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65 Jahre Bundeswehr

Denkmal an das sog. Iller-Unglück in Hirschdorf bei Kempten (Allgäu)
Denkmal an das sog. Iller-Unglück in Hirschdorf bei Kempten (Allgäu)
Gießen | Dieser Tage wurde – coronabedingt in kleinem Rahmen – das 65-jährige Bestehen der Bundeswehr gefeiert. Als Anlass hierzu diente die Ernennung der ersten 101 Freiwilligen im Jahre 1955. Die (offiziellen) Vorbereitungen dazu liefen jedoch schon seit 1950 in dem sog. „Amt Blank“ unter Theodor Blank und den ehemaligen NS-Generälen Speidel, Heusinger und Graf von Kielmannsegg, die dann auch die ersten Generäle der Bundeswehr waren. Die Initiierung einer Volksbefragung über die Einführung einer Armee durch die KPD und anderer fortschrittlicher Kräfte war später einer der Gründe für das KPD-Verbot.
Die ersten Wehrpflichtigen (Jahrgang 1937) mußten im April 1957 einrücken. Um die eventuelle Einberufung des Jahrgangs 1929 gab es heftige Diskussionen, war dies doch der letzte Jahrgang (abgesehen vom „Volkssturm“), der zur faschistischen Wehrmacht einberufen wurde und der dann sozusagen „doppelt bestraft“ worden wäre.

Im Juni 1957 gab es dann die ersten Toten unter diesen Wehrpflichtigen und der Bundeswehr: das sog. Iller-Unglück. 15 junge Rekruten ertranken, nachdem einem Zug von 28 Mann die Durchquerung der Iller bei
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Hirschdorf (heute ein Ortsteil von Kempten) in voller Montur befohlen wurde. Die Iller war dort zwar nur 1,30 m tief, aber mit 2,00 m pro Sekunde Strömungsgeschwindigkeit ziemlich reißend und die in Kette nacheinander in den Fluß watenden Männer bewirkten einen zusätzlichen Stau. Die Alarmierung von Rettungskräften erfolgte verzögert, weil man das zunächst versuchte, „selbst zu erledigen“. Dennoch wurde das Drama schnell publik und am Abend schwebte Verteidigungsminister F.J.Strauß mit dem Hubschrauber ein, nachdem er seinen eigenen Polterabend abgebrochen hatte. Um die Malaise schnell über die Bühne zu bringen, fand die offizielle Trauerfeier bereits 3 Tage später in der Kemptener Prinz-Franz-Kaserne statt, obwohl erst einer der Vermissten aufgefunden war und in einem Sarg aufgebahrt wurde. Für alle anderen wurde jeweils ein Kranz aufgestellt. Der letzte der Ertrunkenen wurde erst 16 Tage später gefunden. Später wurde an der Unglückstelle ein Denkmal errichtet (siehe Foto), auf dem 15 Sterne über einem Kruzifix die Getöteten symbolisieren. Im Hofgarten der Kemptener Residenz wurde eine Gedenktafel angebracht, die bei späteren Neugestaltungsarbeiten des Parks „verschollen“ ist. Siehe auch:
http://de.wikipedia.org/wiki/Iller-Ungl%C3%BCck

"Staatsbürger in Uniform" - hier die sog. Skibluse des Dienstanzugs bei der Gebirgstruppe. Anderweitige Fotos meines "Kasernenlebens" unterliegen der Geheimhaltung.
"Staatsbürger in Uniform" - hier die sog. Skibluse des Dienstanzugs bei der Gebirgstruppe. Anderweitige Fotos meines "Kasernenlebens" unterliegen der Geheimhaltung.
Ein paar Jahre nach dem Iller-Unglück machten die „Schleifer von Nagold“ Schlagzeilen, nachdem bei Gewaltmärschen Todesfälle eintraten. Im Dezember 1965 wurde einem Rekruten auf dem Übungsplatz bei Füssen von einer Panzerkette der Kopf abgetrennt: Er hatte sich in eine in die Erde versekte Betonröhre zu ducken und aus dieser schnell herauszuspringen, um dem darübergefahrenen Panzer eine Mine hinten drauf zu werfen. Im September 1966 sank das aufgearbeitete Weltkriegs-II-U-Boot „Hai“ nordwestlich von Helgoland in einem Sturm. Von der 20-köpfigen Besatzung wurde nur der Koch gerettet. Neben dem Wetter spielte ein fehlerhaft umkonstruierter Ansaugstutzen für den Dieselmotor und nicht angepaßte Dienstvorschriften eine Rolle.
Ein desaströses Kapitel: der Starfighter Lockheed F 104 (Stückpreis damals 1,42 Mio US-Dollar, nach Kaufkraft im Jahre 2015 etwa 13 Mio Euro). 269 dieser Flugzeuge stürzten ohne jegliche Feindeinwirkung ab, 116 Piloten kamen dabei ums Leben. Die französische „Mirage“ galt unter Experten viel ausgereifter, konnte allerdings keine Atomwaffen bis nach Moskau tragen. Der Starfighter war das Steckenpferd von Strauß und auf seinen Wunsch in Deutschland mit einem anderen Navigationsgerät versehen, das als Hauptursache für die Massenabstürze gilt. Ein Untersuchungsausschuß des Bundestags ging Bereicherungsvorwürfen von Strauß nach, ohne konkretes Ergebnis. Siehe auch:
Jeder hatte ein "Schießbuch" zur Dokumentation der Zielgenauigkeit - für die Tötungen im Ernstfall ist da keine Spalte vorgesehen
Jeder hatte ein "Schießbuch" zur Dokumentation der Zielgenauigkeit - für die Tötungen im Ernstfall ist da keine Spalte vorgesehen
http://www.giessener-zeitung.de/giessen/beitrag/128633/kein-gipfelkreuz-fliegertod-mit-starfighter/

Stand Juli 2020 kamen mehr als 3.200 Bundeswehrangehörige in Ausübung ihres Dienstes ums Leben, davon 114 bei Auslandseinsätzen. Ob die Anzahl der Selbsttötungen
http://de.statista.com/statistik/daten/studie/4846/umfrage/selbstmorde-in-der-bundeswehr/
in den Zahlen enthalten sind, konnte ich in der Kürze nicht feststellen.

In den 1960-er-Jahren regte sich dann auch allmählich Widerstand gegen die revanchistische Traditionspflege in der Bundeswehr, insbesondere gegen die Namengebungen nach faschistischen und reaktionären Vorbildern. Den Anfang hierzu machte die „Initiative gegen falsche Glorie“ im Allgäu mit der schließlich erreichten Umbenennung der General-Dietl-Kaserne in Füssen. Volker Rühe verfügte später als Verteidigungsminister eine Änderung des Traditionserlasses, dem reihenweise die anfänglichen Kasernennamen zum Opfer fielen. Neben dem Idealbild des „Staatsbürgers in Uniform“ in der sog. Inneren Führung war ein Merkmal einer „demokratischen“ Armee auch die Nicht-Wiedereinführung einer speziellen Militärgerichtsbarkeit. Mit dem „Gesetz über einen Gerichtsstand bei besonderer Auslandsverwendung der Bundeswehr“ im Jahre 2013 wurde dieses Prinzip wieder durchbrochen. Dieses Sondergericht für jederart Straftaten von Bundeswehrangehörigen im Ausland hat seinen Sitz in Kempten (Allgäu). Bis dahin waren die Gerichte am jeweiligen inländischen Wohnort der Betroffenen zuständig.

Denkmal an das sog. Iller-Unglück in Hirschdorf bei Kempten (Allgäu)
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"Staatsbürger in Uniform" - hier die sog. Skibluse des Dienstanzugs bei der Gebirgstruppe. Anderweitige Fotos meines "Kasernenlebens" unterliegen der Geheimhaltung.
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Die "Hundemarke" habe ich ebenfalls heute noch. Sie wäre wichtig gewesen nach ernsthaftem Schießen. Vielleicht ist die mit ins Grab zu nehmen? 1
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Kommentare zum Beitrag

Marcus Link
479
Marcus Link aus Gießen schrieb am 13.11.2020 um 18:30 Uhr
Die Geschichte der Bundeswehr hat durchaus spannende Aspekte. Ich stehe hinter der Idee der Bundeswehr, aber nicht hinter dem, was sie macht, um dem Schaden, den besonders die USA mit ihrer Außenpolitik angerichtet hat, hinterher zu hechten. Die USA zerstört direkt oder indirekt ganze Länder oder destabilisiert diese. Was darauf folgt, dürfen dann alle Natopartner ausbaden.

Ich habe letztes Jahr eine Person kennengelernt, die eine leitende Position in einer Firma hat, die Rüstungsbeschaffungen für die Bundeswehr koordiniert. Diese hat im Laufe der Zeit so einiges erzählt, wie dieser Beschaffungssumpf läuft. Fetternwirtschaft, unglaublich ineffizienter Einsatz der Rüstungsgelder, einige Profiteure die sich mit dem verschwenderischen System eine goldene Nase verdienen. Dies hat jene Person an praktischen Beispielen glaubhaft und nachvollziehbar dargestellt. Wenn dieser Sumpf ausgetrocknet würde, wäre dies deutlich effektiver, als viele weitere Milliarden hinein zu pumpen.

Abgesehen davon, habe ich die völlig unlinke Auffassung, dass die Wehrpflicht wieder eingeführt werden sollte undd as für 18 Monate. Außerdem für Männer UND Frauen. Es gäbe faire Regulationsmechanismen, damit die Zahl der Zodaten dann nicht viel zu groß wird.
Stefan Walther
4.897
Stefan Walther aus Linden schrieb am 13.11.2020 um 21:07 Uhr
In der Tat Marcus, einige Gedanken von dir die für einen Linken ziemlich "unlink" sind:
- hier meine ich gar nicht mal die Wehrpflicht. Es gibt viele Linke die eine Wehrpflicht immer noch für das kleinere Übel halten als eine reine Berufsarmee...
- aber was ist denn für Linke grundsätzlich die Armee? Sie ist eines der Herrschaftsinstrumente der herrschenden Klasse, das darf man doch als Linker nicht einfach "übersehen". Was soll denn "die Idee der Bundeswehr" aus deiner Sicht sein?
- man macht es sich zu einfach zu sagen "die Bundeswehr hechtet in der Außenpolitik ( macht sie überhaupt selbst die Politik? ) lediglich den USA hinterher". Alle Imperialisten, so auch Deutschland, haben eigene Interessen und so machen sie auch Außenpolitik, auch mit dem Einsatz ihrer Armeen im Ausland....
- der militärisch-industrielle Komplex ist natürlich auch ein riesen Geschäft und noch dazu so gut wie ohne Risiko für die Industrie. Der Sumpf sollte trocken gelegt werden? Durch wen? Die Macht haben die Monopole, u.a. auch die Rüstungskonzerne, also alles ist wie immer "eine Machtfrage"... alles andere ist Wunschdenken...
Marcus Link
479
Marcus Link aus Gießen schrieb am 13.11.2020 um 21:25 Uhr
Es ist doch einfach unrealistisch, sich nicht gegen Aggressoren verteidigen zu können. Die Bundeswehr ist ein Kind der Nachkriegszeit und des Kalten Krieges. In der heutigen Zeit gibt es natürlich bessere Möglichkeiten, wie eine europäische Armee. Das würde auch das NATO Konzept überflüssig machen. Doch im vorherigen Beitrag schreibe ich etwas von gute Idee... Mittlerweile sind wir viele Jahre weiter und eine ordentliche Weiterentwicklung ist nicht abzusehen.
Natürlich wäre es toll wenn wir keine Armee bräuchten, doch ist dieser Gedanke ist leider ebenso unrealistisch wie real existierender Kommunismus.
Stefan Walther
4.897
Stefan Walther aus Linden schrieb am 13.11.2020 um 21:46 Uhr
Was hat die Diskussion jetzt mit Kommunismus zu tun???

Wer ist "wir"? Wir Deutsche müssen uns verteidigen können?
Warum sollte es dann überhaupt eine Volksbefragung über die Wiederbewaffnung geben ( siehe Beitrag oben )?
Du übersiehst wieder dass auch die Bundeswehr ein Machtinstrument einer bestimmten Klasse ist....
Was sollte an einer ( geplanten ) europäischen Armee - unter Führung Deutschlands und Frankreichs? - besser sein, gäbe es dann keine Auslandseinsätze mehr? Die EU ist auch nur ein Staatenbund unter Führung imperialistischer Länder, nicht mehr und nicht weniger.

Was du unter "guter Idee" verstehst, ist mir immer noch unklar.
Marcus Link
479
Marcus Link aus Gießen schrieb am 13.11.2020 um 22:18 Uhr
Eine Armee wird gerne als Machtinstrument missbraucht. Aber es geht leider nicht ohne Armeen.
Meine Hoffnung bei einer europäischen am Meer wäre, dass sie nicht mehr diese imperialistische Ausrichtung hätte. So etwas darf natürlich nicht durch ein einzelnes europäisches Land geführt werden. Aber "wünsch dir was" mal beiseite gelegt.

Natürlich kann man sich einfach mal eben dagegen stellen. Doch ohne Alternativen aufzuzeigen, die auch funktionieren können, klingt das für mich eher nach trotz. :-)
Kurt Wirth
3.250
Kurt Wirth aus Gießen schrieb am 14.11.2020 um 08:13 Uhr
Die "Zweischneidigkeit", mit der die Arbeiterbewegung und linke Kräfte das Militär immer gesehen haben, kommt in der Diskussion zum Ausdruck. Ging man doch zweitweise davon aus, durch die allgemeine Wehrpflicht die Armee "umfunktionieren" zu können, von einem Instrument der Bourgoisie quasi zu einer fortschrittlichen "Massenorganisation".

Ich glaube, man hätte die Entwicklung nach dem Krieg in Europa nicht so hinzunehmen brauchen. Es gab durchaus ernsthafte Vorschläge für eine entmilitariserte Zone in Mitteleuropa (auch von der Sowjetunion), verbunden mit einem Neutralitätsstatus ähnlich Österreich und der Schweiz. Auch hatte nicht viel gefehlt, und die atomare Aufrüstung in Deutschland wäre verhindert worden.

Ich persönlich kam später zu der Überzeugung, es wäre besser gewesen, den Wehrdienst zu verweigern, was damals noch eine einigermaßen komplizierte Prozedur war. Die KPD , wenn man die als die einzige "linke" Kraft zu der Zeit sieht, stellte es den jungen Menschen anheim und betrachtete beides als sinnvoll: die Wehrpflicht abzuleisten und sich in die Mehrheit einzureihen (und da u.U. aufklärend zu wirken) oder sozialen Dienst in der Verweigerung zu leisten.
Michael Beltz
7.779
Michael Beltz aus Gießen schrieb am 17.11.2020 um 18:35 Uhr
Ja Marcus, ohne die Bundeswehr hätte die Schweiz und auch Moldawien gegen uns gewonnen. Und wir würden schrecklich leiden.
Und Adenauer hatte Recht, ständig vor der Roten Gefahr zu warnen, weil daurch viele Menschen unseres Vaterlandes gegen alles Rote und andere Demokraten geimpft wurden.
Hoffentlich erreichst du die Mehrheit in deiner PDL (Partei die Linke)
Marcus Link
479
Marcus Link aus Gießen schrieb am 18.11.2020 um 08:21 Uhr
Sorry dierse Argumentation stammt aus den 80ern und klingt nach "Lieber Rot als Tod" Das ist argumentativ schon längst schachmatt gesetzt denke ich. ;-)
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
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