Gießen | Am 12.02. diesen Jahres wurden u. a. zwei Stolpersteine vor dem Haus Friedrichstraße 8, dem letzten Wohnsitz des Ehepaares Heinrich und Elisabeth Will, vom Kölner Künstler Gunter Demnig verlegt.
Die Geschichte dürfte bekannt sein. Von den Nazis am Abend des 9. Februar 1942 verhaftet und am 20./21. Juli 1942 verurteilt. Frau Will nach Aufenthalt ab 14. August im Zuchthaus in Ziegenhain am 7. Dezember 1942 um 14:15 Uhr nach Auschwitz entlassen. Sehr wahrscheinlich direkt von der Zugrampe in die Gaskammer geführt.
Herr Will wurde am Abend des 19. Februar 1943 in der Strafanstalt Frankfurt-Preungesheim durch das Fallbeil getötet(ermordet).
Die Stolpersteine in Gießen und an anderen Orten in Europa sollen uns an die Ermordeten und Verschleppten erinnern und dass es so etwas nie mehr geben soll.
Erinnern und nicht vergessen oder verschweigen! Es ist gut durch die kleinen goldenen Steine daran erinnert zu werden.
Wenn ich mit Kindern spazieren gehe, erzähle ich ihnen die Bedeutung der Steine.
Danke für diesen besonderen Beitrag! Die Hintergründe, weshalb das Ehepaar Will von den Nazis umgebracht wurde, kenne ich allerdings auch (noch) nicht - vermutlich geht's mir damit nicht allein so. Selbst wenn darüber schon einmal berichtet wurde - vielleicht kann man dazu noch einmal einen Beitrag in der GZ einstellen?
Danke für diesen besonderen Beitrag! Die Hintergründe, weshalb das Ehepaar Will von den Nazis umgebracht wurde, kenne ich allerdings auch (noch) nicht - vermutlich geht's mir damit nicht allein so. Selbst wenn darüber schon einmal berichtet wurde - vielleicht kann man dazu noch einmal einen Beitrag in der GZ einstellen?
Das Thema mit unserer braunen Vergangenheit hat mich immer wieder berührt. Ohne in die Tiefen zu gehen hat mich es seit meiner Jugend immer wieder gefangen. Von den Stolpersteinen hörte ich erstmals vor Jahren in München, wo der OB und die Vorsitzende der Juden in Deutschland sehr eigene Vorstellungen zu den Steinen haben und eine Verlegung strikt ablehnen. Vor einiger Zeit lief im Traumstern in Lich ein Film über die Stolpersteine und den Künstler Gunter Demnig, der sie fertigt und verlegt. Es sind zwischenzeitlich in vielen Städt in Europa tausende Steine der Erinnerung geworden.geworden.
In Gießen wurde ich durch die Presse 2007 auf die Stolpersteine und eine Iniativgruppe aufmerksam. Ich schloss mich dieser an und der leider Anfang des jahres verstorbene Pfarrer Frank Pötter meinte, er hätte da zwei Personen die er mir ans herz legen könnte um die Lebensgeschichte bis hin zum Tod duch die Nazis zu recherchieren. Das habe ich dann gemacht und ich muss sagen es war faszinierend in die Geschichte einzutauchen, die ja zu meiner Schulzeit totgeschwiegen worden war. Es hat mir die Augen geöffnet und ich musste feststellen, dass gerade in Hessen, Gießen und Umgebung sehr viel zur braunen Vergangenheit, die gerade hier viele Anhänger hatte, totgeschwiegen wird.
Aber jeder kann sich ja seine eigenen Gedanken machen. Mein Beitrag sollte nur dazu beitragen, dass dies einige Menschen tun.
Danke.
Der Zeitungsartikel einer Giessener Zeitung aus dem Jahre 2001 befasst sich mit "Giessen im Dritten Reich". Motiviert von Peters Artikel fand ich
ihn einem meiner Bücher zur Nazivergangenheit in Hessen. Ich möchte
daraus einige erschreckende Punkte wiedergeben.
Ich zitiere aus dieser Zeitungsserie über die braune Vergangenheit
Giessens:
In der Stadt Giessen lag die Zustimmung für den Nationalsozialismus
seit 1930 bei allen Wahlen stets über dem deutschen Durchschnitt.
Am 16.Juli 1925 wird in Giessen die NSDAP neugegründet.
Vereinslokal ist der "Schwarze Walfisch" im Seltersweg 50.
Hier wurden Anschläge und Überfälle auf politische Gegner geplant.
Das Eckhaus zur Wolkengasse blieb auch nach der Machtübernahme offizielle Geschäftsstelle der Nazipartei. Am 13. März 1933 werden 40 verhaftete politische Gegner von SA-Leuten im "Schwarzen Walfisch" krankenhausreif geschlagen. Ein NSDAP-Sprecher : seine Partei wolle
"alles ausrotten, was unser Volk in dieses Elend gebracht hat". Bereits
17.Februar 1933 hatte man schon die KPD-Zeitung "Giessener Echo" verboten und das Parteibüro der Kommunisten am Marktplatz 7 besetzt.
Sechs Wochen später ereilt das gleiche Schicksal später die SPD in der
Bahnhofstrasse 23 und ihre "Oberhessische Volkszeitung", sowie am
2. Mai das Gewerkschaftshaus in der Schanzenstrasse. Politische Gegner werden oft in das KZ Osthofen bei Worms gebracht.
Im neuen Schloss siedeln sich eine SA-Standarte und die SA-Sturmbanne II bis V an. In der Moltkestrasse 27 die SA-Brigade 147 und im Wetzlarer
Weg 37 deren Reiterstandarte. In der Gartenstrasse1 wird eine SS-Stan-
darte einquartiert. Bis 1939 kommen sechs Ortsgruppen dazu (z.Bspl.
eine im Seltersweg 38 an der Ecke zur Löwengasse). In der Neuen Bäue
22 im zweiten Stock errichtetet die Dienststelle Darmstadt der Geheimen
Staatspolizei ihre Giessener Aussendienststelle. Im Adressenbuch der
Stadt und des Landkreises von 1939 werden die Folterknechte zwischen
der Polizeidirektion Giessen und Staatlichem Gesundheitsamt aufgelistet.
Im Seltersweg 52 findet man die Geschäftsstellen der Hitlerjugend, des
Bunds deutscher Mädchen und des Jungvolks. Aber auch Ärzte, Lehrer,
"Rechtswahrer" und Beamte sind jetzt organisiert. In der Wilhelmstrasse 9
findet man sogar einen "Reichsbund der Kinderreichen".
Orte , an denen die NS-Rassenideologie verwirklicht werden soll, sind das
Rassenpolitische Amt in der Frankfurterstrasse 27, das "Erbgesundheits-
gericht" in der Gutfleischstrasse 12. Unterstützt wird es vom Rassehygie-
nischen Institut in der Friedrichstrasse 18. Hier werden "Sippschaftstafeln"
aller "Volksgenossen" erfasst und "Erbkranke" und "Asoziale" registriert.
In der Uni-Frauenklinik schreitet man zu anderen verbrecherischen Taten.
Bis zum 4.Juli 1939 wurden exakt 634 "Eugenische Sterilisierungen" durchgeführt, um die körperlich und seelisch Minderwertigen......... aus dem
Lebenstrom des volkes auszuscheiden."
Die jüdische Gemeinde Giessen , die 1933 rund 1100 Mitglieder zählt, wird am härtesten vom Nazi-Terror getroffen. Zuerst sind es "nur" Worte, dann Taten. 1935 wird die Synagoge der liberalen jüdischen Gemeinde gegen-
über dem Stadttheater auf Giessener Postkarten 1935 wegretuschiert. Am 9. November 1938 werden Giessens beide Synagogen in der sogenannten
"Reichskristallnacht"niedergebrannt. Im Zuge des staatlich angeordneten
Prognoms plündert die SA auch das jüdische Bankhaus Herz in der Neuen
Bäue 23. Später richtet die Gestapo in dem Gebäude Gefängniszellen und Folterkammern ein. Die Reste der durch Auswanderung und Vertreibung dezimierten jüdischen Gemeinde Giessen werden in vier sogenannten
"Judenhäusern" kaserniert. Die Gebäude in der Walltorstrasse 32, 42 und
48 haben die allierten Luftangriffe nicht überstanden. In der Landgrafen-
strasse 8 steht noch immer ein "Judenhaus", steinernes Zeugnis eines quasi mittelaterlichen Ghettos mitten in Europa mitten im 20. Jahrhundert.
Das letzte Kapitel des Genozids wird in der Goetheschule geschrieben.
Von dort werden die letzten 150 Giessener Juden zwischen dem 15.August
und dem 1.Dezember 1942 nach Theresienstadt und Ausschwitz deportiert.
Am 2. Mai 1942 vermeldet Oberbürgermeister Hill an seine übergeordneten
Dienststellen: "Giessen ist judenfrei". Doch er irrt. Vier Juden gelingt es
-versteckt- auch noch die letzten Jahre des barbarischten Regimes auf
deutschem Boden zu überstehen.
Im Aulweg wurde in den letzten Kriegsjahren ein Lager für Fremdarbeiter
errichtet. In der Licher Strasse, unmittelbar an der Auffahrt zum Giessener Ring, errichtete die SS schliesslich am 22.März 1944 eine Aussenstelle
des KZ Buchenwald. Dort befreien US-Truppen bei ihrem Einmarsch
am 28.März 1945 mehr als 50 Häftlinge, die der ihnen zugedachten
"Vernichtung durch Arbeit" in Giessener Rüstungsbetrieben entgangen
sind.
Danke Gisela für die ausführliche Darstellung. Das Außenlager von Buchenwald in der Licher Straße befand sich auf dem Gelände der Heil- und Pflegeanstalt (HOPLA), jetz Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Gießen (KPP). Dort hat der leitende Arzt der Tagesklinik eine sehenswerte Ausstellung aufgebaut, die nach Vereinbarung besichtigt werden kann. ch baue oben noch ein Bild des Eingangbereichs ein und versuche noch auf einen Beitrag von mir zu verlinken, der sich auf ein trauriges Kapitel der HIOPLA bezieht.
Im Nachgang zu meinem Kommentar von heute 11:20 Uhr möchte ich auf einen Kommentar zum Beitrag "Das dunkelste Kapitel der Deutschen Medizin" der Redaktion der GZ vom 10.11.2008 hinweisen, in dem ich ausführlich unter dem Stichwort "Auch vor Krankenanstalten machte das NS-Regime nicht halt", er erschein auch als Artikel in einer Geißener Zeitung, hingwiesen habe.
Einen Besuch der dortigen Dauerausstellung kann ich nur empfehlen.
Danke für diesen ausfürlichen Bericht.Diesen Teil der Geschichte Gießen
kannte ich in diem Umfang nicht !!!!!
Schade,dass wir dies auch nicht in der Schule beigebracht bekommen
haben.Das ist Geschichte aus nächster Nähe!!!
ich glaube viele Gießener, wie auch viele Deutsche, kennen die ganze Geschichte dieser Zeit nicht so richtig. Kein Wunder. Die sie erlebten wollen vergessen und wir anderen haben es in der Schule nicht vermittelt bekommen. Auch wieder klar. Die Lehrer und Lehrerinnen waren ja Teil der Geschichte und wollten sie sicher auch vergessen, quasi ungeschehen machen. Aber man kann ´davor nicht weglaufen. Besser man stellt sich und zuieht die richtigen Konsequenzen daraus. Wenn solche Hinweise und veröffentlichungen dazu beitragen, dann ist es gut so und hat seinen Zweck erfüllt. Gebt Hinweise an Euere Umgebung bie passender Gelegenheit weiter.
Hallo Peter, unsere Klasse hatte das grosse Glück viele Zeitdokumente
in Schrift, Bild und Ton von einer engagierten Pädagogin und Über-
lebenden des Naziregimes, nahegebracht zu bekommen. Mein Grossvater
war SPD-Mitglied und wie ich viel später erfuhr, musste er auch oft unter-
tauchen. Ich weiss auch, daß er wie viele, auf dem Dachboden des Hauses
Radio BBC-London unter Lebensgefahr hörte. Ich hatte die "Gnade der
späten Geburt", wie ein Politiker mal in anderem Zusammenhang sagte,
trotzdem rede ich oft mit jungen Leuten darüber. Es erstaunt mich sehr,
dass so wenig von dieser Zeit gelehrt wird.
Da hatte er aber Glück. Die zwei Will#s wurden wegen Radiohören zum Tode verurteilt. Das war in meinen Augen kein Widerstand, für den sie heute in gewissen Gießener Kreisen gefeiert werden.
Es war einfach ein Exempel, als Warnung an die Bevölkerung und die zwei mussten dafür herhalten.
Ich habe auch erfahren, dass "sogenannte gute" nazitreue Nachbarn,
ihre Freunde ohne Gewissenbisse denunzierten. Ebenso erfuhr
von einer älteren Dame aus Wieseck, dass ein jüdischer Arzt, der
sich aufopfernd besonders auch für die arme Bevölkerung einsetzte,
von einigen nazitreuen Mitmenschen denunziert wurde. Seine Frau trug Essen in die Häuser von hilflosen Kranken. Sie wurden beide im KZ umgebracht.
...und immer noch gibt auch heute noch viele Leute, die behaupten von all
diesen Ereignissen nichts oder nur wenig gewusst zu haben! It's a shame!
Ich glaube die ältere Dame kenne ich auch. Hat sie nicht dafür gesorgt, dass in Wieseck u.a. bei einem Haus in der Kesslerstraße, in dem ein jüdischer Arzt wohnte Stolpersteine verlegt wurden. Siehe auch unter
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
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