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TV Kritik, Heute: "Ab ins Kloster"

Gießen | Und einmal mehr stelle ich mir die dringende Frage was, wenn überhaupt in den Köpfen so mancher Menschen vor sich geht. Da gibt es eine TV Sendung die Konfliktbelastete Jugendliche in ein Kloster schickt, selbstredend vor laufenden Kameras.
Gut das Konzept ist nicht neu. Es wurden vor laufender Kamera auch schon Jugendliche zu anderen Kulturen geschickt und dabei gefilmt und das Konzept Jugendliche in Klöster abzuschieben ist auch schon etwas älter. Früher noch zu dem Preis von schwerer psychischer und auch physischer Misshandlung. Siehe Heimkinder, siehe Domspatzen, siehe Magdalenenhäuser etc.
Auf die Frage an den ausstrahlenden Sender, welcher Geisteskranke sich das Konzept ersann bekommt man folgende blödsinnige Antwort:
„In „Ab ins Kloster“ werden Jugendliche mit dem strengen, disziplinierten und von gegenseitigem Respekt geprägten Leben hinter Klostermauern konfrontiert. Dieser Dreiklang stößt nicht bei jedem auf Begeisterung. Die Jugendlichen haben zu jeder Zeit die Möglichkeit, das Kloster zu verlassen. Oder sich der Situation zu stellen, nicht auszuweichen und für sich zu prüfen, ob sie von dem Aufenthalt profitieren können.“
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Oh Schau an, die Redaktion hat Feierabend und der Onlinepraktikant muss Socialmediadienst schieben weil er vermutlich in die Kaffeemaschine geschifft hat. Ich wollte die Frage beantwortet haben und kein Copy und Paste aus der Pressemappe. Die anfänglichen Worthülsen kann man sich getrost klemmen, die klingen wie der Versuch das Format in der Redaktionssitzung zu pitschen. Der Satz mit der Freiwilligkeit ist da schon interessanter.
Jap, die Jugendlichen haben zu jeder Zeit die Möglichkeiten den Dreh zu beenden. Dürfte man den entsprechenden Passus in den Verträgen mal nachlesen oder unterliegen diese branchenüblich einem Verschwiegenheitsabkommen. Wäre nicht das erste Mal dass in so einem Fall fette Vertragsstrafen drohen die weit über die 30 Silberstücke hinausgehen die man den Delinquenten für ihre Würde vor die Füße wirft. Und wir reden hier von Jugendlichen oder ganz jungen Erwachsenen. Also Menschen die gerade am Anfang ihrer ungeteilten Geschäftsfähigkeit stehen und dementsprechend wahrscheinlich ihre Rechte nicht so kennen, wie sie ihre Pflichten immer wieder erklärt bekommen Menschen ohne Medienerfahrung die dann gleich mal freundlich vom Anwalt darüber aufgeklärt werden dass sie an ihre Selbstbestimmungsrechte nen Haken gemacht haben mit dem letzten Federstrich der Vertragsunterzeichnung.
Denn sie haben weder ein Mitspracherecht was ihre Darstellung betrifft. Sie haben kein Recht an ihren Aufnahmen und was wie oft damit noch passiert, sie müssen sich „dramaturgische Freiheiten“ der Redaktion gefallen lassen und bekommen unter Umständen ein völlig verzerrtes Bild in der Öffentlichkeit. All das wird diesen jungen Menschen kaum helfen, wenn sie versuchen die Kurve zu kriegen. Und wie schnell wird man heute zum Meme?!
Jetzt frage man sich, haben wir nicht so etwas wie Medienräte? Was machen die eigentlich den lieben langen Tag?
Aber am geilsten sind wieder die Zuschauer die zur Ehrenrettung von Sender und Format sofort in die Bresche springen. Die letzten Chips krümeln noch aus dem Äser, der letzte Schluck Bier trocknet langsam auf dem Feinrippunterhemd oder der Gepardenleggings ein, da wird schon zur Attacke auf den Ketzer geblasen. Immerhin haben wir es hier mit einem altruistischen Format zu tun das Jugendlichen helfen will ihre Lebenskrise zu überwinden. Perspektive und Chance bietet. Bullshit! Was du möchtest, du voyeuristisches Zuschauerlein ist folgendes. Du willst dir vor dem Fernseher auf die Schenkel klopfen, dir das gerade aus dem Maul gerollte Chillikäsebällchen wieder zuführen und dich daran weiden dass es noch miesere Schicksale gibt als das Deinige .
Und damit dann in der kurzen Nüchternheitsphase, wenn sich der Kopf morgens schwer vom Fliesentisch hebt und die Hand in einem Wasserglas die Vortagsalkoholreste mischt kein allzu schlechtes Gewissen bildet, schafft sich das Resthirn die Illusion von der Hilfestellung qua TV Format.
Man mag es erahnen, aber 10 Tage Dreharbeiten in einem Kloster können eine psychologische Betreuung oder die Zusammenarbeit mit anderen sozialen Diensten nur rudimentär kompensieren. Dazu kommen dann noch die Probleme die man vorher gar nicht hatte, YouTube zum Beispiel ist voll mit neuen Zusammenschnitten von Szenen aus derartigen „Realitydokumentationen“. Ja, dieses Format kann ein Startpunkt sein, dazu sein Leben komplett gegen die Wand zu fahren.

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