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Neue Selbsthilfegruppe „Anonyme Konsumentis“ stellt sich vor

von jule Melaraam 16.06.2019744 mal gelesen1 Kommentar
Gießen | Gesellschaftlich hat es in letzter Zeit einige positive Entwicklungen gegeben: Der Hambacher Wald konnte nicht gerodet werden, ein Gerichtsurteil hat das Streben des Energiekonzerns RWE gekippt. Dies nicht zuletzt, weil eine immer größere Anzahl von widerständigen Menschen dagegen aufbegehrte. Die Friday For Future Bewegung hat nicht aufgehört zu protestieren und es so geschafft, die Diskussion über den Klimawandel in das Zentrum der gesellschaftlichen Auseinandersetzung zu platzieren. Menschen machen also die Erfahrung, dass direkter Einsatz Wirkung zeigt.
Einigen GießenerInnen geht das aber nicht weit genug. Seit April 2019 treffen sich einmal wöchentlich die Anonymen Konsumentis, derzeit mittwochs, 19:00 Uhr in der Ludwigstrasse 6 im Freiwilligenzentrum in Gießen.
Der Name der Gruppe ist nicht zufällig, sondern in Anlehnung an andere Selbsthilfegruppen für Alkoholiker oder Drogensüchtige gewählt. Zwei der MitbegründerInnen der Konsumentis sind mit deren Hilfe vor langer Zeit clean geworden. Ihrer Meinung nach weist das unbewusste, rücksichtslose und zerstörerische Verhalten der Konsumgesellschaft große Parallelen zu dem von Drogenjunkies im Endstadium auf. So kam die Idee, dass der Selbsthilfegruppenansatz, der weltweit vielen Tausenden AlkoholikerInnen und DrogenkonsumentInnen den Weg aus der aktiven Sucht gewiesen hat, auch anderen Menschen aus ihrem problematischen Konsumverhalten heraushelfen kann.
Was verstehen die Anonymen Konsumentis unter problematischem Konsumverhalten?
Wenn konsumiert wird, machen sich viele Menschen nicht bewusst, welchen Schaden sie sich damit selbst, anderen Menschen, der Umwelt und der Natur zufügen. Sind sie auf dem Weg zur Arbeit und nehmen schnell einen Kaffee to go mit, bedenken sie nicht, dass ein Berg von Plastik- und Papiermüll produziert wird. Alleine in Deutschland derzeit pro Jahr 2,8 Milliarden Becher! Raumsparend ineinander gestapelt - die Deckel unbeachtet - sind das 5600 Kilometer! Bis New York ist’s nicht viel weiter (knapp 6200 km).
Ein weiteres Beispiel: Während sich in Schweden sogar schon das Wort „Flugscham“ etabliert und auch hierzulande immer mehr Menschen erkennen, wie problematisch Mobilität per Flieger ist, steigen doch auf der anderen Seite die Fluggastzahlen beispielsweise bei Kurzstreckenflügen stetig auf neue Höhen. In Trebur (Terminal 3) am Flughafen Frankfurt wurde vor nur etwa einem halben Jahr, am 06.11.2018, ein von AktivistInnen besetztes Waldstück geräumt und anschließend gerodet, nur um weitere Infrastruktur für genau dieses Fluggastsegment zu schaffen.
Einige der Konsumentis glauben auch, dass die jüngsten Erfolge der Partei Bündnis 90/Die Grünen bei Wahlen diesbezüglich nicht zu Optimismus führen können und dürfen, schließlich sind deren Wähler statistisch gesehen die übelsten Vielflieger, die offenbar einer legendären Selbsttäuschung unterliegen, was den eigenen ökologischen Fußabdruck angeht.
Die Menschen fragen sich meist nicht, warum sie etwas konsumieren. Zum einen konsumieren sie, um ihre ureigensten menschlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Andererseits bleiben viele ihrer echten Bedürfnisse unerfüllt, und dann meinen sie, diese Löcher durch Konsum füllen zu können. Das heißt, sie kaufen Dinge, die sie nicht wirklich brauchen und die ihnen nicht wirklich guttun.
Welche Menschen wollen die Anonymen Konsumentis ansprechen?
Klar wollen sie für Menschen da sein, die ein problematisches Konsumveralten an den Tag legen und sich dessen bewusst geworden sind. Aber nicht nur für die, denn viele sind auch bereits aus dem Dauerkonsum herausgefallen und damit für das Gefüge weitestgehend wertlos. Ihr Nutzen besteht im Kapitalismus lediglich noch darin, als mahnende Beispiele Angst davor zu verursachen, was mit einem Leben passiert, wenn mensch nicht mehr in der Lage oder gewillt ist, brav mitzuspielen, sondern als Langzeitarbeitslose(r), Psychiatrisierte(r) oder Knasti ausgesondert wird.
Außerdem soll eine weitere Gruppe soll angesprochen werden: Die Anonymen Konsumentis wissen, dass es in anderen Selbsthilfegruppen viele Menschen gibt, die große Schwierigkeiten mit den Begriffen „Gott“ und „Höhere Macht“ haben, die dort oft verwendet werden. Bei den Anonymen Konsumentis wird auf so etwas verzichtet. Sie wollen den Beweis antreten, dass ein suchtfreies Leben durch das Anwenden spiritueller Prinzipien wie Ehrlichkeit, Aufgeschlossenheit und Bereitschaft völlig ausreichend ist und sie keine Phantasiefiguren einführen müssen, um ihre Schwierigkeiten überwinden zu können.
Letztendlich verstehen sie sich auch als Forum für diejenigen, die schon vorher aktivistisch an der Verbesserung der Situation arbeiteten. So können sich diese von Altlasten befreien, kraftvoller wirken und anziehender für diejenigen werden, die noch nicht so weit sind.
Worin besteht die Hilfe, die die Anonymen Konsumentis geben können?
Nach dem Vorbild anderer Selbsthilfegruppen haben sie die stimmigen Teile übernommen und auf ihre Problematik abgestimmt. Sie glauben, dass die spirituellen Prinzipien, die selbst hoffnungslose Fälle von üblen Junkies nachhaltig clean werden ließen, auch ihnen helfen können, ihre eigentlichen Bedürfnisse freizulegen und dauerhaft aus dem Konsumsystem auszusteigen. So können sie auch andere Probleme ihrer Biografie überwinden und ein Leben voller Selbstwert führen. Dies ist ein ganz klarer Gegenentwurf zum gängigen Modell von Therapie und Psychopharmaka. Sie setzen darauf, was bedingungslose und menschliche Hilfe untereinander in einer Selbsthilfegruppe bewirken.
Hierzu entwickeln sie gerade einen umfangreichen Selbsthilfeleitfaden, den die Einzelnen mit Hilfe der Gruppe durchgehen können.
Sie glauben außerdem, dass der ernsthafte Versuch, sein Leben nach diesen Prinzipien auszurichten zu einem emanzipatorischeren Verhalten gegen das derzeitige System animiert. Wie weit jemensch hier gehen möchte bleibt jemenschem selbst überlassen.
Eines der wichtigsten Instrumente der persönlichen Weiterentwicklung sind aber natürlich die Meetings, die derzeit ungefähr wir folgt ablaufen:
Kurze Anmoderation und gegebenenfalls Begrüßung von Menschen, die das erste Mal da sind, gefolgt von einer kurzen Befindlichkeitsrunde, genannt EMO-Runde. Es folgt eine ausführlichere Runde, wo alle Anwesenden erzählen und über ihr Leben und ihre Verfassung teilen können. Jetzt kann ein Thema vorgeschlagen werden. In den letzten Meetings hat sich die Gruppe jeweils ein echtes soziales Grundbedürfnis herausgepickt und dieses vertieft. Bisher sprachen sie in jeweils einem Meeting über: „Lebensrecht; willkommen sein; Geborgenheit; Zugehörigkeit; Respekt unserer Grenzen; Raum, uns auszudrücken und Unterstützung“ Sie sind sich sicher, wenn sie hier gut für sich sorgen wird es selbst für die ausgefeiltesten Werbestrategien der Konsumindustrie schwierig, sie zu zerstörerischen Konsum zu bewegen.
Die Anonymen Konsumentis treffen sich regelmäßig mittwochs um 19 Uhr in der Ludwigstrasse 6 im Freiwilligenzentrum in Gießen und freuen sich auf euer Kommen.

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Kommentare zum Beitrag

Bernt Nehmer
1.933
Bernt Nehmer aus Hungen schrieb am 17.06.2019 um 08:07 Uhr
Na gut!
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
Auf www.giessener-zeitung.de kann jeder aus seinem Ort berichten. Lokaler geht's nicht!

Mitmachen ist ganz einfach und alles ist kostenlos: Gleich registrieren und los geht's!

Herzlichst, Ihr(e) jule Melara

von:  jule Melara

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Interessensgebiet: Gießen
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