Bürgerreporter berichten aus: Gießen | Überall | Ort wählen...

Verkehrswende-Aktivist*innen fordern: Autofahren und Verbrennen fossiler Energieträger verbieten – sofort!

Blick auf den Berliner Platz am 1.4.2020 mit Einzelpersonen und 2er-Gruppen, die aktiv sind
Blick auf den Berliner Platz am 1.4.2020 mit Einzelpersonen und 2er-Gruppen, die aktiv sind
Gießen | Knapp 30 Verkehrswende-Aktivist*innen standen am 1.4.2020 in Gießen in corona-sicherem Abstand und demonstrierten, jede*r für sich, für einen schnellen Ausstieg aus dem motorisierten Individualverkehr und den Aufbau eines leistungsfähigen ÖPNV. Eine ordentliche Versammlung war verboten worden – aus Angst vor Corona. „Das ist ein Skandal: Unsere Demo war in jedem Detail so geplant, dass alle vorgeschriebenen Abstände mehr als eingehalten und sonstige Verhaltensweisen auf Risikominderung orientiert waren. Dagegen dürfen die Autos überall weiter fahren, obwohl inzwischen in wissenschaftlichen Studien gewarnt wird, dass Luftverschmutzung und Corona-Tote vermutlich zusammenhängen“, empörte sich eine Teilnehmerin. Etliche Demonstrant*innen hatten selbstgemalte Schilder, auf denen der Zusammenhang von Feinstaub und Corona-Toten benannt wurde. Doch an das Heiligtum Auto würde die Politik nicht heranwollen – ebenso dürften die feinstaubintensiven Kohlekraftwerke auch zu Coronazeiten weiterlaufen. „Wir fordern ein sofortiges Verbot des Autofahrens und des Betriebs der dreckigen Kraftwerke – und wir werden weiter versuchen, dafür zu demonstrieren“, hieß es aus der Demo. Das Demoverbot sei schließlich auch ein Versuch, das Versagen der Politik zu kaschieren. „Die Kleinen werden drangsaliert, die Großen geschont – wie immer!“

Mehr über...
Hintergrund:
Warum wo besonders viele Menschen an Corona erkranken und, das ist noch geheimnisvoller, warum wo prozentual mehr daran sterben, ist in wissenschaftlichen Kreisen heiß diskutiert, aber nach wie vor nicht geklärt. Viele Theorien sind benannt, einige schon widerlegt. Der unterschiedliche Anteil alter Menschen wird erwähnt – aber der ist auch in ländlichen Gebieten höher, die allerdings wiederum niedrigere Fallzahlen haben. Regionen und Staaten haben sehr unterschiedliche Beschränkungen erlassen, die auch unterschiedlich wirken, aber nicht eindeutig bestimmten Maßnahmen zugeordnet werden können. Da wirkt eine Studie aus Italien spannend, die eine sehr naheliegende Spur verfolgt. Denn der aktuelle Corona-Virus CoVid-19 löst eine Lungenkrankheit, die vielfach tödlich endet. Feinstaub und andere Luftverschmutzungen schwächen die Lunge ebenfalls. Wer sich nun anschaut, wo die meisten Coronafälle und –toten auftreten, findet neben überwiegend geklärten Zufallsbegebenheiten der Massenansteckung (z.B. die Faschingshandlungen
Viele hatten selbstgemalte Schilder dabei
Viele hatten selbstgemalte Schilder dabei
im Kreis Heinsberg) eine bemerkenswerte Korrelation zwischen hoher Luftbelastung und Infektionen bzw. Todeszahlen. Bislang werden dafür zwei Theorien debattiert, die beide zutreffen könnten. So ist bekannt, „dass Viren und Bakterien auf Staubpartikeln oder organischen Teilchen aus dem Meeresdunst reisen. … Ein Wissenschaftlerteam verschiedener italienischer Universitäten will einen Zusammenhang zwischen der Luftverschmutzung durch Feinstaub und der Häufung von Coronavirus-Infektionen gefunden haben, die in der Po-Ebene, besonders in der Lombardei und der Emilia-Romana, am höchsten ist. In ihrer Studie, für die sie die Feinstaub-Messwerte (PM-10) der Überwachungsstationen der Umweltschutzbehörden auswerteten und mit den bestätigten Covid-19-Fällen verglichen, gingen sie ebenfalls davon aus, dass Viren auf Smogpartikeln und insbesondere Feinstaubpartikeln bis zu mehreren Tagen und Wochen in der Luft bleiben und reisen können.“ (Zitat und genauere Informationen auf www.heise.de/tp/features/Feinstaubpartikel-als-Viren-Vehikel-4687454.html) „Ähnliches veröffentlichten Wissenschaftler zuvor bereits im renommierten Fachjournal Nature“, fügt das WDR-Wissenschaftsmagazin Quarks hinzu (www.quarks.de/gesundheit/medizin/ist-feinstaub-schuld-an-den-vielen-todesfaellen-in-italien/).
Zudem liegt nahe, dass eine Vorbelastung durch hohe Luftverschmutzung die Anfälligkeit für eine Lungenkrankheit durch Viren erhöht. Das ist bereits länger bekannt: „Besonders konkret wird es bei einer Studie, die vor Jahren zum Virus SARS-CoV durchgeführt wurde, das sich Anfang der 2000er Jahre in Asien verbreitet hat. Im Vergleich zu Regionen mit geringer Luftverschmutzung lag das Sterblichkeitsrisiko in Regionen mit moderater Luftverschmutzung um 86 Prozent höher, bei hoher Luftverschmutzung war das Risiko doppelt so hoch.“ (Quelle wie oben)
Noch ist nichts bewiesen, aber der Verdacht liegt nahe. In einer Zeit, wo selbst corona-kompatible Demonstrationen verboten und die Essensverteilung von Tafeln gestoppt wird, um vermeintlich jedes Restrisiko zu vermeiden, wirft es ein bemerkenswertes Licht auf die zur Zeit an starken Sprüchen nicht verlegenen Politiker*innen, dass sie das Naheliegende nicht tun: Aus Vorsorge den Autoverkehr sofort verbieten und die Kohlekraftwerke abschalten! Das hätte zudem nicht solch starke Nebenwirkungen wir andere Coronaschutzregeln wie vermehrte häusliche Gewalt oder die Suizid-Gefahr für Inhaber*innen kleinerer und mittlerer Betriebe. Im Gegenteil: Kinder könnten leichter raus, Menschen würden sich mehr bewegen. Und wenn sich dann herausstellt, dass Corona doch nicht durch Feinstaub gefördert wird, dürften 1,35 Mio. Unfalltote plus ungezählte Verletzte pro Jahr weltweit und eine unbekannte Masse an Geschädigten durch Luftverschmutzung, Flächenverbrauch und Rohstoffgewinnung auch allein Grund genug dafür sein.

(Dieser Beitrag stammt vom neuen Format "Hirnstupser" - siehe www.hirnstupser.tk oder den Hirnstupser-Kanal auf Youtube, z.B. https://youtu.be/W78NyLeJXw0)

Blick auf den Berliner Platz am 1.4.2020 mit Einzelpersonen und 2er-Gruppen, die aktiv sind
Blick auf den Berliner... 
Viele hatten selbstgemalte Schilder dabei
Viele hatten... 

Dies könnte Sie zum Thema auch interessieren

Im September 2019 demonstrierten Radfahrergruppen, wie einfach sich der Lückenschluss an der Frankfurter Straße innerhalb weniger Stunden mit etwas Farbe realisieren lässt.
ADFC kritisiert Stillstand bei Radwegebau: Bürgermeister setzt Koalitionsvertrag nicht um
Der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) kritisiert die schleppende...
Foto einer früheren Fahrraddemo (2019 in Buseck)
Abgesagt: KIDICAL MASS am 21. März in gießen
Am 21.3. rollt die zweite Kinder-Fahrrad-Demo – genannt KIDICAL MASS...
Volle Säle bei den Verkehrswendeveranstaltungen (Foto vom 20.2.2020)
Wertvolle Impulse für eine Verkehrswende
Die ersten fünf Informationsabende der Vortragsreihe „Verkehrswende...
Verkehrswendeaktion am 7.9.2019
Offener Brief an Stadt Gießen: Verkehrswende-Aktive fordern Umwandlung von Auto- und Fahrradstraßen während Coronazeit
Der Text des offenen Briefs: Wir (Aktive aus...
Für eine bunte Obst- und Gemüseabteilung viel CO2, Schweröl und Feinstaub
Werden in Städten Fahrzeuge schon fast verteufelt, Klimawandel in...
© Klima-Bündnis
STADTRADELN 2020: 2035Null mit offenem Team am Start
Auch in diesem Jahr nimmt die Stadt Gießen vom 16.05. bis 05.06....
Ausschnitt aus dem Ankündigungsplakat
Verkehrswende in und um Gießen: AStA und Verkehrswendeinitiativen rufen Vortragsreihe ins Leben
Das Thema Klimawandel ist in aller Munde. Einer der Hauptverursacher...

Kommentare zum Beitrag

Bernt Nehmer
2.293
Bernt Nehmer aus Hungen schrieb am 05.04.2020 um 08:56 Uhr
Organisierer wiesen auf Sicherheitsabstand hin und wurde von den Teilnehmer*innen eingehalten. Eine gute Aktion und ich werde bei den zukünftigen, trotz Risiko Gefahren, versuchen teilzunehmen. Einen Stift bringe ich mit, ein Stoffbändchen versuche ich zu organisieren.
Martin Wagner
2.651
Martin Wagner aus Gießen schrieb am 05.04.2020 um 14:45 Uhr
Wurde gegen das Demonstrationsvervbot geklagt? Falls ja -mit welchem Erfolg?
Jörg Bergstedt
613
Jörg Bergstedt aus Gießen schrieb am 05.04.2020 um 15:32 Uhr
Es wurde geklagt. In der ersten Instanz in der Sache verloren. Vor dem Verwaltungsgerichtshof und dem Verfassungsgericht verloren, weil die nicht mehr genug Zeit hatten und dann beschlossen, dass ein Beschluss nicht mehr rechtzeitig käme. Deshalb gibt es einen neuen Anlauf übernächste Woche (schon mal vormerken: 14.-17.4. ab 14 Uhr vier Tage lang für jeweils 4 Stunden - damit wir in jedem Fall genug Zeit für die Klagen haben).
In zwei Orten Deutschlands (Greifswald und Lüneburg) hat das dazu geführt, dass die Behörden beschlossen haben, die Versammlungen zuzulassen mit Auflagen - offenbar um Verfassungsklagen zu verhindern. Ich denke, die wissen, dass das alles illegal ist, was die machen ... auch wenn bemerkenswert viele diesen Rechtsbrüchen Beifall klatschen.
Jörg Bergstedt
613
Jörg Bergstedt aus Gießen schrieb am 05.04.2020 um 22:30 Uhr
Bürger*innenantrag für eine RegioTram in Gießen - jetzt unterzeichnen: openpetition.de/!hvqyf
Wir brauchen knapp 1000 Unterschriften, dann muss die Stadt Gießen entscheiden. Es gibt auch Unterschriftenlisten zum Ausdrucken und Sammeln: http://www.projektwerkstatt.de/media/text/verkehr_giessen_antragregiotram.pdf
Martin Wagner
2.651
Martin Wagner aus Gießen schrieb am 08.04.2020 um 18:24 Uhr
Danke, Herr Bergstedt - Es ist gut, dass es Menschen gibt, die unser selbverständliches Grundrecht versuchen einzuklagen.
Stefan Walther
4.743
Stefan Walther aus Linden schrieb am 08.04.2020 um 20:59 Uhr
"Selbstverständliches Grundrecht"? Wenn`s so einfach / so eindeutig wäre, dann bräuchte doch niemand klagen, oder? Und was ist gerade heute mit einem weiteren Eilantrag passiert, der sich explizit gegen die massiven Einschränkungen der Grundrechte richtete? = abgelehnt, fertig!
Klar, man sollte diesen Weg der Klage(n) auch nutzen, logisch, aber Martin dein manchmal etwas naives Vertrauen in eine "neutrale" Justiz kommt mir doch etwas blauäugig vor, oder täusche ich mich da? Die Justiz hat darauf zu achten dass die herrschenden Gesetze beachtet und eingehalten werden... und wie heißt es: die herrschenden Gesetze sind immer die Gesetze der ???
Martin Wagner
2.651
Martin Wagner aus Gießen schrieb am 10.04.2020 um 13:27 Uhr
Nein Stefan, ich halte mich nicht für naiv.
Aber das ist sicher Ansichtssache.
Inhaltlich: Auch wenn die Justiz auf der Seite der Herrschnden steht - gegen das GG kann sie nicht "anstinken"!
Das Problem ist nur ein Rechtskundigen zu finden, der klipp und klar beweisen kann, dass eine konkrete Massnahmen keiesfalls sich mit dem GG deckt. Leider ist der Interpretationsrahmen auch bei scheinbar glasklaren Paragraphen erstaunlich groß.
Aber in den letzten Jahrzehnten gibt es erfreulicherweise immer mehr Rechtskundige, die sich nicht für die Sache der Herrschenden einspannen lassen.
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
Auf www.giessener-zeitung.de kann jeder aus seinem Ort berichten. Lokaler geht's nicht!

Mitmachen ist ganz einfach und alles ist kostenlos: Gleich registrieren und los geht's!

Herzlichst, Ihr(e) Jörg Bergstedt

von:  Jörg Bergstedt

offline
Interessensgebiet: Gießen
Jörg Bergstedt
613
Nachricht senden
Aktuellste Beiträge des Autors:
Das große Spruchband vor dem Haupteingang der privatisierten Klinik
1.-Mai-Aktion am Universitätsklinikum Gießen
Unabhängige Aktivist*innen haben vor dem Haupteingang des Gießener...
Werbeplakat für den Aktionssamstag
Fuß, Fahrrad und Straßenbahn statt Autos
Verkehrswende-Initiativen wollen wieder verstärkt öffentlich aktiv...

Weitere Beiträge aus der Region

Blick nach Westen 21:45 von linker Hausseite
Drei Minuten Abendstimmung am 27. Mai 2020
Wechselnde Stimmung innerhalb von 3 Minuten
Das Brodtener Steilufer (Ostsee) zwischen Travemünde und Niendorf/Timmendorfer Strand
Die Bilder von gescannten Dias stammen aus verschiedenen...
Alle Sportarten, das Sportabzeichen und die Kurse können wieder gemacht werden beim TSV Klein-Linden
Nachdem bereits Tennis, Leichtathletik und auch Fußball, sowie die...

Dieser Beitrag als Banner

Um diesen Beitrag als Banner auf deine eigene Homepage einzubinden, kopiere einfach folgenden Link und füge diesen Code in deiner Homepage ein.
Link:
Übrigens: unter "Meine Seite" findest du auch einen Banner zum Einbinden der letzten Beiträge, die du selbst verfasst hast.