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Der Bund Königin Luise - ein Kampfbund der völkischen Frauenbewegung

Gießen | Hitler verdankt seinen ‚Erfolg’ auch einer Reihe von völkischen Frauenbünden. Dieser Zusammenhang ist bislang nicht angemessen gewürdigt worden.

Einer Feststellung der Kommunistin und Fotografin Tina Modotti (1896-1942) aus dem Jahre 1932 zufolge gab es in Deutschland ein „breites Netz .. faschistisch-militärischer Frauenorganisationen“. Sie nannte den „Königin-Luise-Bund“ (500.000 Mitglieder), den „Deutschen Frauenorden“ (43.000 Mitglieder) und die Frauenabteilung des „Wehrwolf“ (35.000 Mitglieder). Die Zahl für den Luisenbund, auch „Bund Königin Luise“ (BKL) genannt, scheint hoch gegriffen zu sein. Nach einer in der „Roten Fahne“ genannten Zahl umfaßten der BKL und die „Jungdeutsche Schwesternschaft“ zusammen 500.000 Mitglieder. Vielleicht hatte Modotti diese Zahl im Gedächtnis. Zu den faschistischen Frauenorganisationen rechnete sie auch die Frauenabteilungen der „Deutschen Turnerschaft“ mit 360.000 Frauen, deren Mitglieder verpflichtet waren, an den „faschistischen Paraden“ teilzunehmen.

In einer Darstellung aus dem Jahre 1932 wird ein Wandel in der Frauenbewegung konstatiert. Neu hinzugetreten sei
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die "bündische Frau" als politisch aktive Frau, die sich in drei großen Bünden der "nationalen Frauenbewegung" organisiert: dem „Bund Königin Luise“, der „Nationalsozialistischen Frauenschaft“ und dem „Ring Nationaler Frauenbünde“. Der BKL umfasste Mitte des Jahres 1932 2611 Ortsgruppen mit 108.196 Mitgliedern. Die Führerinnen der Ortsgruppen waren oftmals die Frauen dekorierter Soldaten.
Wie alle völkischen Vereine ist auch die Gründung des BKL im Kontext einer breit angelegten Offensive der nationalen Rechten gegen den politischen Wandel, wie er sich mit der Gründung der Weimarer Republik vollzieht, zu begreifen. Der Bund wird im Mai 1923 in Halle a. d. Saale auf Aufforderung des „Stahlhelm. Bund der Frontsoldaten“ von acht Frauen gegründet. Er nennt sich nach der preußischen Königin Luise (1776-1810) „Königin Luise Bund“ und knüpft an den „Luisenkult“ (Philipp Demandt) an. In der Publikation des „Stahlhelm“ heißt es: Der BKL sei die „Schwester-Organisation“ des „Stahlhelm“, des „Wehrwolf“ und des „Scharnhorst-Bundes“. Mit diesem Bund sollten nicht nur die Frauen der Männer dieser Bünde organisiert werden, sondern darüber hinaus alle deutschen Frauen und Mädchen. Mitglied konnten Frauen über 17 Jahren werden. Für die Mädchen ab 14 gab es den „Jungmädchen BKL.“ Die Gliederung des Bundes umfaßte 30 Gaue, die 1925 mit einer Ausnahme besetzt waren. Von 29 Gauleiterinnen waren neun adlig. Der BKL umfaßte 1925 bereits über 500 Ortsgruppen mit 50.000 Mitgliedern.
Der BKL breitete sich von Mitteldeutschland in verschiedenen Etappen über ganz Deutschland aus. Zunächst wurden Ortsgruppen gegründet, dann die Gaue und schließlich die Landesverbände. Auch an den Ostgrenzen entstanden zahlreiche Ortsgruppen. Die erste Ortsgruppe war Halle, der erste Gau der Gau Elbe-Elster. Danach folgten die Gaue Saale, Magdeburg, Halberstadt. 1925 gab es 42 Gaue mit zahlreichen Ortsgruppen. Der Gau Groß-Berlin umfaßte 1925 drei Ortsgruppen mit 70 Mitgliedern, die von Frau Else Mackeldey (geb. Düsterberg), der Schwester des Stahlhelm-Bundesvorsitzenden Major Theodor Düsterberg geleitet wurde. Vielfach nahmen an den Veranstaltungen des Königin Luisen Bundes nicht nur Mitglieder des Stahlhelm, sondern auch der NSDAP teil (so z.B. in Darmstadt am 24.11.1925). Der Bund faßte schnell in ganz Deutschland Fuß. Bereits im Januar 1926 war er, neben den beiden völkischen Frauenorganisationen „Deutscher Frauenorden“ und „Luisen-Orden“, auch mit einigen Ortsgruppen in Baden vertreten. Aber auch im Norden, in Bremen, trat er im März 1926 mit Veranstaltungen auf. 1927 gründete die Bundesführerin Landesverbände.
Die Kronprinzessin Cecilie von Preußen (1886-1954) hatte schon bald nach Gründung des BKL die Schirmherrschaft übernommen. Der Bund wuchs rasch an, vor allem im Jahr 1930 vollzog sich eine große Mitgliedersteigerung um etwa 1/3. Er hatte im Jahr 1933 etwa 200.000 Mitglieder, so daß Charlotte von Hadeln, die zweite, 1931 gewählte, Vorsitzende, in ihm die organisatorische Verkörperung der „größten nationalen Frauenbewegung“ sah. Die Satzung nennt zwei Ziele: „die Erziehung des weiblichen Geschlechts zur Mithilfe an dem großen Befreiungswerke Deutschlands von inneren und äußeren Feinden im Sinne unserer Vorfahren von 1813 und unserer unvergessenen Königin Luise“ und: die „unentwegte Förderung und Verbreitung des nationalen Gedankens“. Die Gründerinnen begreifen ihn als „nationalen Frauenbund“, errichtet „auf christlicher Grundlage, ohne Bindung an Konfessionen und Parteien“. Er war gedacht als „Sammelbecken“ völkischer, nationaler Frauen.
Mit dieser völkischen Zielrichtung ist eine Kritik am Habitus und Erscheinungsbild der modernen Frau verbunden: Das „überschlanke Mannsweib als Tagestyp“ mit dem „kurz geschorenes Haar“, rauchend, zügellos, ausschweifend, ehebrecherisch, wird perhorresziert. Dieser modernen Frau gelten die „Kinder .. als lästig“. Und: „Was galt noch Volk und Vaterland!“.
Obwohl konservativ in der Grundhaltung trat etwas "Neues" in den Vordergrund. So schreibt 1934 Franziska von Gaertner im Rückblick: „Es war etwas Neuartiges, etwas so ganz anderes als jeder andere Frauenverein“. Dieses Neue war der bündische, auf „Tat“ eingestellte Charakter des Verbandes, der immer wieder als „Kampfbund“ bezeichnet wurde.
Ende der 20er Jahre ging der BKL vielfach in die politische Offensive. Dazu gehörte auch das vehement antisemitische Auftreten. 1929 nahm die Jugendgruppe des BKL an einem Aufruf teil, in dem gegen die Versailler Zahlungsverpflichtungen und insbesondere gegen die „Verknechtung von Generationen“ der Protest erhoben wurde. Im Februar 1930 sandte der Landesverband Groß-Berlin eine Drahtnachricht an den Reichspräsidenten Hindenburg. Hindenburg wurde gebeten, dem Young-Plan seine Unterschrift zu versagen.
Im November 1930 schloß sich der BKL mit einer Reihe nationalistischer Verbände (Alldeutscher Verband, Nationalverband Deutscher Offiziere, Reichsoffizierbund, Stahlhelm, Deutschbanner Schwarzweißrot, Deutschnationaler Volkspartei, Nationalsozialisten, Jungdeutschlandbund, Kyffhäuserbund, Deutscher Offizierbund, National Nothilfe) zusammen, um den Kampf gegen die Politik des Reichswehrministeriums und gegen Preußen aufzunehmen.

Ideologie und Struktur
Obgleich der Bund auch sozial-karitative Aufgaben wahrnahm (z.B. Einrichtung von Volksküchen, Betreuung verelendeter Kinder, Verschickung von Großstadtkindern, Schaffung eines eigenen Erholungsheimes in Wernigerode), so war dies nach eigenem Bekunden nicht das Hauptgebiet seiner Betätigung. Sein Hauptziel war ein ideologisches: die völkische Erziehung der Frauen, „in die verwirrten, verhetzten Frauen den Gedanken der Kameradschaft, der Volksgemeinschaft hereinzutragen“ (Gärtner) Im Mittelpunkt standen das Eintreten für Wehrhaftigkeit, die Pflege des Heldentums des Weltkriegs, „Rassenpflege und Eugenik“, „Kampf gegen die Gottlosenbewegung“ (Gärtner), Pflege des „ererbten Brauchtums“. Zur ideologischen Agitation gehörte, wie bei allen anderen rechten Organisationen, der Kampf gegen die „Kriegsschuldlüge“, gegen den Dawes-Plan und Young-Plan.
Der Bund Königin Luise war im eigenen Verständnis mehr als eine „bloße Gesinnungsgemeinschaft“. Er war nach dem Vorbild männerbündischer Organisation ein Ort der Sozialisation, der Einübung von bündischen Verhaltensweisen. Im Zentrum dieser Einübung stand der Komplex „Führertum und Gehorsam“. Der Bund war also ein Ort der Sozialisation von völkischen Kadern: „Die Führerinnen im Bund Königin Luise lernten Verantwortungsgefühl und Pflichttreue gegenüber ihrer Gefolgschaft, die Gefolgschaft wiederum bedingungslose Treue und Vertrauen zu den Führerinnen.“ Hier wurden die Kader geschaffen für den Tag X der deutschen Erhebung, der im Bewußtsein aller rechten Gruppen eine große Rolle spielte. Alle diese Gruppen arbeiteten auf die eine oder andere Weise auf diesen Tag hin, der im Bereich der politischen Imaginationen und Visionen angesiedelt war.

Der BKL ist von Anfang rassistisch an ausgerichtet: Aus „instinktivem rassischen Empfinden“ nimmt der Bund keine „Jüdinnen und Fremdstämmige“ auf. „Rassenhygiene“ ist ein erzieherischer Programmpunkt. Im Jahr 1931 spricht einer der akademischen Vorkämpfer der „Rassenhygiene“, Prof. Dr. Hans Günther (Jena) zu den Jugendwarten und Landesführerinnen des BKL .

Als sich 1933 der Nationalsozialismus politisch durchsetzte, interpretierten viele rechten Gruppen ihre Geschichte als Teil der Vorgeschichte des Nationalsozialismus. Man wollte auf diese Weise teilhaben an der in ihren Augen „großen“ Geschichte. Auch Franziska von Gaertner folgt 1934, nach Auflösung des BKL, diesem Deutungsmuster. So heißt es, die Verschickung von Großstadtkinder habe man seit 1923 vorgenommen, "um dem werdenden dritten Reich einen gesunden Volksstamm zu schaffen.“ Wie verschiedentlich gezeigt wurde, gab es viele Überschneidungen und Schnittmengen des BKL mit dem Nationalsozialismus. 1933 feierte der BKL an vielen Orten den „Wahlsieg des nationalen Deutschland“. Gaertner berichtet, daß in den Jahren 1933/34 die Ortsgruppen im Ausland, in Amerika und Afrika, einen „tapferen Kampf gegen die Lügenpropaganda marxistisch-jüdischer Schriftsteller“ führten und für Hitler und den Nationalsozialismus eintraten. 1933 ist für den BKL das politische Ziel erreicht: „Als dann nach 10jähriger Kampfeszeit der Führer kam, für den der Bund Königin Luise Vorarbeit geleistet hat, da stellte er sich heißen, aufrichtigen Herzens unter die Hakenkreuzfahne…“ (Gaertner).

Kommentare zum Beitrag

Martin Wagner
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Martin Wagner aus Gießen schrieb am 10.12.2019 um 11:02 Uhr
Danke Herr Reimann für den informativen Beitrag.

Obwohl ich sehr viel zu dieser Zeit lese war mir der BKL nicht geläufig.
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
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Herzlichst, Ihr(e) Bruno W. Reimann

von:  Bruno W. Reimann

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Interessensgebiet: Gießen
Bruno W. Reimann
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