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Es blubberte so friedlich

Gießen | Durch die Organisation 'an.gekommen' half ich einer jungen Syrerin eine Weile beim Deutschlernen. Diese neu gewonnene Freundin ist letzten Sommer frisch vermählt zu ihrem Mann nach Berlin gezogen. Das Nesthäkchen ließ damit Mutter und Vater in der Giessener Wohnung alleine. Berlin ist zum Glück nicht die Welt und ihr Alltag erlaubt es ihr noch, die Eltern einmal im Monat zu besuchen. Eine weitere Tochter hat mit Mann und Kind ihr Zuhause in einem Vorort von Gießen gefunden. Die anderen Kinder konnten nach Schweden und Dubai flüchten.

Bei ihrem letzten Besuch hat meine Freundin etwas für mich zurückgelassen, und endlich schaffte ich es, vorbeizuschauen. Ich wusste, ohne etwas zu essen komme ich aus dieser Nummer nicht raus, also schaute ich erst vorbei, als ich etwas mehr Zeit hatte.

Kaum die Tür geöffnet, zaubert sich ein Lächeln auf ihr Gesicht. Ein sehr ehrliches Lächeln zusammen mit einer wild wedelnden Hand, die typische ‚komm rein’ Bewegung. Ich freue mich, ich weiß, jetzt habe ich die Möglichkeit in einen 3500km weit entfernten Ort zu reisen, in weniger als einer Stunde.

Im Wohn- & Esszimmer angekommen
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sehe ich eine große, flache Schale mit etwas sandigem darin. Es sieht kunstvoll aus. Ich frage ‚Was ist das?’. Frau R. kann noch nicht sehr viel Deutsch. Sie überlegt und sagt ‚Brot!’, ich verstehe, selbst gemachtes Paniermehl. Dann kommt ihr ein Gedankenblitz, ‚Falafel, gut für dich?’, ihr ist wohl gerade eingefallen, dass ich vegetarisch esse. Natürlich sage ich grinsend ‚ja’, und sie verschwindet schon in die Küche. Ich darf zusehen, wie sie ganz frisch Falafeln in einer Pfanne mit heißem Frittierfett ausbackt.

Alles, was diese Frau in der Küche macht, wirkt auf mich besänftigend. So viel mütterliche Fürsorge und Weiblichkeit steckt in jeder ihrer Bewegungen. Ich kann genau auf alles achten, da wir uns nicht wirklich unterhalten können. Das Fett hat genau die richtige Temperatur und blubbert so friedlich. Ich hätte es stundenlang betrachten können. Wie macht sie das?, frage ich mich und denke dabei an das Frittieren zu Hause. Es scheint aufwändig, hat irgendwie etwas gewaltvolles, heftiges, beängstigendes. Hier, auf meiner kurzen Reise nach Idlib, Syrien, war es anders. Einfach die Ruhe selbst.

Sie bereitet noch schnell einen köstlichen ‚Hummus’ zu, aus einer Kichererbsenpaste, Sesamtahin, Zitronensaft, Olivenöl und etwas Schärfe. Der Kühlschrank scheint wie die Handtasche von Mary Poppins, ich kann es kaum glauben als ein riesiger Eimer selbstgemachten Joghurts daraus hervorkommt. Sie sagt ‚ich mache das, probier!’, und natürlich probiere ich, obwohl Kuhmilchjoghurt eigentlich nicht auf meinem Speiseplan steht. Als kurz nach 1 der Tisch gedeckt ist, rollt sie mir den ersten Dürüm mit allen und stellt mir ein Glas Fanta auf den Tisch. Auch das trinke ich nicht gern, aber ich bin ja auf Reisen. Ich bitte sie, auch zu essen, doch sie zeigt auf die Uhr und führt die Hände zusammen. Ich sage ‚beten’. Sie sagt ‚ja’. Es ist Zeit.

Schamlos und bestimmt wirft sich hinter mir ein hübscher, kleiner persischer Teppich zu Boden und Frau R. ist sofort mit Leib und Seele dabei. Natürlich drehe ich mich wieder zurück und widme mich dem Essen, genieße jeden Schluck Fanta während es hinter mir Worte aus dem Koran flüstert, die ich nicht verstehe, und die ich tief in mir auch nicht mag, wie die meisten von uns. Und es ist ein wunderschöner Moment. Ich bin begeistert von dieser Hingabe. Nach ca. 10 Minuten kommt sie zurück und isst mit mir. Ihre Liebe zum Koran ändert nichts an ihren positiven Gefühlen mir gegenüber, auch wenn ich so ganz und gar das Gegenteil einer laut Islam ehrwürdigen Frau bin. Nachdem ich über dem zweiten Dürüm aufgebe, sie mir den Rest davon, plus allen Falafeln und köstlichen selbstgemachten scharfen Pommes einpackt, beende ich voller Dankbarkeit meine kleine Minireise.

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von:  Kristin Zimmer

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