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Schottstraße 34: Hier wohnte Marianne Krombach…

Gießen, Schottstraße 34: Hier wohnte Marianne Krombach
Gießen, Schottstraße 34: Hier wohnte Marianne Krombach
Gießen | 76 Jahre nach der Befreiung der Häftlinge des Vernichtungslagers Auschwitz gibt es immer noch Opfer, an die nie jemand erinnert hat. Sie lebten mitten unter uns, bevor sie verschwanden und ermordet wurden, die Erinnerung an sie wurde verdrängt, mit den Tätern wollte man nichts zu tun gehabt haben. Eines dieser Opfer war Marianne Krombach, ihr Schicksal mahnt: Es hätte jeden treffen können.

Marianne wurde am 15. März 1930 als uneheliches Kind geboren. Mariannes Mutter arbeitete als Verkäuferin und wohnt zunächst mit ihrem Kind weiterhin bei ihren Eltern, die sie bei der Versorgung und Erziehung des Kindes unterstützen. Der Kindsvater kommt für den Unterhalt auf. Anfang 1933 heiratet Mariannes Mutter Elisabeth Friedrich Maar und die Familie zieht in die Schottstraße. Im Alter von drei Jahren machen sich erste Entwicklungsverzögerungen bei Marianne bemerkbar, denen man zunächst keine größere Bedeutung beimaß. Später stellt man dann in der Gießener Kinderklinik fest, dass „das Kind im Alter von 2 Jahren eine Hirnhautentzündung durchgemacht habe, die lebenswichtige Funktionen zerstört hat“, ob sie jemals bildungsfähig würde, bliebe abzuwarten.

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In den Folgejahren gestalten sich die Verhältnisse in der Familie zusehends schwieriger. Die 1933 geborene Schwester ist nach einer überstandenen Krankheit körperbehindert, zwei weiter kleinere Geschwister bringen die Mutter zunehmend an ihre Grenzen. Nach Unterlagen des Sozialamtes war der Stiefvater wohl Musiker und ab 1938 im KZ (genauere Details waren nicht zu finden), jedenfalls scheiterte die Ehe offenkundig, wie im Adressbucheintrag nachvollziebar.

Am 1. Dezember 1938 bringt die Mutter Marianne schließlich in die Anstalt Kalmenhof, unweit Idstein. Nach zwei Monaten wird sie in die Heil- und Pflegeanstalt Gießen verlegt. In der Akte ist mehrfach vermerkt, dass sie sich über die Besuche ihrer Mutter und der Großmutter sehr gefreut hat.

Ende September 1939 wird Marianne „aus Räumungsgründen mit Sammeltransport“ in die HuPlA Goddelau verbracht. Hier trägt man in die Rubrik „Erblichkeitsverhältnisse“: „Mutter minderwertig“ ein. Behandlungen oder Therapien sind auch hier in den Eintragungen der Krankenakte nicht zu finden. Besucher sind keine mehr vermerkt, was wohl auch der Entfernung von zu Hause geschuldet sein mochte.

Ab 1941 sind Eintragungen über ein eitriges Geschwulst am Brustbein und Tuberkulose Tests in der Krankenakte zu finden, was auf Impfversuche mit Tuberkulose Erregern hindeuten könnte, die in mehreren Anstalten an behinderten Kindern vorgenommen wurden. Die letzte Eintragung am 5.6.1941 in Goddelau lautet: „Das Kind wird heute verlegt.“ Ziel der Verlegung war die Anstalt Eichberg im Rheingau, eine von über 30 sogenannten „Kinderfachabteilungen“, in denen die Kinder umgehend umgebracht wurden. In der Akte steht lapidar: „6.VI.41 Heute 20h gestorben.

Noch am selben Tag wurden drei gleichlautende „Trostbriefe“ an die Mutter, den leiblichen Vater und die Großeltern in Gießen versandt, die den Tod Mariannes vermeldeten. Die amtliche Mitteilung an den Oberpräsidenten zu Wiesbaden trägt das Datum vom 5. Juni 1941. Hierin heißt es: „Die nebengenannte Kranke [Marianne Krombach] ist heute aufgenommen (II. Klasse) aus dem Philippshospital Goddelau und am 6.6.1941 verstorben.“

Wo Opfer sind, gibt es auch Täter und zur Bundesrepublikanischen Wirklichkeit gehört, dass die meisten von Ihnen glimpflich davonkamen oder völlig verschont wurden. Der ärztliche Leiter, Dr. Walter Schmidt, dessen Unterschrift die Trostbriefe an Mariannes Angehörige tragen, gab bei Visiten das Kommando zum töten, indem er sagte: „Der gefällt mir nicht mehr“. Im Eichberg Prozess wurde er zunächst zum Tode verurteilt, dann zu lebenslang, dann zu 10 Jahren begnadigt und 1953 freigelassen. Danach wurde er wieder als Arzt tätig, trotz entzogener Approbation.

Marianne Krombach wurde nur 11 Jahre alt.

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Kommentare zum Beitrag

Christine Stapf
8.364
Christine Stapf aus Gießen schrieb am 26.01.2021 um 18:34 Uhr
Im Alter von 13 Jahren wurde ich vom Fußgänger zum Rollstuhlfahrer und ich überlegte, ob es mir in der damaligen Zeit wohl auch so ergangen wäre wie Marianne.
Danke für Ihren Beitrag !
Nicole Freeman
11.086
Nicole Freeman aus Heuchelheim schrieb am 26.01.2021 um 19:13 Uhr
Das sind schlimme Berichte die einen tief treffen. Oft werden die Opfer der T4 Aktion, wie man dieses Verfahren nannte nicht genannt, verschwiegen. Selbst im eigenen Dorf, der Strasse oder manchmal sogar in der Familie spricht man oft nicht über die ermordeten Familienmitglieder. Teilweise wurden sie sogar von den eigegen Familien ,,gemeldet,, als Minderwertig eingestuft.
https://de.wikipedia.org/wiki/Aktion_T4
Danke für das Erinnern!!!
67
Dieter Bender aus Wettenberg schrieb am 31.01.2021 um 09:22 Uhr
In Krofdorf-Gleiberg, Launsbach und Wißmar haben wir Stolpersteine für einige Opfer der Psychiatrie-Morde verlegt (siehe Stolpersteine-Wettenberg.de); das Projekt Stolpersteine ist mittlerweile allerdings bei uns leider ein wenig ins Stocken gekommen. In vielen Archiven sind wichtige Unterlagen vernichtet worden (Heuchelheim weist in der Verzeichnung zeitliche Lücken auf) oder es hat sich noch niemand dafür interessiert (Kinzenbach Abt. 16.6 Armenpflege, Sig. 115 Abrechnung für Fürsorgeausgaben 1939-46), zuweilen wird Datenschutz vorgeschoben und Einblick erschwert oder gar verweigert und man macht sich mit solchen Recherchen nicht nur Freunde.
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