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Aktion 10²³ in Gießen. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Homöopathie

Gießen | An dieser Stelle muss ich ein Geständnis machen. Ich bin Homöophob, und ich stehe dazu. Deswegen habe ich mich gestern auch an der 10²³-Aktion der Gießener Skeptiker beteiligt. Ziel der Veranstaltung war Aufklärung zum Thema Homöopathie. Es gib bis heute keinen wissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweis von Globuli und Co., die Gleichsetzung von Homöopathie mit Naturheilkunde ist eine grobe Irreführung, und unsere Krankenkassen geben einen 3stelligen Millionenbetrag im Jahr für Zuckerkügelchen aus. So bin ich also dem Ruf der Gießener Skeptiker gefolgt die zur Aktion 10²³ gerufen haben, konkret gesprochen die planmäßige Überdosierung homöopathischer Präparate, deren angeblicher Wirkstoff in Reinform nicht selten potentiell tödlich wäre. Vielleicht muss ich an dieser Stelle grob skizzieren wie das mit der Homöopathie funktionieren soll. Es gilt das Ähnlichkeitsprinzip. Demnach sollen Substanzen die bei einem gesunden Menschen gewisse Symptome auslösen, diese wiederum bei einem kranken Patienten lindern. Angenommen also ich hätte Fieber, Husten, Kopfschmerzen, Ohrenschmerzen und eine Entzündung der Augen wäre für mich
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das Präparat Aconitum C30 genau da richtige. Aconitum ist der blaue Eisenhut, eine hochgiftige Pflanze die bereits bei Kontakt mit der Haut ihre Wirkung entfaltet. Sehr geringe Mengen von wenigen Gramm der Knolle können schon tödlich sein. Zum Glück drückt einem der Homöopath aber nicht einfach einen Strauß blauen Eisenhut in die Hand und lässt einen davon naschen. Nein,es kommt ein sehr kompliziertes Verfahren zum Einsatz. Der Homöopath nennt dieses Verfahren “Potenzierung“, was er eigentlich macht ist eine Verdünnung. Er nimmt einen Teil einer Substanz und 9 Teile eines Lösungsmittels wie Alkohol oder destilliertes Wasser. Diese Lösung wird dann verschüttelt und man erhält die Potenz D1. Dieser Vorgang wird so lange wiederholt bis man die gewünschte Potenzierung erreicht hat. Angenommen man hätte die Lösung weitere 23 Mal diesem Verfahren ausgesetzt, so hätte man nun die Potenz D24. Es gibt auch großzügigere Potenzierungen wo man den Anteil der Grundsubstanz mit 99 Teilen Lösungsmittel vermischt, um so eine „C“ Potenz zu erhalten, die sich dann auch wieder ab C1 steigert.
Nehmen wir aber nochmal die Potenz D24, eine gängige und eher niedrige Potenz in der Homöopathie. Hier kommt nämlich der Name der Aktion ins Spiel. 10²³ bezieht
sich auf die Avogadro Konstante, aus der sich ergibt, dass in einer Lösung ab dem Verhältnis 1:10²³ kein Molekül des Ausgangstoffes mehr vorhanden ist. Dementsprechend gilt das natürlich auch für unsere homöopathischen Präparate. Was ist bei dieser Aktion aber nun geschehen. Am Kugelbrunnen wurde ein Informationsstand aufgebaut und es wurden 3 Verköstigungen von Globuli der Potenz C30 eingenommen. In meinem Fall davon einmal der erwähnte Eisenhut. Andere Globuli waren nach Packungsangabe auf der Basis von Arsen, Quecksilber, Tollkirsche oder Giftsumach. Nach meinen letzten Erkenntnissen haben es alle Teilnehmer gut überstanden und niemand ist zu Schaden gekommen. In der Zeit zwischen den Schauvergiftungen standen die Skeptiker für Fragen und Diskussionen zur Homöopathie zur Verfügung. Anwesende Mitglieder der Partei Die PARTEI stellten vor Ort ein homöopathisches Bier her, welches allerdings auch seine Wirkung verfehlte. Eine Wiederholung der Aktion ist im nächsten Jahr geplant

 
 
 

Kommentare zum Beitrag

Elke Jandrasits
1.214
Elke Jandrasits aus Buseck schrieb am 27.10.2019 um 18:35 Uhr
Man kann es nicht oft genug sagen:
Homöopathie wirkt nicht über den Placebo-Effekt hinaus!
Bernd Zeun
11.357
Bernd Zeun aus Gießen schrieb am 27.10.2019 um 19:05 Uhr
Homöopathie ist reine Alchemie in heutiger Zeit. Das Gute an ihr, wo nichts wirkt, gibt es auch keine Nebenwirkungen - abgesehen von finanziellen. Das Schlechte, man kann Krankheiten verschleppen, wo Schulmedizin hätte helfen können.
Florian Schmidt
4.774
Florian Schmidt aus Gießen schrieb am 27.10.2019 um 22:23 Uhr
Herr Zeun, es gibt Nebenwirkungen. Dann wenn Bagatellerkrankungen immer so gut auf die Homöopathie angesprochen haben und man ihr dann ähnliche Effektivität zuschreibt wie einer Chemotherapie. Alles schon vorgekommen. Und die Apothekenpflicht und die stetigen Anpreisungen als legitimes Medikament fördern diesen Irrglauben.
Bernd Zeun
11.357
Bernd Zeun aus Gießen schrieb am 29.10.2019 um 10:45 Uhr
Das habe ich doch geschrieben, Herr Schmidt, dass man Krankheiten verschleppen kann (wenn man sich ausschließlich auf H. verlässt).
Friedel Steinmueller
3.572
Friedel Steinmueller aus Heuchelheim schrieb am 29.10.2019 um 11:22 Uhr
Gut einmal darauf hinzuweisen, das Homöopathie nicht verwechselt werden darf mit Naturheilpräparaten.
Die Homöopathie mit ihren D1 bis D30 oder auch C - Potenzen ist sehr umstritten.
Ein kleiner Spass am Rande zunächst:

Was D-30 in der Praxis bedeutet:
Einen Tropfen der Lösung im Nordatlantik!
Und dies soll helfen?
Wer daran glaubt ist selber Schuld.

Aber ganz anders sieht es aus mit Extrakten aus vielen verschiedenen Heilpflanzen.
Eine der Klassiker ist ja die Kamille oder die Pfefferminze.
Man könnte eine Menge weiterer Beispiele auflisten; doch das würde jetzt hier den Rahmen sprengen.

Fazit:
Homöopathie "Hilft" vornehmlich der Apotheke und dem Homöopathen.
Christoph Schäfer
746
Christoph Schäfer aus Gießen schrieb am 29.10.2019 um 11:46 Uhr
Nur seltsam, dass man die homöopathischen Mittel nur in der Apotheke bekommt, da sie ja angeblich aus Nichts bestehen und wirkungslos sind.

Apropos: Den Placeboeffekt gibt es bei chemischen Präparaten gleichwohl! Diese helfen in erster Linie Bayer und Co. und sind sogar gefährlich, wie etwa Schmerzmittel, welche die gesunden Warnsignale des Körpers unterdrücken und auf den Magen schlagen - völlig unverständlich, warum dafür auch noch Reklame zulässig ist. Oder der exzessive Gebrauch von Antibiotika, welche diese für den Ernstfall mehr und mehr wirkungslos machen.
Chemische Präparate bestehen in der Regel aus x Wirkstoffen, von welchem Ihnen, wenn Sie Glück haben und nicht dem Placeboeffekt erliegen, vielleicht einer hilft. Dafür handeln Sie sich aber die Nebenwirkungen von x-1 Wirkstoffen ein, welche Sie dann wiederum mit anderen Medikamenten behandeln müssen. Das freut die Pharmakonzerne!
Florian Schmidt
4.774
Florian Schmidt aus Gießen schrieb am 29.10.2019 um 12:22 Uhr
Das ist Marketing. Das gibt den Liebesperlchen den Nimbus eines Medikaments. Auch wenn man sich mal die Rentnerbravo Schnappt, die ist voll von Werbung für Homöopathika und unsinnigen Bezügen von Hahnemanns Zuckerkugeln zur Naturheilkunde.
Was soll eigentlich der Satz: "Das freut die Pharmakonzerne?"
Ich wette die Produzenten von Globuli und Co. machen das nicht zum Selbstkostenpreis. Die müssen auch keine langen und komplizierten Zulassungsverfahren durchlaufen und erstmal richtig Geld in die Hand nehmen bevor ein Medikament auf den Markt kommt. Da Gewinnmargen bei Homöopathika sind hoch.
Christoph Schäfer
746
Christoph Schäfer aus Gießen schrieb am 29.10.2019 um 18:52 Uhr
Nun, die medikamentöse Behandlung der Nebenwirkungen potenziert den Umsatz von Bayer und Co.
Bernd Zeun
11.357
Bernd Zeun aus Gießen schrieb am 30.10.2019 um 00:17 Uhr
@Friedel Steinmüller: Sie sind ja sehr wohlwollend der Homöopathie gegenüber :-)

Ich habe mir den Spaß gemacht und mal nachgerechnet. Die Masse allen Wassers auf der Erde, nicht nur des Atlantiks, habe ich mit 1,5 Trillionen Tonnen ergoogelt. Eine Tonne Wasser kann man in etwa mit einem Kubikmeter Wasser gleichsetzen, alles Wasser der Erde beträgt also 1,5x10hoch18 Kubikmeter. Die Masse der Erde beträgt 6 Trilliarden, also 6x10hoch21 Tonnen. Nehmen wir an, die ganze Erde bestünde nur aus Wasser wären das also 6x10hoch21 Kubikmeter.

In der Pharmakologie rechnet man 20 Tropfen auf 1 Milliliter. Ein Tropfen hat also ein Volumen von 0,05 Milliliter bzw. Kubikzentimeter. Bleiben wir bei der genannten Verdünnung, D30 heißt dann: ein Tropfen auf 10hoch30 Tropfen. Das Volumen von 10hoch30 Tropfen beträgt 0,05x10hoch30 Kubikzentimeter oder 5x10hoch28 Kubikzentimeter oder 5x10hoch22 Kubikmeter. Das Volumen der Erde beträgt aber nur 6x10hoch21 Kubikmeter. Ich bräuchte damit das 8,3fache des Erdvolumens an Wasser um 1 Tropfen Wirksubstanz nach D30 zu verdünnen. Es kommt aber noch besser, die Homöopathie arbeitet ja mit gängigen Verdünnungen bis D200 (sie nennt es Potenzieren, da bei ihr das Verschütteln noch wichtig sein soll), die stärkste in Deutschland hergestellte Verdünnung ist eine D1000. Das heißt, eine Verdünnung von einem Tropfen über mehr als das Volumen des gesamten sichtbaren Universums. Das beträgt nämlich nur grob 8x10hoch75 Kubikmeter oder in Worten 8 Milliarden Trillionen Kubiklichtjahre.
Friedel Steinmueller
3.572
Friedel Steinmueller aus Heuchelheim schrieb am 30.10.2019 um 18:21 Uhr
@Herr Zeun!
Inwiefern bin ich "Wohlwollend" der Homöopathie gegenüber?
Karl-Ludwig Büttel
3.753
Karl-Ludwig Büttel aus Hungen schrieb am 31.10.2019 um 15:45 Uhr
Respekt Herr Zeun....mir qualmt der Kopf und erstmals neige ich nicht dazu etwas zu überprüfen :-) :-) Unabhämgig der Zahlen hätten Sie auch so Recht.
Bernd Zeun
11.357
Bernd Zeun aus Gießen schrieb am 02.11.2019 um 23:26 Uhr
@Herr Steinmüller: Das "wohlwollend" war ja im Spaß gemeint (Smiley), aber bezog sich darauf, dass Sie den Atlantik für ausreichend ansahen, um einen Tropfen auf eine D30 zu verdünnen, aber man bräuchte in Wirklichkeit ca. 175000 Atlantiks dafür.

Ich habe aber auch mal nachgerechnet, wieviel Wasser man bräuchte, um wenigstens noch ein einziges Atom oder Molekül des homöopathischen Mittels in der Verdünnung zu haben; das wären ca. 4 Millionen Kubikkilometer (entspräche einer D22 d.h. wie Herr Schmidt schrieb, bei D23 kein Atom oder Molekül rein rechnerisch mehr vorhanden). Zum Vergleich, der Edersee hat 0,2 Kubikkilometer, die Ostsee 27000 und der Atlantik 280 Millionen Kubikkilometer.

Herr Büttel, ich hoffe der Kopf raucht nicht noch mehr. Ich habe die einzelnen Rechenschritte weg gelassen, falls jemand Zweifel hat, reiche ich sie gerne nach.
Bernd Zeun
11.357
Bernd Zeun aus Gießen schrieb am 13.11.2019 um 21:55 Uhr
Da ich gerade wegen einer Bakterieninfektion das Antibiotikum Doxycyclin verordnet bekommen habe, habe ich mal ausgerechnet, wieviel Moleküle in einer 200mg Tablette stecken. Doxycyclin hat eine Molmasse von 512,94g/mol, d.h. in 512,94g sind 6x10hoch23 Moleküle der Substanz enthalten. Eine Tablette mit 200mg enthält dann 2,34x10hoch20 Moleküle oder in Worten 234 Trillionen. Das ist dann doch etwas anderes, als 1 Molekül auf 4 Millionen Kubikkilometer Wasser.
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