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Häufige Krankheiten sind häufig...

Gießen | „Es gibt Patienten, die mich schon seit Jahren nerven,“ sagte mein Freund, der Psychiater. „Aber zu ihrem Hausarzt lassen sie sich auch nicht abschieben. Es gibt Menschen, die lassen sich einfach nicht helfen... Und diese Menschen würde ich oft am liebsten mit Worten sezieren,“ lächelte mein Freund. „Oder soll ich sie wie den Gregor Samsa verzaubern? Dann wäre ich so mächtig wie ein Kind, das an den lieben Gott glaubt, um gleichzeitig das Ungeziefer zu zerquetschen. Dabei verberge ich hinter meiner freundlichen Miene eine gewisse Schläfrigkeit und meine Bewegungen kommentieren nur sparsam das Gespräch. Meine Augen aber sagen dann:
Ich bin schon zu lange auf der Welt, um nichts für unmöglich zu halten…
Da ist so manches Gespräch, das ich nur ertragen kann, wenn ich in die Rolle des Zuhörers schlüpfe. Aber zu jedem Spiel gehört auch der dramatische Entwurf. Also animiere ich diese Quälgeister, die sich nicht helfen lassen wollen, über das zu reden, was ihnen schon immer auf der Seele brannte. Und schon beantworten sie Fragen, die ich so noch nie gestellt hatte. Und dabei entsteht plötzlich eine Form der Vertraulichkeit, die sich wie belastendes Material einsetzen ließe, wenn ich dann diesen Menschen schaden wollte,“ sagte mein Freund, der Psychiater sachlich.
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„Je freundlicher ich aber werde, desto eher verstecke ich mich hinter den Befunden meiner Kollegen. Denn es gibt keinen Arzt, den diese Quälgeister nicht schon einmal aufgesucht hätten. Und je umfangreicher die Krankenakte wächst, desto öfter entdecke ich in den Arztbriefen Kommentare, die diesen Dauernörgler, der gerade vor mir sitzt, treffend beschreiben. Und manchmal höre ich geradezu den genervten Ton, der durch diese Arztbriefe zieht.
-Dass man ihren Fall nur so beurteilen kann…- schüttele ich dann überrascht den Kopf, um nicht ironisch zu werden. Denn Ironie würde diese Menschen verletzen. Und das wiederum haben sie auch nicht verdient. Und so lese ich in den Arztbriefen weiter:
-… in der Beschreibung ihres Stuhlganges hatte es Frau X zur größten Perfektion gebracht…-
Nun sitzt diese Patientin, der es schon seit Jahren immer schlechter geht, noch immer da ohne eine Diagnose, die sie akzeptieren will. Und schon habe ich den Hörer in der Hand, um den nächsten Spezialisten anzurufen.
Nur wenige Tage später sitzt diese Patientin erneut vor meinem Schreibtisch, um das neue, also alte –Fehlurteil- abzulehnen.
-Mein Professor-, lächele ich dann, -sagte immer: Häufige Krankheiten sind häufig und seltene selten…-
-Genau-, nickt dann Frau X und fühlt sich von mir verstanden…“

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von:  Dr. Mathias Knoll

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