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Keine Ehrung oder Das Schweigen der Lämmer

Gießen | Ohne Diskussion hat das Stadtparlament den Antrag zur Ehrung von Ria Deeg mit einer Stele in der Plockstraße abgelehnt und ihn stattdessen an den Beirat zur Benennung von Straßen verwiesen.

Außer der Fraktion Gießener Linke stimmte nur ein Grüner gegen diese Abschiebung, Piraten und Bürgerliste enthielten sich. Und alle unterwarfen sich dem Maulkorb der Magistrats-Parteien und schwiegen in der Diskussion. Mehr noch, lediglich der „Änderungsantrag“ wurde als der Weitergehende zur Abstimmung aufgerufen, über den Ursprungsantrag der Gießener Linken wurde nicht abgestimmt! Man war zu feige, alle Stadtverordnete zur Ablehnung der Ehrung aufzufordern.

So wurde die seit 10 Jahren andauernde Trickserei fortgesetzt. Und da der Magistrat bei dem hohen Ansehen, das Ria Deeg genießt, diese Taktik nicht ewig wird fortsetzen können, wird er sich wohl irgendwann zu einer „Ehrung light“ bequemen.

Hier meine mündliche Begründung des Antrags:

Rias Verdienste im Widerstandskampf gegen Hitler-Faschismus ist unbestritten. Dafür wurde sie 1987 mit der Goldenen Ehrennadel der Stadt Gießen ausgezeichnet.

Nach ihrem Tod, anlässlich ihres 100. Geburtstages, beschloss das Gießener Stadtparlament im März 2007 einstimmig:

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- die Stadt solle Rias Widerstandskampf wie den anderer Widerstandskämpfer in einer Feierstunde würdigen
- die Straßenbenennungskommission soll einen Vorschlag für eine „Ria-Deeg-Straße“ machen.

„So viele Menschen, die sich offen dem Nazi.Regime entgegengestellt haben, gibt es in Gießen nicht,“ sagte Gerhard Merz damals, und: „Wer Ria Deeg kannte, der kann nur Ja sagen – egal, was einen politisch auch trennte.“

Die beschlossene Feierstunde fand am 20. Juli 2007 in der Pankratiuskappelle statt, mit würdigenden und ehrenden Reden von OB Haumann und dem Leiter der Gedenkstätte „Unter den Eichen“ in Wiesbaden Dr. Ulrich Leiter.

Der 2. Teil des Beschlusses versank im Schweigen der Straßenbenennungskommission – bis heute.

Vier Jahre später, 2011, stellte ich daher den Antrag, Ria Deeg mit einer Stele und der Abbildung ihres Kopfes in das Ensemble in der Plockstraße aufzunehmen, wo bereits andere Gießener Antifaschistinnen geehrt werden.

Dieser Antrag erlitt die gleiche Abfuhr und Abschiebung auf die lange Bank wie der vorherige; es wurde beschlossen, dass eine Gesamtkonzeption für das Ensemble erstellt werden solle. Auch darauf warten wir bis heute – nach neun Jahren – vergeblich.

2015 wurde der Antrag erneut eingebracht und mit den gleichen fadenscheinigen Argumenten abgelehnt und an eine zu benennende Kommission, die ein „Konzept zum Umgang mit den Gießener Repräsentanten des Widerstands“ erarbeiten soll. abgeschoben. Auch ein solches Konzept wurde bisher nicht vorgelegt.

Stattdessen wurde im gleichen Jahr - ein Schelm, wer Böses dabei denkt – beschlossen, dass Ehrungen nicht mehr wie bisher nach 10 sondern nunmehr erst nach 20 Jahren vorgenommen werden dürfen – offensichtlich ein „Lex Ria Deeg“.

Und auch das angekündigte „Konzept“ für die Köpfe blieb aus. 1917 antwortete OB Grabe-Bolz auf eine entsprechende Anfrage der FDP: „Leider konnte das Projekt noch nicht verfolgt werden, da andere Prioritäten gesetzt werden mussten, beispielsweise die Museumsneukonzeption. Der Beirat konnte aus diesem Grund noch nicht einberufen werden. Es ist beabsichtigt, dies in 2018 nachzuholen.“ Auch hier ist bisher nichts geschehen.

Inzwischen sind 20 Jahre seit ihrem Tod vergangen und der Magistrat übt sich weiter im Mauscheln, in verantwortungslosem Drumherumreden, im Tricksen. Wie sonst ist zu verstehen, dass just unmittelbar nach dem 20. Todestag der Magistrat beschließt, dem Beirat zur Benennung von Straßen und Plätzen in der Universitätsstadt Gießen“ neben der Vorbereitung von Benennungsvorschlägen für die Bezeichnung von Straßen und Plätzen die Vorbereitung zur Auswahl und Platzierung der Gießener Köpfe zu übertragen.

Es gibt in Gießen keine andere Antifaschistin, die sich mehr Verdienste im Kampf gegen den Hitler-Faschismus erworben hat und dafür ins Zuchthaus gesperrt wurde, als Ria Deeg. Dafür bedarf es keine Prüfung durch eine „Fachkommission“. Das können hunderte Gießener Schülerinnen und Schüler bestätigen, die Ria Deeg als Zeitzeugin zu sich eingeladen haben. Das Ensemble Gießener Antifaschistinnen ist ohne sie unvollkommen.

Kommentare zum Beitrag

366
Frauke Weber aus Gießen schrieb am 14.11.2020 um 11:19 Uhr
Der Gießener Allgemeinen Zeitung war das keinen Bericht wert?!

Jedenfalls nicht in der online-Ausgabe (gedruckt weiß ich nicht)
Martin Wagner
2.726
Martin Wagner aus Gießen schrieb am 14.11.2020 um 11:46 Uhr
Inhaltlich habe ich mich bei anderen Artikeln schon eindeutig zum Sachverhalt geäußert.

Mich befremdet folgende Passage aus dem Berichtsteil (zur Donnerstag-Sitzung des Stadtparlamentes):

(.......) "Mehr noch, lediglich der „Änderungsantrag“ wurde als der Weitergehende zur Abstimmung aufgerufen, über den Ursprungsantrag der Gießener Linken wurde nicht abgestimmt!" (.......)

Entschuldigung; aber so eine Begründung (um sich vor einer Peinlichkeit drücken zu können) halt ich für hirnlos. Natürlich ist der Ursprungsantrag weiterführend.

Ich empfehle den Antragsteller so eine Frechheit dem herrschenden Block nicht ohne Widerstand durchgehen zu lassen. D.h. Beantragung einer Ältestenratssitzung, dort erfoglos dann Einschaltung der Kommunalaufsicht, dort erfolglos Gang vor die Gerichte.

Warum so hartnäckig? Einfach um den Bürger an einem Beispiel rechtzeitig vor der nächsten Wahl klar zu machen, welche verherrende Politik in Giessen der herrschende Block macht.

Vorsorglich noch ein Satz für diejenigen, welche immer sagen Parlamentsarbeit wäre nicht das Vordringlichste.

Mag sein oder nicht (das ist eine andere Diskussion), aber ich erwarte von "meinen Leuten" im Parlament, dass sie nicht nur "die Sitze warm halten" (und hohe Aufwandentschädigungen abgreifen), sondern dass sie zu den im Wahlprogramm gemachten Versprechungen stehen. Die antragsstellende Fraktion macht das ja, aber meine (ich finde nicht überdrehter) Anspruch lautet etwas genauer: Ihr seid doch Frauen und Männer aus drei verschiedenen antikapitalistischen linken Guppen / Parteien. Ihr wisst doch aus der Geschichte wie "der Hase" gegen Alles was nur "links glänzt" läuft. Kämpft hart gegen die Phalanx der Ewiggestrigen und den angepassten Mitläufern.
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