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#inTimesOfCorona "Hinsehen und Handeln!" Impuls von Klinikseelsorger und Pfarrer Matthias Schmid zum Patrozinium des Heiligen Thomas Morus

"Hinsehen und Handeln!"
"Hinsehen und Handeln!"
Gießen | Am 22. Juni ist der Gedenktag des britischen Lordkanzlers Thomas More, den wir als Heiligen verehren und Thomas Morus nennen. Er wurde am 6. Juli 1535 in London, im Tower hingerichtet. Sein Chef, Heinrich VIII., König von England, mißbilligte seine Haltung wegen der Scheidung von seiner Ehefrau Königin Katharina von Aragon. Er wollte sein Liebchen, die bildschöne und junge, mit allen Wassern gewaschene, Anna Boleyn entgegen aller kirchlichen Gepflogenheiten heiraten. Nichts für alte Moralisten und nichts für politische Bedenkenträger. Heinrich wollte was er will, ohne Rücksicht auf Verluste. Es gilt keine Vergleiche aufzustellen zu den Xi`s und Trumps und Putins unserer Zeit, Männer, die es mit Heinrich und Thomas Morus nicht im Ansatz aufnehmen können. Anna ist, übrigens, die Mutter von der großen Elisabeth I.


Das Martyrium des Thomas More

Heinrich VIII. nicht dumm, hat den alten kirchlichen Anspruch satt und ruft seine anglikanische Kirche aus. Tausende von Pfarrern, Bischöfen und Ordensleuten wandern aufs Schafott, nur wer mitmacht bleibt verschont. Das Land und seine Kirchen brennen, das Volk wird terrorisiert.
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Obwohl zeitgleich zur Reformation auf dem Kontinent, war dies mehr als ein Bruch und ungeheures Vorgehen gegen den universalen Anspruch der römischen Kirche. Der Papst hatte zu allen Scheidungsanliegen des englischen Königs „no Sire“ signalisiert. Jetzt macht ein König einer europäischen Nation aus Machtkalkül seine eigene Kirche auf. Und bald wird er nicht mehr der einzige bleiben. Es kam was kommen mußte, Thomas Morus trat von allen Ämtern zurück, wurde von Freunden versucht zu überreden, in Haft genommen und in den Tower geworfen, wo Heinrich seinen Willen brechen wollte. Er sollte Ja und Amen nicht zur Katholischen Kirche, sondern zu ihm, seinem König sagen. Einem König, der von Gott für sein Volk und seine neue Kirche erwählt wurde. Aber Haft und Qual konnten sein Gewissen nicht korrumpieren. Er blieb seinem Glauben und seiner Kirche treu. Auf dem Schafott wurde er zusammen mit Bischof Fischer in den Morgenstunden eines Sommertages enthauptet. Es heißt, König Heinrich soll heimlich zugeschaut und dabei geweint haben.


"Wir haben als Kirche längst unser Unschuld verloren"

Bis heute gilt Thomas Morus daher als standhafter Mensch, der seinem Gewissen und Gott treu geblieben ist, obwohl politische Verantwortung und Loyalität zum englischen Volk gerade dieses Gewissen ausgemacht haben.
Klinikseelsorger und Pfarrer Matthias Schmid schreibt regelmäßig Impulsbeiträge in seiner Kollumne #inTimesOfCorona
Klinikseelsorger und Pfarrer Matthias Schmid schreibt regelmäßig Impulsbeiträge in seiner Kollumne #inTimesOfCorona
Ich denke, wir sehen uns in einer ähnlichen Lage wie Thomas Morus auch. Wir fragen uns, was sagt mir mein Gewissen, was soll ich tun? Wir stehen angesichts von einigen gewählten Präsidenten demokratischer Staaten, die sich sehr egozentrisch und unsolidarisch verhalten vor der Einsicht uns ein Urteil über die Politik zu bilden und gleichzeitig, weltweit, Verantwortung für unsere christlichen Überzeugungen zu übernehmen. Die institutionalisierte Interessengemeinschaft von Politik und Glaube, diese Connection, ist zwar schon lange Geschichte. Aber in unseren Zeiten ist wohl der Impuls des Christentums, gar der Religionen, auf Politik mehr denn je gefordert. Bei aller Ambivalenz. Wir haben als Kirche längst unsere Unschuld verloren und haben vor unserer eigenen Haustüre zu kehren. Sexueller Mißbrauch, Gewalt an Schutzbefohlenen, Korruption, viele Themen, vor denen wir uns bewahrt glaubten haben die Glaubwürdigkeit von Papst, Bischöfen und Klerus verseucht. Wir sind als Kirche, so scheint es überdies erst am Anfang dies alles vorbehaltlos zu sehen und eine ehrliche Aufarbeitung zu leisten. Hier wird nur unser, hoffentlich glauben wir das wirklich (?) innerer Kern, der Heilige Geist, helfen, einen neuen Weg zu finden. Die Aufgabe ist gewaltig. Trotz aller Flecken auf den weißen Hemden: gerade unsere Kirche muß mühsam wieder einüben gesellschaftliche Relevanz und Einfluß aufzubauen mit Rekurs auf die humanitären und ethischen Wurzeln unserer Gesellschaften.


Gnade vor Gott

Klimaschutz, Globalisierung, Digitalisierung und Bildung, Fragen zu unserer zukünftigen Ernährung und die Gleichbehandlung und Respekt aller Menschen sind Themen, an denen keiner sich vorbeimogeln kann. Heute gilt für jeden von uns: wo geht die Reise hin? Wo läufst du hin? Thomas Morus ist zurückgetreten, ja. Aber er hat einen, den höchsten Preis dafür bezahlt. Insofern hat er sich nicht aus dem Spiel genommen und auf die Parkbank gesetzt. Er hätte sein Leben retten können. Den Kopf haben sie ihm abgeschlagen, weil er nur so seine Botschaft sagen konnte. Nicht jedermanns Sache. Ich weiß. Aber, er hatte die Gnade für seine Konsequenz von Gott bekommen, jeder von uns hat ebenso eine Gnade erhalten sich für Menschlichkeit, Respekt und den Glauben an Gott einzusetzen.


"Ich bin Kirche!“

Ja, ich weiß, die Kirche befindet sich schon lange in einer Krise, nicht nur wegen Corona. Eine Schwierigkeit scheint zu sein, dass ihre Botschaft nicht mehr in unseren modernen Gesellschaften, die zu Zeiten von Thomas Morus ihren Anfang nahmen, bei den Leuten ankommt. Nur: ich bin Kirche. Es ist meine Verantwortung was mit ihr passiert. Ich sehe die Klagen und Weinerlichkeiten, weil die Gottesdienste nur so eingeschränkt besucht werden können. Viele lesen darin ein Bild für den Zustand der Kirche, leer ist sie, ausgebrannt, nicht mehr relevant für das moderne Leben heute. Was soll das? Kirche ist mehr als ihre sakramentale Repräsentation und ich erwarte, dass das Volk sich erhebt und aufsteht. Viele machen mit, weltweit. Hier in Europa sind wir ein wenig depressiv geworden und fühlen uns nicht geliebt.


Hinsehen und Handeln!

Ich trage nun vor, was Thomas Morus tun würde. Seht hin, würde er sagen, seht hin wo Menschen, auch Christen, wegen ihrem Gewissen gemordet werden. Freiheit und Glaube in Menschen sich nicht entfalten dürfen wegen den Heinrichs dieser Welt. Mein Auftrag an Euch: Geht überall dorthin, wo das geschieht und helft ihnen. Manche von Euch werden kopflos dabei. Ok, ging mir ähnlich. Aber alle können sie nicht töten. Gott kann von niemand getötet werden. Und seid nicht traurig. Seht nicht auf Erfolg oder Misserfolg. In eurem kleinen Umfeld, wo ihr wohnt könnt ihr Gottes Menschlichkeit realisieren. Denkt nicht gering von Euch. Gott tut das auch nicht. Er liebt euch. Alle.

"Hinsehen und Handeln!"
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von:  Jakob Handrack

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