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Anita Schneider füllt Tierfutter ab, Fabienne Faust übernimmt die Rolle der Landrätin - Seitenwechsel-Aktion anlässlich des 60. Geburtstages der Lebenshilfe Gießen

Landrätin Anita Schneider und Lebenshilfe-Mitarbeiterin Fabienne Faust hatten sichtlich Freude am "Seitenwechsel".
Landrätin Anita Schneider und Lebenshilfe-Mitarbeiterin Fabienne Faust hatten sichtlich Freude am "Seitenwechsel".
Gießen | Im Fußball gehört er einfach dazu. Nach 45 gespielten Minuten kommt die Halbzeit und mit ihr geht der Seitenwechsel einher. Im Fall des Sports bedeutet das, dass die Mannschaften die Spielhälften tauschen und nun auf das Tor schießen, das sie vor der Pause noch gehütet haben. Im Alltag findet so ein Seitenwechsel deutlich seltener statt, doch was wäre, wenn dieser auch abseits des Spielfeldes geschehen würde? Genau auf dieses Experiment haben sich im Rahmen des 60-jährigen Jubiläums der Lebenshilfe Gießen zwei Personen eingelassen, deren Alltag sich eigentlich sehr unterschiedlich gestaltet. So trat auf der einen Seite Fabienne Faust, Mitarbeitern der Limeswerkstatt in Pohlheim an und tauschte ihren Arbeitsplatz für ein paar Stunden mit Anita Schneider, ihres Zeichens Landrätin des Kreises Gießen.

Eine Gemeinsamkeit eint die beiden Frauen aber bereits im Vorfeld des Rollentauschs: Dem 60. Geburtstag der Lebenshilfe Gießen geben Anita Schneider und Fabienne Faust gemeinsam mit Matthias Roth, Mitarbeiter der Lebenshilfe, als Schirmherrinnen ein Gesicht. Um ihren gegenseitigen Arbeitsalltag kennenzulernen sowie neue Einblicke in die einander bislang verborgenen Wirk- und Arbeitsstätten zu gewinnen, aber auch um Zeichen für die Inklusion zu setzen, hatten die beiden Würdenträgerinnen anlässlich des Jubiläums einen Seitenwechsel vereinbart.

In dieser Woche war es so weit und Fabienne Faust blickte hinter die Kulissen des Landratsamtes, während Landrätin Schneider die vielfältigen Bereiche der Limeswerkstatt kennenlernte und selbst Hand anlegte. Tatkräftig mitzuarbeiten und neue Aufgaben zu übernehmen, war ebenso Ziel des beidseitigen Austauschs. Vor allem der Landrätin boten sich in der Limeswerkstatt mehr als genug Betätigungsmöglichkeiten. Mit rund 210 Mitarbeitern, die sich in unterschiedliche Gruppen aufteilen, handelt es sich bei dem Standort in Pohlheim-Garbenteich schließlich um die Größte aller Werkstätten der Lebenshilfe Gießen.

Nach einer kurzen Begrüßung durch Werkstattleiter Jörg Langschied und Sozialpädagogin Nina Wohlfeil lernte die SPD-Politikerin mit der Tierfutterabteilung direkt eine der vielen Arbeitsgruppen der Pohlheimer Werkstatt kennen. Wie Gruppenleiter Andreas Riedl der Landrätin erklärte, sind die Maschinen und Arbeitsplätze an die Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter mit Unterstützungsbedarf angepasst. Eine
Anita Schneider packt bei der Tierfutterabfüllung in der Limeswerkstatt mit an.
Anita Schneider packt bei der Tierfutterabfüllung in der Limeswerkstatt mit an.
Abfüllmaschine ist etwa näher am Boden montiert, sodass auch Rollstuhlfahrer sie bedienen können und ein Ampelsystem hilft Mitarbeitern ohne Zahlenverständnis beim Abwiegen der Futtermengen. Sichtlich neugierig lauschte die Landrätin den Ausführungen von Gruppenleiter Riedl und den Mitarbeitern, die angeregt über ihre Aufgaben berichteten und sich mitunter gerne über die Schulter schauen ließen. Entsprechend motiviert legte Schneider sogleich selbst Hand an und füllte einige Beutel mit Körnerfutter ab.

Auch im weiteren Verlauf ihrer Anwesenheit kam Schneider immer wieder ins Gespräch mit dem Personal und den Mitarbeitern der Lebenshilfe, die dem hohen Besuch mit großem Interesse und erheblicher Offenheit entgegentraten, viele Fragen stellten und begeistert über ihren Arbeitsalltag zu erzählen wussten. Besonders der aufgeschlossene und herzliche Umgang miteinander machte sichtlich Eindruck auf die Landrätin. Auch wenn einige der Mitarbeiter mitunter ohne Scheu einige private Fragen stellten und, wie die Gruppenleiter bestätigten, durchaus schonungslos ehrlich sein können, blieb Schneider jederzeit gelassen und unterhielt sich angeregt mit allen Anwesenden. „Diese Herzlichkeit und Offenheit fehlt uns in unserer Gesellschaft“, hielt sie beeindruckt fest.

Fabienne Faust als Landrätin auf Zeit am Rednerpult.
Fabienne Faust als Landrätin auf Zeit am Rednerpult.
Neben der Tierfutterabfüllung erhielt Schneider bei einem Rundgang Einblick in verschiedene Abteilungen und Arbeitsgruppen, wie die Schreinerei oder die Aktenvernichtung. Die unterschiedlichen Arbeitsbereiche bieten den Mitarbeitern abwechslungsreiche Tätigkeiten, die ihren Vorlieben und Fähigkeiten entsprechen.

Wie Schneider auch feststellen konnte, kommt in der gesamten Einrichtung ein durchdachtes pädagogisches Konzept zum Zuge. Der Einsatz von Farben und visuellen Hilfestellung gleicht Defizite aus, Positivverstärker liefern Motivation und ein umfangreiches Sportangebot bietet den nötigen Ausgleich zum Arbeitsalltag. Vor allem sei es wichtig, eine einladende und entspannte Atmosphäre für die Mitarbeiter zu schaffen. „Die meisten von ihnen verbringen den Großteil ihres Tages bei uns“, berichtete Gruppenleiter Jörg Plomitzer: „Daher legen wir viel Wert darauf, ihnen ein familiäres Gefühl zu vermitteln.“ Abgesehen vom Rehabilitationsgedanke gilt es auf dem Markt aber auch stets wirtschaftlich und wettbewerbsfähig zu bleiben. Während ihrer Führung durch die Werkstatt konnte sich Schneider davon überzeugen, wie die Lebenshilfe Gießen dieser Herausforderung Tag für Tag begegnet. Aufgrund eines umfangreichen und professionellen Dienstleistungsangebots hat sich der Gießener Verein in 60 Jahren mit rund 940 Mitarbeitern als einer der größten Arbeitgeber im gesamten Landkreis etabliert.

Einige Kilometer weiter hatte Lebenshilfe-Mitarbeiterin Fabienne Faust im Landratsamt am Riversplatz derweil die Rolle Schneiders übernommen. Nach einer Führung durch den Amtssitz und einer Einführung in die Aufgaben der Landrätin ging auch Faust zielstrebig ans Werk. So regte die Landrätin auf Zeit im Gespräch mit dem Schwerbehindertenvertreter, der von regelmäßig zugestellten Behindertenparkplätzen berichtete, an, diese mit größeren Symbolen deutlicher zu markieren und „Falschparker“ gegebenenfalls mit Hinweiszetteln auf die Bedeutung des von ihnen belegten Stellplatzes aufmerksam zu machen.

Nach einem ereignis- und erkenntnisreichen Tag tauschten die beiden Seitenwechslerinnen wieder zurück in ihr „altes“ Leben. Zum Abschluss trafen sie sich hierzu zum gemeinsamen Mittagessen in der Kantine der Limeswerkstatt. Im angeregten Dialog berichteten sie sich gegenseitig über die Erfahrungen und Überraschungen, die sie während ihres Ausflugs in die Welt der jeweils anderen gemacht hatten und konnten beide ein äußerst positives Fazit ziehen. Die von Faust angeregten Ideen griff Landrätin Schneider direkt auf und setzte sie auf ihre Agenda. Vor allem der Lebenshilfe-Mitarbeiterin war der Stolz über das an diesem Tag Erlebte und Erreichte deutlich anzumerken. Bestärkt durch das gelungene Experiment richteten die beiden Schirmherrinnen ihren Blick umso motiviert auf die weiteren Aktionen des 60-jährigen Jubiläums sowie die Zukunft der Lebenshilfe Gießen selbst.

Landrätin Anita Schneider und Lebenshilfe-Mitarbeiterin Fabienne Faust hatten sichtlich Freude am "Seitenwechsel".
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