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Ein hübsches Haustier

Gießen | All zu vielen GZ-Lesern wird sie nicht begegnet sein, da sie nachtaktiv ist. Und wem sie begegnet ist, wird sie wohl meist nicht bemerkt oder ihr Beachtung geschenkt haben, da sie nur eine Körperlänge von ca. einem halben Zentimeter besitzt. Auch mir ist die Spinne nur aufgefallen, weil sie sich abends in meine (leere) Badewanne verirrt hatte, und da sie wie die meisten Spinnen keine Haftorgane an den Füßen besitzt, konnte sie die glatten Wände nicht erklimmen und saß in der Falle.

Nachdem ich sie eingefangen und in einer Blechschachtel untergebracht hatte, konnte ich sie in Ruhe unter der Lupe betrachten und sah, was für eine Schönheit mir da untergekommen war. Durch die auffällige Zeichnung war sie schnell als Scytodes thoracica identifiziert und da sie als einzige von über 200 Arten der Speispinnen in Deutschland vorkommt, heißt sie auch mit deutschem Namen nur Speispinne oder Leimschleuderspinne.

Der Name geht auf ihr Beutefangverhalten zurück. Sie erlegt ihre Beute nicht im Sprung wie die Springspinnen oder baut ein Fangnetz wie die Radnetzspinnen. Ihre Technik ist viel raffinierter. Die Leimspinne
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Spinne (91)Speispinne (1)Scytodes thoracica (1)Fliege (76)Beute (17)
verfügt nur über wenige Spinndrüsen am Hinterleib, dafür aber zusammen mit den Giftdrüsen auch welche an den Beißklauen des Kopfbruststücks. Wenn sie dann nachts unterwegs ist kann sie mittels Sinneshärchen an den Vorderbeinen feinste Luftbewegungen in ihre Nähe geratener Beutetiere erspüren und feuert aus ein bis zwei Zentimeter Entfernung klebrige und giftige Fäden auf die Beute, mit denen sie diese am Untergrund verankert, um sie dann in Ruhe verspeisen zu können. Das Erstaunliche, wie es Sigrid Dabelow 1958 bei der Auswertung von Hochgeschwindigkeitsfilmen feststellte, der Vorgang spielt sich in einer 600stel Sekunde ab und in dieser kurzen Zeit kontrahiert und entspannt sich der Spritzmuskel etwa zehn mal. Die Fäden bilden auch kein Gewirr über dem Opfer, sondern ein ziemlich regelmäßiges Zickzackmuster, eine bewunderungswürdige Koordinationsleistung.

Bis hierher ist es angelesenes Wissen meinerseits, ich konnte aber auch durch Anschauung meine Kenntnisse erweitern. Von manchen Spinnen weiß man, dass sie Beute lebend als Vorrat einspinnen und erst wenn der kleine Hunger kommt diese verzehren. Neu war mir jedoch, dass Spinnen, zumindest Scytodes, auch Aasfresser sein können.

Da ich meine Gefangene natürlich nicht hungern
Klein aber fein
Klein aber fein
lassen wollte, hatte ich sie erst mal in eine kleinere Plastikdose umquartiert, wo ich sie auch besser fotografieren konnte. Dann habe ich ihr eine Museumskäferlarve vorgesetzt (davon lebt schon seit Jahren eine kleine Kolonie in einer Tüte Mehl bei mir, und deren Larven habe ich schon mehrfach mir zugelaufenen kleinen Raubtieren wie dieser Spinne vorsetzen können.) Die hatte sich aber schnell unter dem in der Dose als Fußbodenbelag dienenden Küchenpapier in Sicherheit gebracht. Durch den Spalt eines angelehnten Fensters waren aber auch zwei Fliegen in meine Wohnung gelangt. Die litten wohl schon an Fliegenalzheimer oder mindestens Altersschwäche, waren jedenfalls sehr langsam und zeigten kaum Fluchtreflexe und ließen sich so leicht mit einem Glas einfangen. Ein einstündiger Aufenthalt im Tiefkühlfach sollte sie völlig bewegungsunfähig machen und, wenn die Lebensgeister zurückkehrten, das Interesse der Spinne geweckt werden. Bewegungsunfähig waren die Fliegen wohl geworden, aber sie waren anscheinend schon so altersschwach gewesen, dass die Lebensgeister selbst nach zwei Stunden nicht wie gewohnt zurückkehrten. Meine Speispinne kletterte mehrfach über sie hinweg und nichts passierte.

Dann, gegen Mitternacht, warf ich noch einmal einen Blick in das Gefäß und sah die Spinne mit der Fliege beschäftigt. Bis drei Uhr morgens, ehe ich mich zur Ruhe begab, habe ich dann immer mal wieder nach dem Gelage geschaut; einmal hatte die Spinne die Stellung verlagert, aber die Mahlzeit war nicht beendet. Das muss irgendwann zwischen drei und acht Uhr passiert sein; als ich am Morgen wieder nach ihr schaute hatte sie von der Fliege abgelassen.

Bei YouTube habe ich ein spanisches Video gefunden, das sehr schön das Fangverhalte einer Scytodes zeigt
http://www.youtube.com/watch?v=CB8NSAUfcz8

 
Klein aber fein
Klein aber fein 
Fleisch ist mein Gemüse
Fleisch ist mein Gemüse 
Food Photography - das Auge isst mit; in dem Fall sogar sechs Augen.
Food Photography - das... 
Das neue Zuhause, schlicht, aber alles Nötige vorhanden.
Das neue Zuhause,... 
Eine Woche später überwältigte sie eine lebende Fliege; die feinen Leimfäden kann man an den Hinterbeinen der Fliege erkennen.
Eine Woche später... 

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Kommentare zum Beitrag

Ingrid Wittich
20.169
Ingrid Wittich aus Mücke schrieb am 16.12.2017 um 09:02 Uhr
Ein kleines Naturwunder, das wohl nur ein Biologe wie Du erkennt.
Peter Herold
26.770
Peter Herold aus Gießen schrieb am 16.12.2017 um 10:01 Uhr
Hallo Bernd, die Fliegen werden so träge weil sie Winterruhe halten. Sie suchen in den Wohnungen einen kühlen dunklen Platz, um dann im Frühjahr wieder zu erwachen.
Ich habe da was gelesen: "Wenn man viele Fliegen im Haus hat, ist das immerhin ein Zeichen für gesundes Wohnklima, denn schädliche Stoffe in der Luft mögen diese Tiere gar nicht." Also bei nur zwei Fliegen ist da was zu verbessern :-)

Frohe Weihnachten.
Otmar Busse
556
Otmar Busse aus Lahnau schrieb am 16.12.2017 um 14:55 Uhr
Hochinteressant !
Von dieser erstaunlichen Fangtechnik hatte ich vorher noch nie gehört und das alles in einer 600stel Sekunde. Die Natur hat immer wieder erstaunliche Dinge in petto.
Bernd Zeun
10.532
Bernd Zeun aus Gießen schrieb am 16.12.2017 um 21:47 Uhr
Da haben sie recht, Herr Busse, an solche Hochleistungen - und das auch noch in Miniaturisierung - reicht unsere Technik noch nicht heran.

@Peter: Da es um die Spinne ging, habe ich zu den Fliegen nichts weiter gesagt. Aber du kannst mir glauben, die waren vorgeschädigt. Auf Bild 3 kann man gut die goldfarbenen Borsten erkennen, die auf die Wurmfliege (Pollenia rudis) hindeuten. Da über meiner Wohnung nur noch der Dachstuhl ist, bekommt sie viel Sonne ab und sobald im September die ersten kühleren Tage eintreten, versammeln sich Massen davon an der Hauswand und suchen sich Ritzen zum Unterschlupf. Sobald es im Winter ein paar Grad über Null ist, sind sie aber wach und wenn ein Fenster auf ist, in der Wohnung. Die warme, trockene Luft bekommt ihnen aber nicht und sie sterben dann relativ schnell.
Peter Herold
26.770
Peter Herold aus Gießen schrieb am 16.12.2017 um 23:44 Uhr
Das was du am Schluss schreibst kenne ich auch. Fand aber im Internet dazu keine Erklärung.
Bernd Zeun
10.532
Bernd Zeun aus Gießen schrieb am 16.12.2017 um 23:58 Uhr
Hier findest du was zur Wurmfliege http://www.schaedlingskunde.de/Steckbriefe/htm_Seiten/Pollenia-rudis-Wurmfliege.htm
Wikipedia hat keinen deutschen Beitrag, nur englisch.
Wenn sie mich nervten, habe ich zum Staubsauger gegriffen.
Peter Herold
26.770
Peter Herold aus Gießen schrieb am 17.12.2017 um 00:00 Uhr
In den Beiträgen de ich gelesen habe wurde immer von Stubenfliegen geschrieben. Werde mir mal den link am PC anschauen.
Irmtraut Gottschald
6.424
Irmtraut Gottschald aus Heuchelheim schrieb am 17.12.2017 um 09:33 Uhr
Hochinteressant und faszinierend und dafür kann man sich schon mal die halbe Nacht um die Ohren schlagen. Außerdem hast du jetzt ein neues Haustier.
Peter Herold
26.770
Peter Herold aus Gießen schrieb am 17.12.2017 um 13:30 Uhr
Lieber Bernd danke für den Link. Nun weiß ich warum die Fliegen sterben. Ist ihnen zu warm. Sie brauchen kühle, trockene und dunkle Ecken um zu überwintern.
Nicole Freeman
8.978
Nicole Freeman aus Heuchelheim schrieb am 19.12.2017 um 07:02 Uhr
ich mag normal keine spinnen, aber dese ist nicht nur toll gezeichnet sondern auch noch sehr interessant. klasse beschrieben! wenn ich mal so eine sehen sollte darf sie bleiben!
Bernd Zeun
10.532
Bernd Zeun aus Gießen schrieb am 19.12.2017 um 09:01 Uhr
Sehr löblich :D , da bei uns ja keine gefährlichen Spinnen vorkommen, haben bei mir in der Wohnung alle Spinnen "Narrenfreiheit", ich entferne höchstens mal ein Netz oder Gespinst.
Nicole Freeman
8.978
Nicole Freeman aus Heuchelheim schrieb am 19.12.2017 um 09:34 Uhr
meine angst vor den tieren ist sicherlich unbegründet. die können mich ja nicht fressen. was sie aber bei einer bestimmten größe können, mich nicht mehr aus dem zimmer lassen. warum ich die panik bekomme bei den 8 beinigen tieren wüßte ich auch gerne. sie sind nützlich und ungefährlich. aber....
Bernd Zeun
10.532
Bernd Zeun aus Gießen schrieb am 19.12.2017 um 12:54 Uhr
Es spricht einiges dafür, dass die Angst angeboren ist, schließlich gibt es in den meisten vom Menschen besiedelten Regionen sogar tödlich giftige Spinnen http://www.mdr.de/wissen/mensch-alltag/angst-vor-spinnen-100.html Besondere Zuneigung (Ausnahme die kleinen Harlekinspringspinnen, mit ihren kurzen Beinen und großen Augen entsprechen sie schon fast dem Kindchenschema) empfinde ich auch nicht gerade, aber interessant sind sie schon.
Bernd Zeun
10.532
Bernd Zeun aus Gießen schrieb am 23.12.2017 um 18:40 Uhr
Heute konnte ich ihr ihren Weihnachtsbraten in Form einer lebenden Fliege vorsetzen. Die Fliege war diesmal nur heruntergekühlt und bewegte sich noch. Sobald sie im "Terrarium" war hob die bis dahin regungslos hockende Spinne die Vorderbeine tastend in die Luft, offenbar spürte sie aus 5 cm Entfernung die Luftbewegungen der sich bewegenden Fliege. Die Spinne machte sich auch innerhalb 5 Minuten in Richtung Fliege auf. Nach 10 Minuten feuerte sie ihre Fäden auf die Fliege ab, was man mit bloßem Auge nur daran merkte, dass die Fliege plötzlich in ihren Bewegungen eingeschränkt war. Die Spinne versuchte dann wohl einen Biss anzubringen, aber die Fliege bewegte sich noch zu heftig, was mit einem neuen Abschuss beantwortet wurde. Die Spinne entfernte sich zeitweise von der Fliege, kehrte aber immer wieder zurück. Leider musste ich nach einer halben Stunde weg, als ich nach 1,5 Stunden zurück kam, war sie schon dabei, die Fliege auszusaugen. Ich habe davon noch ein Foto eingestellt, wer genau hinschaut, kann an den Hinterbeinen und -leib die feinen Leimfäden erkennen. Beim nächsten Mal werde ich mir mehr Zeit nehmen und versuchen, die Aktion zu filmen.
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