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"Bleiben Sie zuhause" - ein Hohn für Menschen ohne Zuhause

Gießen | Der Winter bringt Menschen ohne festen Wohnsitz in Lebensgefahr, ob mit oder ohne Corona. Sie werden frieren oder gar erfrieren, weil die Stadtregierung scheinbar keine Idee hat, wie man Schlafplätze organisieren oder Wärmestuben bereitstellen könnte.

Die Brücke der Diakonie hat bereits seit März geschlossen, weswegen Obdachlose Probleme haben zu duschen oder ihre Wäsche zu waschen. Bis zu 300 Menschen kommen normalerweise regelmäßig in die Obdachlosen-Tagesstätte. Die Nachfrage an Unterstützung steigt, der Beratungsbedarf nimmt zu.

Schon immer sind die Obdach­losen das letzte Glied in der Kette. Sie sind Witterung und staatlicher Willkür ausgeliefert, werden gesell­schaftlich geächtet und bangen um die begrenzte Hilfs­bereitschaft einzelner. Frauen trifft es dabei besonders hart.

Während das Pflegepersonal in privaten Kranken­häusern Über­­stunden schiebt, machen sich ehren­amt­liche Ärzte Sorgen, dass die Lebens­erwartung der Wohn­sitz­­losen aufgrund ihrer medizinisch nicht ausreichenden Ver­­­sorgung sinkt. Zusätzlich greifen einige Wohn­sitz­lose früher zu Rausch­mitteln und härteren Drogen. Die Bahnhofsmission kann nur wenig Unterstützung leisten, da sich nur drei Personen gleichzeitig in dem Raum aufhalten dürfen - und das auch nur für 20 Minuten.

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Die aktuelle Situation in Gießen wird von der Stadt toleriert, angeblich aus Ideenarmut, Budgetgründen oder anderen Sachzwängen. Wir sagen deutlich: Das muss nicht so sein!!

Die Gießener Linke stellt alle Jahre wieder Anträge für eine Wärmestube, welche regelmäßig abgelehnt werden. Dabei liegt die Lösung auf der Hand: mehr Wohnraum schaffen.

Ein inzwischen erfolgreiches Konzept, um mehr Wohnraum zu schaffen, heißt „Housing first“ - „Wohnung zuerst“ und wird in Finnland und in Berlin praktiziert.

Jeder Obdachlose bekommt dem­nach eine Wohnung mit einem festen Mietvertrag. Erst dann könne man produktiv andere Probleme angehen, sagte Jarmo Linden, Chef der finnischen Wohn- und Entwicklungs­gesellschaft ARA. Das ist keine Utopie, sondern Praxis, die mitten in Europa und Deutschland, trotz des bestehenden Kapitalismus existiert.

Nach der hessischen Gesetzes­lage sind die Kommunen für die Unterbringung obdachloser Personen zuständig. Demnach hat jeder und jede Wohnsitzlose gegenüber der Stadt einen entsprechen­den Anspruch. Es gibt frei­stehende Wohnungen, leer­stehende Häuser, freie Hotelzimmer, eine leerstehende Jugendherberge, Unterkünfte, in denen Flüchtlinge zwischenzeitlich untergebracht wurden. Wir stellen fest: Raum ist vor­handen!

Martina Lennartz

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Kommentare zum Beitrag

H. Peter Herold
29.496
H. Peter Herold aus Gießen schrieb am 01.12.2020 um 23:33 Uhr
Gut geschrieben, den Satz mit dem Pflrgepersonal in privaten Krankenhäusern, die Überstanden schieben, den würde ich streichen.
Hat mit dem Problem nichts zu tun und sie leisten gerade jetzt einen wertvollen Beitrag, für Kranke.
,
Florian Schmidt
4.987
Florian Schmidt aus Gießen schrieb am 02.12.2020 um 18:11 Uhr
Naja, wenn wir mal wieder einen knackigen Winter bekommen würden hätte sich für viele das Problem erledigt. Scheiß Klimawandel.
Vielleicht wäre es an der Zeit wieder ein paar Flüchtlinge aufzunehmen, das ist immer ein gutes Mittel um die Obdachlosen in den Fokus der Gesellschaft zu bringen. Das funktioniert hier ja immer am Besten, wenn man die ärmsten Schweine gegeneinander ausspielt. Klingt zynisch, ist aber so.
Also sollten wir Herz zeigen, gerade wo der Dezember ja auch eher mager aussieht. Keine halbleeren Glühweinecher, keine weggeworfen Wurstzipfel der Weihnachtsmarktbesucher an denen man sich laben könnte und keine Menschen die für 24 Tage im Jahr ihre empathie entdecken.
Christian Momberger
11.308
Christian Momberger aus Gießen schrieb am 02.12.2020 um 20:59 Uhr
Ein guter und richtiger Artikel!

Und ja Florian Schmidt hat leider recht.
Ilse Toth
39.354
Ilse Toth aus Heuchelheim schrieb am 03.12.2020 um 19:32 Uhr
Leider können die armen Menschen auf der Strasse ihre Hunde nicht mit in Unterkünfte nehmen. Diese Tiere sind jedoch die einzigen Freunde und Begleiter. So bleiben diese Menschen trotz aller Widrigkeiten lieber auf der Strasse. Die Politik muss sich schämen, dass sie keine Lösung anbietet. Wir alle können ein bisschen lindern, indem wir Schlafsäcke und warme Decken spenden.Es gibt eine Sammelstelle in der Frankfurter Strasse in Giessen.
Christine Stapf
8.367
Christine Stapf aus Gießen schrieb am 03.12.2020 um 21:09 Uhr
Ja Ilse, in der Frankfurter Straße, das ist Markus Machens, ich hatte in der Vergangenheit schon ein paar Berichte über seine Arbeit für die Obdachlosen veröffentlicht.

Hier sind die Zeiten und die Adresse, wo Kleidung, Schlafsäcke und auch Tierfutter angekommen, und an die Menschen auf der Straße verteilt werden.

Zwischen 9 – 19 Uhr und Samstags zwischen 9 -17 Uhr während der Öffnungszeiten im Möbelschnäppchenmarkt in der Frankfurter Straße 12 d, in Gießen abgegeben werden.
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
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Herzlichst, Ihr(e) Martina Lennartz

von:  Martina Lennartz

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