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E-Scooter bringen Profite, lösen aber keine Verkehrsprobleme

Gießen | Verkehrsdebatten schwanken in Deutschland stets zwischen Hype und Hysterie. Wen wundert es? Schließlich gibt es im Kapitalismus wenig Raum für echte Politik, also eine vernunftgetriebene, planvolle Organisation der Gesellschaft. Und gerade im Verkehrssektor tummeln sich viele einflussreiche Akteure, die nichts unversucht lassen, die eigenen Interessen zur „öffentlichen Meinung“ zu erheben.

"Mikromobilität" als Lösung?

In den vergangenen Monaten wandte sich Bundesverkehrsminister Scheuer insbesondere der Verkehrswende zu und versprach, sie durch die sogenannte „Mikromobilität“ voranzubringen. Damit sind kleine elektrische Fahrzeuge wie Tretroller mit Elektroantrieb (E-Scooter) und zweirädrige Segways gemeint. Bereits im Januar hatte die Beraterfirma McKinsey hierfür ein Marktpotential zwischen 100 und 150 Milliarden Dollar in Europa ermittelt, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass zur Verwirklichung auch die politischen Rahmenbedingungen passen müssten. Dafür sorgt hierzulande der Verkehrsminister mit Verordnungen und Propaganda. So schreibt das Bundesverkehrsministerium auf seiner Homepage: „Diese Fahrzeuge sind batteriebetrieben und somit emissionsfrei.“

Kleine elektrische Fahrzeuge emissionsfrei?

Das ist selbstverständlich dreist gelogen und entspricht haargenau dem, was die Hersteller und Verleiher der Kleinstfahrzeuge gerne (aber häufig geschickter) suggerieren. Tatsächlich sind die Scooter keineswegs emissionsfrei. Sie verbrauchen Strom und müssen regelmäßig geladen werden. In der Produktion entstehen ebenfalls Emissionen und auch die Nachhaltigkeitsbilanz ist bescheiden: Die Hersteller versprechen eine Lebensdauer von gerade einmal einem Jahr, in der Realität beträgt sie jedoch oft nur wenige Monate. Gut fürs Geschäft – miserabel für Klima und Umwelt.

Verleihangebote ziehen weitere Emissionen nach sich

Ganz wild wird es, wenn man den Blick auf die Verleihangebote lenkt. Denn die meisten E-Scooter befinden sich nicht im Privatbesitz der Konsumenten. Sie werden stattdessen für kurze Strecken ausgeliehen. Sind die Batterien leer, fahren sogenannte „Juicer“ mit Transportern durch die Städte und sammeln die Roller ein, um sie zur Ladestation zu bringen; mit dem Diesel im Einsatz für die „saubere“ Mobilität.

Weiteres Problem: "Juicer" werden ausgebeutet

Der überwiegende Teil der Juicer
ist prekär beschäftigt. Sie arbeiten selbständig, auf 450-Euro-Basis oder, passend zur Mikromobilität, in sogenannten „Mikrojobs“. Dabei erhalten sie ihre Aufträge per App und sind selbst für ihre Absicherung und die ihnen im Job entstehenden Kosten verantwortlich.

E-Scooter werden unsere Verkehrsprobleme nicht lösen!

Niemand verzichtet auf sein Auto, um fortan mit dem Roller zu fahren. Im Gegenteil: Bisherige Untersuchungen deuten darauf hin, dass die meisten Scooterfahrten auf Strecken stattfinden, die die Nutzer sonst zu Fuß, mit dem Fahrrad oder dem ÖPNV zurückgelegt hätten. Die Mikromobilität führt also tendenziell eher zu einer Zunahme von Fahrzeugen auf unseren Straßen. Die E-Scooter sind eben nur eine Spielerei und manch einer hat Freude daran, auf dem Roller durch die Gegend zu fahren. Das ist kein Skandal. Das Problem besteht vielmehr darin, dass sich die herrschende Verkehrspolitik vollständig in der Interessenvertretung für große Unternehmen erschöpft. Der gesellschaftliche Nutzen wird – und sei es auch noch so durchsichtig falsch – dort behauptet, wo gerade das größte Geschäft zu machen ist. Die Konsequenzen tragen dann die Kommunen, die mit überfüllten Straßen zu kämpfen haben und, ohne wirksame Hilfen aus Berlin, die Verkehrswende organisieren sollen.

Was es braucht:

ein kostenloses ÖPNV-Angebot, ein gut ausgebautes Schienennetz und neue Konzepte für die Aufteilung des öffentlichen Raumes mit kurzen Wegen und Sicherheit für Fußgänger und Radfahrer. Das würde die Lebensqualität erhöhen, dem Klimawandel entgegenwirken, mehr Mobilität für Menschen mit niedrigen Einkommen ermöglichen. Es würde die kommunalen Verkehrsbetriebe stärken und nicht die großen Konzerne. Aber dafür bräuchte es eine echte Verkehrspolitik. Und dafür ist, wie gesagt, wenig Raum.

(Auszüge aus dem Artikel "Abgehängt" von Vincent Cziesla aus der uz - unsere zeit vom 06.09.2019)

 
 
 

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Kommentare zum Beitrag

H. Peter Herold
28.191
H. Peter Herold aus Gießen schrieb am 17.09.2019 um 18:58 Uhr
Nur geistig nicht auf der Höhe Stehende machen alles mit was gerade angesagt ist..
Bernt Nehmer
1.878
Bernt Nehmer aus Hungen schrieb am 18.09.2019 um 13:40 Uhr
Ich brauche externe Muskelkraft um meinen Rollstuhl in Bewegung zu bringen. Scheiß Emissionen.
2.439
Gertraud Barthel aus Gießen schrieb am 22.09.2019 um 09:48 Uhr
Weder E-Scooter noch E-Autos bringen eine Lösung unserer Verkehrsprobleme.
E-Autos sind nicht klimaneutral, sondern verlagern nur die Schäden.
Aber beide, E-Scooter wie E-Autos sind ein neues Geschäftsfeld , in dem sich gut verdienen lässt.
Fatal wäre es, wenn man die Förderung dieser Geschäftsfelder der Bevölkerung als klimawirksame Politik "verkaufen" und dabei von den wirklich wirksamen Maßnahmen ablenken und sie verzögern würde.
Und eine solche Verzögerung käme uns teuer zu stehen!
Nicole Freeman
10.257
Nicole Freeman aus Heuchelheim schrieb am 22.09.2019 um 09:51 Uhr
Guter Bericht. Ich denke das diese Scooter mehr schaden als nützen. ein spielzeug für erwachsene, mehr nicht. leihfahrräder sind da wesendlich umweltfreundlicher. Um die Städte Verkehrstechnisch zu entlasten brauchen wir einen öffendlichen Nahverkehr der gut getacktet ist und zahlbar ist. Die Busse könnte z.B. mit Wasserstoff getrieben sein. Das bedeutet keine herstellung und entsorgung dieser riesen Batterien. Die herstellung dieser Batterien ist alles andere als Umweltfreundlich. Für uns nicht sichtbar , weil ist ja in asien.
Das der Wasserstoffantrieb auch für große Verkehrsmittel geeignet ist zeigt uns Japan und Korea. Die Asiaten sind uns Jahre voraus und sehen den Wasserstoffantrieb nicht als Umwelktprojekt sondern als Wirtschaftliche Weiterentwicklung!
https://www.handelsblatt.com/meinung/kommentare/kommentar-japans-wasserstoffstrategie-zeigt-wie-industriepolitik-funktioniert/24477764.html?ticket=ST-7147461-3OOIHasRLvoAZKNwSGO6-ap2
2.439
Gertraud Barthel aus Gießen schrieb am 22.09.2019 um 10:37 Uhr
Der Wasserstoffantrieb benötigt statt Batterien Katalysatoren, zu deren Herstellung man Platin braucht.
Das ist wahrscheinlich der Grund, dass sie bei uns nicht "marktreif" sind.
Das heißt, sie sind sehr teuer, und mit E-Autos lässt sich schneller und mehr Geld verdienen. Da müsste eine staatliche Förderung her, wie sie jetzt die
Elektromobilität erfährt!
Vor Allem aber gilt: Ob Elektroauto, konventionelles Auto oder eines mit Wasserstoffantrieb: Es sind einfach zu viele Autos!
Ein Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs mit Wasserstoff betriebenen
Fahrzeugen wäre sicher die beste Lösung für unsere Städte.
Übrigens habe ich mir auch einmal so ein Wasserstoffauto angesehen.
Von Toyota. Es war uns leider zu teuer.
Für den Preis könnte man sich schon einen der teuersten SUV leisten!
H. Peter Herold
28.191
H. Peter Herold aus Gießen schrieb am 22.09.2019 um 13:11 Uhr
Ja liebe Frau Barthel Platin ist teuer, aber die Dinge die für die Herstellung der Baterien gebraucht werden sind heute schon als endlich anzusehen. Das heißt, wir Deutschen setzen auf die falsche Technik.

Kostbare Rohstoffe für Batterien: Die E-Mobilität könnte ein teures ...

https://www.faz.net/aktuell/wissen/forschung-politik/kostbare-rohst.
Otmar Busse
832
Otmar Busse aus Lahnau schrieb am 24.09.2019 um 10:37 Uhr
Für die Herstellung der Batterien für E-Autos wird Lithium benötigt.
Ich habe es heute in einem anderen Kommentar schon einmal geschrieben, denn der Wahnsinn beginnt bereits damit, dass in der Atacama Wüste, wo dieser Stoff gewonnen wird, täglich 21 Millionen Wasser pro Tag benötigt werden um Litihium aus dem Boden nach oben zu spülen.
21 Millionen Wasser täglich. Das muss man sich, besonders in dem Zusammenhang, dass quasi "nebenan" Menschen aus Pfützen trinken, in denen man hier sich eine Sau nicht suhlen lassen würde.
H. Peter Herold
28.191
H. Peter Herold aus Gießen schrieb am 01.10.2019 um 22:57 Uhr
Aber E-Mobilität ist doch das Mittel gegen die Umweltverschmutzung. Für wie dumm werden wir eigentlich gehalten.
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
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Herzlichst, Ihr(e) Uwe Lennartz

von:  Uwe Lennartz

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