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Stadttheater Gießen zeigt nicht traditionelle Darstellung von „Romeo und Julia“

Julia (Esra Schreier) schwebt über die Bühne während des Festes bei den Capulets.
Julia (Esra Schreier) schwebt über die Bühne während des Festes bei den Capulets.
Gießen | Wenn man an Shakespeares „Romeo und Julia“ denkt, stellt man sich das romantische Verona und Menschen in den Kleidungen des 16. Jahrhunderts, wie in Zeffirellis Film von 1968 oder vielleicht dem modernen Film mit Leonardo Di Caprio, vor.
Das Stadttheater Gießen wagte etwas Anderes, das einerseits die Zuschauer verblüfft, andererseits sehr gelungen ist. Am vergangenen Samstag, 17. November feierte die Tragödie in der Inszenierung von Katrin Hentschel Premiere. Die Kostüme von Michaela Barth machen bereits im Prolog deutlich, dass es sich nicht um eine klassische Darstellung handelt: Das Volk von Verona tritt als Radfahrer mit Helm, Trikots, Shorts und Fahrradschuhen auf. Auch Benvolio (Pascal Thomas), Romeos Cousin, und Mercutio (Stephan Hirschpointner), Romeos Freund, erscheinen mit langen Haaren in einem lila Anzug – der die Familie der Montagues charakterisiert. Die Familie der Capulets ist mit auffälligen grünen Röcken aus Tüll und grünen kurzen Perücken gekleidet. Bei den Montagues spielen nur Männer, bei den Capulets nur Frauen: auch die Figur von Tybalt, Julias Cousin, ist von einer Frau (Paula Schrötter, die auch die Rolle der Amme spielt) verkörpert, was zu Beginn etwas verwirrend sein kann. So wie in den Gesprächen vom Volk, das sich schnell in Frauen und Männern aufteilt, will auch die Besetzung der zwei verfeindeten Familien den Hass zwischen den zwei Geschlechtern symbolisieren.
Romeo (Magnus Pflüger) ist in seinen Liebeskummer für Rosalinde vertieft und Benvolio und Mercutio versuchen, mit Witzen ihn aufzuheitern. Die Sprache und die Gesten der beiden jungen Männer sind oft obszön, die sexuellen Anspielungen sehr deutlich – was bei einem Teil des Publikums für Gelächter gesorgt hat, für andere Zuschauer hingegen viel zu derb gewesen ist.
Das Bühnenbild von Jósef Halldórsson ist ebenfalls besonders. Bei den anfänglichen Szenen sind oft nur die Schauspieler auf der Bühne, aber wenn die Romantik auf dem Fest bei den Capulets anfängt, erweitert sich die Szene mit surrealistischen und romantischen Effekten. Julia (Esra Schreier) tritt auf das Fest mit ihrem Song auf, indem sie in einer Art grünem Plüschball über der Bühne schwebt. Sie ist tatsächlich die Hauptfigur des Stückes, die trotz des jungen Alters als entschlossene und mutige Frau handelt und spricht.
Die Kernmomente der Liebe des Paares finden in einer schwebenden durchsichtigen
Julia (Esra Schreier) und Romeo (Magnus Pflüger) in einer Szene.
Julia (Esra Schreier) und Romeo (Magnus Pflüger) in einer Szene.
Blase statt, die das Zimmer und das berühmte Balkon Julias träumerisch darstellt. Der Mond scheint. Weiße Luftballons als Zeichen der Liebe fallen vom Himmel bei der Hochzeit der Liebenden und werden von Julias Verehrer Paris (Stephan Hirschpointner in seiner zweiten Rolle) als Blumen getragen. Ein Baum ist die Kapelle von Bruder Lorenzo (Roman Kurtz), auf dem die Figuren auf der Suche nach Trost und Hilfe sitzen.
Die nicht traditionelle Aufführung überrascht am Anfang, aber die bekannte unglückliche Liebesgeschichte von Romeo und Julia entwickelt sich, wie Shakespeare sie erzählt hat. Auch die Verse des englischen Dichters sind zu erkennen. Die Gießener Textfassung integriert zudem die „Rede des Thomas Morus“ aus Shakespeares erst 2016 veröffentlichtem Text „Die Fremden“, die von einer Gruppe Gießener Bürgerinnen und Bürger als Volk gesprochen wird. Die Intoleranz des Volkes gegen ausländische Flüchtlinge war auch damals ein Grund von Protesten und Ausschreitung in der Stadt. Damit soll das Stück auf die heutigen Zeiten verweisen und zum Nachdenken anregen.
Wer „Romeo und Julia“ anders erleben möchte, kann die Vorstellungen am 30. November, 7., 27. Dezember 2018; 06., 27. Januar, 14. Februar, 15., 30. März 2019 jeweils um 19.30 Uhr im Großen Haus des Stadttheaters Gießen besuchen.

Julia (Esra Schreier) schwebt über die Bühne während des Festes bei den Capulets.
Julia (Esra Schreier)... 
Julia (Esra Schreier) und Romeo (Magnus Pflüger) in einer Szene.
Julia (Esra Schreier)... 
Das Liebespaar.
Das Liebespaar. 

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Kommentare zum Beitrag

H. Peter Herold
27.233
H. Peter Herold aus Gießen schrieb am 21.11.2018 um 16:53 Uhr
Gießen war schon immer für Experimente bekannt. Die meisten waren gut. Ich kann mnich nur an den Freischütz vor Jahren erinnern. Der war für mich voll daneben.
Hallo Lieber Leser
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Herzlichst, Ihr(e) Alessandra Riva - Mitarbeiterin der GZ-Redaktion

von:  Alessandra Riva - Mitarbeiterin der GZ-Redaktion

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Interessensgebiet: Gießen
Alessandra Riva - Mitarbeiterin der GZ-Redaktion
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