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Ostsee-Küsten-Radweg - Weg der "Cap Arcona"-Gedenkorte

Ehrenfriedhof Cap Arcona Neustadt/Holstein
Ehrenfriedhof Cap Arcona Neustadt/Holstein
Gießen | Im Lauf mehrerer Jahre radelte ich in etlichen Etappen den Ostsee-Küsten-Radweg von der Flensburger Förde bis nach Rostock ab. Dabei stößt man zwischen Neustadt in Holstein und der Insel Poel östlich von Wismar immer wieder auf Gräberfelder, Mahn- und Gedenkstätten im Zusammenhang mit der Cap-Arcona-Tragödie in der Lübecker Bucht.

Nur 44 Stunden bevor die deutschen Streitkräfte vor den Briten in Norddeutschland kapitulierten, erfolgte am 3. Mai 1945 ein Bombenangriff auf eine Ansammlung von Schiffen, die in der Lübecker Bucht ankerten. Die alliierten Streitkräfte vermuteten ein letztes Aufbäumen der faschistischen Militärmacht. Doch auf den Schiffen waren evakuierte KZ-Häftlinge aus Neuengamme und Stutthof bei Danzig zusammengepfercht worden. Nach einem Befehl von SS-Führer Heinrich Himmler vom 14.April 1945 sollte es unter allen Umständen vermieden werden, daß KZ-Häftlinge lebendig in die Hand des Feindes fallen. So wurden viele KZ's evakuiert und die berüchtigten "Todesmärsche" in Gang gesetzt. Die Häftlinge von Neuengamme bei Hamburg wurden auf mehrere Schiffe in der Lübecker Bucht gebracht. Auch 4.500 Häftlinge aus dem KZ Stutthof bei Danzig wurden auf die Schiffe gebracht. Wie viele es insgesamt waren, ließ sich nie ermitteln. Nachweislich jedoch mindestens 10.000.

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Das größte der Schiffe war die "Cap Arcona", ein 1927 in Dienst gestellter Luxusdampfer für den Südamerika-Verkehr. Zu seiner Zeit das größte und schnellste Schiff auf dieser Linie. 1939 wurde es in den Hafen von Gotenhafen (Gdynia) gebracht und diente den Krieg über als Wohnschiff, als schwimmende Kaserne. Im Februar 1945 nordürftig fahrtüchtig gemacht, diente es den Flüchtlingstransporten über die Ostsee.

Während auf der "Cap Arcona" sofort weiße Flaggen gehißt wurden, begegneten die kleineren "Thielbeck" und "Deutschland" dem Angriff mit heftigem Flugabwehrfeuer. Die Binnenschiffe "Wolfgang" und "Vaterland" hatten die Stutthofer Häftlinge aufgenommen und die in Lübeck liegenden Schiffe "Elmenhorst" und "Ottersberg" weitere Häftlinge aus Neuengamme.

Die Schiffe verwandelten sich durch den Angriff in Flammenmeere. Das Wasser in der Lübecker Bucht ist nur 17 m tief, und die Schiffe ragten weiterhin brennend über die See. Viele Häftlinge wollten schwimmend die Ufer erreichen, was jedoch bei dem nur 8 Grad kalten Wasser den wenigsten gelang.

Entlang der Ostseeküste stößt man auf nachstehende Friedhöfe und Gedenkstätten:

Friedhof Lübeck Vorwerk Cap Arcona Opfer
Friedhof Lübeck Vorwerk Cap Arcona Opfer
Grube (Holstein) 31 Opfer
Grömitz 91
Neustadt (Holstein) 621 - der Ehrenfriedhof erinnert an 7.000 Opfer. Im und um den Ort gibt es weitere Grabstätten auf verschiedenen Friedhöfen.
Haffkrug 1.128
Timmendorfer Strand 810
Niendorf 113
Lübeck Vorwerk 183
Lübeck Eichhof 25 - diese wurden erst 1961/62 aus Notbestattungen freigespült.
Groß-Schwansee (Mecklenburg) 407
(diese Opfer wurden ab 1955 nach Grevesmühlen verlegt, wo auf dem Tannenberg eine Gedenkstätte errichtet wurde)
Klütz 16
Kirchdorf (Insel Poel bei Wismar) 28

Am Schwarzen Busch auf der Insel Poel wird an einer Gedenkstätte auf 128 Tote hingewiesen. Urkundlich nachgewiesen sind 34 dort Bestattete.

Zu der Grabstätte Groß-Schwansee findet alljährlich eine "Radler"-Gedenkfahrt statt, womit wir wieder beim Ostsee-Küsten-Radweg wären.

Zu den Überlebenden der Katastrophe zählten u.a. der bekannte DDR-Schauspieler Erwin Geschonnek und der Komponist des "Moorsoldaten-Liedes" Rudi Goguel.

Siehe heirzu auch:
http://de.wikipedia.org/wiki/Cap_Arcona_(Schiff,_1927)

Häftlinge des KZ Stutthof bei Danzig sollten mit Lastkähnen auf die "Cap Arcona" gebracht werden. Deren Kapitän verweigerte wegen Überfüllung die Aufnahme. Daraufhin verließen die SS-Wachen die Lastkähne und diese trieben ans Ufer. Die Häftlinge machten sich nach auf die Suche nach Essbarem und Kleidung. Angehörige der Kriegsmarine und des Volkssturms trieben die Häftlinge zusammen und erschossen ca. 300 von ihnen.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Ehrenfriedhof Cap Arcona Neustadt/Holstein
Friedhof Lübeck Vorwerk Cap Arcona Opfer
Ehrenfriedhof Neustadt/Holstein
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Friedhof Lübeck Vorwerk
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Gedenkstätte Schwarzer Busch, Insel Poel
Gedenkstätte Schwarzer Busch, Insel Poel, die Schwurhand von Buchenwald
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Kommentare zum Beitrag

H. Peter Herold
29.392
H. Peter Herold aus Gießen schrieb am 13.09.2020 um 09:52 Uhr
Es macht mich immer wieder betroffen an unsere Vergangenheit erinnert zu werden.
Danke Kurt.
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
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Herzlichst, Ihr(e) Kurt Wirth

von:  Kurt Wirth

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Interessensgebiet: Gießen
Kurt Wirth
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