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Radio mal anders: Das Format ist, dass es keins gibt!

Gießen | Professioneller Hörfunk ist in der Krise. Media-Analysen belegen, dass die Hörerzahlen sinken, bestenfalls stagnieren. Die Platzhirsche öffentlich-rechtlicher Anstalten bemühen sich, Frequenzen zu belegen, um die kommerzielle Konkurrenz im Zaum zu halten. Gleichzeitig drängen immer mehr nicht-kommerzielle Bürgerfunk-Projekte in Nischenmärkte. Doch die eigentliche "Bedrohung" funkt aus dem Internet. Der kleine Internet-Sender "Democracy Online Radio" zeigt beispielhaft, warum solche Angebote gerade für Fans spezieller Musik so interessant sind.

"Hier ist wieder Euer Blues Country" quäkt eine fast schon professionell klingende Stimme aus dem Lautsprecher des Notebooks. Seine Musik am Donnerstag abend, wie jede Woche seit einem halben Jahr: Bluesrock, unbekannte Country-Perlen, Jazz oder Bluegrass. "BluesCountry" ist das Pseudonym des Hamburger Moderators - sein richtiger Name ist hier unwichtig. Seine Fangemeinde ist klein, aber konstant. Blues-Countrys Motivation:

"Ich finde an diesem Webradio einfach interessant, dass man nicht in Formate eingeschnürt ist, und dass meine Musik, die man sonst kaum im kommerziellen
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Radio hört, genauso ein Forum findet wie Mainstream-Pop, Punk, Klassik oder Techno. Das Format ist, dass es keins gibt! Gerade das gefällt mir - außerdem macht das selber Moderieren auch großen Spaß und ist mit wenig Aufwand zu bewerkstelligen."

Mit der Möglichkeit, auf Format zu verzichten, bieten Internetradios wie "Democracy Online Radio" (DORA) genau das, was andere - herkömmliche - Radios heutzutage nicht mehr bieten (können). Das privat finanzierte, nicht kommerzielle Projekt "DORA" entstand in Anlehnung an die Internet-Politik-Community "www.dol2day.com", so einer der Mitinitiatoren, Pseudonym: Deejay.

"Wir wollten einfach auch multimediale Möglichkeiten des Internets nutzen. Und viele User der Community haben großes Interesse an Musik und tauschen sich auf der Plattform auch darüber aus. Was lag da näher, als ein eigenes Webradio zu machen? Inzwischen haben wir sogar einige Stammhörer außerhalb der Community, über persönliche Kontakte sogar in den USA oder Norwegen!"

Inzwischen ist "DORA" für die Macher mehr, als nur ein Nebenprodukt ihres Online-Hobbies. "Deejays" eigene Show - DJ's Jukebox - hält den Techno-Jüngern einen Sendeplatz frei. Hier kann er entspannt das spielen, was dem Hörfunk-Journalisten beruflich versagt bleibt - nicht massentauglich.

Nach ihm sendet in reinstem Hessisch "Reim-und-Klang" - der Name seiner Sendung - (H)ear-Adventure - ist Programm, sagt er:

"Ich möchte mit meiner Sendung den ernsthaften Versuch unternehmen, die Vielfalt der Kunstform Musik abzubilden. Hierbei gehe ich auch oftmals musikalisch an meine persönliche Schmerzgrenze heran oder auch darüber hinaus. Ich will mit Hörgewohnheiten brechen, den Leuten ein Kontrastprogramm liefern – quasi ein Hörerlebnis anbieten und von ihnen mitgestalten lassen.“

Das reizvolle an solchen Internetradios ist der Platz für das nicht-massentaugliche Individuelle, bei dem Technik und Profession an zweiter, und die Vielfalt der Musik an erster Stelle steht. So kommen auch User wie "DJ Viva" zu einem Medium, das sie vorher nur als Konsument kannten - und immer häufiger abschalten. Jetzt moderiert DJ Viva seine eigene Sendung:

"Ihr dürft Zeugen werden bei einer Party, bei der Senora Folk und Mr. Punk mit ihren erwachsenen Kindern Cowpunk und Punkfolk sowie den Bastarden Countryrock und Bluesrock, dem Opa Blues und der Oma Country, Sidestepps zu Reggae und Ska machen“

Insgesamt rund ein Dutzend Moderatoren setzen sich bei Democracy Online Radio (DORA) mehr oder weniger regelmäßig die Headsets auf und funken mit einfachen Freeware-Programmen vom heimischen PC in den weltweiten Internet-Äther. Finanziert wird das Radio von den Vereinsmitgliedern und Betreibern des dol2day e.V.

Auch wenn die Hörerzahlen mit 5 bis 30 Hörern pro Abend bescheiden sind - seit einem dreiviertel Jahr gibt es "DORA" nun schon - im Meer der zig tausend privaten Internetradios eine durchaus respektable Leistung. Und das Geheimnis liegt wohl darin, dass außer dem "Claim" wenig an herkömmliches UKW-Radio erinnert:

"Democracy Online Radio - On Air für Dich!" jingled es für jeden, der auf http://dora.dol2day.com den "tune-in-Knopf" klickt. Eigentlich müsste es heißen: "On-line für dich". Aber ein kleines bisschen hängen eben auch Internet-DJ's noch an den historisch gewachsenen Gewohnheiten des guten alten UKW-Radios...

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