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„Nennen Sie mich meinethalben einen Soldaten der Revolution“ – Wilhelm Liebknecht, ein gebürtiger Gießener

Wilhelm Liebknecht
Wilhelm Liebknecht
Gießen | Teil 4: Londoner Lehrjahre und die Rückkehr nach Deutschland


Zürich-London, Marx & Engels
Neben den radikal-demokratischen Forderungen, die Wilhelm Liebknecht während der 48-Revolution verinnerte und verteidigen half, prägte der Sozialismus seine Sichtweise der Dinge. Wilhelm Liebknechts Aufenthalt in Berlin legte den Grundstein für seine weitere weltanschauliche Entwicklung und machte ihn mit einem Werk Friedrich Engels gekannt. Über eine literarische Brücke schritt er zum wissenschaftlichen Sozialismus. Demnach schreibt Liebknecht: „Ein Student aus dem Rheinlande machte mich auf ihn aufmerksam, und mit wahren Heißhunger verschlang ich „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“. (Liebknecht. Erinnerungen S. 199).
Wie viele der damaligen linksorientierten Studenten kam er über den Umweg der utopistischen Sozialisten, wie den Franzosen Fourier und Saint-Simon oder dem Engländer Owens zu einer weit tiefgründigeren und praxisbezogeneren Kritik der erblühenden kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Eine frühe Erscheinungsformen des utopistischen Sozialismus finden wir in der von Thomas
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Morus Schrift „Utopia“ (1516). Zwar malen diese frühen Sozialisten eine befreite Zukunft des dritten Standes und später des Proletariates in poetischen Farben; eine konkrete, wissenschaftliche Analyse und das Ausarbeiten realer Maßnahmen, wie das bestehende System zu überwinden ist, unterbleiben, oder sind wie die „kommunistischen Siedlungen“ Owens in Amerika zum Scheitern verurteilt. Umso einschlagender haben die Thesen Friedrich Engels auf Wilhelm Liebknecht gewirkt. „Es [Das Buch „Die Lage der arbeitenden Bevölkerung in England“] gab mir Boden unter den Füßen“. (Liebknecht. Erinnerungen S. 199).
Zum ersten persönlichen Kontakt mit Engels erfolgte in seiner Schweizer Exilzeit nach der Niederschlagung der Badener Aufstände. Im Spätsommer des Jahres 1849 traf Liebknecht mit zahlreichen „Volksführern“ der gescheiterten Aufstände zusammen. Deren Nimbus verschwand bei näheren hinsehen in den Augen des 23jährigen, während er im Hinblick auf sein Zusammenkommen mit Engels anerkennend schrieb: „Hier war zu ersten Mal einer, zu dem ich aufblicken musste. He was a man! Und ich wusste nun, wohin ich gehörte. Mein persönliches Verhältnis zu Marx wurde eingeleitet.“(Liebknecht. Erinnerungen S. 201). Im Jahr 1850 sollte dann der „Soldat der Revolution“ seinem General, wie Engels aufgrund seiner militärtaktischen Kenntnisse auch genannt wurde, nach London ins Exil folgen.
Friedrich Engels
Friedrich Engels
Wilhelm Liebknechts Versuche, die zahlreichen deutschen Emigranten-Arbeiterbildungs-vereine unter seiner Führung zu vereinen, scheiterte mit dem „Revolutionstag von Murten“. Karl Vogt, ebenfalls Gießener Emigrant, schwärzte nach Meinung Liebknechts die Mitglieder der nach Murten zu einen Kongress gereisten Vertreter der Arbeiterbildungsvereine an, einen bewaffneten Einfall nach Deutschland“ geplant zu haben. Die Ausweisung aus der Schweiz erfolgte nach einer sechswöchigen Haft. Das Ziel vieler Ausgewiesenen hieß London.

Der Schüler lernt von seinen Meistern
In den Schilderungen seines Lebens kommt Liebknecht gerne auf seinen verkappten Wunsch zurück, als Schulmeister seinen Unterhalt, ja seine Erfüllung zu finden. Dies ging sogar so weit, dass er von Zeit zu Zeit seinen Lebensweg in Frage stellte: „Man kann seinen Beruf verfehlen, aber nicht seine Natur ändern, Man kann sie verhunzen, am kann sie veredeln, aber Natur bleibt Natur, auch in verschiedenster Gewandung, Und von Natur bin ich Schulmeister, und ich habe allezeit bereitwillig, manchmal sogar zerknirscht, zugestanden,
Karl Marx
Karl Marx
daß ich als Politiker meinen Beruf verfehlt habe.“
(Liebknecht. Erinnerungen S. 217). Versuche, eine Laufbahn als Lehrkraft zu beginnen, scheitern an seiner Abneigung gegenüber dem Staatsdienst und religiös-politischen Hürden, die die damaligen Herrschenden ihm in den Weg stellten. Bereits damals war das berühmte „Vitamin B wie Beziehungen“, zu Liebknechts Zeiten als „Konnexionen“ bezeichnen, sehr hilfreich, um sich im Wettstreit um Posten, Macht und Einfluss eine gute Ausgangbasis zu beschaffen. Wilhelm Liebknecht hatte nicht die „Konnexionen“, die die damals Herrschenden als förderlich ansahen. Seinen Plan, in Amerika sein Glück in einer agrarischen Kommune zu suchen, wurde durch ein Treffen mit Dr. Ludolf, Oberlehrer am Fröbelschen Institut in Zürich durchkreuzt. Das Angebot, als Lehrer an der Musterschule in der Schweiz neue Lehrmethoden auszuprobieren und so die ursprünglichen Planungen für seinen Lebensweg in Deutschland nun doch im Ausland umsetzen zu können, zogen Liebknecht in die Schweiz. Sein Engagement in der Badischen Revolution 1849, seine Versuche, die deutschen Arbeitervereine in der Alpenrepublik zu einer schlagfertigen Organisation zu verschweißen und seine erzwungene Flucht nach London legten Grundsteine dafür, dass Wilhelm Liebknecht in der Zeit seines Londoner Exils von 1850 bis 1862 zum Lehrmeister zum Schüler wurde: Er ging in die Lehre zweier Personen, die bereits mit wissenschaftlichen Analysen des kapitalistischen Systems einen große Eindruck auf den Deutschen gemacht haben: Karl Marx und Friedrich Engels.

Stolz resümiert er über seine Londoner Lehrzeit: „Denn nun kam ich richtig in die Lehre: in die Lehre bei Marx und Engels und in die Lehre bei John Bull, dem großen Praktikus, der allein das Kunststück versteht, aus unseren deutschen Schädeln die Spinngewebe der Philosophie und der Ideologie auszufegen, [...]“ (Liebknecht. Erinnerungen S. 202). – John Bull ist ähnlich wie eine Personifikation Großbritanniens, vergleichbar mit dem „Deutsche Michel“. Die Figur ist meistens als molliger Herr mit Kniebundhosen, Frack und einer Weste, auf der die Flagge (Union Jack) prangt, dargestellt-

Im Emigrantenviertel der britischen Hauptstadt kommt zu zu engen Verbindungen unter den Flüchtlingen. So wohnen Marx, Engels und Liebknecht dicht beieinander und es kam zu regelmäßigen Treffen, die weit über die politische Arbeit hinausgehen. „Mit Engels war ich nicht in so ununterbrochen Verkehr wie mit Marx, in dessen Haus ich während der dreizehn mageren und doch unendlich fruchtbaren Jahre meines Londoner Flüchtlingslebens wohl nur wenige Tage gefehlt habe“ (Liebknecht. Erinnerungen S. 202). Auch politisch näherte sich Liebknecht seinen Meistern an. Dieses Annähern darf man sich allerdings nicht ohne Meinungsverschiedenheiten der beiden Seiten vorstellen, sondern lief unter zum Teil heftigen Schelten, beisenden Spotts und wortgewaltigen Tadel Marx und Engels an den in den Badener Revolution geformten Auffassung ihres Schüler von Demokratie, Freiheit und dem Staatswesen ab.

Die Emigrationszeit verlangte einen klare Einordnung in die verschiedenen politischen Denkrichtungen. Interessant ist eine Szene, die Liebknecht in seinen Erinnerungen als „Examen“ beschreibt. Gleich einer mündlichen Prüfung erkundigen sich Marx und Engels nach der Haltung des Flüchtling. Dabei unterstreicht Liebknecht energisch, dass er bereits seit 1846 Kommunist gewesen sei und bei seiner Verteidigung vor einem Schwurgericht nach gescheiterter Revolution in Baden (Struve-Putsch), sein „kommunistisches Glaubensbekenntnis nicht verleugnen wollte“. Das „Examen“ verlief zur Zufriedenheit aller Beteiligten. Als im Spätsommer ein Richtungsstreit in deutschen Arbeiterverein ausbrach, schlug sich Liebknecht auf die Seite Marx und seines „Kommunistenbundes“.

In der Folgezeit kommt es zu einem Auf und Ab in der Bewertung der Leistungen Liebknechts. Besonderes die journalistische Leistung für das Blatt „Politische Rundschau“ und andere Artikel erregen den zum Teil derben Zorn: „Liebk[necht]ist ebenso schriftstellerisch unbrauchbar wie er unzuverlässig und charakterschwach ist, wovon ich näheres wieder zu berichten haben werde. Der Kerl hätte diese Woche einen definitiven Abschiedstritt in den Hintern erhalten, zwängen nicht gewisse Umstände, ihn einstweilen noch als Vogelscheuche zu verwenden“ (Marx an Engels, 25. 5. 1859. MEW Band 29, S. 442). Auch Engels beschwert sich über den Unzulänglichkeiten in der Arbeit Liebknechts und seine Erwartungen nach Eingaben seiner Vorbilder, die ihm alles “ready cooked” und „vorgekäut“ servieren. Das Übersiedeln Wilhelm Liebknechts nach Preußen in Jahr 1861 bringt neuen Schwung in seine politische Laufbahn, hat aber auf der anderen Seite Lob und Tadel aus London zu bedeuten.

Zurück in Deutschland – zurück in Berlin
Nach den finanziell mageren Exiljahren bekam Wilhelm Liebknecht 1861 ein Angebot als Redakteur bei der neugegründeten „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“. Gründer des Blattes war August Braß, ein Mann, den Liebknecht noch „von 1848 als blutrote[n] Demokrat[en] kannte (Liebknecht. Erinnerungen S. 300). Der Umzug erfolgte Mitte Juli und rasch fand der Neuberliner Anschluss an die Arbeiterbewegung in Deutschland. Genauso rasch musste er allerdings feststellen, dass August Braß nicht mehr der Mann gewesen war, den er während der revolutionären Wogen 1848 kennen gelernt hatte. Zum einen belastete die verschiedene Auffassung der Aufgaben als Redakteur die Verhältnisse: Braß war von den Gehaltsforderungen Liebknechts des öfteren brüskiert, Liebknecht stieß sich an der politischen Ausrichtung seines Arbeitgeber, den er in enger Verbindung mit Fürst von Bismarck sah, der im Jahr 1862 von preußischen König Wilhelm I zum Ministerpräsidenten ernannt worden war. Der Verdacht erhärtete sich: „Zunächst setzten wir [damit ist Liebknecht und sein Kollege Robert Schweichel] Braß die Pistole auf die Brust. Er leugnete mit der unschuldigsten Miene von der Welt jede Beziehung zu Bismarck und überhaupt zu Regierungskreisen“ (Liebknecht. Erinnerungen S. 302). Später gelang es den beiden, einen Eingabe der Regierung abzufangen, die in der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“ veröffentlicht werden sollte. Schweichel und Liebknecht lösten nach ihrer Enthüllung das Arbeitsverhältnis, besonders für Liebknecht ein schwerer Schritt, bedeutete dies doch den Wegfall seiner Einkommensquelle. Das Problem wog umso schwerer, da er seine Familie von London nach Berlin hat kommen lassen.

Zeitgleich zu Wilhelm Liebknechts Rückkehr nach Deutschland nach die Vernetzung der Arbeitervereine an Fahrt auf. Im wesentlichen ist dabei an den „Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein“ unter Ferdinand Lasalle zu denken.
Wie Liebknecht sich gestalterisch in die Arbeiterbewegung einschaltete, im Parlament auftrat und zum Mitbegründer einer geeinten Partei der Arbeiterklasse wurde, lesen Sie im fünften und letzten Teil der Reihe.

Wilhelm Liebknecht
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Friedrich Engels
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Karl Marx
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Kommentare zum Beitrag

Dr. Mathias Knoll
7.529
Dr. Mathias Knoll aus Gießen schrieb am 07.10.2009 um 21:43 Uhr
In Zeiten universeller (Selbst) Täuschungen ist es immer revolutionär, wenn da einer unbequeme Wahrheiten ausspricht.

Danke für Ihren gelungenen Artikel !
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
Auf www.giessener-zeitung.de kann jeder aus seinem Ort berichten. Lokaler geht's nicht!

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Herzlichst, Ihr(e) Valentin Hemberger

von:  Valentin Hemberger

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Interessensgebiet: Gießen
Valentin Hemberger
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