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Die verlorene Kindheit

Gießen | Mit acht Jahren zusammen mit den Schweinen aus dem Trog essen um nicht zu verhungern. Der zweite Weltkrieg brachte viel Leid über die Menschen, auch über die Familie von Wanda Becker. Sie wurde im Dezember 1936 in Agnieszkowo/Kreis Schirps geboren, was zu dieser Zeit noch deutsch war. Sie war das dritte von sieben Kindern und lebte mit ihrer Familie, einer Magd und einem Knecht auf einem großen Bauernhof. Ihr Onkel, er war der Bürgermeister des Ortes forderte 1944 die Familie auf zu fliehen, da es nicht mehr lange bis zur Besetzung der Russen dauern könnte. Wandas Vater wurde noch eingezogen, die Familie musste sich ohne ihn mit dem Planwagen auf den Weg machen. Zu Beginn der Flucht begleitete sie noch der Knecht Josef, der jedoch nach kurzer Zeit verschwand. Die Mutter und die große Schwester saßen nun auf dem Kutschbock. Man begegnete vielen Flüchtlingen im Pferdewagen. Nach beschwerlichen Tagen mussten sie wieder umkehren, da die Russen sie an der Weiterfahrt hinderten. Unfreiwillig ging es wieder zurück wo sie mit all den anderen Flüchten in ein Lager gepfercht wurden. Mittlerweile war Wandas vertraute Umgebung
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in der sie geboren wurde nicht mehr deutsch. Sie musste im Lager mit ansehen wie ihr Onkel mit den Händen ein Grab schaufeln sollte. Am nächsten Tag war der Onkel weg, das Grab zu. Warum und wie der Onkel starb erfuhr die Familie nie. Sie und ihre große Schwester wurden aus der Familie gerissen und zu polnischen Bauern als Arbeitskräfte gebracht. Sie mussten leisten was auch dort die Erwachsenen arbeiteten, Essen und trinken gab es für sie nicht. Der Hunger trieb sie in den Schweinestall, wo sie zusammen mit den Schweinen aus dem Trog aß. Auch stahl sie hin und wieder Eier aus dem Hühnerstall, schlug sie auf und trank, bis zu dem Tag als sie ein Küken im Mund hatte. Es waren grausame Zeiten, weg von der Mutter. Man erwartete von ihr das auch sie Kartoffelsäcke schleppen konnte, was sie mit acht Jahren nicht schaffte. Verweigerung wurde ihr vorgeworfen, der Bauer schlug mit der Forke auf sie ein wobei ihr Rippen gebrochen wurden. Zwischendurch musste sie Kühe auf der Wiese hüten. An einem dieser Tag begegnete sie einer älteren Frau die sie ansprach. Die Frau glaubte zu wissen wo Wandas Mutter und die Geschwister waren. Mittlerweile waren zwei Jahre vergangen in denen Wandas Kindheit von jetzt auf gleich verloren war, sie als Arbeitskraft durch mehrere Bauernhöfe gereicht wurde. Deutsch war in dieser Zeit schon lange nichts mehr, es musste polnisch gesprochen werden was Wanda nicht konnte und es dafür zusätzlich auch noch Schläge setzte. Von den Kindern der Bauernhöfe beleidigt und bespuckt vergingen die Tage und Monate bis ihre Mutter begann sie aus dieser Fronarbeit zu befreien. Zwei Versuche schlugen fehl die Mutter wurde erwischt und sie erhielt dafür wieder reichlich Schläge was der ausgemergelte Kinderkörper kaum noch ertrug. Wie die Mutter es schaffte sie eines Tages mit einer schriftlichen Vollmacht vom Hof holen zu dürfen erfuhr sie nie. Mittlerweile schrieb man das Jahr 1951 und sie hatten das Glück am 30.3.1951 in den letzten Waggon in Richtung Deutschland steigen zu dürfen. Sie kamen nach Bad Hersfeld in das Lager „Waldschänke“ wo sie untersucht und entlaust wurden. Das Leben dort war etwas erträglicher und Wanda arbeitete in der benachbarten Kordelfabrik. Die Familie erfuhr das es ein Onkel geschafft hatte sich nach Heuchelheim durchzuschlagen. Im Lager und in der Fabrik wurde es Wanda zu eng. Sie arbeitete in einer Gastwirtschaft und wohnte in einer kleinen Wohnung. In dieser Zeit lernte sie auch ihren ersten Ehemann kennen. 1957 wurde in der DDR ihr Sohn geboren. Die Ehe scheiterte und sie versuchte für sich und ihr Kind eine Ausreisegenehmigung zu bekommen. 1958 kamen sie erst nach Friedland und von dort nach Gießen. Zur damaligen Zeit waren die Frauen in der späteren Bergkaserne untergebracht, die Männer in Baracken in der Nähe vom Stadttheater. Von dort führte sie der Weg nach Kirchgöns wo sie bei den Amerikanern arbeitete. Dort lernte sie ihren zweiten Ehemann kennen. Sie heirateten 1959, bekamen eine Wohnung in Gießen, dort wohnten auch die Schwiegereltern. Im Laufe der Jahre bekam das Paar zwei Mädchen und einen Jungen. In dem Wohnhaus übernahm Wanda die Stelle des Hausmeisters, ihr Mann arbeitete weiterhin für die Amerikaner, bis er später zum Fuhrpark der Stadt Gießen wechselte.

Die Geschichte von Wanda Becker ist stellvertretend für ALLE, die vor und nach dem Krieg schlimmes erleben mussten. Ich kenne Wanda seit vielen Jahren und wer glaubt dass diese
menschenverachtende Kindheit sie hart werden ließ, nein. Gedanklich zurück in das Jahr 1944 zu gehen war für sie sehr emotional. Das was ich hier schreibe ist nur ein Teil dessen was sie erlebt hat. Ich kenne sie als liebenswerte, hilfsbereite Frau die in Harmonie mit anderen leben möchte, für ihre Umgebung ist sie eine Bereicherung.

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von:  Christine Stapf

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Interessensgebiet: Gießen
Christine Stapf
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