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DER HOLZWURM

Gießen | Ich schreibe, um mich von meinem Berufsalltag zu erholen. Von dieser Enge einer in sich geschlossenen Gesellschaft. Nur so kann ich mein Gleichgewicht halten. Meine Phantasie fordert ihr Recht, das denken zu dürfen, was der Alltag verschweigt.
Es gibt Menschen, deren Gegenwart ist kaum zu ertragen. Ihre Geschichte habe ich schon hundert Mal gehört. Aber die Wiederholung macht auch die Wiederholung nicht aufregender. Der Alltag lebt vom Ritual und dem Schablonenwort. Eine öde Form ständig reden zu müssen ohne etwas Neues zu sagen. Hier herrschen eng gezogene Grenzen, die Du nicht überschreiten darfst. Lieber hundertmal denselben Gedanken wiederholen, als nur einen Gedanken variieren. Hier benutzt jeder das Wort wie einen Boten, der die Nachricht übermittelt, die er selbst gern hören möchte. Wie kann da Neugierde entstehen, wenn Du sowieso schon Alles weißt?
Oder werden manche Lebenssituationen gerade erst dann unerträglich, wenn man miteinander spricht? So wie der Mann und die Frau, die seit Jahren unter einem Dach leben und sich sofort trennen würden, wenn sie über das sprechen müssten, was sie schon seit Jahren verschweigen.
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Auch ich bin unfähig mich für längere Zeit sozialen Kontakten auszusetzen. Und doch, meine Unlust zu kommunizieren, der Wunsch nach einer Art Kontaktlosigkeit, weckt trotzdem immer wieder meine Neugierde auf fremde Biographien. Dann stelle ich wissbegierig meine Fragen und ernenne den wohltemperierten Zufall zum Regisseur. Und schon wird der Patient zum Mitspieler seiner Biographie, die er so noch nicht kannte. Aber manchmal habe ich auch nur noch das Gefühl eine Selbsthilfegruppe zu leiten.
Das Wort, das ich am häufigsten höre, ist das Wort „Ich.“ Dieses „Ich“ wird schnell zur Anmaßung, wenn man sein „Ich“ heillos überschätzt. In welchem Menschen wurde nicht nur Großes, sondern auch Pathologisches angelegt? Aber deswegen haben wir natürlich trotzdem nicht unsere Krankheiten verdient.
Ich aber verstecke mich in diesen Augenblicken hinter den Aussagen vorliegender Arztbriefe. Und während ich ausgesuchte Textpassagen vorlese, höre ich gelegentlich geradezu den Stoßseufzer eines Kollegen, der über diesen Ich-fixierten-Quälgeist, der vor mir sitzt, sein medizinisches Urteil abgibt. Zwischen objektive Befunde streut er subjektive Bemerkungen, als müsse auch er, der Kollege, seinem Herzen Luft machen.
Nun wird es zu meiner Aufgabe die Vertraulichkeit des Briefes zu wahren und dem Patienten trotzdem klar zu machen, dass auch er, der Patient, nicht den Mittelpunkt der Erde einnehmen kann.
So füge ich also sorgfältig meine Worte zusammen, als müsste ich aus verschiedenen Hölzern einen Intarsientisch bauen. Und wenn ich dann meine Sätze beendet habe, streiche ich zufrieden über die glatt polierte Schreibtischplatte. Wer wollte jetzt den Wert dieses Möbelstückes bezweifeln?
Ich aber lächele nur vor mich hin und weiß, dass ich den Holzwurm nicht getötet habe.

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von:  Dr. Mathias Knoll

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Interessensgebiet: Gießen
Dr. Mathias Knoll
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