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Das Buch von Bruno W. Reimann "Goethes Amouren. Liebesfuror und Liebeswahn" ist erschienen.

Cover des Buches
Cover des Buches
Gießen | Keine der beiden großen Gießener Zeitungen, die ansonsten über jedem banalen Schmarren berichten, ist bereit, das interessante Buch zu besprechen.

Zum Inhalt des Buches:

"Goethes Amouren - Liebesfuror und Liebeswahn"
(Weimar: Eckhaus-Verlag 2019; das Buch kostet 14,80 €)

Über Goethes Liebesleben ist viel geschrieben worden. Die meisten Darstellungen verharren in der bekannten Goethe-Ikonisierung, verklären bewundernd die verschiedenen Amouren und deren Akteure (nicht nur Goethe, sondern auch die Frauen selbst). Im Sommer 1771 sei in Sesenheim "eine der schönsten Liebesgeschichten seit Romeo und Julia zu Ende gegangen" (gemeint ist Goethes Affäre mit Friederike Brion) - so schreibt ein Autor (Siegfried Schütt: Liebe, Liebe, lass mich los). Goethes vielfach vertracktes Verhältnis zur Liebe und zum Sexus kommt gelegentlich peripher zur Sprache, wird aber nicht grundsätzlich aufgegriffen. Zu groß ist der Wunsch, die Diskrepanzen zwischen dem Werk, seinem Humanismus, und der Person und ihren vielfachen Defiziten zu schließen.

Goethes Liebesleben ist - mit nur einer Ausnahme (Christiane Vulpius) - eine
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Wetzlar (409)Weimar (13)Liebe (101)Goethe (26)
Geschichte des Scheiterns, sei es durch überschreitende Offensiven (Charlotte Buff), verbal überdrehte Obsessionen (Charlotte Stein), selbstproduzierte Dilemmata (Anna Catharina Schönkopf, Lili von Schoenemann), überraschende Rückzüge (Friederike Brion, Marianne von Willemer), heimliche Leidenschaft (Marianne von Willemer) und völlig neben der Realität liegende Vorstöße (Ulrike von Levetzow). Allein die Beziehung zu Christiane Vulpius folgt nicht diesen Mustern und kann als für beide erfüllend angesehen werden. Goethe erscheint in diesen Beziehungen des Scheitern als Gegenbild zum Menschenbild der klassischen Literatur, als eine "fragmentarische Persönlichkeit" (Georg Simmel).

In dieser Studie ziehe ich literarische Konstruktionen ("Liebesfuror", "amour fou") und psychoanalytische Erklärungsmodelle ("Liebeswahn", "Liebe des Hysterikers") heran, um der Dynamik von Goethes erotischem Verhalten auf die Spur zu kommen. Die Arbeit knüpft damit u.a. an eine ältere Tradition der Goethebetrachtung an, den "pathographischen" Blick auf Goethe, um Goethes vielfach auffälliges "Agieren" sichtbar zu machen und zu erklären. Aus vielen Briefkommunikationen von und über Goethe, auch unter Heranziehung seiner Selbststilsierungen in "Dichtung
Text des Eckhaus-Verlages zum Buch
Text des Eckhaus-Verlages zum Buch
und Wahrheit", werden Kommunikationsmuster herausgeschält, die Goethe in einer ernüchternden Perspektive erscheinen lassen. Er erscheint nicht als "Olympier", sondern als ein Mensch, der vielfach mit sich im Widerstreit lag. Grund genug, das Verhältnis von Werk und Person mit durchaus verallgemeinernder Perspektive zu überdenken.

Es stellt sich die Frage: warum so tief in das private Leben eines Menschen eindringen? Nun ist Goethe nicht einfach nur ein Mensch wie andere, sondern er ist über alle Maßen hinausgehoben worden und hat sich selbst herausgehoben und in seiner Bedeutung inszeniert, ist nicht nur ikonisiert, sondern auch idealisiert worden. Menschlichen Makel sind vielfach getilgt worden. Das rechtfertigt es, einmal genauer hinzusehen und die Züge freizulegen, die Goethe als einen Menschen mit immensen Schwierigkeiten, Widersprüchen, Unzulänglichkeiten zeigen, zumindest was sein kommunikatives Verhalten im Bereich von Liebe und Sexus anbetrifft.

Nachstehend wird die Einleitung wiedergegeben:

Einleitung
Die Literatur zu Goethes Werk und seiner Person ist Legion. Die Masse der Darstellungen weist zwei auffällige Merkmale aus. Sie zeichnen überwiegend seit fast zwei Jahrhunderten das Leben Goethes beschreibend nach,
Rückseite des Buches
Rückseite des Buches
suchen nach neuen Details und enthalten sich theoretischer Deutungen. Zum anderen verharren sie in Bewunderung nicht nur des Werks, sondern auch der Person Goethes. Es ist eine Art Ge-betsdienst, der vollbracht wird. Obwohl es immer wieder Gegenströmungen zur Ikonisierung Goethes gegeben hat, z. B. die psychologische Demontage, hat sich die Tendenz zur Idealisierung und Ikonisierung der Person Goethes bis in die Gegenwart gehalten. Karl Viëtor, ein Professor für Germanistik an der Universität Gießen, sagte 1932 in einer Rede, Goethes Leben sei ein Kunstwerk. Das ist die Formel, unter der viele Darstellungen stehen. Jeder, der ein deutsches Gymnasium alter Prägung besucht hat, weiß, in welcher oft unerträglichen Weise Goethe überhöht, verklärt, idealisiert wurde. Goethe ist durch eine bürgerliche Goethe-Kultur und einen Goethe-Kult zu einer allgemeinen, epochalen und globalen, ja auch normativen – „Goethe hat gesagt“- Figur geworden, an der fast nicht mehr zu rütteln ist. Und mit dieser Goethe-Ikonisierung kam auch ein unerträglicher Goetheschwulst.
In Deutschland gibt es – neben vielen anderen – drei herausstechende, sich an kulturellen Exponenten immer wieder entzündende Neurosen. Das sind: die Goethe-Neurose, die Wagner-Neurose
Poster zu einem Vortrag über Goethes Amouren
Poster zu einem Vortrag über Goethes Amouren
und die Jünger-Neurose. Im Gegensatz zu den ande-ren Kulturpromi-Neurosen ist im Falle Goethes die Anti-Fraktion relativ schwach besetzt. Dass es so wenig „Goethe bashing“ gibt, liegt vermutlich daran, dass er nicht in dem Sinne politisch anstößig ist wie Jünger und Wagner. Er war ganz ohne Zweifel ein Fürstenknecht, der – anders als Schiller – der Französischen Revolution äußerst skeptisch gegenüberstand. Aber ein Politikum ist Goethe nicht; er gilt als politisch unverdächtig. Insofern handelt es sich bei Goethe um eine Huldigungsneurose. Goethe hat das deutsche Bildungsbürgertum wie kein anderer in den letzten zwei Jahr-hunderten regelrecht betrunken gemacht. Die Geschichte der Goethe-Rezeption im deutschen Bürgertum ist auch eine Geschichte der Peinlichkeiten, und es wäre interessant, diese Geschichte der Peinlichkeiten und ihren Jargon einmal nachzuzeichnen, in dem sich die Sehnsucht nach einer kulturellen Prophetengestalt manifestiert. Goethe avancierte im 19. Jahrhundert bis in die Weimarer Zeit hinein zum unumstrittenen kulturellen „Führer“. Dem entspricht der Topos, der im 19. Jahrhundert in Deutschland Konjunktur hatte: die Idee des „großen“ Mannes (siehe Exkurs: „Der große Mann“). Die Deutschen waren, im Gegenzug gegen die Zumutungen der Aufklärung (Kant: „sapere aude“), schon im 18. Jahrhundert auf der Suche nach Führern, zunächst nach „dem“ kulturellen Führer, nach der verehrungswürdigen Ikone, die ihnen die Last der Autonomie abnehmen sollte. Der Führer war die säkularisierte Form des religiösen Führers, des Propheten. Ihnen sind später die politischen Führer und dann der Führer schlechthin gefolgt und damit waren die Deutschen am schrecklichsten Tiefpunkt ihrer neuzeitlichen politischen Geschichte angelangt. Die Logik im kulturellen und politischen Bereich, die Idee von der prophetischen Herausgehobenheit, war dieselbe.
Goethe spielt in der allgemeinen Kultur keine Rolle mehr. Die Diskussion ist in die Klassik-Zirkel, die Goethe-Jahrbücher übergegangen – und dort versickert sie. Eine zentrale Rolle spielt Goethe allerdings in Weimar, das so etwas wie ein Marketing-Unternehmen der „Goethe Enterprises“ ist.

Cover des Buches
Cover des Buches 
Text des Eckhaus-Verlages zum Buch
Text des... 
Rückseite des Buches
Rückseite des Buches 
Poster zu einem Vortrag über Goethes Amouren
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Kommentare zum Beitrag

H. Peter Herold
28.926
H. Peter Herold aus Gießen schrieb am 08.12.2019 um 19:17 Uhr
Werbung?
Stefan Walther
4.797
Stefan Walther aus Linden schrieb am 08.12.2019 um 21:58 Uhr
Nein, wieder nur Selbstdarstellung... schau dir einfach die anderen aktuellen Beiträge von Herrn Reimann an Peter.
Na vielleicht löscht er jetzt auch wieder den Beitrag weil ihm die Kommentare nicht gefallen ( wie beim letzten Beitrag ) und stellt ihn dann neu ( unkommentiert ) wieder ein? Man könnte sagen "Kindergarten" oder auch Arroganz!?
Bruno W. Reimann
423
Bruno W. Reimann aus Gießen schrieb am 09.12.2019 um 09:22 Uhr
Viele linke sind einfach zu ungebildet um den Ansatz eines solchen Buches zu kapieren. Es ist es schön , so schlicht zu sein?
Stefan Walther
4.797
Stefan Walther aus Linden schrieb am 09.12.2019 um 10:51 Uhr
Wie sagt der Volksmund, und dieser spricht aus reichlich praktischer Erfahrung, zig-fach mehr wert als ein überhebliches Geschwafel von so manchem Intellektuellen =
"Einbildung ist auch eine Bildung"
Bruno W. Reimann
423
Bruno W. Reimann aus Gießen schrieb am 09.12.2019 um 12:09 Uhr
was haben Sie Herr Walther denn schon in Ihrem Leben gemacht?
H. Peter Herold
28.926
H. Peter Herold aus Gießen schrieb am 09.12.2019 um 13:09 Uhr
Und Sie Prof.?
Stefan Walther
4.797
Stefan Walther aus Linden schrieb am 09.12.2019 um 14:55 Uhr
Na ja jetzt ist der Professor aber eingeschnappt, jetzt wird er persönlich.
Was ich in meinem Leben gemacht habe? nun, die meiste Zeit gearbeitet und mich "gebildet" :-))
Wahrscheinlich kann ich Ihnen damit, genauso wie fast alle die Sie als schlicht bezeichnen, bei weitem nicht das Wasser reichen.
Nur, damit kann ich gut in der realen Welt leben, auch ohne ihren intellektuellen "Segen".
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
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Herzlichst, Ihr(e) Bruno W. Reimann

von:  Bruno W. Reimann

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Bruno W. Reimann
423
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