Bürgerreporter berichten aus: Gießen | Überall | Ort wählen...

„Kein Grund zum Jubeln“ - Projektwerkstatt in Saasen begeht 30-Jahres-Jubiläum mit Filmabenden, Trainings und Informationsveranstaltungen

Blick über den Garten auf die Gebäude
Blick über den Garten auf die Gebäude
Gießen | Vor 30 Jahren, genauer am 28. November 1989, weihte ein kleiner Kreis von Naturschutz-Aktiven einen Raum im Naturschutzzentrum „Alter Bahnhof Trais-Horloff“ (Hungen) als offen zugänglichen Raum voller Arbeitsinfrastruktur ein. Das war der Startschuss für die dort später in mehreren Räumen bis 1993 betriebene Projektwerkstatt, die im April in ein größeres Gebäude nach Reiskirchen-Saasen umzog. Schnell wurde sie auch zum Vorbild für später entstehende 50 Projektwerkstätten bundesweit, von denen heute allerdings nur noch wenige bestehen. Die älteste von ihnen aber besteht als „Villa Kunterbunt des kreativen Widerstandes“, wie sie von ihren Nutzer*innen oft beschrieben wird, bis heute und wirkt mit kreativen Aktionsideen sowohl bei regionalen Themen wie der Verkehrswende in und um Gießen als auch bei überregionalen Aktionen zur Gentechnik, am Hambacherforst oder bei der aktuellen Waldbesetzung im Dannenröder Forst mit. „Wir sind keine feste Gruppe, sondern eine offene Aktionsplattform, die alle nutzen und weiterentwickeln können“, beschreibt Jörg Bergstedt, einzig verbliebener Aktiver aus der Anfangszeit, die Rolle der Projektwerkstatt als Ort der Selbstermächtigung. „Wir bieten Menschen, die eigene Ideen haben, Wissen, Räume und Material, diese auch zu verwirklichen“.

Mehr über...
Von November 2019 bis Januar 2020 wollen Aktive in der Projektwerkstatt mit einem bunten Programm an Trainings, Film- und Informationsabenden neue Akzente setzen. Das Jubiläum soll dabei nur ein Anlass, aber nicht die Hauptsache sein. „Es gibt keinen Grund zum Feiern: Auch wenn wir die eine oder andere Auseinandersetzung gewinnen oder politische Verschiebungen erreichen konnten, sind Ausbeutung, Zerstörung und Unterdrückung weiterhin, oft sogar verschärft prägende Merkmale dieser Gesellschaft. Die eigentlichen Revolten gegen das ständige Macht- und Profitdenken muss erst noch kommen“, lautet ein Resümee der vergangenen drei Jahrzehnte.
Dennoch soll das Jubiläumsprogramm zeigen, dass in und hinter dem Haus in der Ludwigstraße 11 im Reiskirchener Ortsteil Saasen viel steckt. Drei Höhepunkte werden dabei die kommenden Monate prägen.

Zum einen startet am im November die diesjährige Globale – die Projektwerkstatt ist bei dem Filmfestival vom 8.-10.11. wieder als Spielort dabei. Gezeigt werden "Zeit für Utopien" (Fr, 8.11., 20.30 Uhr), "Waiting for the Carnival" mit schockierenden Einblicken in die Jeansproduktion (Sa, 9.11., 18 Uhr) und "Oro Blanco" zum Lithiumabbau unter anderem für Elektro-Autos (So, 10.11., 18 Uhr).
Blick in die Bibliothek der Projektwerkstatt
Blick in die Bibliothek der Projektwerkstatt
Wie üblich, werden aber nicht einfach nur Filme zeigen. Krisen und Aufbäumen sollen keine Unterhaltung, sondern Hintergrund und Aufforderung zum Handeln sein. Rund um die Filme gibt es daher Zeit und Raum für Diskussionen, Schmökern in den Bibliotheken und den Aktionsausstellungen.

Zum anderen werden drei spezielle Abende zum Jubiläum den Titel „Rückblicke“ tragen. Es sind unterhaltsame Rückschauen auf vergangene Aktionen, die Mut machen können für zukünftige Auseinandersetzungen. Die Reihe beginnt am Dienstag, 12.11. um 19 Uhr mit einer Ton-Bilder-Schau „Wie die Gentechnik verjagt wurde“. In Erzählungen, Bildern und kleinen Filmen soll an den Kampf um Versuchsfelder in Gießen und überall erinnert werden – und was daraus für andere Kampagnen gelernt werden kann. Am Samstag, 16.11. folgt dann um 19 Uhr die schon legendäre Schau „Fiese Tricks von Polizei und Justiz“. Mit vielen Originalbelegen aus Polizei- und Gerichtsakten wird nachgezeichnet, wie der heutige Ministerpräsident Volker Bouffier zusammen mit Polizei und Justiz vor über zehn Jahren die Kreativaktivist*innen rund um die Projektwerkstatt mundtot machen wollen – und dabei scheiterte.
Kinoabend - hier bei einer Globale vergangener Jahre
Kinoabend - hier bei einer Globale vergangener Jahre
Am Jubiläumstag selbst, dem 28.11, gibt es dann einen Rückblick in Anekdoten, Erzählungen, Bild und Film für die gesamten 30 Jahre der Projektwerkstatt – einschließlich der Frage, was aus den 50 anderen Aktionszentren im Laufe der Zeit so alles wurde ...

Damit es nicht beim Blick zurück bleibt, folgen nach dem Jubiläumstag Trainings und Seminare für kommende Aktionen und zu politischen Theorien. Am Freitag, den 29.11., wird ab 20.15 Uhr der „Direct-Action-Film“ gezeigt, eine anregende Einführung, was alles möglich wird, wenn kreativ gedacht und gehandelt würde. Der Film ist zugleich der Auftakt zum dann folgenden Wochenendtraining, bei dem alle Teilnehmenden bis ins Detail viele kreative Aktionsmethoden kennenlernen können.
Drei Wochen später steht ein weiteres Training bevor. Dann geht es um kreative Prozessführung, also den offensiven Umgang mit Straf- und Ordnungswidrigkeitenverfahren vor Gericht.
Rund um den Jahreswechsel rundend zwei inhaltliche Seminare das Programm ab. Vom 27. Bis 29.12., heißt es „Freie Fahrt für alle! Umwelt- und menschenfreundliche Verkehrssysteme, Nulltarif, Schwarzfahren ...“ Das Seminar vermittelt einen intensiven Eindruck in Verkehrskonzepte, die Vor- und Nachteile verschiedener Verkehrssysteme wie Straßenbahnen, Seilbahnen, Busse usw. sowie in Finanzierungskonzepte z.B. für den Nulltarif. Anfang Januar, vom 2. bis 5.1.2020 geht es dann drei Tage um die „Theorie der Herrschaftsfreiheit“.

Bei allen Veranstaltungen bleibt viel Zeit für Gespräche, Essen und Trinken, Kennenlernen der Projektwerkstatt und das Schmökern in den großen Bibliotheken und Ausstellungen. Die Aktiven rund um das Haus bitten die Besucher*innen, die Vogelsbergbahn von Gießen/Buseck/Reiskirchen oder Alsfeld/Mücke/Grünberg zu nutzen. Für das noch umweltfreundlichere Radeln bietet sich der parallel verlaufende Radweg „R7“ an. Übernachtungen in der Projektwerkstatt sind möglich. Mehr Informationen, weitere Termine und genauere Beschreibungen auf www.projektwerkstatt.de/saasen.

Blick über den Garten auf die Gebäude
Blick über den Garten... 
Blick in die Bibliothek der Projektwerkstatt
Blick in die Bibliothek... 
Kinoabend - hier bei einer Globale vergangener Jahre
Kinoabend - hier bei... 

Dies könnte Sie zum Thema auch interessieren

Mehr Wohngeld - mehr Gerechtigkeit
„Wohnen darf kein Luxus sein. Mit dem Wohngeld unterstützen wir...
Dagmar Schmidt, MdB und ihre Gäste am Limes in Pohlheim
Urlaub in der Heimat 2019
„Ich wohne dort, wo andere Urlaub machen.“. Mit diesen Worten stellt...
Das Liebig-Museum auf dem Weg zum Unseco-Weltkulturerbe
Im März 1920 wurde das Liebig-Museum eröffnet und seitdem erfährt man...
Abitur, das geht in jedem Alter: Die erfolgreichen Absolventen des Abendgymnasiums im Alter von 22 bis 72 Jahren mit ihren Lehrkräften.
„Das Abitur würde ich hier jederzeit wieder machen“: Abendschule Gießen entlässt 10 Abiturienten
„Wir möchten uns bei Ihnen, liebe Lehrer, bedanken – denn ohne Sie...
Streik der Busfahrer in der nächsten Woche
Hier Infos von...
Nicht nur 5 Minuten: Last5Minutes zu Gast in St. Thomas Morus am 16. Juni 2019 um 18:30 Uhr
Pop und Gospel in St. Thomas Morus am 16. Juni 2019 18:30 Uhr
Nicht nur die letzten fünf Minuten, sondern 60 Minuten ist das...
the Keller Theatre sucht Darsteller/innen für Komödie "Charley´s Aunt" - Vorsprechtermine am 04. und 11. Juni 2019
Das englischsprachige Keller Theatre lädt am Dienstag, den 04.06.2019...

Kommentare zum Beitrag

Martin Wagner
2.569
Martin Wagner aus Gießen schrieb am 16.10.2019 um 14:10 Uhr
Bei aller politischen Differenz - gut dass es euch schon solange gibt.
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
Auf www.giessener-zeitung.de kann jeder aus seinem Ort berichten. Lokaler geht's nicht!

Mitmachen ist ganz einfach und alles ist kostenlos: Gleich registrieren und los geht's!

Herzlichst, Ihr(e) Jörg Bergstedt

von:  Jörg Bergstedt

offline
Interessensgebiet: Gießen
Jörg Bergstedt
541
Nachricht senden
Aktuellste Beiträge des Autors:
Kleine Feedbackwand: Eine*r wagt Kritik - und wird gleich belehrt.
Teure Verarschung: Diskussion und Austausch wurden beim ersten Nachhaltigkeitsforum eher verhindert als gefördert
Am 25.10.2019 fand in Gießen das erste Nachhaltigkeitsforum der...
Foto des Waldes in einem Bereich der Trasse
Gegen die Autobahn A49: Dannenröder Wald besetzt!
Die Vorbereitungszeit ist zuende - jetzt ist Aktion! Wenige Stunden...

Weitere Beiträge aus der Region

Eine App fürs Stromtanken
Um die Batterien eines E-Fahrzeugs an einer öffentlichen Ladesäule...
FC Gießen: Beim FCG wird es immer dubioser
Nicht nur das man mitten im Abstiegskampf steckt , nun werden auch...
V.l.: Edgar Langer (Betreiber Kino Traumstern in Lich), Regisseurin Elena Peloso (Associazione Memoria Immagine Verona), DIG-Vorsitzende Rita Schneider-Cartocci und DIG-Vorstandsmitglied Francesco Vizzarri (Historisches Institut der JLU).
1. Dokufilmreihe „Cinema della Memoria“ mit italienischen Regisseuren zeigte Migration von und nach Italien gestern und heute
Zum ersten Mal veranstaltete die Deutsch-Italienische Gesellschaft...

Dieser Beitrag als Banner

Um diesen Beitrag als Banner auf deine eigene Homepage einzubinden, kopiere einfach folgenden Link und füge diesen Code in deiner Homepage ein.
Link:
Übrigens: unter "Meine Seite" findest du auch einen Banner zum Einbinden der letzten Beiträge, die du selbst verfasst hast.