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Premiere des „Baumeister Solness“: Kirchtürme, Luftschlösser und Trolle

Christian Fries als Solness und Christin Heim als Hilde
Christian Fries als Solness und Christin Heim als Hilde
Gießen | Ein erfolgreicher Architekt in der Midlifecrisis. Ein von Gott enttäuschter Mann, der sich nach dem Tod seiner Zwillinge von seiner Ehefrau entfremdet hat. Ein junges Mädchen, das an ein freies Leben glaubt und in das Leben des älteren Mannes rauscht, weil sie ihn als Kind so sehr bewunderte. Das psychologische Drama „Baumeister Solness“ von Henrik Ibsen stammt aus dem Jahr 1892 und ist höchst aktuell. Am Samstag feierte die Inszenierung von Wolfram J. Starczewski im Großen Haus Premiere. Der Gastregisseur brachte eine dichte, zeitlose Interpretation zur Aufführung, die mit Christian Fries als Halvard Solness und Christin Heim als Hilde Wangel zwei starke Hauptfiguren aufeinander treffen lässt. Sparsamer Einsatz eigens für die Inszenierung komponierter Musik von Christopher Blenkinsop und ein stimmiges Ensemble boten einen beeindruckenden Abend.

Tag und Nacht hat Solness Angst, dass die Jugend kommt und an die Tür klopft- denn Jugend heißt Rache. Solness selbst hat einst seinen Lehrmeister Knut Brovik (Harald Pfeiffer) ins Abseits gedrängt, dieser hofft vor seinem Tod nur noch erleben zu können, wie Solness seinem Sohn
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Ragnar (Dominik Breuer) einen eigenständigen Auftrag abtritt. Doch die Jugend klopft nicht bloß überraschend an die Tür, sondern tritt einer Erscheinung gleich im gelben Regenmantel durch die technisch raffiniert gestaltete Klappbühne von Lukas Noll. Hilde, die vor zehn Jahren als Mädchen den Baumeister bewunderte, ist nun eine provokante, faszinierende Schönheit geworden. Es ist nicht auszumachen, ob Hilde ein Spiel mit den verbitterten Charakteren in Haus und Büro des Architekten treibt oder wirklich das vor langer Zeit versprochene Luftschloss ernsthaft vom Baumeister einfordert. Was zwischen ihm und dem Teenager Hilde genau passierte, als Solness bei der Einweihung seines letzten sakralen Baus auf den Kirchturm kletterte, bleibt eine offene Frage. Ebenso unklar ist die Haltung von Hausfreund Doktor Herdal (Roman Kurtz). Eine spannende Position nimmt Irina Ries als Buchhalterin ein, die sich von ihrem arroganten Chef magisch angezogen fühlt.

Im zweiten Akt werden die Schreibtische des Architekturbüros durch Blumentöpfe ersetzt, Aline Solness hegt sie wie die Kinder, die sie nach dem Verlust ihres Elternhauses verloren hat. Carolin Weber spielt die von Trauer zerfressene Frau mit zurückhaltender Intensität. Sie
Bühne von Lukas Noll: hell, offen und doch bedrückend
Bühne von Lukas Noll: hell, offen und doch bedrückend
sagt ihrem Mann, was der sowieso schon weiß: Er wird Aline nie wieder ein Zuhause bauen können. Nichts wird besser, wenn die beiden in ihr neues Haus mit dem großen Turm gegenüber einziehen, auch dort sind leer stehende Kinderzimmer geplant, die Geister der Vergangenheit lassen sich nicht abschütteln. Die Schuld am Tod der Kinder quält beide und sie können sie sich nicht gegenseitig abnehmen, Solness sieht das Glück seiner Frau gar als Opfer, das er für seine Karriere bringen musste.

Der Künstler wird zunehmend paranoid, er denkt er sei von Trollen besessen und alle hielten ihn für geisteskrank. Es wird ihm bewusst, dass er vielleicht wirklich Hilfe braucht, die Hilde ihm nicht geben kann, weil sie nur eine Projektionsfläche ist. Denn sie bewundert zwar ihr „Baumeisterchen“, aber nur, wenn er sich so stark gibt wie in ihren kindlichen Träumen und seinen Narzissmus befriedigt. Am Ende kämpft sowohl Solness um Hildes Liebe und Bewunderung als auch Aline um ihre Hilfe, denn nur noch Hilde dringt zu ihrem Ehemann durch. Der dritte Akt ist als Mauerschau angelegt: Solness will Hilde ein Held sein und den Kranz selbst auf dem Rohbau anbringen. Die anderen Figuren sitzen auf verkohlten Gartenmöbeln, alle sind allein. „Was steht dem Glück im Weg?“ ist der Produktion eine Leitfrage. Die Beziehungen sind geprägt von unausgesprochenen Verletzungen und Abhängigkeit. Hilde dient dabei als Katalysator eines Glücksversprechens. Im Laufe der Aufführung kehren die Figuren ihr Inneres mehr und mehr nach außen, faszinierend ist dabei die paradoxe Situation, die Handlungen nicht nachvollziehen zu können, gleichzeitig aber die Charaktere zu verstehen.

Weitere Vorstellungen am 28. November sowie am 05. & 19. Dezember und 14. & 29. Januar jeweils 19.30 Uhr im Großen Haus

Christian Fries als Solness und Christin Heim als Hilde
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Bühne von Lukas Noll: hell, offen und doch bedrückend
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Aline und Halvard Solness können ssich in ihrer Trauer nicht helfen
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von:  Fiona Sara Schmidt

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Interessensgebiet: Gießen
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