Gießen | Zum Fall Weiwei zweiter Teil: Der Beuys-Nachfahre Weiwei (~**) zeigt neue und alte, documenta-12-erprobte Readymades. Es ist die interessanteste Kunst-Schau des Jahres 2009. So Sorry wird noch bis zum 17. Januar 2010 im Münchner Haus der Kunst (HdK) gezeigt. Im früheren Haus der Deutschen Kunst (HdDK) zeigt der chinesische Regime-Kritiker Ai Weiwei momentan neben seinen neuen Antikunst-Werken auch documenta 12-Readymade-Skulpturen und Foto-Objekte.
In der BRD erfährt Weiwei schon seit der documenta 12 (2007) einen unglaublichen Medien-Hype. Offensichtlich ist, dass der Systemkritiker in Skulpturen neue Symmetrien, Ornamentierung liebt. Ai (~**) arbeitet in der Tradition der Kunst-Ästhetik des Joseph Beuys - Anti-Kunst, soziale Plastik, erweiterter Kunstbegriff. So Sorry des ungekrönten Kaisers chinesischer Gegenwartskunst (Birgit Sonna in der NZZ (1)) transportiert in den skulptural ausgerichteten Tisch-Mutations-Arbeiten eine zu entdeckende, aufklärerische Mission: ars evolutoria, d.h. Gestaltwandel durch Asymmetrisation und Symmetrisation. Hier blitzen Gedanken auf, die den Zeitgeist treffen. Uli Sigg der
Sammlerfreund und Förderer Weiweis sowie Galerist Urs Meile (s. NZZ-Parallel-Artikel (1)) werden die 9000 bunten Rucksäcke schon in den Kunstmarkt schleusen: Im Gedenken an die durch ein Erdbeben verschütteten Kinder prangen 9000 glänzende Rucksäcke an der Fassade des vormaligen Nazitempels; siehe Teil 1 meines Doppelartikels in der GZ (2)).
Wie auf einer großen Werbetafel setzen sich die eigens fabrizierten Schultaschen zu einem Mosaik zusammen. Diese aktuelle Arbeit Weiweis enthüllt nur ihren Sinn, wenn man etwas über die Umstände der menschlichen Tragödie weiß. Der in chinesischen Schriftzeichen eingelassene Satz lautet Sieben Jahre lang lebte sie glücklich in der Welt; er bezieht sich auf die Aussage einer Mutter, die ihrer bei dem Erdbeben umgekommenen Tochter gedenken wollte.
Sonnas Fazit in der NZZ, Ai Weiwei oszilliere als lebendes Readymade zwischen Readymade und Minimal Art, stimmt. Zu Uli SIGG (1) kommentierte ich in der NZZ am 24.11.09:
Kunst-Sammler Sigg und Ai Weiwei
Zu Duchamp und dessen Anti-Kunst (Readymades) bekennt sich Ai Weiwei: Die internationale Anerkennung verdankt der Regimekritiker dem Sammler Sigg, der den Mythos Weiwei aufgebaut hat: Die großen Dimensionen Fairytale (1001 Chinesen zur Buergel-documenta)
und Template (zerstörtes d12-Werk, im Haus der Kunst zu So Sorry in München ausgestellt) wurden gefördert durch den Sammler Sigg. Für das documenta12-Märchen zahlten die Stiftungen Leister Foundation und Erlenmeyer Stiftung 3 Mio. Euro - eingefädelt durch den Luzerner Galeristen Urs Meile. Unterstützt durch den Sammler und Ex-Botschafter Ueli Sigg aus der Schweiz. WWs Konzeptkunst mit symmetrisierenden Möbel-Transfigurationen sind der ars evolutoria zuzuordnen, die ich in Symmetriebüchern (deutsch 1989, englisch 1998) zur Evolutionären Symmetrietheorie schon erörtert habe.
Ai Weiweis Erfolg in Kassel und München
Wer heute als Künstler Erfolg haben will, braucht Mäzene: Sammler, Galeristen, institutionelle Kunstvermittler etc. Chris Dercon übernahm 2003 die künstlerische Leitung als Direktor am Haus der Kunst München und wurde hier vor allem durch künstlerische Programme im Rahmen des kritischen Rückbaus des Hauses bekannt. Bauliche Entnazifizierungs-Veränderungen im HdK machte Dercon rückgängig. Der vom Freistaat Bayern ausgezeichnete HdK-Chef brachte die bislang größte Einzelausstellung Ai Weiweis (~**) nach München (So Sorry). Herrn Sigg, den weltweit einflussreichsten Sammler moderner chinesischer Kunst,
lernte Dercon 2000 kennen und über Sigg und die Baseler Architekten Herzog&de Meuron lernte Dercon Ai Weiwei als Freund kennen. Weiwei sei der wichtigste Künstler Chinas heißt es in den Medien in monotonem Gleichklang. Sigg, Buergel und Dercon haben ihr Ziel erreicht; neue Anti-Kunst-Ästhetik wurde am Markt durchgesetzt.
Ai Weiwei mit den symmetrischen Schriftzeichen (~**) - liebt Provokatives
Zur d12 betonte Ai Weiwei wiederholt, dass es ihn überhaupt nicht interessiere, ob das, was er macht, KUNST sei. Weiweis größte Provokation war es, als er eine zweitausendjährige Han-Vase fallen ließ - auf Video aufgezeichnet hat und als Kunst-Performance publizierte: Monitore im HdK zeigen dieses Video; siehe auch das Titelfoto zum HdK-Katalog.
Größer war sicher die d12-Readymade-Provokation: Ai Weiwei rebellierte wie beschrieben - zur elitären documenta (noch vor der d12), indem er meinte: Fuck you documenta! - Ai schuf ein provozierendes Foto-Bild-Werk mit Karlswiese&Orangerie samt Stinke-Finger (s. 1. Teil des Artikels). Das Bild konnte ich mit Genehmigung Weiweis für die symbolische Titel-Collage/Montage-Gestaltung meines 4. documenta-Buches verwenden; hierzu nochmals DANKE an Ai Weiwei! (Vgl. Bildergalerie-Fotos und (3).)
Die für ihre Märchen-Reise zur d12 benutzten schwarz-weißen Trolleys sind neben den Liegen in einem zur d12 benutzten Übernachtungs-Zelt im HdK zu sehen. Weiwei, der die klassische Künstlerpose für überholt und sentimental empfindet, fotografierte zur d12 die 1000 Märchen-Chinesen (Botschaft-Bilder), die an den Wänden des großen Raumes mit Baumwurzeln im HdK ausgestellt sind (Ganzkörper-Porträts in Frontal-Symmetrie).
Ai Weiwei ließ diese Chinesen in Kassel in Massen auftreten. Im HdK blicken die in Einzelporträts als Fototapete gestalteten Mäner und Frauen im Mittelsaal des Hauses herab auf Rooted upon von 2009: einen meditativen Totholz-Wald aus 100 Baumwurzelteilen; symmetrisch auf Soft Ground (2009) arrangiert, einem in der Provinz Hebei gewobenen Wollteppich von 380 Quadratmetern. Der Teppich imitiert in sorgfältiger Mimikry die Abnutzungsspuren der Solnhofener Platten des Museumsbodens. Die Architektur des Nazibaus wird damit teilweise zugedeckt.
Die NZZ (Sonna) hierzu:
Doch ein Teppich, so gross und plüschig er auch sein mag, entzieht der zentralen Ausstellungshalle im Haus der Kunst nicht wirklich ihre überhebliche, ja unmenschliche Dimension. (&) Das Resultat hat etwas von einer historischen Camouflage an sich.
Ein grafischer Abdruck der Zeitläufe und ihrer Verwerfungen ist entstanden, den sensitiven Chiffren des Malers Cy Twombly nicht unähnlich. Auf dem weichen Grund haben 100 jener romantisch knorrigen Baumstümpfe Platz genommen, die der chinesische Künstlerstar aus allen möglichen Regionen seiner Heimat gleich symbolischen Zeugnissen einer zerborstenen Kulturlandschaft herangeschleppt hat.
Mehr zum monumentalen Teppich, den Ai Weiwei hat fertigen lassen: Ai hat die 996 Solnhofener Bodenplatten im Haus der Kunst einzeln fotografiert und in Peking von 50 Teppich-Knüpferinnen nachweben lassen, minuziös, inklusive der Gebrauchs-Spuren aus 70 musealen Jahren und der Dendriten und Fossilien aus den 150 Millionen Jahren zuvor. 'Softground' ist ein Werk, das den Boden des NAZI-Baus zugleich versteckt und ausstellt, kopiert und verfremdet (! Süddeutsche Zeitung). Darauf stehen wurzelverknöcherte Strukturen, teils expressiv wie knotige Hände von Kokoschka, teils fremd und still und majestätisch wie paläontologische Funde.
An die (misslungene) d12 erinnert Weiweis Template (vgl. hierzu Weiwei am 30.09.09 in
http://aiweiwei.blog.hausderkunst.de/?tag=template):
Die Kunstfertigkeit der in der Weiwei-Ausstellung präsentierten Holzkonstruktionen lobte der Regime-Kritiker in seinem Blog. Anhand von historischen, detailgetreuen Modellen werden sie als Kunst präsentiert. Man kann sagen, dass Ai Weiwei sich in seinen Werken vor all jenen verneigt, die über Jahrtausende dieses große kulturelle Erbe geschaffen haben. (
http://aiweiwei.blog.hausderkunst.de/?p=882)
Ai Weiwei der seinen Krankenhaus-Aufenthalt in München für künstlerischen Aktivismus genutzt hat (Handybilder auf Twitter, Ausstellungsblog, Empfang von Journalisten an seinem Bett etc.) hatte mit der documenta 12 auch Pech: Das HdK erinnert an die Panne (Pleite) des vom Sturm zerstörten d12-Werkes Template: Ai zurückerinntert auch, wie sich handwerkliche Kunstfertigkeit in China unter kaiserlicher Gewaltherrschaft derart zu entfalten wusste. Die Münchner Institution, für die Leistungsschauen deutscher Kunst errichtet, sei dafür inhaltlich und formal der geeignete Rahmen, erklärte ein informierter Weiwei. Der Anti-Künstler konfrontiert den Ausstellungsbesucher mit einer Fülle an Objekten und gleich auch mit den geläufigen China-Zitaten und Klischees: in einer Kunstkritik ist zu lesen:
Holzschemel, Tempeltüren und -pfeiler aus der Qing-Dynastie. Webteppiche, die nicht nur chinesisches Textilhandwerk, sondern auch zart hingehauchte Tuschezeichnungen reminiszieren? Alles da. Fragile, kunstvoll bemalte Porzellanarbeiten? Süßwasserperlen? Rosenholz? Auch. Anklänge an die Tee-Zeremonie? Neolithische chinesische Vasen? Die gefüllten Apothekergläser eines mandschurischen Krämerladens? Jawohl, alles da.
Wie sein künstlerisches Vorbild Marcel DUCHAMP nutze Ai Weiwei die Assoziations- und Assimilationsmöglichkeiten industriell oder auch manufakturell entstandener Objekte, nur füge er diesem Katalog das ancient Readymade hinzu: Das er in eine neue, aktualisierte Daseinsform überführt: Den aus Holztüren der Ming- und Qing-Dynastie errichteten Tempel Template (2007), bei der letzten BUERGELiade-documenta in Kassel spektakulär zusammengebrochen, hat Ai Weiwei in der Mittelhalle wieder als Ruine aufgebaut. Die chinesischen Vasen des Neolithikums wurden derweil in Industriefarbe eingetaucht oder gleich zermahlen (Dust to Dust, 2009). Und eine Tonne duftender Teeblätter wurde zum schwarzen Kubus gepresst (Ton of Tea, 2006). (4)
Monumentaler Schriftzug Schulranzen-Ornament zum Verbrechen lächerlich & schlecht?
Weiwei entwickele im entnazifizierten HdK seine eigene Art monumentaler Propaganda ist zu lesen: An der Fassade des Ausstellungshauses bildet der Regime-Kritiker in großen Schwüngen den chinesischen Schriftzug ab: Sieben Jahre lang lebte sie glücklich in dieser Welt. Remembering (2009) heißt die Arbeit (s.oben). Und der Satz stammt von einer der vielen trauernden Mütter, deren Kinder im Mai letzten Jahres bei dem verheerenden Erdbeben in Sichuan umkamen. Der Ausstellungstitel So sorry bezieht sich auf die offizielle Parteilinie im Kontext der Naturkatastrophe: Statt Versäumnisse zu untersuchen, statt Alter, Anzahl und Namen der Toten herauszugeben, beschränkte sich die offizielle chinesische Seite angesichts von Trauer und Leid in oberflächlich ausgesprochenen Mitleidsbekundungen. (4) Weiwei hat die Tragödie seither nicht mehr losgelassen.
Sich in die Kunst zu retten, könne Elfenbeinturm bedeuten oder Gefängnis: Letzteres riskiere Ai Weiwei nun doch, nachdem er lange durch seine internationale Prominenz geschützt schien. Bei ihm sei alles, was er tut, sagt oder schreibt, politisch: Mag auch die ästhetisierende oder antikisierende Rezeption bei manchem der glatten, perfekt ausgeführten Exponate dem Auge schmeicheln, Inhalt und Hintergrund sind nicht nur mit der Geschichte, sondern vor allem auch mit den Widrigkeiten des heutigen China verbunden. (Ebenda in der Kunstkritik.) Ich bin mein eigenes Readymade, lässt der Künstler verlauten.
Die Kunstzeitung (SCHMID, Chefredakteur) bezweifelt indessen Ai Weiwieis künstlerische Potenz: Er genieße Immunität, seine Skulpturen und Installationen in Kassel & München offenbarten eine zum billigen Effekt neigende Haltung die völlig im Widerspruch zum vermeintlich ernsten Inhalt steht. Der Kunstjournalist meint: Allein jene lächerliche, bunte, völlig am dramatischen (Todes)Thema vorbeigleitende Schulranzen-Wandgestaltung ist skandalös schlecht. Fazit des KZ-Chef (5): Kurzum: So Sorry, sorry, ist eine Ausstellung, die mit viel PR, aber wenig mit Kunst zu tun hat.
Richtig ist: Weiwei rächt sich im Internet Blog-schreibend, Video-filmend und fotografierend am undemokratischen chinesischen System, stellt dessen Zensur-Behörde bloß und singt Loblieder auf das Internet, in dem seiner Meinung nach in den letzten zehn Jahren die wichtigsten politischen Debatten in China überhaupt erst initiiert wurden. Und treibt sie mutig voran ist zu lesen (4). Ein Anti-Kunst-Künstler vom Schlage eines Joseph BEUYS (jahrelang staatlich geförderter documenta-Star).
Symmetrische Gebilde, axiale Architekturen und Stadtentwürfe bieten sich geschlossenen, stimmigen und hierarchisch gegliederten Gesellschaftsordnungen als Repräsentationsschema an, schrieb Werner HOFMANN 1969 ((6); Hofmann förderte ars evolutoria später siehe Homepage art-and-science.de). Hingegen könne Asymmetrie in Opposition zu affirmativer Endgültigkeit, überheblicher Strenge und Feierlichkeit treten. Gegen derartige symmetrisch orientierte Herrschaftsarchitekturen rebellierte Weiwei eindrinlich mit dem Stinke-Finger (siehe oben). Asymmetrie benutzt Ai insofern im Werk damit vergleichbar meiner ars evolutoria -, dass Symmetriebrechung genutzt wird (= Asymmetrisation), die zu Mutationen mit neuen Symmetrien (= Symmetrisation) führt. (Siehe Bilderreihe.) Also geht es Ai Weiwei um Traditionen aufbrechenden Wandel, ohne zu zerstören! Dass Template in Kassel zerstört wurde (beinahe wurde Ministerpräsident Koch und der Bundespräsident Köhler vom wackligen Werk beim d12-Besuch erschlagen!), hat Ai natürlich nicht gewollt.
Neue Schönheit
Um neue Schönheit geht es Ai meines Erachtens - um ein Wort von Umberto ECO zu benutzen: Marcel DUCHAMP habe als hellsichtiger Vertreter
der Readymade-Revolte mit dem Urinoir/Fontäne-Readymade (s.o.) auf paradoxe Weise die Verklärung des Objekts durch die Funktion eindeutig denunziert, sagt ECO: Wenn der Prozess der Kommerzialisierung die Schönheit der Objekte schafft, dann lässt sich jedes gewöhnliche Objekt seiner Funktion als Gebrauchsgegenstand berauben und zu einem Kunstwerk umfunktionieren. Durch das neue Objekt habe der Künstler das Monopol auf die Bilder und die Schönheit verloren, glaubt ECO (irrtümlich) in seiner Schrift Die Geschichte der Schönheit. (Vgl. Weiweis Werk und ars evolutoria; (7), S. 377.)
Im autoritären China von heute und in Deutschland zu Nazi-Zeiten veranschaulich(t)en sozialistisch-marxistischer bzw. nationalsozialistischer Realismus die staatserhaltenden Werte; Idealbilder des angeblich Normalen und Gesunden, für deren Propagierung die KünstlerInnen im dogmatisch abgeschirmten Staat mit dogmatischem Kunst-Begriff zu sorgen haben bzw. hatten. Siehe hierzu auch den kommunistischen Dogmatismus in der DDR-Kunst.
Eine von allen Institutionen und Entfremdungen befreite und offene Welt, müsste notwendig auch die Kunst entinstitutionalisieren, folgerte HOFMANN mit Bezug auf die MARXsche Beschreibung einer Wiederkehr des Irdischen Paradieses
in der Deutschen Ideologie (1845/46; Hofmann ebenda (6), S.12). Ai Weiwei liebt die dadaistsiche Provokation; dies bewies er mit seinem staatlich geförderten documenta12-Auftritt und auch nunmehr im staatlichen HdK. Dass die documenta-Institution mit der BUERGELiade (d12) die fortgesetzte Lenkung des künstlerischen Geschehens auch 2007 betrieben hat, habe ich im 4. documenta-Buch nachgewiesen. (Vgl. (3).) Dass auch die keine maßstabsetzende Kunstauffassung der documenta 12 nicht zu den Beschützern der schöpferischen Kunst-Freiheit zu zählen ist, dokumentiert mein Internet-Mahnmal der 101 Verrisse (s.o.): das angebliche Weltkunst-Propaganda-Schaufenster der privatrechtlich agierenden staatlichen documenta-Institution wurde durch böse Kritiken heftig zertrümmert.
Nichtsdestotrotz: Die Politik(er) in Hessen und im Bund halten trotz des Buergeliade-Scherbenhaufens am veralteten und dringend reformbedürftigen - nicht-demokratischen sowie nicht ideologiefreien blickverengenden hessischen Aushängeschild documenta fest. Eine neue documenta-Bewusstseins-Bildung mit anderer (Natur-und-Kunst)Wirklichkeits-Aneignung forderte ich in Essays und diversen Web-Artikeln: eine Befreiung von Kunst und KünstlerInnen von starren documenta-Lehren - zwecks schöpferischer Erneuerung der Kunst und Reform des kulturell überholten bürgerlich-kapitalistischen (Kunst-Markt)Zeitgeistes. (Dazu diverse Internet-Artikel.)
Auch schlechte Kunst ist Kunst, hatte Marcel DUCHAMP einmal bemerkt, der gegen angeblich unanfechtbar Idealschönes gegen traditionelle regelsetzende erstarrte Kunst-Dogmen-Autorität -, durch Readymades-ins-Museum-bringen rebelliert hat. Siehe ECOs Meinung zu neuer Schönheit weiter oben. Der Anti-Kunst-Polit-Rebell Weiwei Pandabär der Kunstszene (SZ) habe Glück, dass China so böse zu ihm ist, denn hierzulande erregt er geradezu hysterisches Interesse, schrieb Alex RÜHLE in der Süddeutschen Zeitung: Dabei ist er kein Künstler aus Kalkül, sondern Ai Weiwei sei als Pandabär der internationalen Kunstszene: So schön tapsig dick, so ruhig und gutmütig - und akut vom Aussterben bedroht. Die SZ-Rühle weiter am 13.10.09.: Im Einführungstext des Kataloges heißt es, Ai sei einer der "einnehmendsten" Künstler unserer Zeit. Genau das macht die Gefahr aus. Seine Werke sind leicht konsumierbar, er gibt gerne humorvolle Interviews, und so wurde er zu einer Art Pandabär der internationalen Kunstszene(&).
Alex RÜHLE interpretiert Ai Weiweis Kunst so: "Ich gebrauche mich selbst
als Readymade", sagte er einmal. Die Ausstellung im Münchner Haus der Kunst, die erstmals einen Überblick über sein Gesamtwerk gibt, zeigt, dass genau das den Wert seines Werkes ausmacht. (&) Duchamp und Warhol, die prägenden Vorbilder für sein Werk (&) so wirken denn auch viele seiner Arbeiten wie aus den Sechzigern. Da wird Pop verschmolzen mit Aktionskunst, neolithische Vasen werden als Readymades mit Industriefarbe überzogen, mit dem Coca-Cola-Schriftzug versehen oder zu Staub zermahlen. Mehrere Nebenräume stehen voll mit getischlerten Werken, montiert aus Stühlen, Tischen, Tempelfriesen aus der Qing-Dynastie, die der frenetischen Modernisierungswut der letzten Jahrzehnte zum Opfer gefallen sind. (SZ 13.10.09:
http://www.sueddeutsche.de/kultur/425/490798/text/
In der FAZ kommentierte ich die HdK-Weiwei-Ausstellung (am 14. und 15.10.09 (7)):
Ai WEIWEI: Kein Nachfahre des ORNAMENT-Hassers Adolf LOOS
KUNST von Ai WEIWEI charakterisiert Niklas MAAK mit dem Begriffspaar Ornament und Verbrechen durch Adolf LOOS 1908 in einem polemischen Aufsatz bekannt geworden: Der moderne Mensch braucht das ORNAMENT nicht, er verabscheut es, war LOOS
These. LOOS sah es - evolutionär betrachtet richtig so: Der Mensch macht schon als Embryo und dann nach der Geburt alle Entwicklungsphasen des Tierreichs durch; Gedanken die Erich HAECKEL zuerst formulierte (als Biogenetisches Grundgesetz). Das Ornamentieren sei der Uranfang der Bildenden Kunst behauptete der Architekt; es sei beim Kind natürlich. A.L. hatte die Erkenntnis gewonnen, dass Evolution der Kultur gleichbedeutend sei mit dem Entfernen des Ornaments aus dem Gebrauchsgegenstand. Der Mensch könne angeblich kein neues Ornament hervorbringen, ORNAMENTLOSIGKEIT sei heute angesagt. Die Sklaverei des Ornaments solle man vergessen, alles Ornamentierte sei zu verachten (RÜCKSCHRITT). WEIWEI ist nicht als Nachfahre von LOOS zu sehen: Ai WEIWEIs Ranzenbild offenbart die Bildmacht des Massen-Ornaments allerdings gegen jene gekehrt, die mit ihm Propaganda betrieben. Es entstehe hier aus der Masse der Ranzen die Geschichte eines Opfers - stellvertretend für tausende, formuliert MAAK.
(Ein Leser TR- in der FAZ dazu am 15.10.: Interessant, Ihre Betrachtung, Werner Hahn (wernerhahn) - nur eines stimmt nicht: Adolf Loss war kein Ornamenthasser, das ist Unfug. In seiner Polemik 'Ornament und Verbrechen' spricht er sich gegen aus seiner
Sicht sinnfreies, also gesellschaftlich obsolet gewordenes Zierwerk aus. Wer sich mit der Ästhetik der Jahrhundertwende befasst, merkt schnell, dass das Ornament seinerzeit überwiegend das Niveau leeren Kitschs hatte. In diesem Zusammenhang sind seine Angriffe auf den damaligen Zeitgeist zu werten.)
Ai WEIWEI: Nachfahre des ORNAMENT-Verteidigers Henry van der VELDE
Dass ORNAMENTIK mit Symmetrien als geometrische Kunst gesehen werden kann, gleichsam als Akt der Ästhetik wie der Mathematik/Geometrie und (!) EVOLUTION, erkannte der Architektur-Theoretiker LOOS noch nicht. Der Zusammenhang von Geometrisierung und EVOLUTIONISIERUNG ist eine innovative neue Sichtweise. LOOS bekämpfte den Ornament-Verteidiger und Jugendstil-Wortführer Henry van der VELDE, der die gewaltlose, organische Überwindung der Museumskultur befürwortete. Und: HvdV hoffte auf eine wirkliche Vereinigung von KUNST und LEBEN!
WEIWEIs ORNAMENT-Liebe zeigt sich im RANZEN-Bild, KUBUS (Tee-Pressung), seinem Vogelnest-Beitrag (Olympische Spiele) und auch in der vom Sturm 2007 bei der BUERGELiade (d12) zerstörten Skulptur Template (Turm aus Holztüren); auch in dem Baumwurzeln-Irrgarten mit Teppich und in der Hocker-Kurven-Skulptur. WEIWEI arbeitet mit Installationen,
Performance und Fotografie(serien) als bekennender Nachfahre der Ready-made-Anti-Kunst sowie der Dadaismus-Rebellion mit Anti-Kunst und Nicht-Kunst des Protests, Schocks, Skandals (scandal-art). Im Dada-Geist machte er Fotos von Nackten und vom aufgerichteten Stinke-Finger vor Gebäuden: Reichstag, Weißes Haus, Orangerie in Kassel. Finger in offene Wunden?
Abschlussbemerkung zu ORNAMENT und Verbrechen
Schön, dass uns FAZ-Artikel zur EVOLUTION provozieren
Will uns die FAZ provozieren? so fragte ich an anderer Stelle:
Der FAZ-Satz, der mich irritierte lautete, es könne natürlich auch sein, dass der liebe Gott uns mit all dem Schmuck, den er so erfunden hat, nur ein wenig auf die Probe stellen will? Gemeint war z. B. auch das prächtige symmetrienreiche Pfauenrad-Gefieder. Ich empfahl Literatur-Studium zum Thema Pfauenrad-Evolution. Was dieser FAZ-Artikel aber richtig sah war: ORNAMENT ist KEIN VERBRECHEN, was HAECKEL mit seinen Kunstformen voller Symmetrien belegen wollte und konnte. Hierzu mehr in meinem Artikel DARWIN-Jahr 2009: Kampf um die SICHT der EVOLUTION und des Doppel-AUGES im WEB. Die ENTSTEHUNG des Pfauenrad-Gefieders konnte DARWIN nicht erklären. Die ENTSTEHUNG von (schönen) Natur-Formen wird durch
R. FRIEBE (FAZ) und DARWIN nicht erklärt, sondern vorausgesetzt. C.R.DARWIN 1860: (&) die Sicht einer Pfauenfeder (&) macht mich krank. (&) Anblick eines Pfauenschwanzes (&) wird mir schlecht! (Mehr am 11.01.09 -
http://community.zeit.de/user/wernerhahn/beitrag/2009/01/11/darwinjahr-2009-kampf-um-die-sicht-der-evolution-und-des-doppelau.)
Literatur Anmerkungen
(1) Siehe die Neue Zürcher Zeitung (nzz.ch) 21-11-09 zu Uli SIGG ehemaliger Schweizer Botschafter in China (1995-1998) und Kunstsammler, der AWW zur documenta förderte; besitzt eine der weltweit größten Sammlungen zeitgenössischer chinesischer Kunst:
http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/literatur_und_kunst/konfusionismus_1.4045594.html UND: NZZ online 21.11.09 Kunstkritik zu So Sorry v. Birgit Sonna Des Kaisers alte Kleider:
http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/literatur_und_kunst/des_kaisers_alte_kleider_1.4045591.html
(2) HAHN, Werner:
http://www.giessener-zeitung.de/giessen/beitrag/23132/haus-der-deutschen-kunst-fuehrer-kunst-und-neue-anti-kunst-weiweis-so-sorry-2009-1/
(3) HAHN, Werner: DOCUMENTA DEMOKRATISIERUNG. Wege zu einer Hessischen documenta Akademie mit d12Kritik. Gladenbach 2007 (Ausgestellt im Buchladen zur d12 in Kassel.)
(4) Kunstkritik:
http://www.artnet.de/magazine/reviews/pschak/pschak10-22-09.asp
(5) SCHMID, Karlheinz: Ai Weiweis künstlerische Immunität. In: Kunstzeitung, Nr. 159/November 2009, S. 03.
(6) HOFMANN, Werner: Kunst und Politik. Über die gesellschaftliche Konsequenz des schöpferischen Handelns. Spiegelschrift 1, Köln 1969 (Verlag der Galerie Der Spiegel).
(7) MAAK, Niklas: Kunst von Ai Weiwei Ornament und Verbrechen. In FAZ v. 13.10.2009