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Teure Verarschung: Diskussion und Austausch wurden beim ersten Nachhaltigkeitsforum eher verhindert als gefördert

Kleine Feedbackwand: Eine*r wagt Kritik - und wird gleich belehrt.
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Gießen | Am 25.10.2019 fand in Gießen das erste Nachhaltigkeitsforum der Landesregierung statt – beworben auch mit einem extra für Hessen entwickelten Emblem „10 Jahre nachhaltig“, wie auch immer es zu dieser Jahresrechnung kam. Der Rahmen war groß gesteckt: Location, Verpflegung, Pausenbespaßung und Durchführungspersonal vom feinsten – jedenfalls kostenmäßig. Anfangs roch es noch nach Vernetzung und Beteiligung: „Zentral dabei: Sie persönlich und alle interessierten Bürgerinnen und Bürger sind eingeladen, Themen zu setzen und die zukünftigen Schwerpunkte mit Leben zu füllen. Nutzen Sie dafür unser neues Veranstaltungsformat »Nachhaltigkeitsforum« und bringen Sie Ihre Perspektive ein!“ und „Freuen Sie sich außerdem auf ein unterhaltsames Programm, das Raum für Vernetzung und Austausch mit anderen Akteuren bietet. Bringen Sie sich ein und gestalten Sie unser Hessen der Zukunft mit“, rief eine strahlende Umweltministerin im Einladungsschreiben zum Nachhaltigkeitsforum am 25.10.2019 in Gießen auf. Doch genau darum ging es dann leider nicht. Mit großem Aufwand und allem, was moderne Beherrschungstechnologien zu bieten hatten,
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wurden Dialog und Eigenbeiträge der Teilnehmenden konsequent abgewürgt. Noch erschreckender: Fast alle der überwiegend aus gut situiertem Bildungsbürger*innentum und zum Teil aus staatlich geförderten Kleinprojekten stammenden Teilnehmer*innen nahmen die Inszenierung klaglos hin oder kritisierten sogar die wenigen kritischen Stimmen mit der Aufforderung, sich „doch mal darauf einzulassen“ oder „positiv zu denken“.

Die Vorgaben
Wer sich das Programm genau anguckte, konnte schon ahnen, dass hier nur eine Show geplant war. Den die zitierten Sätze fanden sich zwar im Vorwort der Ministerin, im Programm aber waren drei Arbeitsgruppenphasen vorgesehen, dessen Ziel als einziges (!) war, eine am Ende stattfindende Mehrheitsabstimmung vorzubereiten, die dann – zudem nur als beratendes Votum – der Landesregierung mitteilte, welches Thema irgendwie wichtig sein soll.

Die Umsetzung in vier Schritten
Vier Phasen füllten den Tag. Es begann mit einer betonungsfrei einschläfernd vorgetragenen Begrüßung, dann dem unvermeidlichen Grußwort aus der hohen Politik und schließlich einem Fachvortrag zu allen drei Themenkomplexen (von einem Referenten). Dann folgten die Arbeitsgruppen, je zwei zu den drei vorgegebenen Themen Ernährung, Demokratie
Am Ende von Phase 2: Alles voller Zettel - ohne Debatte und Zusammenhang (hier eine der Mobilitäts-AGs)
Am Ende von Phase 2: Alles voller Zettel - ohne Debatte und Zusammenhang (hier eine der Mobilitäts-AGs)
und Mobilität. Schon die Bestuhlung zeigte eindeutig: Um Austausch und Dialog sollte es hier nicht gehen. Vorne stand ein*e Moderator*in mit Pinnwänden, die Stühle standen schön in Reihen hintereinander, auf die frontal moderierende Person ausgerichtet. Ein früher Vorschlag, die Sitzordnung zu ändern, wurde wegmoderiert und – wie üblich in modernen Herrschaftsverhältnissen – auch von einigen Zuschauer*innen mit Pöbeleien quittiert. Dann folgte ein kleiner Input – für die Mobilitäts-AG ausschließlich als Werberede für Elektromobilität, also ganz im Sinne grüner Landespolitik. Am Ende der Phase 1 war die Pinnwand voller Zettel, allerdings nur voll altbekannter Punkte, die sich je nach politischer Richtung offen widersprachen, z.B. die Forderungen einer Verkehrswende ohne Autos und der Förderung von Elektromobilität. Aber das störte nicht. An keiner Stelle wurde jemals erklärt, was eigentlich mit den Vorschlägen später passieren sollte. Die meisten waren damit zufrieden und verbrachten ähnlich unengagiert einen verlorenen Tag wie die Moderator*innen. Dann kam die Arbeitsphase 2 – wieder in der gleichen Aufteilung. Etliche Menschen wechselten die Gruppe, aber wer hoffte, nun dürfe das Ganze endlich diskutiert werden, sah sich getäuscht.
Alberne Bespaßung: Nachhaltigkeitsziele-Glücksrad
Alberne Bespaßung: Nachhaltigkeitsziele-Glücksrad
Die zweite Phase verlief genau wie die erste, nur dass auf die Karten geschrieben werden sollte, was bisher noch nicht angeheftet war. Noch mehr als in der ersten Phase brachten nun alle noch ihre Lieblingswünsche unter, so dass am Ende irgendwie alles benannt war, was schon bekannt war. Die Widersprüche wuchsen, aber es war ja ohnehin alles völlig egal. Debattiert werden sollte auch nicht. Moderation und – schon wieder – etliche der Zuhörenden gifteten gegen Menschen, die Vorschläge kommentierten oder versuchten, über einzelne Punkte zu diskutieren.
Nach langer Mittagspause, die eigentlich zur Vernetzung dienen sollte, aber dafür nur von Wenigen genutzt wurde, folgte Arbeitsphase 3. Deren Ablauf ließ sich durch die Ankündigung und die weiter frontal ausgerichtete Sitzordnung erahnen: Jetzt sollte die Präsentation in der abschließenden Gesamtrunde mit Abstimmung vorbereitet werden. Es ging nicht um die Inhalte, sondern um eine Werbung für das jeweilige Thema als Ganzes. Knapp zehn Leuten aus drei praktisch aktiven Verkehrswende-Initiativen reichte das und sie luden zu einem Treffen außerhalb des offiziellen Programms ein, um sich wenigstens mal kurz über konkrete Arbeitsansätze auszutauschen. Debattiert wurde dort vor allem über Güterverteilsysteme jenseits von LKW und Auto, während die anderen Arbeitsgruppen wieder wie in der Schule da saßen und sich von den Moderator*innen (vor)führen ließen.
Podium unter falschem Namen Fishbowl: So saßen die, die was sagen durften - frontal.
Podium unter falschem Namen Fishbowl: So saßen die, die was sagen durften - frontal.
Der Höhepunkt der Verarschung aber folgte erst noch. Laut Programm sollten in einer Fishbowl Argumente ausgetauscht werden, welches der drei Themen nun der Landesregierung vorgeschlagen werden soll. Klar – das war schon von vornherein eine Frage, die derart unwichtig ist, dass bereits überraschte, dass überhaupt die Mehrzahl der Teilnehmenden brav die ganze Beteiligungs-Simulation über sich ergehen ließ. Wer nun aber gedacht hätte, dass jetzt endlich diese Teilnehmenden zu Wort kämen, wurde erneut getäuscht. Dabei ist die Fishbowl eigentlich eine spannende Methode der Debatte. Dabei sitzt ein kleiner Kreis von Menschen in der Mitte, die anderen rundherum. Nur die in der Mitte diskutieren – und zwar miteinander (nicht wie beim Podium übereinander oder zum Publikum). Wer mitreden will, stellt sich hinter eine der drei bis fünf Menschen in der Mitte und nimmt statt dieser an der Debatte teil. Eine Moderation oder Steuerung gibt es nicht. Die Debatte kontrolliert sich selbst – sie ist zu Ende, wenn nur noch eine Person da sitzt (siehe www.hierarchnie.tk).
Das,
Anfahrtsbeschreibung - damit die Autofahrt auch klappt
Anfahrtsbeschreibung - damit die Autofahrt auch klappt
was auf den Nachhaltigkeitsforum folgte, wies keines der Merkmale einer Fishbowl auf – der Begriff war also genauso eine Mogelpackung wie das gesamte Event. Die Stühle waren wieder frontal aufgestellt, die Debatte lief als Podium von vorne. Es gab eine Moderation, die Kontrollmöglichkeit sollte also bleiben. Das Absurdeste aber war: Die Ergebnisse der Arbeitsgruppen wurden nicht von den Teilnehmenden, sondern wieder von den Moderator*innen vorgetragen. Irgendwie hätte es für diese ganze Nummer die Teilnehmer*innen gar nicht gebraucht. Die waren überflüssig, wurden auch so behandelt – aber der Großteil nahm das unterwürfig hin. Die modernen Herrscher*innen dürften daher vor allem eines gelernt haben: Mit diesen Menschen und Gruppen, die sich unter dem inhaltsleeren Begriff der Nachhaltigkeit scharen, auf Fördermittel mehr hoffen als auf eine bessere Welt und selbst auf der Seite der Privilegierten dieser Welt sitzen, kannst du alles machen.

Rundherum
Neben den Frontal-Kleingruppen und der Pseudo-Fishbowl sollte es Mitmachpinnwände und den Markt der Möglichkeiten geben, auf dem Gruppen ihre Ideen zur Nachhaltigkeit darstellen und zum Gespräch einladen sollten. Ersteres reduzierte sich auf die Nachhaltigkeitsziele und die Möglichkeit,
Der Gang mit den sechs Ständen und (rechts) der Getränketheke
Der Gang mit den sechs Ständen und (rechts) der Getränketheke
auf kleinen Zetteln Kommentare dazu abzugeben. Was damit am Ende passieren sollte, blieb auch hier unklar. Der Markt der Möglichkeiten bestand aus sechs Ständen – mehr Interesse war nicht. Noch deutlicher das Desinteresse der Teilnehmenden: Nur wenige nutzten die Pausen, um sich die Stände anzugucken und Gespräche zu führen. Ein großer Teil des Austausches fand zwischen einigen der Menschen an den Infoständen statt, während die Teilnehmenden die Mittagspausen eher an oder nahe bei den Buffettischen verbrachte – Veranstaltung und Gäste verbreiteten eine sehr ähnliche, blutleere und sinnfreie Atmosphäre.
Zur Bespaßung hatte die Landesregierung, selbstverständlich mit viel Steuergeld an entsprechende PR-Firmen out-gesourced, in einigen Ecken Glückspiele, Nachhaltigkeitsphrasendresch-Karaoke und einiges mehr angeboten. Es interessierte kaum jemensch – warum auch. Irgendwann merkt auch der unengagierteste Teilnehmende, dass eine Veranstaltung, die echte Ziele verfolgt, anders aussehen müsste.
Passend zum gesamten Ablauf und Design war auch das Infomaterial, welches von Seiten der Veranstalter*innen ausgelegt wurde. Ein Plakat zur CO2-freien Landesverwaltung enthielt ausschließlich Tipps für Angestellte und Besucher*innen, angefangen vom Treppenlaufen über „schneller duschen“ bis zur Verringerung des Kaffeekonsums. Da feierte die 70er-Jahre-Zeigefinger-Ökologie fröhliche Wiederkehr. Politik und Wirtschaft kommen weder als Verursacher noch als Akteure vor. Das passende Magazin dazu hieß „Klimazin“ und wartete nicht nur mit der gleichen Tendenz auf, sondern brachte einen Artikel, dass der Schulstreik fürs Klima bitte außerhalb der Unterrichtszeit stattfinden solle. Das also ist Nachhaltigkeit: Inhaltsleere, Abschiebung der Verantwortung auf die einzelnen Menschen, Verschleiern der Hauptschuld von Regierung und Wirtschaft und Zurechtweisen aller, die sich erdreisten, offen zu protestieren. Dabei ist die Debatte um Fridays for Future so überflüssig wie dumm. Denn es ist ein Schulstreik. Nochmal: Streik. Sollen in Zukunft Arbeiter*innen auch nur außerhalb der Arbeitszeit streiken?

Die große Abstimmung
Am Ende wurde dann abgestimmt: Demokratie, Mobilität oder Ernährung? Wieder wurden einige kritische Stimmen laut, dass eine solche Entscheidung doch total absurd wäre – schließlich sei alles wichtig. Doch die Versammlungsleitung blieb konsequent: Vorschläge aus dem Publikum werden nicht beachtet. Also wurde abgestimmt – per QR-Code/Link übers Smartphone (wer sowas nicht hat oder nicht online ist, kann halt Nachhaltigkeit nicht …). Es siegte Ernährung – mit 70 Prozent der Stimmen. Demokratie fand kaum jemensch wichtig. Dabei dürfte es das Thema sein, wo zumindest die Veranstaltung selbst den größten Nachholbedarf hat. Gut – in Sachen Ernährung war es mit den angebotenen Bananen auch nicht wirklich regional orientiert. Und das Einladungsblatt enthielt vor allem eine große Karte mit der Anfahrt per Auto. Hoffentlich werden die ausgefüllten Kärtchen und beschriebenen Plakate wenigstens ins Altpapier und nicht in den Restmüll entsorgt. Den Eindruck, dass irgendjemensch – ob Veranstalter*innen oder Teilnehmende – sich für das, was geschah, interessierten, vermittelte der Tag zu keinem Zeitpunkt.
Bleibt als Resümee: Nachhaltigkeit war von Beginn an eine dumme Idee. Warum sollen Ökonomie und Ökologie gleichberechtigt sein? Ist das Überleben wirklich nur gleich wichtig wie der Profit? Vor der Durchsetzung des Begriffs per Fördergelder und Propaganda Mitte der 90er Jahre war eigentlich immer allen – zumindest verbal – klar: Umwelt geht vor Wirtschaft. Das erste hessische Nachhaltigkeitsforum hat gezeigt, dass der Verdummungsprozess seitdem weit fortgeschritten wird. Bleibt zu hoffen, dass die in den letzten Jahren und Monaten neu entstandenen Umweltbewegungen sich nicht in solche Prozesse einbinden und dann einlullen lassen.

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Kommentare zum Beitrag

Elke Jandrasits
1.214
Elke Jandrasits aus Buseck schrieb am 26.10.2019 um 21:40 Uhr
Vielen Dank für den ausführlichen Bericht! Sehr schade, dass offenbar keine echten Anregungen gefragt waren :(

Ich hoffe, das Verkehrswendetreffen in Großen-Buseck am 13.11. wird produktiver!
2.458
Gertraud Barthel aus Gießen schrieb am 27.10.2019 um 09:44 Uhr
Kurz gesagt: Diese Veranstaltung verlief so wie die Mehrzahl aller Bürgerinformationsveranstaltungen, wie wir sie von zahllosen Anlässen kennen, nicht nur in Giessen.
Sie sollen die Leute beruhigen, indem man ihnen die Illusion gibt, gehört zu werden und mitreden zu können.
Vorschläge, die von dem abweichen, was man meist ohnehin schon beschlossen hat, , fallen unter den Tisch, und werden vergessen.
Beispiel: Die Gießener Verkehrspolitik.
Neue Ideen: Unerwünscht!
Wir brauchen neue Parkhäuser!
Bernt Nehmer
1.970
Bernt Nehmer aus Hungen schrieb am 27.10.2019 um 10:51 Uhr
Guter Bericht. Ich kann sagen, dass wegen fehlender Einladung mein Standpunkt nicht gefordert worden ist. Oder war es eine öffentliche von der ich nichts mitbekam?
Elke Jandrasits
1.214
Elke Jandrasits aus Buseck schrieb am 27.10.2019 um 13:06 Uhr
https://www.hessen-nachhaltig.de/de/aktuelles/nachhaltigkeitsforum-2019-jetzt-anmelden.html

Das war die öffentliche Einladung.
2.458
Gertraud Barthel aus Gießen schrieb am 27.10.2019 um 14:45 Uhr
Mich würde interessieren, ob das sehr aktuelle Problem der Versiegelung großer Flächen z.T. landwirtschaftlich wertvollen Bodens auch angesprochen wurde.
Seriöse Wissenschaftler sind sich einig, dass wir uns so etwas längst nicht mehr leisten könne.
Und dennoch werden landesweit neue Logistikzentren geplant.
In Gießen zur Zeit zwei.
Handelt es sich um eine Art Torschlussereaktion, weil man damit rechnet, dass es in absehbarer Zeit gesetzliche Einschränkungen von Seiten des
Bundes oder der EU geben wird?
Jörg Bergstedt
541
Jörg Bergstedt aus Gießen schrieb am 27.10.2019 um 19:17 Uhr
Die Veranstalter*innen haben übrigens auch eine Bewertung des Tages abgegeben. Sie fiel so aus, wie wir das schon im Rahmen kritischer Gespräche am Rande erwartet hatten - und wie es schon vorher feststand: Die Erfolgsmeldung war ja der Auftrag und Zweck. Ich zitiere: "Ein spannender und aufregender Tag geht zu Ende :) VIELEN DANK an alle TeilnehmerInnen, ReferentInnen, ModeratorInnen und die vielen fleißigen Hände vor und hinter den Kulissen! Wir hatten ein tolles #NHForum2019 und freuen uns schon jetzt auf das nächste Jahr!"

Diskutiert wurde über gar kein Thema, es sollte ja nicht diskutiert werden. Als Themen waren nur die drei vorgegeben. Kann sein, dass irgendwo auf einem Zettel der Flächenfraß steht. Es ist aber müßig, der Frage nachzugehen, ob etwas thematisiert wurde - denn das wäre auch egal gewesen. Was auch immer da diskutiert, geschrieben oder verkündet wurde, machte zu keinem Zeitpunkt den Eindruck, dass es jemensch interessiert. Der Tag war Selbstzweck, die Erfolgsmeldung auch. Die aufwändigen Materialien, Spielchen usw., die da gratis verteilt wurden, haben auch keinen erkennbaren Inhalt und Sinn - außer der Simulation von Aktivität und der Beschäftigung potentieller Kritiker*innen. Klappt ja auch, wenn mensch sich anguckt, wie der grüne Dünkel staatsgeförderter Kleinprojekte überall die Klappe hält und mitschwimmt.
Stefan Walther
4.565
Stefan Walther aus Linden schrieb am 27.10.2019 um 22:08 Uhr
Lieber Jörg, warum so "angefressen"? Hast du wirklich etwas anderes erwartet als Volksverdummung und ein bisschen Propaganda für "ein offenes Ohr für die Menschen" - dies natürlich nur als "beratendes Votum" ( wir wollen doch nicht die repräsentative Demokratie aus den Angeln heben ). Und dann noch denken dass bei so einer Veranstaltung die Wirtschaft und die Politik als Hauptschuldige ins Visier genommen würden, das wäre doch ziemlich naiv, oder? Wo kämen wir denn hin wenn wir die heilige kapitalistische Profitmacherei kritisieren würden, also so geht das gar nicht... Leute, weniger Kaffee trinken ist gesund, schneller duschen sogar gesund für die Haut und Treppen steigen hält jung. Das rettet zwar das Klima nicht, aber darum geht`s uns auch nicht wirklich. Das ist fast so wie mit der CO2 Bepreisung, dadurch wird kein einziges Gramm CO2 weniger ausgestossen... Hauptsache es klingt erstmal gut, und vor allem uns - den Konzernen - tut`s kein bisschen weh... und immer diese kleinkarierten Kapitalismuskritiker, die kriegen wir schon noch in den Griff!? = wenn "sie" sich da mal nicht täuschen - auch die Methode der Volksverdummung hat ihre Grenzen, denn so dumm wie sie es sich wünschen ist das Volk nicht!
Jörg Bergstedt
541
Jörg Bergstedt aus Gießen schrieb am 27.10.2019 um 22:24 Uhr
Die Kritik verstehe ich nicht. Es kommt doch nicht drauf an, ob ich etwas anderes erwartet habe, wenn ich - wo ich mir den Tag schon um die Ohren geschlagen habe - die Information über Abläufe und Hintergründe nach draußen trage. Schließlich bin ich ein Mensch, der eine deutliche Abneigung dagegen hat, auf dem Sofa zu sitzen und von dort aus über die Verhältnisse zu jammern. Folglich habe ich (zusammen mit anderen) auch auf der Veranstaltung selbst versucht, noch ein paar Änderungen durchzusetzen (was auch an den Teilnehmenden scheiterte, die mich zwar nicht mehr schockiert, aber in ihrer totalen Unterwürfigkeit mehr überrascht haben). Im Gesamten würde ich aber sagen, hat sich der Aufwand nicht gelohnt - aber ein aktuelles Beispiel gebracht, warum diese Nachhaltigkeitspropaganda einfach eine Einschläferungsstrategie ist.
2.458
Gertraud Barthel aus Gießen schrieb am 27.10.2019 um 22:32 Uhr
Ich muss Herrn Walther ausnahmsweise mal zustimmen. Ich gehe jedenfalls
nicht zu solchen Veranstaltungen, aus den genannten Gründen.
Trotzdem wäre es doch interessant, wenn sich hier jemand von den Teilnehmern zu Wort melden würde, der die Veranstaltung gut und sinnvoll fand und mit der positiven Schlussbilanz einverstanden ist.
Jörg Bergstedt
541
Jörg Bergstedt aus Gießen schrieb am 27.10.2019 um 22:37 Uhr
Das wünschen sich die Macher*innen solche Veranstaltungen aber vermutlich, dass wir ihnen das Terrain überlassen. Dann können sie die ganzen Leute, die ja durchaus z.B. aus relevanten politischen Gießener Gruppen stammten, noch einfacher um den Finger wickeln. Hat ja so schon gut geklappt. Nichtsdestotrotz bleibt aber auch meine Antwort: Protest in der Öffentlichkeit ist wichtiger. Allerdings sind da auch eher die Aktivistis zu sehen, die jetzt kritisch am Nachhaltigkeitsforum teilnahmen als die, die jetzt gegen solche Teilnahme argumentieren. Von daher: Ob nun bei sowas mal reinschauen und intervenieren oder nicht - ich würde mich freuen, mehr Menschen bei kreativen Aktionen zu sehen. Nette Reden halten oder zuhören auf dem Berliner Platz ist jedenfalls auch eher Sandkastenspiel.
2.458
Gertraud Barthel aus Gießen schrieb am 27.10.2019 um 23:17 Uhr
Ein Schlusswort, dem ich im Prinzip zustimmen kann.
Mit etwas schlechtem Gewissen, zugegeben. Meine Frustrationstoleranz
ist einfach nicht groß genug.
Und ich frage mich weiterhin, wo eigentlich die Verteidiger der Veranstaltung bleiben.
Jörg Bergstedt
541
Jörg Bergstedt aus Gießen schrieb am 27.10.2019 um 23:23 Uhr
Der Gießener Anzeiger hat auch einen Bericht veröffentlicht: https://www.giessener-anzeiger.de/lokales/stadt-giessen/nachrichten-giessen/grosse-mehrheit-fur-das-thema-ernahrung_20577479

Bemerkenswert ist der Kommentar (nur in Printausgabe):
Teilhabe-Show
Beginnen wir mit dem Positiven. Das Nachhaltigkeitsforum in Gießen war das erste seiner Art und hatte deshalb nach Angaben der Veranstalter noch Experimentalcharakter. Sollte das Format tatsächlich künftig jedes Jahr stattfinden, muss jedenfalls kräftig nachgebessert werden. Von der im Programm versprochenen Mitwirkung an den politischen Entscheidungsprozessen war in Gießen wenig zu sehen. Das Forum wirkte eher wie eine gut geölte Teilhabe-Simulation. Zu starr war das Konzept, zu wenig Raum blieb in acht Stunden zum Austausch von Argumenten, weil es im Fünf-Minuten-Takt von einer Runde zur nächsten ging. Dafür wurde – wenig nachhaltig – viel Geld für Überflüssiges ausgegeben. Braucht es wirklich Memory-Spiele und ein Glücksrad, um für die SDG (siehe links) zu werben? Fast alle Teilnehmer der Veranstaltung waren schließlich Multiplikatoren und mit der Materie vertraut. In dieser Form ist das Nachhaltigkeitsforum kein Weg zur Mitbestimmung, sondern bloß eine Alibi-Veranstaltung. Ingo Berghöfer
Stefan Walther
4.565
Stefan Walther aus Linden schrieb am 27.10.2019 um 23:27 Uhr
Nun, was habe ich kritisiert? = die Empörung bzw. Verwunderung darüber dass die Veranstaltung so gelaufen ist wie sie ist, mehr nicht! Dass man sich überall einmischen muss, das steht für mich ausser Frage, selbst in den reaktionärsten Kreisen kann man Einzelne ggf. überzeugen...

Was eine sinnvolle, eine effektive Form des Protests / der Bewegung usw. ist, das wäre jetzt eine andere Diskussion, die sicherlich auch notwendig ist. Wenn man sich einig ist über die Hauptschuldigen, dann muss man sich auch Gedanken darüber machen wie man, und wer, den Hauptschuldigen das Handwerk legen kann. Was dann "Sandkastenpielerei" ist und was nicht, das ist sicherlich eine Überlegung wert...
2.458
Gertraud Barthel aus Gießen schrieb am 28.10.2019 um 13:41 Uhr
Mir scheint, man wollte durch eine Umarmungsstrategie unbequeme
Personen oder Organisationen" neutralisieren".
Bleibt abzuwarten, ob das Placebo wirkt!
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
Auf www.giessener-zeitung.de kann jeder aus seinem Ort berichten. Lokaler geht's nicht!

Mitmachen ist ganz einfach und alles ist kostenlos: Gleich registrieren und los geht's!

Herzlichst, Ihr(e) Jörg Bergstedt

von:  Jörg Bergstedt

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Interessensgebiet: Gießen
Jörg Bergstedt
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