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Reise nach Helgoland

von Kurt Wirtham 23.03.2020890 mal gelesen9 Kommentare
Helgolands Wahrzeichen: Die lange Anna
Helgolands Wahrzeichen: Die lange Anna
Gießen | Meine Corona-Klausur bietet mir wieder Zeit zum Scannen alter Dias. In diesem Fall sind es gemischt solche aus 1989 und 2001 von zwei Reisen nach Helgoland. Das eine Mal mit der "Pidder Lyng"  von Hörnum/Sylt, das andere Mal von Cuxhaven mit der "Wappen von Hamburg". Man konnte seinerzeit auch von Büsum aus, wie auch Wilhelmshaven und Bremerhaven fahren. Später auch mit einem Katamaran von Hamburg aus; da darf es aber auf der Nordsee nicht stürmisch werden, wegen der Wellenhöhe. Dem Katamaran kann man auch in Cuxhaven zusteigen und ist dann ca. 75 Minuten unterwegs, mit der "Wappen von Hamburg" (2006 außer Dienst gestellt) dauerte es etwa 130 Minuten.

Für die "Seebäderschiffe" ist der Helgoländer Hafen zu klein und zu flach, so daß die Gäste vom Schiff in die "Börteboote" umsteigen mußten und damit an Land gebracht wurden. 1989 stand Helgoland noch im Ruf des "Fuselfelsens": Viele Besucher nutzten die Vorteile steuerfreien Einkaufs auf der Insel, da man auf der Fahrt aus der Dreimeilenzone herauskam. Außerdem gab es hier hier seit 1890, als Helgoland von der britischen Kronkolonie (seit 1807) im Austausch gegen
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die Insel Sansibar deutsch wurde, immer Steuerfreiheit. Und das war den Helgoländern immer wichtig. Sie wollten mehrmals in der Geschichte gar nicht so gern zu Deutschland, lieber zu Großbritannien, einmal klopften sie auch bei Dänemark an, aber mit der Steuerfreiheit wurden sie immer geködert. Seit 1995 durch Einführung der 12-Meilen-Zone kommt man bei der Fahrt nach Helgoland zwar nicht mehr in internationale Gewässer, aber die Insel gehört nach wie vor nicht zum Zollgebiet der EU und man braucht keine deutschen Verbrauchsteuern (hauptsächlich Mehrwertsteuer) bezahlen. Durch Einführung einer Gemeindeeinfuhrsteuer wurde der Spareffekt aber reduziert und es lohnt sich heute kaum noch, wegen des Einkaufens extra auf die Insel zu fahren.

Erst vor 11.600 bis 7.500 Jahren wurde Helgoland durch Anstieg des Meeresspiegels zur Insel. 1721 zerbrach sie in die heutigen zwei Teile Helgoland (1 qkm) und Düne (0,7 qkm). Die berühmte Felssäule "Lange Anna" (die wiederholt durch Betonunterfütterungen standfest gehalten wurde) ist 48 m hoch, die höchste Stelle der Insel ist 61,3 m hoch. Dieses ist zugleich die höchste Erhebung des Landkreises Pinneberg, zu dem die Insel interessanterweise gehört, und nicht zu einem meerangrenzenden Kreis.
ohne Worte
ohne Worte
Bei meinem Besuch in 2001 war zufälligerweise auch eine Gruppe des Alpenvereins Pinneberg da und richtete ein Gipfelkreuz auf und taufte die unscheinbare Erhebung auf "Pinneberg". Sie hatten auch Biwakutensilien dabei und übernachteten da (mit Sondergenehmigung, denn die Insel ist Naturschutzgebiet. Daher dürfen auch keine herkömmlichen Kfz auf der Insel fahren, die öffentlichen Dienste ausgenommen, aber die haben zum größten Teil auch schon seit vielen Jahren Elektrofahrzeuge. Auch das Fahrradfahren ist auf der Insel verboten).

Von früher Besiedelung zeugen die Funde von Hügelgräbern (Bronzezeit) und Funde von Feuerstein, den es nur auf Helgoland gibt, bis 300 km in den norddeutschen Raum. Nach der Rückkehr zu Deutschland 1890 wurde die Insel unter Wilhelm II. zur Seefestung ausgebaut. Während des 1.Weltkriegs wurde die Bevölkerung deportiert. Daher wollte sie 1918/19 wieder lieber zu Großbritannien, das lehnte aber ab. Auch Dänemark zeigte die kalte Schulter. Wirtschaftlich war man aber seit Mitte des 19.Jahrhunderts immer von deutschen Gästen abhängig. Bekanntermassen dichtete Hoffmann voin Fallersleben hier 1847 das "Lied der Deutschen", die spätere Nationalhymne. Im 20.Jahrhundert arbeitete hier wegen Heuschnupfens eine Zeitlang der Physiker Werner Heisenberg.

auf der "Wappen von Hamburg"
auf der "Wappen von Hamburg"
Im 2. Weltkrieg wurden, hauptsächlich durch sowjetische Zwangsarbeiter, U-Boot-Bunker, ein 13 km langes Tunnelsystem und ein Flugplatz für die Jagdstaffel Helgoland mit der Me 109 gebaut. Große militärische Bedeutung erreichte die Insel aber nicht. Trotzdem wurde sie am 18./19.April 1945 bombardiert und komplett unbrauchbar gemacht. 285 Menschen starben, davon 12 Zivilisten. Dieses Inferno wollte eine Widerstandsgruppe, an der auch Offiziere und Soldaten beteiligt waren, vermeiden und eine kampflose Übergabe erreichen. Man hatte Funkkontakt zu den Briten. Doch die Aktion wurde von zwei Gruppenmitgliedern verraten. 20 Männer wurden verhaftet und 5 auf dem Schießplatz in Cuxhaven-Sahlenburg hingerichtet. Für sie wurden 2010 auf er Insel Stolpersteine verlegt. Ein weiterer für einen bereits 1944 verhafteten und im Zuchthaus Brandenburg wegen Wehrkraftzersetzung hingerichteten Friseur. Für die Hinrichtungen in Sahlenburg war juristisch der spätere Konteradmiral der Bundeswehr Rolf Johannesson verantwortlich. Die jährliche Verleihung es "Rolf-Johannesson-Preises" durch die Marineschule in Flensburg-Mürwick und die dort aufgestellte Büste von ihm führt regelmäßig zu Auseinandersetzungen.

Die
Seebäderschiffe auf Reede
Seebäderschiffe auf Reede
Zivilbevölkerung (ca. 2.500 Personen) wurde dann evakuiert und in etwa 150 Orten Schleswig-Holsteins untergebracht. Die Insel diente als Bomben-Übungsplatz den Briten. 1947 wurden alle restlichen unter- und überirdischen Bauten mit einer riesigen Sprengung vollends vernichtet. Südlich von Helgoland wurden 100 Tonnen (ca. 6000 Stück) Giftgasgranaten versenkt.

1950 besetzten 2 Heidelberger Studenten und ein Verleger symbolisch die Insel und hißten diverse Flaggen. Dies war Auslöser einer größeren Bewegung und immer weiterer Besetzungen durch verschiedenste Jugendorganisationen. Der Bundestag und auch die Offiziellen der DDR unterstützten diese Aktivitäten zur Rückgabe er Insel. Ab 1.März 1952 konnten die Bewohner zurückkehren. Der 1.März ist auf Helgoland Feiertag.

Auf den Felsbändern um die Insel brüten Lummen, diverse Möwenarten, Tordalk, Eissturmvogel, Basstölpel u.a. Insgesamt wurden auf Helgoland 432 Vogelarten nachgewiesen. Gesprochen wurde hier Helgoländer Friesisch (Halunder), ist aber fast ausgestorben. Mit den Festländern unterhielten sie sich auf Plattdeutsch. Heute wird überwiegend "Standarddeutsch" gesprochen.

Siehe auch:
http://de.wikipedia.org/wiki/Helgoland

Auf Helgoland ist derzeit übrigens noch kein Coronafall bekannt.

Helgolands Wahrzeichen: Die lange Anna
ohne Worte
auf der "Wappen von Hamburg"
Seebäderschiffe auf Reede
Rettungsboot der "Wappen von Hamburg"
"Pidder Lyng" (Sylt) ? oder "Funny Girl" (Büsum) ? vor uns
Die Seebäderschiffe trudeln ein
Börteboote stürzen sich auf die "Wappen von Hamburg"
Umsteigen in die Börteboote
Börteboot - fast alle müssen stehen
Blick über die Unterinsel auf die Reede
mein Filius
Lange Anna
1
Lummenfelsen
Müllkippe?
1
Abstand gewinnen
noch mehr Abstand
und noch mehr
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"Kleine Anna"?
Auf der Rückfahrt kurz vor Cuxhaven
Der Katamaran "Halunder Jet" in Hamburg
Der Katamaran "Halunder Jet" in Hamburg

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Kommentare zum Beitrag

Friedel Steinmueller
3.803
Friedel Steinmueller aus Heuchelheim schrieb am 23.03.2020 um 20:27 Uhr
Da ist man also noch sicher vor Corona!
Bin vier mal auf dieser Insel gewesen. Letztmals am 9. Oktober 2019.
Wir sind mit einem Katamaran rüber. Fahrtzeit kaum 1,5 Std. Dafür aber sind wir ca. 30 Minuten vor Helgoland in ungeheuerlichen Seegang geraten mit gischtenden Wellenkämmen. Das war sehr abenteuerlich.
Aber der Aufenthalt erwies sich auch unangenehm. Auf dem Hochland konnte man zeitweise kaum gehen. Man musste aufpassen nicht weggepustet zu werden. Aber die kleine Wanderung dort hin war sehr spannend. Es gab einen herrlichen Blick u.a. auf die "Lange Anna" und der gewaltigen Brandung an diesem Tag.
Bereut habe ich die Überfahrt von Cuxhaven aus aber keinesfalls.
Bin, was Seegang betrifft, "Neu geeicht" worden.
Christian Momberger
11.259
Christian Momberger aus Gießen schrieb am 23.03.2020 um 21:51 Uhr
Danke Kurt für den informativen Artikel. Ich war im Sommer 1990 mal dort, da sind wir - meine Eltern und ich - auch von Hörnum (Sylt) gestartet. Auf dem Rückweg hatte es auch ordentlich Seegang.
H. Peter Herold
28.718
H. Peter Herold aus Gießen schrieb am 25.03.2020 um 13:11 Uhr
Wieder einmal ein sehr guter Bericht von dir Kurt. Danke mach weiter so.

Ich habe die Gelegenheit zum Besuch der Insel 1978 genutzt. War vom 19.6. - 30.60.1978 zu einer Revision in Hamburg und nutzte das WE 24. auf 25. zu einer Fahrt und Übernachtung auf der Insel.
Die Hin- und Rückfahrt kostete ab Hamburg 65 DM und die Übernachtung im Haus "Hubertus" nochmal 31 DM.

War ein tolles Gefühl als am Samstag die meisten Ausflügler wieder zurückfuhren. Einen Abend und ein halber Tag fast allein auf der Insel.
Kurt Wirth
2.815
Kurt Wirth aus Gießen schrieb am 25.03.2020 um 16:56 Uhr
Die Südwest-Schutzmauer (Preußenmauer) entstand bereits 1910/1913. Die Arbeiten wurden aber durch den I.Weltkrieg unterbrochen und 1926/27 fertiggestellt. Im II.Weltkrieg wurde die Mauer wieder erheblich beschädigt und 1960/63 wieder hergestellt. Die Schutzmauer an der langen Anna entstand 1938 im Rahmen des Projekts "Hummerschere". 1979 wurde die Brandungshohlkehle der langen Anna zugemauert. Eine lange Lebensdauer wird ihr aber so und so nicht mehr gegeben:

http://de.wikipedia.org/wiki/Lange_Anna

http://de.wikipedia.org/wiki/Preu%C3%9Fenmauer
H. Peter Herold
28.718
H. Peter Herold aus Gießen schrieb am 25.03.2020 um 20:03 Uhr
Danke
Kurt Wirth
2.815
Kurt Wirth aus Gießen schrieb am 26.03.2020 um 22:04 Uhr
Die Insel würde derzeit saisonbedingt ohnehin nur selten angefahren, ist aber jetzt auch coronabedingt "geschlossen". Stattdessen kann man folgendes Video mit Luftaufnahmen ansehen:

http://blog.ankerherz.de/blog/helgoland-aus-der-luft-zwei-minuten-zum-traeumen/?fbclid=IwAR3q7aREoS2okQD8tpCK7yZVRSZllhJJgNu_VBG4AzAWUv6ttTCKBUCCOjc
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