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Pilze sammeln im Spannungsfeld von Naturschutz und „Waldsterben“

Gewiss nicht vom Aussterben bedroht: der "Grünblättrige Schwefelkopf", ein häufiger Giftpilz.
Gewiss nicht vom Aussterben bedroht: der "Grünblättrige Schwefelkopf", ein häufiger Giftpilz.
Gießen | Die Ortsgruppe Linden des NABU veranstaltet am Samstag, dem 10. Oktober um 14:00 (Treffpunkt ist Parkplatz Oberhof zwischen Gießen und Leihgestern) eine waldökologische Pilzexkursion unter der Leitung von Dr. Wolf-Dieter Dägling, in der geläufige Pilzarten hinsichtlich ihrer Identifikation, Ökologie und naturfreundlichen Verwertung besprochen werden. -
Jedes Jahr freuen sich die Pilzfreunde mit dem Ausklang des Sommers auf die Saison der wildwachsenden Pilze. Sie denken an ausgiebige Wanderungen in herbstlichem Sonnenschein und – wenn sie nicht von rein platonischem Naturinteresse geleitet sind - halten Ausschau nach den Fruchtkörpern von Speisepilzen. Doch diese scheinbare Idylle ist nicht ungetrübt. Meldungen aus Fachkreisen zufolge stehen bereits über ein Drittel der einheimischen Großpilzarten auf der Roten Liste, d. h. sind in ihrem Vorkommen rückläufig oder gar vom Aussterben bedroht. Zugleich scheint sich im Mittel mehrerer Jahre auch die Menge der alljährlich gebildeten Pilzfruchtkörper zu verringern, die ja nicht etwa wie unsere Kulturpilze für die Ernte durch den Menschen bestimmt sind, sondern als Nahrungsquelle für Wildtiere und vor allem bei der Arterhaltung des Pilzes eine wichtige Rolle im Naturhaushalt spielen.
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Der Rückgang des Pilzreichtums muss unweigerlich einen jeden Pilzfreund beunruhigen und wirft die Frage nach den Ursachen und Lösungen auf. Wer über einen ökologisch geschärften Blick verfügt, bemerkt bereits seit Jahren, dass auch jene Flächen im Walde schwinden, die als typischer Fundort für die Fruchtkörper bodenbewohnende Großpilze gelten: gemeint ist der unter einer geschlossenen Laubkrone nur von Humus und Laub- bzw. Nadelresten bedeckte Waldboden, auf dem im Sommer jedwede Krautschicht fehlt. Statt dessen dehnen sich von Brombeeren oder Brenn-Nesseln bewachsene Flächen aus, auf denen sich kaum die Fruchtkörper charakteristischer Waldpilze finden. Die Ursache hierfür verrät ein Blick in die Kronenschicht des Waldes, welche auf immer mehr Waldflächen so viel Licht durchlässt, dass sich am Boden eine üppige Krautschicht entfalten kann. Diese besteht indes nicht, wie es bei auf natürliche Weise absterbenden Kronen zuträfe, aus Pflanzenarten, welche eine nur moderate oder gar mangelhafte Versorgung mit Nährelementen anzeigen, wie für die meisten ursprünglichen Waldböden typisch. Statt dessen finden sich Zeigerpflanzen für eine überreichliche Versorgung mit Stickstoff wie die Brenn-Nessel.
Tatsächlich ist nachgewiesen, dass seit etwa anderthalb Jahrzehnten der Stickstoff eine wachsende Rolle bei der Verursachung der Waldschäden spielt. Diese Element ist an sich für das Wachstum der Pflanzen unbedingt erforderlich, doch wenn es im Übermaß angebotenen wird, führt es zu Schädigungen sowohl in der Krone als auch im Wurzelbereich, wo u. a. die mutualistische Symbiose zwischen Waldpilzen wie z. B. dem Pfifferling oder Steinpilz mit den Feinstwurzeln der Wirtsbäume gestört wird. In Süddeutschland wurde davon bereits stellenweise eine 35 mal höhere Konzentration als in unbelasteten Gebieten gefunden. Zum Vergleich: Der Bedarf an Mineralien wie Natrium für die menschliche Ernährung kann bedenkenlos durch unbelastetes Quell- oder Mineralwasser gedeckt werden, während die alleinige Ernährung durch Meerwasser mit der ebenfalls rund 35fachen Konzentration für den Menschen tödlich wäre.
In den 80er Jahren sagte man ein großflächiges Absterben ganzer Wälder voraus. Diese Katastrophe ist ausgeblieben, was dem beherzten Eintreten großer Teile der Bevölkerung für die Rettung des Waldes zu verdanken ist: Engagierte Politiker setzen daraufhin gegen den Widerstand der Industrie die Einführung von Entschwefelungsanlagen sowie den Katalysator für Kraftfahrzeuge durch. Diese Maßnahmen konnten die damalige Hauptursache, die Schwefelemissionen, auf etwa ¼ senken und das weitere Voranschreiten der Walderkrankungen zunächst aufhalten. Heutzutage mag der waldökologische Laie verführt sein zu meinen, der Wald sei doch grün und somit sei doch alles wieder in Ordnung. Wie alleine die Kronenauflichtung zeigt, ist dies keineswegs der Fall. Man möge sich auch klar machen, dass viele pathogene Störungen in der Physiologie des Baumes bereits schon lange bestehen, bevor sie äußerlich sichtbar werden. Es ist etwa so ähnlich, als wolle man bei einem Menschen mit einer Blinddarmentzündung die Krankheit anhand der bloßen Betrachtung des Körpers ablesen. Tatsache ist, dass die Schäden am Wald im Verlaufe der zurückliegenden 25 Jahre weiter zugenommen haben und längst auch auf die Laubbäume übergegriffen Haben. So gelten 52% de Eichen als „deutlich geschädigt“.
Die Quellen für die Zunahme des Stickstoffeintrags sind ebenfalls längst ausgemacht: zum einen ist es der fortschreitend zunehmende Straßenverkehr mit immer mehr Fahrzeugen, die immer größere Strecken zurücklegen. Zum anderen entstammt der Hauptteil der Stickstofflast der industriellen Landwirtschaft, welche die Erträge zu steigern sucht sowohl im Ackerbau durch Kunstdünger als auch in der Viehzucht durch eiweißreiches Mastfutter. In beiden Fällen wird eine enorm hoher Stickstoffmenge verabreicht, die nur zum kleineren Teil vom Empfänger in Biomasse umgesetzt wird und statt dessen zum größeren Teil letztlich als Ammoniak in die Atmosphäre entweicht. Hier liegt es auf der Hand, dass eine Abhilfe nur von ganz oben, also auf der Regierungsebene erfolgen kann, indem mit politischen Mitteln allgemeingültige Regelungen für die Landwirtschaft zum Erhalt nicht nur des Waldes sondern unserer Natur überhaupt durchgesetzt werden. Hier leisten Natur- und Umweltschutzverbände wie z. B. der NABU einen wichtigen Beitrag, indem sie Hunderttausende von Mitgliedern repräsentieren und unmittelbar in Berlin über intensive Verhandlungen mit Politikern den Interessen des Naturschutzes Gehör verschaffen.
Der Pilzfreund, dem die Gesundheit des Waldes am Herzen liegt, wird sich anhand dieser Überlegungen klar darüber, dass über das persönliche Handeln im privaten Bereich hinaus das politische Geschehen zu beeinflussen ist, um der sich ausweitenden Naturzerstörung durch Stickstoffeintrag Einhalt zu gebieten. Eine naheliegende Handlung könnte der Beitritt zu einem Naturschutzverband sein, indem jedes hinzukommende Mitglied das Gewicht seiner Stimme erhöht. Eine weitere wichtige Stellgröße ist das Konsumverhalten: Der Kauf von Bio-Produkten etwa stärkt unmittelbar eine naturverträgliche Landwirtschaft und übt, um so mehr Menschen dies tun, einen machtvollen Druck auf die übrige Produktion aus, die ja dem Gesetz von Angebot und Nachfrage unterliegt. Hier ist die Beschränkung des weit verbreiteten übermäßigen Fleischkonsums zu nennen, der erst die Rentabilität ausufernder industrieller Tierzucht (mit all ihren tierschutzrechtlichen Problematiken) ermöglicht.
Das Verhalten des Pilzfreundes im Walde scheint gegenüber dem Einfluss der Luftverschmutzung eine so vernachlässigbare Wirkung zu haben, dass selbst der NABU zum Schluss kommt, vom bloßen Absammeln der Pilze allein gehe keine Bedrohung für deren Bestand aus. Diese Aussage verdient gewiss eine Einschränkung, denn sonst wäre es unsinnig, das Sammeln von Arten, die auf der Roten Liste stehen, zu verbieten. Der Pilzfruchtkörper entspricht etwa dem, was der Apfel für den Baum ist: Ein vorsichtiges Ernten wird zwar den Mutterorganismus selbst nicht schädigen. Doch Arten, deren Ausbreitung so dauerhaft unterbunden ist, werden schließlich aussterben. Denn die Pilzfruchtkörper sind für den zugehörigen Pilzorganismus im Boden unersetzlich, um – von Luftströmungen fortgetragen – rechtzeitig neue Habitate zu besiedeln, bevor sich die Lebensbedingungen am bisherigen Standort so verändern, dass die Spezies keine ökologische Nische mehr hat. Diese Veränderungen unterliegen natürlichen Zyklen, die indes durch die vom Menschen verursachten Umweltbelastungen beschleunigt sein können.
Vor diesem Hintergrund entschließt sich mancher Pilzfreund, besonders begehrte und damit einem hohen Sammeldruck unterliegende Arten wie den Steinpilz auch einmal stehen zu lassen und generell dem Wald nicht mehr Pilze zu entnehmen, als auch unmittelbar am selben Tag verwendet werden. Er ist sich dessen bewusst, dass das Naturerlebnis und das Sammeln selbst den eigentlichen Genuss darstellen. Was jedoch die kulinarischen Freuden anbelangt, weisen kommerziell erhältliche Kulturpilze gegenüber Wildpilzen etliche Vorzüge auf: es besteht keine Vergiftungsgefahr, sie sind in einwandfreiem und frischem Zustand (während Wildpilze oft madig oder überaltert sind), sie sind frei von Schwermetallen, die bei Wildpilzen an entsprechenden Standorten in gefährlicher Menge angereichert werden können und, schließlich: sie sind weder durch Absammeln noch durch Luftimmissionen vom Aussterben bedroht.

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von:  Wolf-Dieter Dägling

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