Bürgerreporter berichten aus: Gießen | Überall | Ort wählen...

10.11.2019: Mahngang zum Gedenken an die Reichspogromnacht 1938

von Edward Granam 10.11.2019808 mal gelesen8 Kommentare
Gießen | Mahngang am 10.11.2019

Am heutigen Sonntag, dem 10.11.2019, fand, wie jedes Jahr, der Mahngang zur Erinnerung an die verfolgten Jüdinnen und Juden der Novemberpogrome 1938 statt.

Am Morgen des 10. November 1938 wurden die beiden Synagogen in der Südanlage und der Steinstraße in Brand gesteckt. Zur gleichen Zeit wurden Geschäfte und Wohnungen geplündert und Gießener Jüdinnen und Juden gedemütigt, bedroht und geschlagen.
Der Mahngang schloss direkt an die Gedenkstunde der Stadt Gießen an. Es nahmen 100 – 120 Personen teil. Der Mahngang wird von einem Rahmenprogramm ergänzt. Beides wird von einem Bündnis verschiedener Gruppen organisiert. Dazu gehören: das Bündnis gegen Antisemitismus und Antizionismus Gießen, die Initiative gegen das Vergessen, das Netzwerk für politische Bildung, Kultur und Kommunikation e.V., das Queer-feministische Frauen||referat im AStA der JLU Gießen sowie die Studentische Initiative gegen Antisemitismus Gießen. Das Bündnis wurde finanziell unterstützt von den Aktionswochen gegen Antisemitismus der Amadeu-Antonio-Stiftung.
Mehr über...
Die PressesprecherInnen des Bündnisses, Cäcilia Schlocker und Tommy Schmiedl, erklären: „Das Erinnern an die Verbrechen der nationalsozialistischen Deutschen an den Jüdinnen und Juden sowie das Aufklären über latent antisemitische Narrative müssen nach wie vor eine zentrale Aufgabe der Erinnerungspolitik sein. Der Anschlag in Halle sowie die Raketenangriffe auf die israelische Zivilbevölkerung am vergangenen Wochenende machen deutlich, dass Antisemitismus noch immer eine mörderische Ideologie ist.“

Der Mahngang begann am Berliner Platz. Der erste Redebeitrag wurde auf dem Brandplatz vor dem Zeughaus von der Studentischen Initiative gegen Antisemitismus gehalten. Inhaltlich befasste sich dieser mit dem Antisemitismus innerhalb der (verfassten) Studierendenschaft. „Schon lange vor der sogenannten Machtergreifung der NSDAP 1933 stellte Antisemitismus eine zentrale Ideologie in Burschenschaften und Universität dar“ betonte dabei Schlocker.
Von dort zog der Mahngang zur Walltorstraße, wo VertreterInnen der Initiative gegen das Vergessen einen Redebeitrag über die seinerzeit dort betriebenen Ghettohäuser hielten, in denen Jüdinnen und Juden zwangsweise leben mussten. Zweck der Judenhäuser war neben der Arisierung jüdischen Besitzes eine leichtere Kontrolle von jüdischen Menschen, sowie das weitestgehende Unterbinden von sozialen Kontakten, etwa in der Nachbarschaft. Aufgrund von Sicherheitsbedenken der SS, sollten die Häuser jedoch „nicht alle nebeneinander[...] liegen“, hieraus ergab sich auch die räumliche Distanz in Gießen.
Über Kirchen- und Marktplatz führte die Route zur Bahnhofstr./Ecke Neustadt. Der Beitrag des Bündnisses gegen Antisemitismus und Antizionismus Gießen behandelte die Geschehnisse der Ausschreitungen während der Novemberpogrome in Gießen, die das Geschäft „Manufakturen und Konfektion Karl Zwang“, das in der Neustadt 39 lag, betrafen. Neben der Familiengeschichte und dem Leben der Familie Zwang nach den Novemberpogromen wurden die antikapitalistischen Implikationen dieser antisemitischen Revolte beleuchtet.
Eine weitere Station des Mahnganges bildete die Ecke Seltersweg/Kaplansgasse, wo sich Inschriften und eine Texttafel zur Erinnerung an die Bombenangriffe der Alliierten auf die Gießener Innenstadt im Zweiten Weltkrieg befinden. Dort sprach Joachim Fontana vom Netzwerk für politische Bildung, Kultur und Kommunikatione.V. (NBKK). Thema waren die Erinnerungskultur der Bundesrepublik und der Raum, den das Erinnern an den Holocaust darin einnimmt. In Bezug auf die Gedenkkultur in Gießen bekräftigte Fontana die Forderung nach der Umbenennung des Bahnhofsvorplatzes in „Esther-Stern-Platz“. Auch die Anbringung einer Informations- und Gedenktafel am Bahnhof zur Erinnerung an die Deportation und Ermordung der Gießener Jüdinnen und Juden könne ein sinnvoller Beitrag zu einem aufklärerischen Umgang mit der lokalen NS-Vergangenheit sein, so Fontana.
Beendet wurde der Mahngang mit einer Kranzniederlegung und Schweigeminute am Gedenkstein für die liberale Synagoge am Berliner Platz. Leider kam es während des Mahngangs wie in den vergangenen Jahren zu mehreren antisemitischen Anfeindungen.

Neben dem Mahngang enthält das Rahmenprogramm weitere Veranstaltungen. Am 4.November fand bereits ein Vortrag zu lokalhistorischer Forschungsarbeit und jüdischer Geschichte mit Markus Streb statt. Den zweiten Teil des Rahmenprogramms bildet eine Filmreihe bestehend aus dem Antisemitismus-Report von Adrian Oeser (21.11.) und den beiden Lanzmann-Dokumentationen„Pourquoi Israël“ (02.12.) und „Tsahal“ (in zwei Teilen am 09.12. und 12.12.). Die Filmvorführungen finden jeweils um 19 Uhr im Margarete-Bieber-Saal, Ludwigstr.34 statt.

Dies könnte Sie zum Thema auch interessieren

Mahngang zur Reichspogromnacht und die einzelnen Stationen in Gießen
Am 9.11.2019 fand in Gießen wieder ein Mahngang zur Reichspogromnacht...
Mahngang und Demonstration zum Gedenken an die Reichspogromnacht, 9. November 1938
Beginn: Samstag, 9. November, 18 Uhr am Berliner Platz Mahngang...
Die Theatergruppe der Gedenkstätte Hadamar. (Foto: Gedenkstätte)
George Taboris Theaterstück „Jubiläum“ am 29.11. bei Vitos in Gießen
Gießen. Die Gedenkstätte Hadamar lädt am Freitag, 29. November, zu...

Kommentare zum Beitrag

Martin Wagner
2.577
Martin Wagner aus Gießen schrieb am 11.11.2019 um 08:49 Uhr
Ähhhh - was soll das?

Der Gedenktag ist doch der 9.11. !

Dazu wurde auch hier eigeladen.

("Mahngang und Demonstration zum Gedenken an die Reichspogromnacht, 9. November 1938")

Ich war da. Habe mich schon gewundert, dass so wenig Leute da waren. Jetzt ist mir das klar. Es gab eine Gegenveranstaltung einen Tag später.

Was soll das?

Können nicht zwei Bündnisse sich ein halbes Jahr vorher an einen Tisch setzen und drüber reden.

Vielleicht gibt es inhaltliche Differenzen (wo gibt es die nicht ....) dann (und das ist doch bewährt) einigt mann / frau sich auf den gemeinsamen Nenner (der dürfte doch hier groß genug sein) und "erträgt es" eine gute Stunde dem gemeinsamen Ziel wegen einmal mit Leuten es aushalten mit denen mann / frau eventuell sonst wenig gemeinsam zu tun haben will.

Hinterher steht es doch jedem frei seinen Standpunkt zu "vertreiben".

Die Rechten freuen sich doch nur über zwei Mahngängen.
Denn dadurch wird klar, dass es die Gegenkräfte nicht schaffen ihr Potential zu bündeln.
Michael Beltz
7.589
Michael Beltz aus Gießen schrieb am 12.11.2019 um 17:01 Uhr
Wer hat antisemitische Äußerungen gemacht? Kritik an Israel bedeutet nicht zwangsläufig Antisemitismus, genau wie Kritik an Deutschland nicht antideutsch bedeutet.
Dem leider zunehmenden Antisemitismus treten wir hoffentlich gemeinsam entgegen.
19
Edward Gran aus Gießen schrieb am 12.11.2019 um 23:38 Uhr
Die Redebeiträge, die die einzelnen Gruppen zu den jeweiligen Stationen hielten finden sich jeweils hier:

Studentische Initiative gegen Antisemitismus Giessen:
https://www.facebook.com/notes/studentische-initiative-gegen-antisemitismus-giessen/redebeitrag-mahngang-zur-erinnerung-an-die-novemberpogrome-1938-am-10112019/1487199968084472/

Bündnis gegen Antisemitismus und Antizionismus Gießen:
https://www.facebook.com/notes/b%C3%BCndnis-gegen-antisemitismus-und-antizionismus-gie%C3%9Fen/redebeitrag-mahngang-10112019/2479163915536660/

NBKK:
https://www.facebook.com/notes/nbkk/redebeitrag-mahngang-10-november-2019/2540483806062344/
Stefan Walther
4.565
Stefan Walther aus Linden schrieb am 13.11.2019 um 14:14 Uhr
Herr Gran, warum beantworten Sie die Frage von Herrn Beltz nicht?
Martin Wagner
2.577
Martin Wagner aus Gießen schrieb am 13.11.2019 um 15:28 Uhr
Ich will kurz auf eine Passage des Artikels eingehen, den ich so nicht unterstützen kann.

(...) "Der Anschlag in Halle sowie die Raketenangriffe auf die israelische Zivilbevölkerung am vergangenen Wochenende machen deutlich, dass Antisemitismus noch immer eine mörderische Ideologie ist.“ (...)

Ohne Zweifel gibt es ein Fortbestehen von dem schwachsinnigen Dogma des Antisemitismus. Deswegen ist es notwendig auch so viele Jahrzehnte nach dem Ereignis Parallelen zu ziehen.

Was mir aber überhaupt nicht einleuchtet ist die Gleichsetzung irgendwelcher Rechter aus Halle mit "Raketenangriffe auf die israelische Zivilbevölkerung". Israel ist ein Staat und Juden gehören einer Religionsgemeinschaft an. Mag ja sein, dass diejenigen, welche Raketen auf das Staatsgebiet Israel abfeuern Antisemiten sind, aber glaubt irgendjemand, dass bei der jahrzehntelangen Politik des Staates Israel den Palistinänsern gegenüber das eine entscheidente Rolle spielt?

Ich nicht, ich gehe davon aus, dass diese Menschen in die ihnen nach Völkerrecht zustehenden Siedlungsgebiete zurück kehren wollen. (Ob Raketenangriffe dabei helfen; steht auf einem anderen Blatt.)

Ich kritisiere den Staat Israel - ich kritisiere den Staat BRD. Das mache ich aus den und den Gründen. Deswegen bin ich aber nicht antijüdisch oder antideutsch.

Auch wenn es umständlich ist; wir sollten uns alle bemühen differenziert zu argumentieren.
Stefan Walther
4.565
Stefan Walther aus Linden schrieb am 15.11.2019 um 08:08 Uhr
Es ist nicht umständlich Martin, es ist eindeutig = Kritik an der Regierung Israel hat rein gar nichts mit Antisemitismus zu tun!
Auch hunderte jüdische Intellektuelle, Professoren, Wissenschaftler usw. usf. haben die Politik Israels gegenüber den Palästinensern scharf verurteilt. Und?, selbst diese Juden(!) bezichtigt "man" dann des Antisemitismus. Irre, oder?
Du wirst sehr wahrscheinlich genauso wenig eine Antwort erhalten wie Michael Beltz.

Aber Eines dürfte doch klar geworden sein = einen gemeinsamen Nenner wird es meiner Ansicht nach hier nicht geben können ( auch als Antwort auf deinen ersten Kommentar )
17
Jonas Seiler aus Staufenberg schrieb am 16.11.2019 um 00:07 Uhr
Also das finde ich ja interessant...

Im Artikel heißt es:

(...) "Der Beitrag des Bündnisses gegen Antisemitismus und Antizionismus Gießen behandelte die Geschehnisse der Ausschreitungen während der Novemberpogrome in Gießen, die das Geschäft „Manufakturen und Konfektion Karl Zwang“, das in der Neustadt 39 lag, betrafen. Neben der Familiengeschichte und dem Leben der Familie Zwang nach den Novemberpogromen wurden die antikapitalistischen Implikationen dieser antisemitischen Revolte beleuchtet." (...)

Das Gedenken an die Opfer ist natürlich richtig aber dieser letzte Teil liest sich beinahe als ob Antisemitismus und Antikapitalismus gleichwertig seien beziehungsweise als ob Antikapitalismus noch viel schlimmer sei.
Zumindest ist das meine Erwartungshaltung an einen Beitrag eines "Bündnisses gegen Antisemitismus und Antizionismus".

Obwohl es sicher auch Kritik an dieser Veranstaltung geben muss ist es ja gründsätzlich richtig der Opfer zu gedenken und sich auch heute gegen Antisemitismus zur Wehr zu setzen.

Antisemitismus mit Kritik am Kapitalismus oder an der Israelischen Regierung gleichzusetzen schlägt für mich aber dem Fass den Boden aus und ist eine groteske Verharmlosung von tatsächlichem Antisemitismus. Das finde ich sogar für bürgerliche Antifaschisten beschämend.

Und wenn die Nazi-Ideologie eines war/ist, dann ist das mit Sicherheit nicht Antikapitalistisch.
Michael Beltz
7.589
Michael Beltz aus Gießen schrieb am 16.11.2019 um 17:52 Uhr
Am Donnerstag wurde im Stadtparlament einstimmig beschlossen die Synagogen noch stärker zu beschützen. Zu sache wurde wenig diskutiert, der Fraktionsvorsitzende der CDU, Herr Mölller, drosch nicht auf die AfD ein sondern redete zu Sache und zu "unseren Werten". SPD und vor allem die kriegserfahrenen GRÜNEN und andere sahen ihre Aufgabe darin, die AfD zu beschimpfen. (Dass Höcke ein Faschist ist, hatte ich schon in der letzten Sitzung gesagt)
Dann sah ich mich veranlasst, ebenfalls die AfD zu kritisieren: Sie von der AfD stehen vorbehaltlos zu Israel, einem Staat der die Palästinender qält.
Das gab Stress - denn wer Israel kritisiert ist nach Meinung der Guten ein Antisemit. Diese geballte Dummheit wurde nun zum zweiten Mal von einem Abgeordneten der Grünen vorgetragen.
Iran darf ich kritisieren, Erdoghan und Türkei ebenfalls,....
Ein guter Rat: Die Günen sollten sich für den Kriegstreiber Joschka Fischer und den Überfall auf Jugoslavien entschuldigen.
Der ehemalige Bundeskanzler Schröder (SPD) hat die getan.
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
Auf www.giessener-zeitung.de kann jeder aus seinem Ort berichten. Lokaler geht's nicht!

Mitmachen ist ganz einfach und alles ist kostenlos: Gleich registrieren und los geht's!

Herzlichst, Ihr(e) Edward Gran

von:  Edward Gran

offline
Interessensgebiet: Gießen
19
Nachricht senden

Weitere Beiträge aus der Region

Paula
Emma, Paula und Mia - drei absolut liebe und zahme Rattendamen
Emma, Paula und Mia kamen ursprünglich wegen Zeitmangel ins Tierheim...
Tierheime in Deutschland sind in ihrer Existenz bedroht
Wie kann die Zukunft gesichert werden? Die Gründe hierfür sind...
Neues Kurs Heft ist da! 16 Kurse bietet der TSV Klein-Linden an
Der TSV Klein-Linden wird ab sofort die Flyer mit den neuen Kursen...

Dieser Beitrag als Banner

Um diesen Beitrag als Banner auf deine eigene Homepage einzubinden, kopiere einfach folgenden Link und füge diesen Code in deiner Homepage ein.
Link:
Übrigens: unter "Meine Seite" findest du auch einen Banner zum Einbinden der letzten Beiträge, die du selbst verfasst hast.