Bürgerreporter berichten aus: Gießen | Überall | Ort wählen...

Heiße Luft aus dem Entwicklungsministerium

Gießen | Darf man an der Fachkompetenz von Bundesministern zweifeln? Unser Entwicklungsminister Gerd Müller meinte kürzlich gegenüber WELT-Online, es wäre an der Zeit, dass die Europäische Union endlich ihre Märkte für Produkte aus Afrika öffnet. Insbesondere denkt er an Agrarprodukte, um Jobs für Millionen arbeitslose junge Leute zu schaffen. Andere Zeitungen sprangen auf diesen Zug auf – so z.B. der Spiegel und die Zeit.
Da es mit der Fachkompetenz von manchen Redakteuren ja auch nicht immer zum Besten bestellt ist, übersahen diese – genau wie der Minister – dass es bereits seit 2001 ein Programm der EU gibt, das die zollfreie Einfuhr von Waren aus den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt erlaubt. Darunter fallen allein 34 Länder aus Afrika.
Auch die USA bieten vielen armen Ländern ähnliche Konditionen. Dazu schreibt der Afrikakenner und Botschafter a.D Volker Seitz: „Das Handelsprogramm 'African Growth and Opportunity Act' war im Jahr 2000 vom US-Kongress verabschiedet worden. 2015 hat es die US-Regierung um weitere 10 Jahre verlängert. 6.400 Produkte aus 40 afrikanischen Staaten dürfen zu bevorzugten Konditionen in die USA exportiert werden. Die afrikanische Bekleidungs- und Textilindustrie profitiert am meisten von dem Programm. Größte Textilexporteure sind Äthiopien und Kenia.“
Mehr über...
Wo also liegt das Problem – und wieso wird immer wieder behauptet, afrikanische Länder würden beim Handel mit westlichen Staaten benachteiligt?
Volker Seitz bringt es auf den Punkt: „Das Problem bleibt aber, dass viele Staaten gar keine wettbewerbsfähigen Produkte anbieten können. In weiten Teilen Afrikas gibt es kein zeitgemäßes Unternehmertum.“ Davon scheint Minister Müller nichts zu wissen.

Wovon er vielleicht auch nichts weiß: Die Kapitalflucht aus Afrika übersteigt bei weitem die an afrikanische Staaten gezahlten Entwicklungshilfegelder plus der Summe privater (ausländischer) Investitionen. Das ist, vorsichtig ausgedrückt, ein ungeheurer Skandal. Afrikanische Eliten sorgen nicht nur dafür, dass westliche Entwicklungshilfe gar nicht dort ankommt, wo sie hingehört. Sie beuten ihre eigene Bevölkerung aus – und verschieben die Gewinne auf ausländische Konten oder leihen Geld in großem Stil an westliche Staat oder Investoren.
Eine wirtschaftswissenschaftliche Studie der Universität Massachusetts aus dem Juni 2018 räumt mit dem Märchen auf, „... dass viele
afrikanische Länder in Schulden ertrinken und von Entwicklungshilfe abhängig sind. … In Wirklichkeit verlasse so viel Kapital den Kontinent, dass viele Länder Afrikas tatsächlich Gläubiger des Nordens seien, sagen die Wissenschaftler Léonce Ndikumana and James K. Boyce, die die Finanzflüsse von 30 afrikanischen Ländern untersucht haben. Von 1970 bis 2015 gingen ihnen durch Kapitalflucht 1‘400 Milliarden Dollar verloren. Rechnet man die Zinserträge dazu, sind es sogar 1‘800 Milliarden Dollar. Das sei mehr als die Summe von Entwicklungshilfe-Geldern und ausländischer Investitionen zusammen.“

Andersherum ausgedrückt: Die Millionen und Milliarden Euros und Dollars, die den afrikanischen Eliten – sprich Regierungen und Organisationen – überwiesen werden, sind eine der wesentlichsten Fluchtursache. (Es gibt, wohlgemerkt, auch andere und sinnvolle Arten der Entwicklungshilfe, wo es z.B. um Wissenstransfer, medizinische oder landwirtschaftliche Projekte geht, in denen kein Geld in falsche Kanäle fließt – und die ganz direkt der Bevölkerung vor Ort zugute kommen.)
Es ist leider nicht anzunehmen, dass die deutsche Regierung ihre Entwicklungspolitik ändern wird. Wenn Armutsbekämpfung sich nur über die Höhe des ministeriellen Haushaltes definiert und der sogenannte „Mittelabfluss“ wichtiger ist, als die mit dem Geld erzielte Wirkung, wird man außer großen Sprechblasen aus Berlin in dieser Hinsicht nicht viel Gutes zu erwarten haben.

Hier noch einige Links für alle, die sich noch etwas gründlicher informieren möchten:

https://www.infosperber.ch/Artikel/Politik/Kapitalflucht-aus-Afrika-ubersteigt-Entwicklungshilfe

https://therealnews.com/stories/africa-is-a-creditor-to-the-world

Die o.a. Studie findet man hier als PDF:
https://www.peri.umass.edu/component/k2/item/1083-capital-flight-from-africa-updated-methodology-and-new-estimates

https://www.achgut.com/artikel/entwicklungsminister_mueller_riesenente_im_medienteich

 
 
 

Dies könnte Sie zum Thema auch interessieren

Seenotrettung statt Seehofer
Am 10.08.2018 fand in Gießen eine Demo, zu der die Seebrücke Gießen...
Der Honigmann von Entebbe
Brian Tayebwa ist Eigentümer und Chef der Firma „Vine Bees Ltd. Vine...
Butele (rechts) mit zwei Krankenpflegern der EPC Clinic Yei
Ausharren in schweren Zeiten
Butele Polino stammt aus dem Südsudan. Er hat an der Nehemiah Gateway...

Kommentare zum Beitrag

Martin Wagner
2.454
Martin Wagner aus Gießen schrieb am 09.08.2018 um 18:46 Uhr
Vielen Dank Herr Drechsel für ihren informativen Beitrag.

Er hat viele Einzelaspekte auf die es sich sicher lohnt einzugehen.

Als erster Kommentator scheue ich mich etwas hier einen Aspekt heraus zu greifen, denn die Erfahrung zeigt, dass dann die ganze Kommentarkollonne sich darauf bezieht. Ich mache es trotzdem und hoffe, dass andere Kommentatoren andere Einzelaspekte aufgreifen.

Im Artikel steht: (...) "Die Kapitalflucht aus Afrika übersteigt bei weitem die an afrikanische Staaten gezahlten Entwicklungshilfegelder plus der Summe privater (ausländischer) Investitionen. Das ist, vorsichtig ausgedrückt, ein ungeheurer Skandal. Afrikanische Eliten sorgen nicht nur dafür, dass westliche Entwicklungshilfe gar nicht dort ankommt, wo sie hingehört. Sie beuten ihre eigene Bevölkerung aus – und verschieben die Gewinne auf ausländische Konten oder leihen Geld in großem Stil an westliche Staat oder Investoren." (....)

Was folgt daraus: Die Bevölkerung eines afrikanischen (gilt bestimmt auch für andere Weltregionen) Staates muss ihre Eliten entmachten. So etwas ist schnell geschrieben, aber sehr, sehr schwer zu machen. Einfach deswegen, weil diese Eliten von den örtlichen Militärmachthabern gestützt werden.

Und wenn es einer Volksbefreiungsbewegung einmal gelingen sollte auch militärisch die Macht zu übernehmen ist es sehr fraglich, ob nicht die ehemaligen Freunde (die Eliten der kapitalistischen Länder) der alten Machteliten zu Gunsten der alten Kräfte intervenieren. Beispiele dafür gibt es ja genug.

Dennoch: Es geht auf langer Sicht kein Weg daran vorbei. Überall auf der Welt muss die Bevölkerungsmehrheit (und das sind nicht die Kapitalisten und ihre Marionetten) an die Macht.
Stefan Walther
4.351
Stefan Walther aus Linden schrieb am 10.08.2018 um 00:01 Uhr
Danke für den Beitrag Herr Drechsel, auch wenn wir in unseren politischen Ansichten nicht auf einer Wellenlänge liegen.

Ich bezweifle dass es an "fehlender Fachkompetenz" liegt ( sie wissen genau was sie tun ), und dass eine Lösung in einem "zeitgemäßen Unternehmertum" ( was immer das bedeuten mag ) zu finden sei, dem widerspreche ich.
Wenn man sich z.B. die Ruinierung hunderttausender Kleinbauern in Afrika anschaut, die ihre Ursache in der Überschwemmung mit Billigprodukten multinationaler Konzerne haben, dann kann doch nicht die Lösung sein, dass eigene, nationale Großkonzerne zukünftig das gleiche dreckige Geschäft betreiben sollen!?

Gut im Beitrag finde ich, dass endlich mal wieder jemand ( dass Sie ) sich mit dem Thema "Fluchtursachen" beschäftigt. Ansonsten scheint es ja den Regierenden - und auch in den bürgerlichen Medien - nur noch darum zu gehen "wie" man am effektivsten die Flüchtlinge weit fern von Europa halten kann.
Wer es zu verantworten hat, dass es mittlerweile ca. 65 Millionen Menschen auf der Flucht gibt, darüber sollen sich die Menschen in Europa am besten gar keine Gedanken mehr machen, denn dann würden sie schnell feststellen wie verlogen unter anderem auch die sogenannte Entwicklungshilfe ist.
Und dafür werden natürlich auch die korrupten Regierungen in Afrika selbst gebraucht und sei es nur dafür im Interesse der internationalen Konzerne zu agieren, nicht nur der deutschen, vor allem auch chinesischen Großkonzernen wird bei der Ausbeutung von Afrika Tür und Tor geöffnet...
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
Auf www.giessener-zeitung.de kann jeder aus seinem Ort berichten. Lokaler geht's nicht!

Mitmachen ist ganz einfach und alles ist kostenlos: Gleich registrieren und los geht's!

Herzlichst, Ihr(e) Ullrich Drechsel

Weitere Beiträge aus der Region

Stimmgewalt und magisches Gitarrenspiel - Paul Simpson Project - Freitag, 19. Oktober 2018, 20:00 Uhr, Giessen, Vitos-Kapelle
Eine Stimme, eine Gitarre – sind die wesentlichen Soundelemente des...
BiZ-Veranstaltung: „Schulabschlüsse nachholen“
• Infoveranstaltung am 19.10 ab 10 Uhr im BiZ...
Sind Sie fit für den Arbeitsmarkt der Zukunft?
• Filmreihe zum 20-jährigen Jubiläum der Beauftragten für...

Dieser Beitrag als Banner

Um diesen Beitrag als Banner auf deine eigene Homepage einzubinden, kopiere einfach folgenden Link und füge diesen Code in deiner Homepage ein.
Link:
Übrigens: unter "Meine Seite" findest du auch einen Banner zum Einbinden der letzten Beiträge, die du selbst verfasst hast.