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Auf Wanderschaft

Gießen | Schon lange habe ich keinen mehr gesehen, einen der "Hamburger Zimmerleute". Sie verkörperten zuletzt noch die seit dem Mittelalter bestehende Tradition, daß frischgebackene Handwerksgesellen sich in die Welt aufmachten, um Erfahrungen und Berufskenntnisse zu sammeln.

Mein Vater machte sich noch im Jahre 1928 in dieser Weise auf den Weg. Zwar nicht in genormter Kluft, aber in damaliger Arbeiterkleidung (im Foto in der Mitte in kurzer Imitationslederhose und langen Strümpfen, aber auf jeden Fall im offenen Kragen der Arbeiterbewegung). Vorweg ging zur Beendigung seiner Schriftsetzerlehre noch das "Gautschen". Im graphischen Gewerbe (Buchdrucker, Schriftsetzer, Buchbinder, Lithographen usw.) war es üblich, zur Beendigung der Lehre in einen großen Wasserbottich getaucht zu werden. Neben dem Gautschmeister übernahmen das der erste und zweite "Pakker". Sie alle unterschrieben hinterher den Gautschbrief, nebst einem "Zeugen". Am Schluß unterschrieben unter "Bestätigt durch unser Insiegel" unter einem tatsächlichen Siegel weitere sechs Personen.

Dann gings auf die Walz. Mein Vater zog vom Allgäu über Donau, Main,
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Rheinland, Hamburg, Rostock, Stettin, Breslau, Wien wieder zurück ins Allgäu. Etwa anderthalb Jahre. Er führte ein Quittungsbuch für die "Viatikumsbescheingungen" mit sich. Er erhielt bei den jeweiligen Gewerkschaftsstützpunkten und Geschäftsstellen einen bestimmten Tagessatz an Unterstützung. Aber auch die Arbeitgeber unterstützten das nach heutigen Maßstäben eher als organisertes "Gammeln" anzusehende Wandern, indem sie immer für ein paar Tage Lohn zahlten, egal ob der Empfänger arbeitete oder unter einem Baum Karten spielte.Es ist erstaunlich, daß das damals bei erheblich niedrigerer Arbeitsproduktivität als selbstverständlich praktiziert wurde.

Das Foto entstand, als einer der zeitweiligen Begleiter meines Vaters, ein Österreicher, mal darauf bestand: "geh, Emil, lossn ma uns obbuildln".

Auch mein Großvater, ein Schreiner, absolvierte eine solche Wanderschaft, etwa um 1905 herum. Er zog hauptsächlich durch Österreich und die Schweiz. Er erzählte an hohen Festtagen immer, daß er da auch einen erbärmlichen Rotweinrausch eingefangen hätte. Ansonsten beteiligte er sich an verschiedenen Orten, die er ansteuerte, an der Gründung von Ortsvereinen der dortigen Sozialdemokraten.

 
 

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Kommentare zum Beitrag

Christian Momberger
11.274
Christian Momberger aus Gießen schrieb am 18.10.2020 um 02:56 Uhr
Vielen Dank Kurt für die interessante Familien- und Berufsgeschichte.
H. Peter Herold
29.108
H. Peter Herold aus Gießen schrieb am 19.10.2020 um 15:57 Uhr
In München als ich Oberaufseher im Haus der Kunst war, hane ich einer "wandernden Gesellin" in Kluft zumindest einen Kaffee spendiert. Muss etwa 2002 bist 2004 gewesen sein.
Von einem Mann einer Großtante, es war Zimmermeister in Lauben im Allgäu, weiß ich dass er auch auf der Walz war.
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von:  Kurt Wirth

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Kurt Wirth
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