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Satt, aber unglücklich?

Gießen | Am 27.12.2017 war sowohl im Gießener Anzeiger wie auch in der Gießener Allgemeinen („Unzufriedensheitsparadox: Mehr Sorgen trotz mehr Wohlstand“) ein Artikel von Bernhard Sprengel über den Pessimismus in unserem Wohlstandsland zu lesen.

http://www.giessener-anzeiger.de/wirtschaft/geld-und-recht/unzufriedenheitsparadox-mehr-sorgen-trotz-mehr-wohlstand_18415458.htm
http://www.giessener-allgemeine.de/themenwelten/geld_recht/berichte/Berichte-Unzufriedenheitsparadox-Mehr-Sorgen-trotz-mehr-Wohlstand;art1520,367273

Demnach breitet sich nach Ansicht des Zukunftsforschers Horst Opaschowski in Deutschland ein sogenanntes Unzufriedenheitspardox aus: Je besser es den Leuten gehe, umso schlechter sei die Stimmung.

Herr Opaschowski geht davon aus, dass es den Leuten immer besser geht. Diese Aussage ist aber falsch. Einem sehr kleinen Teil geht es zwar finanziell immer besser, aber immer mehr sind arm oder von Armut bedroht.

Mehr über...
Zukunft (45)Unzufriedenheit (1)Profitmaximierung (1)Kapitalismus (56)Fluchtursachen (8)Armut (97)
Er resümiert, dass Überfluss am Ende auch nicht glücklich macht und laut einer Umfrage 45% der Deutschen mit großer Skepsis in die Zukunft schauen. Dies sind 9% mehr als Ende 2016. Immer mehr sehen den sozialen Frieden in unserem Land gefährdet, und dass die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird glauben 62%.

Die Ursachen für diese steigende Unzufriedenheit sind laut seiner Umfrage folgende:
Steigende Kriminalität und Einbrüche (dies sagen 61%), mehr Hass und Gewaltbereitschaft (49%), Angst vor Terroranschlägen, Klimawandel und Fremdenfeindlichkeit (46%). Ganz oben steht jedoch die Sorge vor der ungelösten Flüchtlingsfrage: 85% glauben nicht daran, dass unsere Gesellschaft in der Lage sein wird, ein gutes Zusammenleben von Deutschen und Flüchtlingen zu ermöglichen. In Ostdeutschland sind sogar 91% dieser Ansicht.

Diese genannten Ursachen zielen für mich aber in eine völlig falsche Richtung. Die schlechte Stimmung entsteht meiner Meinung nach dadurch, weil alle Lebensbereiche den Zielen der „freien Marktwirtschaft“, also der Gewinnmaximierung untergeordnet werden. Entscheidungen werden
getroffen, um Profit und Macht zu vergrößern. Und dies ist nur auf Kosten der Schwächeren möglich, ob hier in der BRD, in Europa oder auch global. Es werden Kriege aus Machtinteressen und um Rohstoffe und Märkte geführt. Die Umwelt wird nachhaltig zerstört, um weitere Profite zu erzielen. Immer mehr Menschen sind von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht.

Zwar brummt die deutsche Wirtschaft und ihre Vertreter blicken zuversichtlich in die Zukunft. Aber es wird nichts durchsickern von den Früchten unternehmerischer Hoffnungen. Es existiert kein Effekt namens „Trickle down“, wonach sich Reichtum durch gesellschaftlichen Klassen und Schichten quasi automatisch von oben nach unten verteilt. Auch immer mehr ältere Menschen sind von Armut bedroht (in 2006 waren es 4,5 Millionen Menschen über 55 Jahren, in 2016 schon 5,6 Millionen; dies ist ein Anstieg von 18,2 auf 20,5%). Diese tiefe Kluft zwischen Arm und Reich gehört zum Wesen des Kapitalismus. Und die existenzielle Angst vor dem finanziellen und somit gesellschaftlichen Abrutschen erfasst immer weitere Teile unserer Gesellschaft. Jeden kann es treffen. Das ist das politisches Ziel, um Unsicherheit zu erzeugen und Interessen besser durchsetzen zu können. Und dies erhöht zwangsläufig die Unzufriedenheit, auch bei denen, die noch auf der „Gewinnerseite“ unserer Gesellschaft stehen.

Und welche Lösungsansätze sieht der Forscher in seinem Artikel?

Opaschowski sieht nur einen Ausweg: „Wir brauchen ein Leitbild des guten Zusammenlebens. Gelebte Toleranz, in der es mehr um Gemeinsamkeiten als um Abgrenzung geht.“

Diese gewünschte gelebte Toleranz, die bestimmt als Gesellschaftsmerkmal nachhaltig die allgemeine Stimmung ändern würde, ist im Kapitalismus aber nicht möglich. Und sie ist auch nicht erwünscht. In einer kapitalistischen Gesellschaft ist nicht das soziale Miteinander das Ziel. Es ist auch nicht gefragt, dass wir als Gesellschaft als Ganzes zum Wohle aller agieren.

Um die Zufriedenheit in unserer Gesellschaft für alle zu erhöhen, benötigen wir ein grundsätzliches Umdenken:

Dazu brauchen wir eine Veränderung in eine aktiv emanzipatorische Gesellschaftsordnung, in der bei allen Zielen und Entscheidungen der Mensch im Mittelpunkt steht, und nicht das Profitstreben.

Wir benötigen eine Gesellschaft, in der die Gleichheit aller Menschen als unumstößlich gilt und es keine wie auch immer gearteten ausbeuterischen Hierarchien herrschen.

Wir benötigen eine Gesellschaft, in der nicht eine kapitalbesitzende Klasse die Menschen ohne Kapital ausnutzen und degradieren.

„Reicher Mann und armer Mann standen da und sah’n sich an,
und der Arme sagte bleich: ‚Wär ich nicht arm wärst du nicht reich.“


(Bertolt Brecht)

 
 

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Kommentare zum Beitrag

Kurt Wirth
3.495
Kurt Wirth aus Gießen schrieb am 09.01.2018 um 10:44 Uhr
Herr Zeun empfahl mir einmal,in einem Link in der gz statt des Semicolons einen Slash zu setzen. Vielleicht klappt es dann:

http://www.giessener-allgemeine.de/themenwelten/geld_recht/berichte/Berichte-Unzufriedenheitsparadox-Mehr-Sorgen-trotz-mehr-Wohlstand/art1520,367273
Thorsten Lux
911
Thorsten Lux aus Buseck schrieb am 10.01.2018 um 14:04 Uhr
Auf den Punkt gebracht.
Ein Miteinander ist zwar ein notwendiger Wunsch des Menschen, jedoch in einer Gesellschaft, die sich daraus speist, dass jeder mit jedem in fortwährender Konkurrenz zu stehen hat und diese Konkurrenz alle Lebensbereiche bis ins Kleinste durchdringt...
Da kann Herr Opaschowski zwar zur Fehleinschätzung kommen, dass das bloss die "Klage des satten Bauchs" sei, gewinnt damit jedoch "keinen Blumentopf". Eine falsche Analyse kommt eher selten zum richtigen Lösungsansatz.
Michael Beltz
7.779
Michael Beltz aus Gießen schrieb am 10.01.2018 um 18:55 Uhr
Wozu brauchen wir derartige Zukunftsforscher, die für eine zielorientierten "Forschungsauftrag" iht Geld kassieren.
Martin Wagner
2.762
Martin Wagner aus Gießen schrieb am 12.01.2018 um 13:23 Uhr
Kurz zu den Artikelsätzen:

(....) "Und die existenzielle Angst vor dem finanziellen und somit gesellschaftlichen Abrutschen erfasst immer weitere Teile unserer Gesellschaft. Jeden kann es treffen. Das ist das politisches Ziel, um Unsicherheit zu erzeugen und Interessen besser durchsetzen zu können. Und dies erhöht zwangsläufig die Unzufriedenheit, auch bei denen, die noch auf der „Gewinnerseite“ unserer Gesellschaft stehen." (....)

Ich halte das für eine korrekte Beschreibung für die Gruppe der Menschen, welche üblicherweise zu der Mittelschicht (Schicht nicht Klasse - es handelt sich um ein Begriff aus der Soziologie) gerechnet werden. In manchen Fällen reagieren auch Menschen aus dem oberen Teil der Unterschicht dementsprechend.

Entscheident ist für mich dabei das Wort "existenziell". Das halte ich für nicht genau genug. Objektiv gibt es kein "abrutschen" ins Elend: zumindest noch nicht in der BRD. Denn der Begriff Elend sollte für eine durch und durch hoffnungslose Situation eines Menschen reserviert bleiben. Naklar runter geht es in den letzten Jahren immer schneller und öfters. Die "Sicherungs"systeme dieses Staaates bekommen immer mehr Löcher, aber mir ist (noch) kein Fall bekannt, dass irgendjemand in der BRD verhungert ist.

Diese Angst ist real, es gibt ein "durchreichen" von der Mittelschicht in die Unterschicht (oder von dem oberen Teil der Unterschicht weiter runter), aber das ist lediglich an Statusverlust (also etwas völlig subjektives) und bedroht die eigene Existenz eben (noch) nicht "existenziell".

Wenn es sich aber um eine subjektives Angstgefühl handelt, dann kann meiner Einschätzung nach nur eine logische Antwort darauf sein: Kapitalisten (und deren willige Handlanger in Verwaltung, Parlamenten und Gerichten) ihr könnt mich meines momentanen Status berauben, aber ihr könnt mich nicht zu einer Zusammenarbeit mit euch zwingen, nur weil ihr mir droht, dass ich sonst sozial absteige.

Oder einfacher: Ich lassse mich doch nicht von Leuten mit einer Drohszenario ohne effektve existenziellen Auswirkungen zu irgendetwas erpressen. Zuerst bin ich ein Mensch mit eigenen Meinungen und erst dann ein Mensch mit dem oder jenem gesellschaftlichen Status.

Entscheident dabei ist, ob ein fortschrittlicher Mensch - sei es aus der Unter- oder aus der Mittelschicht das ist doch egal - zu der Erkenntnis gekommen ist: Wir brauchen eine Gesellschaft, welchen allen Menschen ein Mindestmass an sozialen Leistungen gewährt.
Das heisst dann im Konfliktfall:Ich lasse mich nicht gegen die mehr oder weniger systematisch arm Gemachten Mitbürger ausspielen. Meinen die Kapitalisten die soziale Spaltung der Gesellschaft voran treiben zu müssen, dann stehe ich nicht mehr auf ihrer Seite, sondern auf der Seite der Armen.
Hallo Lieber Leser
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von:  Uwe Lennartz

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