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8. Mai - 75. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus

Gießen | Die Fotos zeigen ein Massengrab für "Vierzig umgekommene sowjetische Bürger" in Geesthacht an der Elbe (bis 1945 zu Hamburg gehörig).Bis zur Vereinbarung über den Abzug der sowjetischen Truppen aus Ostdeutschland kümmerte sich das Sowjetische Generalkonsulat in Hamburg um dessen Pflege. Seither ist die Verantwortung auf deutsche Behörden übergegangen, meist die Kommunen.

Es gibt überall in Deutschland solche Grabstätten. Außer jenseits der Elbe, wo es häufig auch Gräber und Gedenkstätten von und an Gefallene sind (Berlin Treptow und Tiergarten), handelt es sich in der Alt-BRD meist um solche von Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen. Bekannt ist der Sowjetische Ehrenfriedhof in Stukenbrock mit mehreren Tausend verscharrten (es sind nur etwa 900 Namen bekannt) Toten aus dem "Stalag 326". Auf dem ehemaligen SS-Schießplatz in Hebertshausen bei Dachau wurden ca. 4000 sowjetische Kriegsgefangene aus dem KZ Dachau erschossen. Auch in Gießen gibt es auf dem Neuen Friedhof ein Gräberfeld für sowjetische Opfer des Faschismus:
http://www.giessener-zeitung.de/giessen/beitrag/128967/nachtrag-zum-89mai-tag-der-befreiung-vom-faschismus/

Warum hebe ich zum Tag der Befreiung auf die sowjetischen Opfer ab? Die Zahlen sind weithin bekannt. Die meisten Opfer im zweiten Weltkrieg hatten die Menschen der Sowjetunion zu bringen. Sei es als Angehörige der Roten Armee, der Zivilbevölkerung (damit auch der Juden), der Kriegsgefangenen (die Nazis behandelten nur die angloamerikanischen Gefangenen in etwa entsprechend der Genfer Konvention), der Zwangsarbeiter und der KZ-Gefangenen.

1985 rang sich der Bundespräsident (und CDU-Mitglied) Richard von Weizsäcker dazu durch, den 8.Mai als Tag der Befreiung anzuerkennen. Heute fordert die VVN-BdA und die 94-jährige Auschwitzüberlebende (des dortigen "Mädchenorchesters") Esther Bejerano, den 8.Mai als Feiertag zu etablieren, wie das in vielen Ländern Europas bereits der Fall ist. 60.000 Unterschriften gibt es bereits.

http://www.change.org/p/8-mai-zum-feiertag-machen-was-75-jahre-nach-befreiung-vom-faschismus-getan-werden-muss-tagderbefreiung-bkagvat-bundesrat

Nüchtern betrachtet war das Kriegsende nur ein "halber Sieg" der Faschismusgegner. Schon bald zeigten sich Risse in der Anti-Hitler-Koalition. Im Frühjahr 1947 wurde der Gestapochef von Lyon, Klaus Barbie ("Schlächter von Lyon"), der unter falschem Namen durch Deutschland irrlichterte, vom amerikanischen Geheimdienst CIC eingestellt und leitete von seinem Büro in Kempten einen Agentenring, der KPD, SPD und die Gewerkschaften überwachte. Reinhard Gehlen, Geheimdienstler der Nazis, baute mit Unterstützung von BRD und USA die "Organisation Gehlen" auf, Vorläufer des BND. Im ersten Kabinett Adenauer waren mehr ehemalige NSDAP-Mitglieder, als im ersten Kabinett Hitler. Im ersten Bundestag waren ehemalige NSDAP-Mitglieder in der Mehrheit. Der 8.Mai galt als ein Tag der Niederlage und der Schande.

Erst in den 60-er-Jahren wurde gegen starke Widerstände z.B von Fritz Bauer der Auschwitzprozess durchgesetzt. Der Etablierung der Gedenkstätte KZ Dachau wurden bis dahin ebenfalls von allen Seiten Knüppel zwischen die Füße geworfen. 1963 sollte ich in der Schule ein Referat über die Oktoberrevolution in Rußland ausarbeiten (der Oberstudienrat hielt mich als
Sohn eines stadtbekannten Kommunisten und ehem. KZ-Dachau-Häftling dazu prädestiniert). Zugang zu Original-Quellen erhielt ich in der Stadtbibliothek nur mit einer Bescheinigung der Schule, daß ich das für wissenschaftliche Zwecke brauche. Ein paar Jahre danach, im Studium, wurden Mitglieder des MarxistischenStudentenbundes (MSB) Spartakus, die sich bei Fahrten in die DDR mit marxistischen Klassikern eindeckten, diese regelmäßig an der "Zonengrenze" beschlagnahmt (obgleich es dasselbe inzwischen schon in hiesigen Buchhandlungen zu kaufen gab, nur teurer). Damit verbunden war ein Ermittlungsverfahren wegen "Einfuhr staatsgefährdenden Schrifttums".Geschäftsführer und Prokurist des Brücken-Verlags in Düsseldorf wurden 1961 inhaftiert, weil sie die Originaldokumente des 22.KPdSU-Parteitags in deutscher Sprache importierten und vertrieben. Die Materialien und die Bestellkartei (und damit die Namen von Interessenten) wurden beschlagnahmt. Nach heftigen Protesten bis in die FAZ wurden die beiden freigelassen und die Materialien sollten zurückgegeben werden. Die waren aber spurlos aus der Asservatenkammer verschwunden und materiell dem Verlag entschädigt. Der hatte damit ein besseres Geschäft gemacht, als wenn er sie mühsam vertreiben hätte müssen. Der Verteidiger der beiden Verlagsmenschen war übrigens Diether Posser, späterer NRW-Finanzminister und Anwalt aus der Kanzlei Gustav Heinemann (späterer Bundespräsident).

1965 erschien in der DDR das "Braunbuch". Hunderte von führenden Persönlichkeiten in der BRD aus Politik, Wirtschaft, Bundeswehr, Justiz und Wissenschaft wurden darin an Hand von in Berlin archivierten Dokumenten mit ihrer NS-Vergangenheit konfrontiert und öffentlich gemacht. Der Vertrieb wurde in der BRD sofort verboten. Ich bin meinerseits im Besitz der englischsprachigen Ausgabe. Die konnte man seinerzeit bestellen.

Erst im Jahr 1992 konnte das "Kunstprojekt" der Stolpersteine anfangen zu reüssieren, in dem auch weniger prominente NS-Gegner und Widerstandskämpfer und Opfer ins Bewußtsein der Öffentlichkeit gerückt wurden. Und erst in jüngerer Zeit wurden manche der zerstörten Synagogen wieder aufgebaut.

Auf neuere Bestrebungen von rechtsradikalen Kräften und der AfD, durch Geschichtsrevisionismus diese Entwicklungen wieder umzukehren, erspare ich mir weiter darauf einzugehen.

 
 
 
 

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Kein Fußbreit den Faschisten! - es sei denn, sie stürmen dem Wasser zu

Kommentare zum Beitrag

H. Peter Herold
28.843
H. Peter Herold aus Gießen schrieb am 02.05.2020 um 20:47 Uhr
Wenn ich hetzt sagen würde ich bin nicht stolz ein Deutscher zu sein, würde es nichts nützen. Aber stolz auf etwas zu sein wofür man nichts kann, das man nicht selbst erarbeitet hat, ist ohnehin falsch. Also ich bin nicht stolz, obwohl es keinem hilft. Bin 1940 geboren und habe in der Schule nie etwas über das Dritte Reich gehört. Erst später wurden mir diese ganzen Verbrechen bekannt und in Buchenwald war ich fassungslos.
Christian Momberger
11.265
Christian Momberger aus Gießen schrieb am 02.05.2020 um 22:17 Uhr
Ein guter und wichtiger Text Kurt, wie ich finde.
Bernt Nehmer
2.371
Bernt Nehmer aus Hungen schrieb am 03.05.2020 um 08:59 Uhr
Wenn ich einen Drucker hätte, würde ich den Text ausdrucken.
Michael Beltz
7.740
Michael Beltz aus Gießen schrieb am 03.05.2020 um 11:30 Uhr
Gut, dass du diesen Text hier einbringst.
"Auf neue Betrebungen...." da sind nicht nur Rechtsradikale am Werk, Geschichtsrevisionismus wird gerade auch von Bürgerlichen betrieben
Kurt Wirth
2.922
Kurt Wirth aus Gießen schrieb am 06.05.2020 um 13:16 Uhr
Die im Beitrag erwähnte Petition für "8.Mai zum Feiertag erklären" hat mittlerweile 90.000 Unterschriften erreicht.
Am 9.Mai findet ab 20.30 ein online-Konzert mit Konstantin Wecker, Esther Bejerano und vielen anderen statt:
http://www.br.de/kultur/konstantin-wecker-livestream-100.html
http://wecker.de/
Christian Momberger
11.265
Christian Momberger aus Gießen schrieb am 06.05.2020 um 21:19 Uhr
Danke für die Infos Kurt.
Kurt Wirth
2.922
Kurt Wirth aus Gießen schrieb am 08.05.2020 um 13:12 Uhr
Die Petition, den 8.Mai zum Feiertag zu machen, hat jetzt mehr als 102.000 Unterschriften erreicht.
Stefan Walther
4.772
Stefan Walther aus Linden schrieb am 08.05.2020 um 13:50 Uhr
Danke für den Beitrag, habe ihn erst sehr spät gelesen - und auch die Info über die Entwicklung der Petition!

Ernstes Thema, gestatte mir bitte trotzdem ne kleine ironische Bemerkung = wieso wurden der Geschäftsführer und Prokurist aufgrund der Einführung der Dokumente des 22. Parteitags der KPdSU verhaftet? Wahrscheinlich hatten diejenigen, die sie verhafteten keinerlei Ahnung von dem was da dokumentiert wurde, staatsgefährdendes mit Sicherheit nicht :-))
Kurt Wirth
2.922
Kurt Wirth aus Gießen schrieb am 08.05.2020 um 15:53 Uhr
Es handelte sich um zwei Personen. Die Parteitagsmaterialien wurden von der (illegalen) KPD zur Lektüre empfohlen. Das war der Aufhänger.
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
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von:  Kurt Wirth

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Kurt Wirth
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