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„Nennen Sie mich meinethalben einen Soldaten der Revolution“ – Wilhelm Liebknecht, ein gebürtiger Gießener

Die deutsche Stadt Lorrach betraten die Aufständigen um Struve im September 1848.
Die deutsche Stadt Lorrach betraten die Aufständigen um Struve im September 1848.
Gießen | Teil 3: Schulmeister und 48er Revolutionär


Liebknechts Amerika liegt in der Schweiz
Mit 21 Jahren befand sich Wilhelm Liebknecht auf dem Weg nach Amerika, dem Ziel vieler Emigranten, denen ihre deutsche Heimat nichts als politische Repression, Hunger und Elend gebracht hatte. Während sich der junge Gießener im Zug Richtung Mainz-Kastel befand, kam es zu einer folgenschweren Begegnung, die die Ziele Liebknechts gehörig durcheinanderwirbelten. Wie wäre die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung verlaufen, hätte der 21jährige gemeinsam mit seinem Freund Maus seine Pläne verwirklicht und als Farmer in Wisconsin sein Leben gefristet. Im Zugabteil traf Liebknecht auf Dr. Ludolf, Oberlehrer am Fröbelschen Institut in Zürich, der auf seiner Reise durch die deutschen Gebiete nach geeigneten Kandidaten für die sogenannte „Muster-Lehranstalt“ suchte. Begeistert von der Möglichkeit, seine schulmeisterlichen Fähigkeiten in der liberal gesinnten Schweiz ausleben zu können, willigte Liebknecht ein und verzichtete sogar auf rund dreiviertel der im voraus bezahlen Kosten für die Vermittlung einer Atlantiküberquerung
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durch einen Agenten. Ab dem 13. Juli 1847 quartierte er sich im Haus des „Radau-Reformators“ (Liebknecht: Erinnerungen. S.95), Locher ein. Über das die örtliche Bevölkerung sagte Liebknecht rückblickend: „Das Volk ist so konservativ, am konservativsten in Demokratien, was ich übrigens erst viel später gelernt habe.“ (Liebknecht: Erinnerungen. S.96). Trotzdem lebte er sich in Zürich ein und verfolgte seine Aufgabe als Lehrer an der Musterschule mit größten Eifer.

Nicht nur in den umliegenden Staaten flammten die ersten Konflikte der 48er Revolution auf, sondern auch in dem Staat der Eidgenossen kam er zum offenen Ausbruch revolutionärer Gewalt: Bereits seit einiger Zeit gärte ein Konflikt zwischen liberalen Kantonsregierungen, die die Klöster aufheben und die Mitglieder des konservativen Orden der Jesuiten als Speerspitze des wehrhaften Katholizismus des Landes verweisen wollten. Gegen diese Bestrebungen stemmten sich sieben konservativ gesinnte Kantone und bildeten einen Sonderbund. Die Liberalen Kantone gingen als Sieger aus dem sogenannten „Sonderbundskrieg“ im November 1847 hervor. Wilhelm Liebknecht wollte sich auf die Seite der Liberalen schlagen, sein Gesuch auf Aufnahme in deren Heer wurde allerdings abgelehnt. So nahm er als Zaungast an einem der Ereignisse teil, die die revolutionären Bewegungen in den verschiedenen europäischen Ländern wesentlich katalysieren sollte.

Barrikadenkämpfe erschütterten Paris im Februar 1848.
Barrikadenkämpfe erschütterten Paris im Februar 1848.
Neben seiner Tätigkeit als Schulmeister wagte Liebknecht seine ersten Schritte auf dem Gebiet des Journalismus. „Ich war unter die Journalisten geraten. Mit Ausnahme von ein paar Zeitungsartikeln, die ich auf Drängen meines Gießener Universitätsfreundes Rudolf Fendt, eines eifrigen Mitarbeiters des „Zuschauer“ von Gustav Struve, an diesem geschrieben hatte, war ich auf journalistischen Gebiete noch ganz unschuldig – [...]““ (Liebknecht: Erinnerungen. S.98). Nach dem Sonderbundkrieg hätte er das herrenlos gewordene Blatt „Eidgenössische Zeitung“ übernehmen können. In die Verhandlungen brach die „Februarrevolution“ in Paris aus: Liebknecht wollte dabei nicht wieder bloß Zaungast sein, sondern aktiv in das Geschehen eingreifen. Er trat die Reise in die revolutionäre Hauptstadt Frankreichs an.

Ein revolutionärer Ausflug nach Paris
Am 23. Februar 1848 kam es zum Ausbruch der Februarrevolution in Frankreich, die in der Absetzung des „Bürgerkönigs“ Louis Philippe von Orléans und in der Ausrufung der II. Republik gipfelte. Das erkämpfte allgemeine
Wilhelm Liebknecht
Wilhelm Liebknecht
Wahlrecht erhöhte die Zahl der wahlberechtigten Franzosen von rund 200.000 auf gut 9 Millionen Menschen. Über die Zusammensetzung der Regierung konstatierte Karl Marx in seinem Werk „Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850“: „Die provisorischen Regierung, die sich auf den Februarbarrikaden erhob, spiegelte in ihrer Zusammensetzung notwendig die verschiedenen Parteien ab, worunter sich der Sieg verteilte. Sie konnte nichts anderes sein als ein Kompromiß der verschiedenen Klassen, die gemeinsam den Julithron umgestürzt, deren Interessen sich aber feindlich gegenüberstanden. Ihre große Majorität bestand aus Vertretern der Bourgeoisie.“ (Ausgewählte Werke. Bd. II, S. 15. Berlin 1972). Die aus der Wahl hervorgegangene Regierung war eine bürgerliche, mit deren Vorstellungen und Plänen die Arbeiterschaft nicht übereinstimmten. „Die Bourgeoisie erlaubt dem Proletariat nur eine Usurpation – die des Kampfes“(Marx. Klassenkämpfe S.16). Die wachsende Spannung innerhalb der neuen Republik entluden sich brutal in den Tagen des Juli, in dem zum zweiten Mal Barrikaden das Pariser Stadtbild säumten und Blut die Straßen färbte.

Nach der Niederschlagung der Arbeitererhebung wurde aus wachsender Furcht vor einer erstarkenden sozialistischen Bewegung wurde Ende 1848 Louis Napoleon Bonaparte, Neffe Napoleon I., zum Präsidenten erwählt. Dieser Regent sollte kaum drei Jahre später als Napoleon III. ein Erbkönigtum etablieren.

Gustav von Struve, badischer Revolutionär.
Gustav von Struve, badischer Revolutionär.
Wilhelm Liebknecht erreicht Paris erst, nachdem die Februarunruhen bereits beendet gewesen waren und die Barrikaden bereits wieder abgebaut wurden. So kehrte er nach Zürich zurück, um sich um die Schweizer Staatsbürgerschaft zu bemühen. Doch für Liebknecht und Europa war es nicht der letzte Kampf, den es auszufechten galt. Frankreich war der Funken, der einen Flächenbrand auslöste: „Der entscheidende Kampf rückte näher. Er konnte nur in Frankreich ausgefochten werden; denn solange England an dem revolutionären Ringen nicht teilnahm und Deutschland zersplittert blieb, war Frankreich dank seiner nationalen Unabhängigkeit, seiner Zivilisation und Zentralisierung das einzige Land, das den Ländern ringsum den Anstoß zu einer gewaltigen Erschütterung geben konnte.“ (Friedrich Engels: Revolution und Konterrevolution in Deutschland. In: Ausgewählte Werke Bd. II, S. 241).

Der Struve Putsch
Zurück in Zürich wollte Liebknecht seine Schulmeisterkarriere fortsetzen, als ihm „im September der Struve-Putsch einen Strich durch alle Rechnungen machte“ (Liebknecht. Erinnerungen S. 99).

Mit seiner Erhebung reihte sich Gustav von Stuve (1805 – 1870) in eine Reihe revolutionärer Versuche ein, das Großherzogtum Baden in eine demokratischen und soziale Republik umzuwandeln. Gustav von Struve brach von Basel in das deutsche Lorrach auf und fand hier Unterstützer. Am 25. September 1848 wurde der Revolutionär verhaftet. Wilhelm Liebknecht wurde ebenfalls festgenommen und musste acht Monate im Freiburger Gefängnis in Untersuchungshaft verbringen. Unter „haarsträubenden Anklagen“ wurde die Verhandlung gegen ihn geführt. Die Verhandlung endete mit einem Freispruch.

Bereits im April 1848 erhob sich das Badische Volk. Dabei wurden bahnbrechende Forderungen laut, die auch für die revolutionären Bewegungen in den anderen deutschen Herrschaftsgebieten prägten: Auflösung des stehenden Heeres zugunsten der Volksbewaffnung, Pressefreiheit, Schwurgerichte und letztendlich ein parlamentarischer Verfassungsstaat. Im Mai unterstützten Soldaten der Festung Rastatt die Aufständigen. Der badische Großherzog musste fliehen, die Konstitution eines demokratischen Badens war zum greifen nah. Umso grausamer ertränkten einmarschierende preußische Soldaten die Hoffnung der Aufständigen in Blut. Die Schrecken des rigorosen Wütens der Reaktion bewogen Ludwig Pfau sein „Badisches Wiegenlied“ zu verfassen:

Schlaf mein Kind, schlaf leis, da draußen geht der Preuß,
deinen Vater hat er umgebracht, deine Mutter hat er arm gemacht,
und wer nicht schläft in guter Ruh, dem drückt der Preuß die Augen zu.
Schlaf mein Kind, schlaf leis, da draußen geht der Preuß.

Der Preuß hat eine blutige Hand,
die streckt er über das badische Land
und alle müssen wir stille sein,
wie dein Vater unterm Stein.

Zu Rastatt auf der Schanze,
da spielt er auf zum Tanze,
da spielt er auf mit Pulver und Blei,
so macht er alle Badener frei.


(in: Klassenbuch I; Darmstadt, Neuwied 1972)

Metternich, Symbolfigur der Restaurationsepoche, musste nach England fliehen. Auch in Berlin wurden Barrikaden errichtet: Das Militär setzte Artillerie zur Niederschlagung der Proteste ein, die eine Demonstration der wachsenden Macht der Berliner Arbeiterschaft darstellten. Der preußische König Friedrich Wilhelm IV. versuchte vergeblich das Volk mit Zugeständnissen zu beruhigen. Auch der österreichische Regent Ferdinand I. wollte mit Lockerungen der Pressezensur gewalttätigen Ausschreitungen vorbeugen: Nationale Erhebungen in Tschechien und Ungarn wurden im Blut ertränkt.

Umringt von revolutionären Ereignissen tagte in der Frankfurter Paulskirche die Nationalversammlung. Repräsentanten verschiedener Staats- und Demokratievorstellungen konkurrierten um die Gestaltung einer neuen deutschen Ordnung. Im Frühjahr 1849 setzte sich die Fraktion derer durch, die eine „Kleindeutsche Lösung“ (Zusammenschluss aller deutschen Territorien unter Ausschluss des Vielvölkerstaates Österreich-Ungarn) forcierten und den preußischen König zum Oberhaupt dieses Staates machen wollte. Dieser lehnte die Kaiserkrone aus Parlamentarierhand ab.

In der dritten badischen Erhebung verteidigte Liebknecht die Grundwerte der demokratischen Bewegung gegen die Bestrebungen Lorenz Brentanos, des Vorsitzenden der provisorischen badischen Regierung. Dieser wollte sich mit den anderen Mächten arrangieren. Als Anhänger Struves „Vereins des entschiedenen Fortschritts“ – „eines Jakobinerklubs in der Westentasche“(Liebknecht. Erinnerungen S. 115) stellten sie der Brentanoschen Regierung ein Ultimatum: Beim Treffen mit Brantano drohte der junge Liebknecht dem Vorsitzenden der Regierung, da er in ihm die Gefahr eines Staatsstreiches sah. Ein anschließendes Verhör festigte seine Annahme, dass die badische Republik massiv von Inneren Feinden bedroht sei: „An dem Abend, wo man mich auf dem Heimweg verhaftete, hatte ich die Gewißheit erlangt, daß Herr Brantano im Bund mit den Reaktionären einen Staatsstreich gegen das Volk, gegen die Revolution beabsichtigte.“ (Liebknecht. Erinnerungen S. 126).

Der Staatsstreich erfolgte, Ende Juli 1849 war die deutsche Revolution in Baden am Ende. Liebknecht musste erneut fliehen. Bereits im Juni war das sogenannte „Rumpfparlament“ des Frankfurter Parlamentes in Stuttgart auseinadergetrieben worden. Die Ideen der 48er Revolution starben nicht und lebten in den Herzen der Aufständigen weiter.

=> Teil IV: „Londoner Lehrjahre und die Rückkehr nach Deutschland“ erscheint am Mittwoch, 7. Oktober.

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