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Ob er den Herd abgestellt hatte...?

Gießen | Herr Urmann lächelte immer sein komisches Lächeln, als erzähle er sich selber Witze und seine Stimme klang nach Ausrufezeichen. Denn Herr Urmann war pedantisch. Darauf konnte er sich verlassen. Und so war es natürlich klar, dass Herr Urmann immer Recht hatte. Denn er hatte Grundsätze. Aber er wäre nie auf die Idee gekommen diese Grundsätze zu verletzten. Immerhin...
Derartige Gedanken wies er ohnehin schon im Ansatz weit von sich, während er, Herr Urmann, nervös mit den Fingern zuckte, als müsse er Fliegen vertreiben. Dabei benahm er sich wie ein Mann, den man um Rat fragte, der aber nicht bereit war, eine Antwort zu geben.
Wäre er doch nur einmal untreu zu sich selbst, dachte ich oft. Dann hätte man ihm noch helfen können.
Aber selbst wenn er nur eine halb gelungene Kopie von sich selber gewesen wäre, hätte das Herrn Urmann nicht gereicht. Denn wenn er sich damit begnügt hätte, hätte er sich mit allem begnügt !
Dafür kannte ich Herrn Urmann zu lange…
Kurz, irgendwann herrschte in seiner Welt, in seinem zu Hause, die Einsilbigkeit. Warum also sollte er da nicht wie ein trotziges Kind schweigen, wenn er nicht mit sich selber sprechen wollte?
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Zwangs - Neurosen (1)medeasy (543)
Allerdings runzelte Herr Urmann oft genug die Stirn, als gäbe es schlechte Nachrichten.
Aber solange er hier in seiner Wohnung für Ordnung sorgte, gab es kein Schicksal auf der Welt, das ihm sein Leben hätte streitig machen können. Da war sich Herr Urmann sicher. Selbst dann nicht, wenn zwischen Leben und Tod auch nur eine Zehntelsekunde liegen mochte.
Und so schlich Herr Urmann jeden Tag immer wieder auf Socken durch seine Wohnung und murmelte vor sich hin, während er mit flinken Augen darauf achtete, dass alles, was zu seinem Haushalt gehörte, nicht seinen Platz verlassen hatte. Dabei neigte er seinen Kopf prüfend hin und her, zwinkerte mit den Augen und spitzte die Nase, als nehme er Witterung auf:
Ob er den Herd abgestellt hatte…? Und wie war das mit dem Licht…?
Dabei suchte er seine Taschen ab, bis er endlich die Schlüssel gefunden hatte. Und schon lief er in das nächste Zimmer, um einen Wohnungsbrandbrand zu verhindern. Immerhin hatte seine Wohnung sechs Zimmer und noch einen Abstellraum.
So kroch also Herrn Urmann ständig die Angst in die Achselnhöhlen und er musste am Tag mehrfach duschen, denn er hasste seinen Schweißgeruch. Und, wie er mir sagte, bezog er ja nicht jeden Tag frisch sein Bett, um dann am Ende ungewaschen zwischen wohl duftenden Laken zu sterben. Selbst in seinem Abschiedsbrief stand, dass eine Garnitur frischer Unterwäsche in seinem Nachtschrank liege...
Nach seinem letzten Kontrollgang also ließ sich Herr Urmann in seinen Sessel fallen, der in der Fensternische stand. Dabei duckte er sich noch, um durch das beschlagene Fenster zu sehen. Draußen regnete es, als es an der Haustür schellte…

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von:  Dr. Mathias Knoll

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