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Wir haben durchaus eine Menge mit Mexiko zu tun

von Anna Fletham 27.10.20091539 mal gelesenkein Kommentar
Die Gruppe Yarusch
Die Gruppe Yarusch
Gießen | Gießen. Ungefähr 60 Gäste drängten sich am Donnerstagabend im Café Amélie im DGB Gewerkschaftshaus,
um an der Eröffnung der Veranstaltungsreihe „Lateinamerika im 21. Jahrhundert“ teilzunehmen. Nach einem musikalischen Einstieg mit Liedern aus Lateinamerika, interpretiert von Francisco Pizarro und Jan Weinel, widmete sich Referent Luz Kerkeling von der Gruppe B.A.S.T.A. aus Münster dem Thema „15 Jahre zapatistischer Aufstand in Chiapas“.
Als Ursache für den Aufstand am 01. Januar 1994, bei dem vor allem die indigene Bevölkerung Chiapas eine Protagonistenrolle einnahm, nannte der Soziologe zum Einen das Freihandelsabkommen NAFTA zwischen den USA, Kanada und Mexiko, das am gleichen Tag in Kraft trat. Durch das Abkommen sei es für mexikanische Landwirte nicht mehr länger möglich gewesen, sich gegen subventionierte Großunternehmen zu behaupten, womit ihnen ihre Existenzgrundlagen entzogen worden sei, erläuterte Kerkeling, der für zwei Jahre in Chiapas lebte. Zum Anderen sei mit dem Abkommen auch das Recht auf unveräußerliches Gemeindeland abgeschafft worden, so dass Land ab diesem Zeitpunkt privatisiert werden konnte,
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was mit der Lebensweise der Indigenen nicht vereinbar ist. Als dritten Grund für den Aufstand nannte Kerkeling den offenen Rassismus gegen die indigene Bevölkerung, die in Chiapas 30 Prozent ausmache, sowie die hohe Sterblichkeit. Besonders Frauen hätten es nicht länger hinnehmen wollen, dass ihre Familien an heilbaren Krankheiten starben. Da die bisherigen Proteste, Demonstrationen und Gründungen von Gewerkschaften erfolglos geblieben seien, sei es am Neujahrstag im Jahr 1994 dann zum bewaffneten Aufstand der ELZN Ejército Zapatista de Liberación Nacional (Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung) gekommen, was einerseits zu einer enormen Solidaritätsbewegung in Mexiko und außerhalb, andererseits zu einer enormen Militarisierung durch die mexikanische Regierung geführt habe. Es gebe keine genauen Zahlen, wieviele Soldaten sich in Chiapas befänden, allerdings seien sie mit deutschen Waffen ausgerüstet. „Auch Deutschland profitiert von der Situation dort. Wir haben durchaus eine Menge mit Mexiko zu tun,“ so der Referent.
Zwei Wochen nach dem bewaffneten Aufstand sei es dann zu einer friedlichen Mobilmachung von unten gekommen, was bis heute funktioniere. Ohne Geld von der Regierung anzunehmen, sei es den zapatistischen Dörfern
Luz Kerkling (li) und Björn Alexander Manuel (re)
Luz Kerkling (li) und Björn Alexander Manuel (re)
und Gemeinden gelungen, Strukturen in den Bereichen Bildung und Gesundheit aufzubauen, die Kultur der indigenen Bevölkerung zu bewahren, Land zu verteilen und den Bauern so wieder eine Existenz zu geben. Als Beispiele nannte Kerkeling die niedrigere Sterblichkeit sowie Schulen, in denen Kinder sowohl Spanisch als auch ihre indigene Sprache lernten. In den zapatistischen Gemeinden, die kein geschlossenes Territorium bilden, sondern sich mit regierungstreuen Gemeinden abwechseln, bildete sich nach dem Aufstand ein „Rat der guten Regierung“, dessen Mitglieder Angelegenheiten im Dorf regeln, dabei aber weiter ihrer Arbeit nachgingen und keine „Berufspolitiker“ seien. Damit wolle man die Bildung einer politischen Führungselite verhindern.
Das Besondere bei den Zapatisten sei zum Einen die Mischung aus Befreiungstheologie, Marxismus, Anarchismus und Kommunismus, weshalb man sie in keine Schublade stecken könne.
Dies erklärt auch das Motto „Wir wollen eine Welt, in der viele Welten Platz haben“ und die zahlreichen Bündnisse mit anderen Gruppen. Zum Anderen sei das Verständnis von Solidarität etwas völlig Neues, da nach den Zapatisten die gröte Solidarität mit ihrer Bewegung im Kampf gegen Unterdrückung im eigenen Umfeld bestehe.
Innerhalb der mexikanischen Regierung sei die Bewegung aber umstritten, da ein Teil auf die Wahlen setzten. Im Moment sei die Lage in Mexiko angespannt, da sich 2010 die Mexikanische Revolution zum einhundertsten Mal jährt. Diesen Eindruck hatte auch Björn Alexander Manuel, Student der Politikwissenschaften in Marburg, der als Menschenrechtsbeobachter zwei Monate in Chiapas war und eine sehr hohe Militärpräsenz miterlebte.
Im Rahmen der Veranstaltung wurde auch eine Ausstellung lateinamerikanischer Künstlerinnen aus Gießen eröffnet, die unter anderem das Thema „Vertreibung“ behandelt. Den Abschluss des Abends gestaltete die Gruppe „Yarosh“ mit folkloristischen Liedern aus Lateinamerika.
Die nächste Veranstaltung „Solidarität mit Honduras“ wird am 26. November um 20 Uhr im Café Amélie stattfinden.

Die Gruppe Yarusch
Die Gruppe Yarusch 
Luz Kerkling (li) und Björn Alexander Manuel (re)
Luz Kerkling (li) und... 

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