen Sie mich raten: wahrscheinlich genauso unerbittlich, unaufhörlich, ungehemmt und unkontrollierbar wie die Schweinegrippe oder der Konsumklimaindex oder die Export- und Arbeitslosenzahlen. Das Wort des Jahres, Abwackprämie, ist durchaus gerechtfertigt. Könnte man auch für die ICE-Züge einführen, Kaufhauskonzerne und die meisten Politiker.

Juli: Köhler wird getwittert
Tja, wer hätte das gedacht. Da weiß die ganze Nation, wer der neue alte Bundespräsi wird, da sitzt er selbst noch im Stau auf dem Weg in den Bundestag um das Ergebnis abzuwarten. Gezwitschert wird nunmal auch hinter den Fassaden des altehrwürdigen Reichstages. Dem ist nichts hinzu zu fügen.

August: Karl Heinz Schreiber
Der Mann, der im Film immer der Böse wäre, rühmte sich jahrelang, dass ihn niemand etwas anhaben könnte und flüchtete in das Land der billigen Medikamente. Doch endlich dachte sich die Justiz, man könne ihn ja doch mal irgendwann aufliefern. Er ist ja schon alt, sodass man ihm das Gefängnis bei einer etwaigen Verurteilung nicht mehr zumuten möchte und ihn so vielleicht nur unter Hausarrest stellt. Interessanterweise laufen, bzw. rollen andere Verbrecher, die damals mit im Waffenhandel involviert waren weiter als Bundesminister als Volksvertreter im deutschen Kabinett herum.

September: Superwahljahr
Ja, das Super-Wahl-Jahr kann schon mal an einigen vorbei gehen. Wobei es doch durch die Masse der Kreuze, die in diesen zwölf Monaten gesetzt werden durften, die Demokratie voll ausgelebt werden konnte. Angefangen mit den Hessenwahlen, die die führende SPD-Frau mit ihrem Gewäsch vom letzten Jahr ordentlich in den Sand gesetzt hat. So darfs Onkel Rolli doch noch Mal richten, ohne seitdem groß das Maul auf Landes- geschweigedenn auf Bundesebene aufgemacht zu haben. Man(n) wird halt alt. Vielleicht ist es auch nur die persönliche Einsicht, dass der Ministerpräsident nicht seiner Person wegen noch ein letztes Mal wiedergewählt worden ist.
Europawahl? Welche Europawahl? Ach ja, die Wahlen, an denen keiner teil genommen hat. Umso erstaunlicher war wiederum die große Verblüffung, warum radikale Rechtsparteien und so viele Einzelmandate aus beiden Extremlagern wie noch nie in das Europäische Parlament gewählt worden sind. Wer nicht wählt, ist selber schuld! Einerseits ist es die eigene Schuld der Bevölkerung, dass sie sich dem Fügen einzelner Mächte hingibt bzw. ihnen alles scheiegal ist. Andererseits versäumt es die Regierung massiv, ihr Volk aufzuklären, wie wichtig diese Wahlen geworden sind. Immerhin gibt die EU bereits 2/3 der Gesetze vor. Zudem sollte überlegt werden, gerade weil das Europaparlament seit dem Inkrafttreten der Lissabonvertrages so viel stärker geworden ist, die Europawahlen zu Hauptwahlen wie die Bundestagswahl auszurufen.
Dafür darf die Spaßpartei innerhalb der Bundesgrenzen wieder mitregieren. Um zwischendurch Dieter Nuhr zu zitieren: „Eine Frau als Kanzlerin, ein schwuler Außenminister, ein vietnamesisches Waisenkind als Gesundheitsminister, eine fünffache Mutter und eine 32-jährige im Kabinett… das wäre sogar für die Extremhippies aus den 60ern zu viel gewesen!“ Der Einwohnerschnitt der Deutschen dürfte damit wohl zu Genüge die Repräsentanz aufgestellt sein. Inhaltlich ist das bis jetzt allerdings nicht mehr als ein großes Schaukelpferd voller zankender Kinder. Multikulti als Negativbeispiel eben.

Oktober: 20 Jahre Einheit
Aber wenn es darum geht, alte Grenzen wieder ins Gewissen zu rufen, sind alle wieder ganz vorne dabei. So gesehen am 3. Oktober in Berlin, wo sich die alte Riege des kalten Krieges einfand, um über die Einfachheit des Feindbildes von damals zu philosophierten. Die Guten links, die bösen rechts oder anders herum. Je nach dem, wie man jenseits einer Mauerhälfte gesinnt war. Nicht so wie heute, wo an jeder Hauswand ein Guerilla-Kämpfer mit Sprengstoffgürtel warten kann. Dass die Geschichte der DDR heute noch nicht vorbei ist, zeigte sich parallel bei der brandenburgischen Kabinettsbildung, wo akribisch die vergangenen Sünden der künftigen Regierungsmitglieder untersucht wurden. Leider zu spät. Die eingesessenen Alt-SED’ler von damals freuten sich bereits, das auch heute noch die IM-Politik funktionierte und von innen heraus ein neues Kommunistenland aus alten neuen Ruinen auferstehen würde, doch die fabelhafte Aufklärungsarbeit unter Frau Birthler verhinderte dies krimigerecht in allerletzter Sekunde. Zwar musste das halbe Kabinett kurzerhand wieder entlassen werden. Aber man zieht ja auch nicht in einen Krieg mit der Erwartung das alle unversehrt wieder zurück kehren. So darf man gespannt sein bei den Feierlichkeiten zum 25., zum 50., zum 100. Jahrestag des friedlichen Mauerfalls.
Dann ist da last but not least noch unsere Wahl zum neuen OB zu erwähnen, die dann doch irgendwie mit einer kleinen Überraschung aufgewartet hat und die erste SPD-Frau der Stadt zum neuen Oberhaupt gemacht hat. Die erste Aktion war dann auch gleich die großspurige Entlassung des ersten Internationalen Fernzuges mit Trillerpfeife und grüner Kelle, der in Gießen seit dem Fahrplanwechsel Station macht. Ohne Umstieg bis nach Zagreb, na Klasse! Wäre auch eine nette letzte Aktion für Hans-Peter gewesen.

November: Ha… Haaa… Hatschieschweinegrippe!!!
Kinder, ist das ein Spaß. Alle paar Jahre, wenn die Medizin merkt „Ui, wir sind mittlerweile so gut, wir brauchen mal wieder eine Tierseuchen Giftstoff- und Virenpanik, weil wir sonst den Absatz nicht steigern können“, dann ist es Zeit für die Ausrufung einer weltweiten Pandemie. Ich erinnere an Klassiker wie BSE, MKS, Dioxin, Acrylamid, Vogelgrippe. Wenn das Tier des Jahres 2010 nicht das „Suidae“ bzw. „Sus“, das „Echte Schwein“ wird, kann ich mir auch nicht mehr helfen. Neueste Meldungen berichten,wie die Bundesländer die Millionen an Impfdosen an die Hersteller zurück geben, denn die anfängliche Panik. Ein wunderschönes Beispiel, wie blöd der Mensch im Kollektiv sein kann, dass, was die Medien im Namen der Politik und der Lobby vorbrechen, wird erbarmungslos geschluckt und geglaubt, egal wie grotesk dumm und hanebüchen diese Märchen auch sein mögen. Ich schlage eine neue TV-Show für RTL3 vor: Das Supertalent für schwergewichtige Nonsenslaberer in der Politik und der Industrie. Derjenige der am besten lügt, ohne dass es gemerkt wird, dabei auch noch mit einem Hund Kunststücke vorführen kann und Bruce Darnell mindestens drei Mal einen Heulkrampf bekommt, wird der Superidiot… äh das Supertalent des Jahres!
Anmerkung. Bis jetzt sind in Deutschland knapp 100 Menschen am H1N1-Virus gestorben. Der Durchschnittswert (!) an Toten der stinknormalen saisonal auftretenden Grippe beträgt in der BRD 10.000. Sonst noch was? Die Pharmakonzerne haben die Rechnung aber schon geschrieben. Gesundheit!

Dezember: Floppenhagen
So, jetzt ist es also soweit. Das es in Norddeutschland so viel schneit wie schon lange nicht mehr, gehört mittlerweile zu außergewöhnlichen Wetterphänomenen, denn bald wird Spitzbergen das verdreckte Rimini oder das besoffene El Arenal die Sommerurlauber abspenstig machen. Denn da die Herrscher der Welt beschlossen haben, unseren Planten gemeinsam vor die Hunde gehen zu lassen, sollten wir alle anpacken, um das Ende der Welt nicht sinnlos mit irgendwelchen Klimaschonenden Häusern, Autos, Fabriken in die Länge zu ziehen. Die letzten Kohlereserven sollten mit Technologien aus dem Jahr 1800 verbrannt werden. Eine Weltweite Fön-Aktion sollte auf der Antarktis halbjährlich mit mehreren 100.000 Menschen ins Leben gerufen werden. Die Überfischung auf maximaler Stufe, die Wiedereinführung von FCKW und schädlichen Umweltgiften sollte dabei auf jeden Fall hilfreich sein. Wem das zu umständlich ist, kann auch weiterhin mit dem alten Diesel zu Bäcker und Briefkasten fahren. Mit Vorwärmen des Motors auch im Sommer. Denn je effizienter wir arbeiten desto schneller kann die GIEßENER ZEITUNG von neuen Besucherrekorden vom Gießener Strand des Nordmeeres berichten. Mit angenehmen 25°C Wassertemperatur .
Hoffen wir, dass alles oben genannte nicht so weit kommt. Damit entlasse ich Sie mit dieser kleinen Satire ins neue Jahrzehnt und machen Sie das Beste aus allem und nehmen Sie nicht alle erwähnten Personen als Vorbild, dann geht’s uns gleich ein bisschen besser.

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Kommentare zum Beitrag

Christian Hasselbach-Weimer
1.097
Christian Hasselbach-Weimer aus Wettenberg schrieb am 03.01.2010 um 15:54 Uhr
Ich habe viel gelacht, obwohl es eigentlich zum Heulen ist.
Sehr guter und teilweise boshafter Artikel. Schade, dass die betroffenen Personen solche Satire von sich abprallen lassen.
Sabine Glinke
4.078
Sabine Glinke aus Wettenberg schrieb am 04.01.2010 um 10:31 Uhr
Ganz große klasse, Herr Engelhart. Hut ab!
Ullrich Drechsel
750
Ullrich Drechsel aus Gießen schrieb am 04.01.2010 um 11:07 Uhr
Das hat aber ordentlich Pfeffer! Gratulation! Satire darf ja auch mal übertreiben und dem Volke dazu helfen, Dampf abzulassen. Hoffentlich immer oder wenigstens meistens an der richtigen Stelle.
Peter Herold
4.113
Peter Herold aus Gießen schrieb am 04.01.2010 um 18:00 Uhr
Sehr guter Überblick über 2009. Hoffen wir, dass es für 2010 besser wird.
Gisela Dapper
2.374
Gisela Dapper aus Pohlheim schrieb am 04.01.2010 um 18:52 Uhr
Ein sehr präziser satirischer Kommentar ! Besser geht's nicht !
Christian Momberger
2.874
Christian Momberger aus Gießen schrieb am 11.01.2010 um 23:21 Uhr
Auch wenn ich leider jetzt erst dazu gekommen bin alles zu lesen. Ich kann mich dem Lob der Vorredner nur anschließen! Ganz großes Kino. Wirklich tollen Artikel!
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
Auf www.giessener-zeitung.de kann jeder aus seinem Ort berichten. Lokaler geht's nicht!

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Herzlichst, Ihr(e) Mathias Engelhart

von:  Mathias Engelhart

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