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Corona macht Menschen mit MS unsichtbar, auch am Welt MS-Tag ?

Foto: MS SHG Marburg-Biedenkopf
Foto: MS SHG Marburg-Biedenkopf
Gießen | Anlässlich des Welt Multiple Sklerose Tages am 30.05.2020 zeigt die MS Selbsthilfegruppe Marburg-Biedenkopf wieder Gesicht. Nicht wie sonst durch Plakate und Flyer, durch Infostände oder mit der Fühlstraße, die durch Simulation verschiedene Behinderungen der MS nachfühlbar macht. Die Pandemie macht das unmöglich, aber Gesicht zeigen heißt, die Lebenswirklichkeit zu schildern, aus der Nichtwahrnehmung herauszutreten. Durch Corona sind die Menschen mit der Erkrankung der 1.000 Gesichter, der MS, fast unsichtbar geworden. Die Risikominimierung zwingt zur selbstauferlegten Quarantäne. Die Ängste machen allzu oft sprachlos und isolieren weiter von all den Öffnungen, die der Mehrheit der Bevölkerung als für sich selbstverständlich reklamieren.
Sozialkontakte selbst mit Angehörigen waren unmöglich und sind immer noch schwierig, nicht nur in stationären Einrichtungen. Menschen die unheilbar an der entzündlichen Autoimmunerkrankung des Zentralen Nervensystems leiden, können oft die schwer erkämpften Nischen der Teilhabe nicht mehr wahrnehmen. Monatliche Treffen der MS Selbsthilfegruppe Marburg-Biedenkopf fallen weiter
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aus, der Stammtisch für Betroffene ist ebenfalls aufgrund der Auflagen unmöglich, der jährliche Tagesausflug und der Höhepunkt des Jahresprogramms die Gruppenfreizeit bleiben undurchführbar. Gleiches gilt für die seit vielen Jahren stattfindenden Motologietherapiekurse, in dem der so zentrale Zusammenhang von Bewegung auf die Psyche und umgekehrt stärkend aufgenommen wird.
In 2021 besteht die MS Selbsthilfegruppe 40 Jahre und finanziert sich zu ca. 95 % aus Spenden. In Zeiten länger anhaltender Rezession wird das existenzbedrohend, wird das Spendenaufkommen insbesondere aus der Wirtschaft ausbleiben. Wichtiger ist aber noch, so der Gruppenleiter Bernd Gökeler, dass die Selbsthilfe von den persönlichen physischen Treffen als Basis lebt. Erst in der gegenseitigen Wahrnehmung, kann man gegenseitig erkennen wie es dem jeweils anderen wirklich geht. Erst längeres Beisammensein schafft die Atmosphäre um sich zu öffnen, Hilfebedarfe und Möglichkeiten zur Hilfe zu erkennen. Die Beschränkung auf Telefon und WhatsApp über Monate sind absolut kein Ersatz. Zu bangen ist, ob über die lange Zeitspanne die Strukturen weiter existieren und dann wieder tragen. Armut macht krank und Krankheit macht oft arm und sowohl Krankheit als auch Armut isolieren, neben den Barrieren im Alltag.. Der Grundsicherungssatz oder die geringen Erwerbsminderungsrenten sind nicht geeignet neben der Mehrbelastung durch Masken und Desinfektionsmittel auch noch in die technische Ausstattung für u.a. Videotelefonie zu investieren. Spätestens bei Einführung der Tracking App müssen Menschen mit geringem Einkommen einen Zuschuss bekommen, um nicht aus materiellen Gründen davon ausgeschlossen zu bleiben. Ganz abgesehen von der Notwendigkeit der Vermittlung des Anwender*innenwissens. Ausgerechnet die Risikogruppen blieben ansonsten mindestens zum Teil außen vor. Gefordert wird auch eine zeitnahe und kostenfreie Versorgung der Risikogruppe mit PS2 Masken, für sie ist nicht nur der Schutz der Anderen, sondern der Selbstschutz zentral, auch für das Gefühl der eigenen Sicherheit und dem daraus erwachsenden Zutrauen wieder nach Außen gehen zu können.
Gökeler reklamiert, dass die Beschreibung des Alltags der Menschen mit Behinderung und Chronischer Erkrankung in Zeiten von Corona öffentlich kaum stattfindet. Fast alle Gremien der Selbstvertretung ruhen oder die Vertreter*innen können nicht wirksam sein, weil sie oft selber einer Risikogruppe angehören. Empowerment ist in Anbetracht der realen oder gefühlten Gefahrenlage schwer möglich. Die ohnehin aufgrund des Unterstützungsbedarfes bestehende Abhängigkeiten sind jetzt auch noch gepaart mit dem Risiko der wechselseitigen Ansteckung. Jeder helfende Handgriff, jede Begegnung wird auf die absolute Notwendigkeit geprüft. Nicht wenige haben nur noch Begegnungen mit einem Gegenüber in voller Schutzkleidung. Die Betroffenen würden sicher nicht von neuer Normalität, sondern von einem surrealen Ausnahmezustand sprechen. Corona trifft überproportional Menschen mit chronischen Erkrankungen, Ältere und ärmere Schichten. Die Strategie darf, so Gökeler, keinesfalls die weitere Ausgrenzung dieser Gruppen sein. „Behindern ist heilbar. Corona darf nicht Grundrechte und die UNBRK ( Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen ) unwirksam werden lassen.

Der Teilhabe von Menschen auch mit chronischer Erkrankung und Behinderung muss mindestens der Stellenwert und die politische Aufmerksamkeit wie dem Erhalt der Arbeitsplätze oder systemrelevanter Branchen eingeräumt werden.“

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von:  Christine Stapf

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