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"Zweiter Anlauf: Wohltätigkeit ist das Ersäufen des Rechtes in der Jauchegrube der Gnade!" *

Symbolfoto - A. Dreher bei pixelio.de
Symbolfoto - A. Dreher bei pixelio.de
Gießen | Normalerweise ist es nicht meine Sache auf einem Thema rum zu reiten. Aber bei dem Thema „heimische Discounter starten Wohltätigkeitsaktion zu Gunsten der Giessener Tafel kurz vor Weihnachten“ sehe ich mich veranlasst eine Ausnahme zu machen.

Ziemlich genau vor einem Jahr hatte ich schon einmal einen Artikel dazu hier in der Onlineausgabe veröffentlicht. Mit „ 1267mal gelesen und nur 3 Kommentaren“ waren die Reaktionen darauf eher spärlich.

Eine gewisse Pointe bei diesem Artikel besteht darin, dass ich (nicht weil ich eine faule Socke bin) fast den ganzen Artikel einfach nur (etwas aktualisiert) kopieren muss.

Was ist der aktuelle Anlass?

In Giessen erschien von einer bestimmten Lebensmittelkette (Name tut nichts zur Sache, denn fast alle größere Ketten arbeiten mit dem Bundesverband der Tafeln zusammen) an den zwei letzten Wochenenden die üblicherweise in den diversen Werbezeitungen eingelegte Wochenwerbung (auf Seite1) mit der Abbildung von reichlich gefüllten Packpapiertüten mit dem Aufdruck „Gemeinsam Teller füllen – Wir helfen vor Ort“ und dem Text „Helfen sie mit …… direkt vor Ort. Einfach bis zum 18. November Spendentüte für 5 Euro kaufen und die lokalen Tafeln unterstützen.“

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Im Inneren der Blättchen wurde die Aktion großformatig weiter beworben mit Sätzen wie (…) „Soziale Verantwortung liegt uns am Herzen.“ Oder (…..) „40.000 zusätzliche Tüten werden von ….. jedes Jahr gespendet.“ Die Spendentüten sind schon gepackt (Liste der Lebensmittel ist nachlesbar) und muss nur noch bezahlt werden. Den Transport zur örtlichen Tafel ** übernimmt der Discounter.

Ich lehne diese Tafelaktion auch in diesem Jahr (erinnere mich, dass etwas Ähnliches seit Jahren läuft) kurz vor Weihnachten aus prinzipiellen Überlegungen ab.

1. Der dahinter steckende Appell an die Gutmenschen "gebt den Armen zu Weihnachten etwas von eurem Überfluss ab“, mag zwar für die Firma verkaufsfördernd sein, ist aber das gesellschaftlich falsche Signal. Keine Almosen, sondern mehr einklagbare Rechte brauchen die arm Gemachten.

2. Tafeln führen seit einigen Jahren keine Nischenexistenz in der BRD mehr. Wer sie stärkt, fördert - bewusst oder unbewusst - dass die Hartz-IV-ler bzw. Menschen, welche auf Grundsicherung angewiesen sind, sich früher oder später anhören müssen: Was meckert ihr an den Zuschüssen rum, geht doch zu eurer Tafel um die Ecke, da bekommt ihr für ein paar Euros zumindest Lebensmittel.

Wer von den ARM Gemachten kann sich Braten noch leisten?
Wer von den ARM Gemachten kann sich Braten noch leisten?
Bin ich jetzt der hartherzige Mensch, der den Armen nicht einen kleinen Beitrag zur Linderung ihrer Not gönnt? Da wäre etwas dran, wenn ich nicht gleichzeitig mich dafür engagiere, dass dieses Wirtschaftssystem namens Kapitalismus (welches ja erst die Massenarmut geschaffen hat) durch neue Modelle abgelöst wird.

Es ist schön, dass viele Mitbürger etwas für die arm Gemachten machen wollen. Da gibt es aber andere Möglichkeiten: z.B. Förderung von Organisationen, die die politischen Kräfte bekämpfen, welche systematisch weitere Bevölkerungsschichten in der BRD arm machen wollen. Denn die um sich greifende Massenarmut in der BRD ist nicht individuell begründet, sondern einzig und alleine eine Frage des Wirtschaftssystems.

In der Onlineausgabe der Giessener Zeitung erschienen schon mehrere Berichte zur Tafel. *** Dort wurde im Detail auch der Frage nachgegangen, ob die Tafel nicht so etwas wie eine Notfallorganisation darstellt (dann hätte sie ja ihre Berechtigung) oder ob sie eher zur Verfestigung der ungerechten Reichtumsverteilung beiträgt. Diesen Gedanken in diesen Artikel einzufügen würde ihn zu lange machen.

Zum Ende meines Artikels will ich kurz auf den von mir gewählten Titel noch eingehen.

Genaues ist nicht bekannt - Halbwissen wabbert durch die Gegend
Genaues ist nicht bekannt - Halbwissen wabbert durch die Gegend
Ich halte über mehrere Jahrzehnte gesehen es für einen Fortschritt, dass in der BRD die allgemeine Wohltätigkeit durch ein sich entwickelndes Recht auf staatliche Unterstützungsleistungen abgelöst worden ist. (Einmal davon abgesehen, dass die Rechte zu schwer durchzusetzen sind und die Leistungen hinten und vorne nicht reichen.) Das wird seit einigen Jahren Stück für Stück wieder zurück gedreht. Ich frage mich, wo soll das eigentlich enden? Sind die Tafeln nur eine Zwischenstufe? Fallen wir in die Jahre zurück, wo Hunderttausende mit einem Blechnapf vor der Suppenküche um ein dünnes Süppchen betteln mussten? Ich weis es nicht, aber der Pessimist in mir hält es für im Bereich des Realen.

Wer das nicht will, der sollte sich überlegen, all die politischen Kräfte zu unterstützen, welche den Motor dieser Entwicklung - den Kapitalismus - stoppen wollen.

Oder ein ganz praktischer Vorschlag: Das Eine nicht sein lassen und das Andere auch machen. Deswegen eventuell die 5-Euro-Tüte bei ….. kaufen und dann ab nächster Woche in einer kapitalismuskritischen Organisation mitarbeiten (eine Spende an solche Organisationen hilft auch etwas)!



Aktualisierte Grunddaten (von der offiziellen Homepage der Giessener Tafel):

Symbolfoto - Thorsten Wengert
Symbolfoto - Thorsten Wengert
In Giessen 2015 gegründet; 1. Ausgabe 6.12.15 – ca. 300 Mitarbeitern - über 2800 bedürftige Menschen, darunter etwa 800 Kinder – cirka 870 Haushalte - zugelassen werden nicht nur Harz-IV-ler oder Menschen mit Grundsicherung, sondern auch Menschen die leicht über dessen monatlichen Sätzen liegen – geringer Kostenbeitrag pro Lebensmittelausgabe - verwaltungsmäßig organisiert von einem Sozialkonzern einer der Amtskirche; Ehrenamtliche selbst organisiert – die Giessener sind dem Bundesverband angeschlossen – von Giessen werden verwaltungsmäßig „Filialen“ im Landkreis mit organisiert

Für die Giessener Tafel werben unter anderem: H. Bouffier, Fr. Grabe-Bolz, Fr. Schneider, H. Claes, H. Beutelsbacher und viele mehr. (Zeig mir wer für dich ist und ich sage dir was ich von dir zu halten habe …!)

Bundesweit: knapp 1000 Tafeln bei 50 Tsd. Mitarbeiter ………..

* "Wohltätigkeit ist das Ersaufen des Rechts im Mistloch der Gnade" (Pestalozzi) ist im Zürcher Manifest
vom 5. Juli 1968 (….) zitiert. https://de.wikiquote.org/wiki/Diskussion:Johann_Heinrich_Pestalozzi

Erster Versuch : http://www.giessener-zeitung.de/giessen/beitrag/121499/qwohltaetigkeit-ist-das-ersaeufen-des-rechtes-in-der-jauchegrube-der-gnadeq/

** http://tafel-giessen.de/ Dort gibt es auch weiterführende Links zu Thema.

*** Hinweis: Wenn sie, werter Leser /werte Leserin, hier in der Suchmaske das Stichwort „Tafel“ eingeben,
erhalten sie recht viele Treffer (= zu diesem Thema hier schon erschienene Artikel).

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Kommentare zum Beitrag

Stefan Walther
4.537
Stefan Walther aus Linden schrieb am 21.11.2018 um 22:41 Uhr
Schwierig für mich jetzt etwas Neues zum Thema zu sagen, kennst mich ja Martin "ich mag auch meine eigenen Wiederholungen nicht besonders".

Deshalb nur: ich bleibe bei meiner Ansicht, bei meinem Kommentar von letztem Jahr. Aber was deine Wiederholung betrifft, widerspreche ich mir sogar hier selbst ein wenig = gut, dass du den Beitrag fast wortgleich nochmal eingestellt hast, denn das Thema hat nichts an Aktualität verloren, im Gegenteil...
Hermann Menger
2.349
Hermann Menger aus Gießen schrieb am 23.11.2018 um 09:34 Uhr
Olle Kamellen....
Falsche Zahlenangaben:
Die Gießener Tafel wurde nicht in 2015 gegründet, sondern schon im Jahre 2005.
Ich arbeite ehrenamtlich als Fahrer dort seit Anfang 2012 mit.
Florian Schmidt
4.774
Florian Schmidt aus Gießen schrieb am 24.11.2018 um 19:23 Uhr
Die Tafeln sind wie ein Arzt der seinem Patienten sagt: "Sie haben einen Gehirntumor und jetzt verschreib ich ihnen ein Schmerzmittel damit sie mit ihrem Schmerzensgebrüll nicht ihre Mitmenschen belästigen."
Als arm wird doch hier erst anerkannt wer sich mit letzter Kraft die brütenden Fliegenlarven aus den ausgefressenen Augen kratzt. Aber Armut die man eben nicht sieht die ist nicht präsent. Klar ab und an mal ein Rentner der Flaschen aus Müllcontainern sammelt aber das hält doch die Renioren so rüstig. Und Obdachlose sieht man ja auch nicht mehr so viele, zum Beispiel weil man sichere Unterstände mit Dornen unattraktiv macht.
Die Tafeln sind wirklich großartig. Sie nehmen den Druck von der Politik und Otto Normal muss sich nicht damit befassen wie beschissen es seinem Nächsten tatsächlich geht. Ist es nicht schön, dass das Wort "Würde" zum reinen Konjunktiv verkommen ist? "Ohne die Tafeln würde mein Kind heute hungrig ins Bett gehen und ich würde überlegen was ich mir sonst noch alles sparen kann." Aber auch als Mitarbeiter gilt das. "Würde es mich interessieren dass sich was verbesssert würde ich die derzeitige Sozialpolitik auflaufen lassen."
112
Julius Epstein aus Gießen schrieb am 26.11.2018 um 10:14 Uhr
Dass die Gießener Tafel 2015 gegründet wurde, kann nicht stimmen (es gibt sie schon viel länger). Im übrigen lehne die Aktion natürlich auch ab (wie auch schon im letzten Jahr). Eine Alibiveranstaltung für Discounterkunden (egal welcher Discounter), die durch ihr Kaufverhalten zu schlechten Arbeitsbedingungen, Ausbeutung (sowohl hier als auch im Ausland) und Umweltzerstörung beitragen.
Martin Wagner
2.567
Martin Wagner aus Gießen schrieb am 26.11.2018 um 10:53 Uhr
Herr Menger; natürlich muss es 2005 heissen - Entschuldigung da habe ich ein Tippfehler gemacht.
Iris Reuter - GZ Team
1.912
Iris Reuter - GZ Team aus Gießen schrieb am 28.11.2018 um 10:14 Uhr
Ohje....
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
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Herzlichst, Ihr(e) Martin Wagner

von:  Martin Wagner

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Martin Wagner
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