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„Der Schutzhäftling ist nach wie vor hartnäckiger Bibelforscher…“

Das Ehepaar Josef und Wilhelmine Hoffmann im Jahre 1969
Das Ehepaar Josef und Wilhelmine Hoffmann im Jahre 1969
Gießen | Lange Zeit gehörten sie zu den sogenannten „verges-senen Opfern“. Dies ist umso erstaunlicher, waren sie doch in den neuerbauten Konzentrationslagern oft die ersten, die in sie hineinkamen. Auch stellten sie zeit-weise die größte Opfergruppe überhaupt dar. Um wel-che Opfergruppe handelt es sich hierbei? Es geht um die Bibelforscher, heute als Zeugen Jehovas bekannt. Die Geschichtsforschung vergaß sie einfach ganz oder erwähnte sie nur am Rande. Dies sollte sich aber än-dern und zwar im Jahre 1993. In diesem Jahr erschien dass Standardwerk von Detlef Garbe, einem Historiker und Leiter der Gedenkstätte Neuengamme unter dem Titel „Zwischen Widerstand und Martyrium – Die Zeu-gen Jehovas im „Dritten Reich“.
Seitdem erschienen zahlreiche Dokumentationen von namhaften Historikern sowie Lebensberichte von Zeit-zeugen in gedruckter Form, die sich mit Jehovas Zeu-gen in der NS-Zeit beschäftigten.
Zu der Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas bekannten sich im Jahre 1933 rund 25.000 Personen. Für die Nationalsozialisten waren sie Staatsfeinde, die mit brutalster Gewalt bekämpft werden mussten. Insgesamt litten etwa 10.000 in den Gefängnissen und Konzentrationslagern. 2000 verloren ihr Leben, 270 wurden meist wegen Kriegsdienstverweigerung zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde durch Erschießen oder das Fallbeil vollstreckt. Jehovas Zeugen waren die einzige religiöse Gemeinschaft die aus Gewissens-gründen geschlossen den Kriegsdienst verweigerte.
Sie fühlten sich nicht als Helden noch suchten sie das Martyrium. Sie wollten lediglich ihrer christlichen Überzeugung treu bleiben, was bedeutete, dass sie Hitler nicht die Treue schwören konnten. Diese hatten sie bereits ihrem Gott Jehova versprochen, denn man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen.
Der in den Konzentrationslagern gestattete Briefkon-takt mit den Angehörigen wurde bei vielen Zeugen Jehovas auf ein paar Sätze eingeschränkt. Auf den Brief wurde folgender Stempel aufgedruckt:
„Der Schutzhäftling ist nach wie vor hartnäckiger Bibelforscher und weigert sich, von der Irrlehre der Bibelforscher abzulassen. Aus diesem Grunde ist ihm lediglich die Erleichterung, den sonst zulässigen Brief-wechsel zu pflegen, genommen worden“.
Die Angehörigen wussten dadurch, dass der Häftling seinem Glauben treu geblieben war.

Die Auswirkungen der Verfolgung machten auch vor Zeugen Jehovas aus der Region nicht halt. Zu ihnen gehörten Wilhelmine und Josef Hoffmann aus Wolfer-born.

Wilhelmine Hoffmann, geb. Schneider aus Wolferborn
Geboren am 2.11. 1902 – verstorben am 5.8. 1977.
Zeit der Verfolgung: 1935 bis 1945
Delikt: Vergehen gegen die Verordnung zum Schutz von Volk und Staat vom 28.2. 1933, Nr. 0019; Vergehen gegen die Verordnung des Staatskommissars für das Polizeiwesen in Hessen vom 19.4. 1933, Nr. 0048.

Wilhelmine Hoffmann wurde am 23. Oktober 1935 vom Sondergericht in Frankfurt am Main zu einem Monat Gefängnis verurteilt; ihr wurde vorgeworfen, sie habe im Januar 1935 an einer „Propagandafahrt“ der Zeugen Jehovas teilgenommen. Die Strafe verbüßte sie vom 14. Januar bis zum 14. Februar 1936 im Frauengefäng-nis Frankfurt-Preungesheim. In den Jahren 1936/ 37 soll Wilhelmine Hoffmann in Offenbach am Main und Frankfurt am Main die verbotene Schrift „Der Wacht-turm“ verteilt und illegale Zusammenkünfte organisiert haben. Sie wurde am 11. März 1937 festgenommen. Das Sondergericht Darmstadt verurteilte sie am 12. April 1937 zu einer Gefängnisstrafe von 7 Monaten, die sie bis zum 12. November 1937 im Frauengefängnis Mainz verbüßte. Anschließend war sie als Schutz-häftling im Gefängnis Darmstadt inhaftiert. Von dort wurde sie am 22. November 1937 zunächst in das Konzentrationslager Moringen, später in die Konzen-trationslager Lichtenburg und Ravensbrück verbracht (Dort waren 300 bis 350 Zeugen Jehovas eingesperrt).
In ihrer Vernehmung am 11. Juli 1935 bei der Staatpo-lizeistelle Offenbach am Main erklärte Wilhelmine Hoffmann: „Ich war am 13.1. 1934, wie schon in mei-ner Vernehmung (Bl.39) angegeben, mit noch 12 Zeu-gen Jehovas in Mannheim und habe dort missioniert. Unter Missionieren verstehe ich, das Evangelium mündlich und in gedruckter Form zu verbreiten. Ich habe an dem fraglichen Tage nur Broschüren vertrie-ben, und zwar von Haus zu Haus. Um welche Broschü-ren es sich handelte, weiss ich heute nicht mehr ge-nau. Ich kann mich nur an eine entsinnen, und zwar „Das Königreich“. Bei den Broschüren, die ich vertrie-ben habe, handelte es sich um solche, die schon vor dem Verbot gedruckt waren. Ich habe lediglich vom Königreich Gottes, dass jetzt in Kürze aufgerichtet wird, und über religiöse Dinge gesprochen. Politisiert wurde nicht.“
Dass sie sich der Konsequenzen aus ihrer Handlungs-weise voll bewusst war, geht aus einer vorangegan-genen Vernehmung vom 7. März 1935 hervor: „Daß das weltliche Verbot besteht, ist mir bekannt. Ich erachte jedoch das göttliche Gebot als über dem menschlichen Verbot stehend und habe deswegen auch nach dem Verbot den göttlichen Auftrag ausgeführt. Ich war mir dabei im Klaren, dass ich auch alle Konsequenzen aus diesem Tun auf mich nehmen muß.“
Über die spätere Behandlung machte sie folgende Aussagen:
„Im KZ Ravensbrück wurde Ende 1941 oder Anfang 1942 auf Anweisung des Reichsführers der SS Himmler die Prügelstrafe eingeführt. Jeden Dienstag und Frei-tag war Prügeltag. Es gab 25 bis 100 Schläge mit dem Ochsenziemer auf das unbekleidete Gesäß“. „Die Bi-belforscher“ lehnten es ab, für die Soldaten „Liebes-dienste“ zu leisten. Darauf hin mussten sie fünf Tage lang in der Kälte stehen. Nach dem fünften Tag, am 24. Dezember, wurden ihnen ihre Schuhe abgenom-men, und sie wurden jeweils zu fünf Frauen in eine dunkle Zelle gesperrt. Erst nach drei Tagen wurde die Zelle geöffnet. Nun gab es jeden dritten Tag warmes Essen (Wasser mit Krautblättern) und zwischendurch eine Scheibe Brot und dünnen Kaffee. Die Dunkelhaft dauerte drei Wochen“.
Am 29. April 1945 wurde sie von amerikanischen Trup-pen befreit. Wilhelmine Hoffmann lebte nach 1945 in Offenbach am Main, wo sie bis zu ihrem Tod am 25. August 1977 ihrer Überzeugung als Christin treu blieb.

Quellen: Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden; Hessisches Staatsarchiv Darmstadt W Abt. 461 Nr. 7431; W Abt. 518 Nr. 385 Bd. 1-4; D Abtl. G27 Nr. 617; W Abtl. 409/6 Nr. 38; Geschichtsarchiv der Zeugen Jehovas, Selters/ Taunus.


Josef Hoffmann – Ehemann von Wilhelmine Hoffmann aus Wolferborn
Geboren am 28.10. 1893 – verstorben am 06.03. 1972.
Delikt: Vergehen gegen die Verordnung zum Schutz von Volk und Staat vom 28.2. 1933, Nr.: 0019. – Vergehen gegen die Verordnung des Staatskommissars für das Polizeiwesen in Hessen
vom 19.4. 1933, Nr. 0048.

Josef Hoffmann, der Ehemann von Wilhelmine Hoff-mann, wurde von einem Sondergericht in Darmstadt wegen seiner Zugehörigkeit zur Internationalen Bibel-forscher-Vereinigung zu zehn Monaten Gefängnis ver-urteilt. Er kam am 12.3. 1937 in das Gefängnis Zwei-brücken und danach bis zum 17.1. 1938 in das Gefäng-nis Offenbach am Main. Von dort kam er in Schutzhaft in die Konzentrationslager Dachau und Mauthausen, wo er in einem Steinbruch arbeiten musste. Am 5.5. 1945 kam er aus dem KZ Mauthausen frei. Erst im September 1945 war es ihm möglich, wieder nach Offenbach am Main zu seiner Frau Wilhelmine zurück-zukehren. Während der Inhaftierung im KZ kümmerten sich die Schwiegereltern Josef Hoffmanns liebevoll um ihre Tochter. Der gelernte Schneider arbeitete nach seiner Haftentlassung wieder in seinem Beruf. Er blieb bis zu seinem Tod im Jahre 1972 seiner Überzeugung als Christ treu.

In den Konzentrationslagern bildeten Jehovas Zeugen als einzige Religionsgemeinschaft eine eigenständige Häftlingskategorie. Ab dem Jahre 1937 wurden sie durch den lilafarbenen Winkel stigmatisiert. Das Be-sondere an der Haft war, dass sie im Gegensatz zu anderen Gefangenen aus dem Gefängnis oder dem Konzentrationslager hätten freikommen können, wenn sie die sogenannte „Erklärung“ unterschrieben hätten. Durch diese Unterschrift hätte der einzelne Zeuge Jehovas seinem Glau-ben abgeschworen. Nur wenige unterschrieben dieses Schriftstück. Manche nahmen sogar ihre Unterschrift wieder zurück.

Jehovas Zeugen anerkennen, dass es auch bei den beiden Großkirchen Personen gab, die ihre Überzeu-gung im Dritten Reich mit Verfolgung bezahlen muss-ten. Aber es waren nur Einzelpersonen, die keinen Rückhalt in ihrer Kirche fanden. Dazu gehörte Martin Niemöller. Er traute 1935 Otto Friedrich Fürst zu Ysen-burg und Büdingen mit Felizitas Prinzessin zu Reuß jüngere Linie, die Eltern des heutigen Fürsten zu Ysen-burg und Büdingen. Niemöller war von 1937 bis 1945 als persönlicher Gefan-gener Adolf Hitlers in den Kon-zentrationslagern Sachsenhausen und Dachau inhaf-tiert. Vom 14. November 1945 bis Mai 1948 lebte er im Büdinger Schloß, wo ihm die heute als Bibliothek die-nenden Zimmer im sogenannten „Krummen Saal“ als Wohnräume zur Verfügung gestellt wurden. Von 1947 bis 1964 war Martin Niemöller Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.

In seinem Werk „Ach Gott vom Himmel sieh darein (Sechs Predigten)“ (Chr. Kaiser Verlag, München, 1946, Seite 27 und 28) schreibt er Folgendes:
„Nein, Gott will den Krieg nicht. Sein Gebot steht eindeutig und klar vor uns, die wir sein Wort kennen, und es heißt: Du sollst nicht töten. Wer Gott verant-wortlich machen will, der kennt Gottes Wort nicht oder will es nicht kennen. Freilich, das ist eine andere Fra-ge, ob nicht wir Christen ein gut Teil Schuld an den ewigen Kriegen tragen? Und von dieser Frage kommen wir so leicht nicht los,; man hat mit Recht darauf hin-gewiesen, dass bis in unsere Tage hinein die Kirchen selten ein Wort gefunden haben, um deutlich zu sagen, dass Kriege kein erlaubtes und von Gott gebilligtes Mittel sind, um noch so gute und berechtigte Ziele zu erreichen; man kann mit gleichem Recht daran erin-nern, dass sich die christlichen Kirchen Jahrhunderte hindurch immer aufs neue dazu hergegeben haben, Kriege, Truppen und Waffen zu segnen, und dass sie in ganz unchristlicher Weise für die Vernichtung der Kriegsgegner gebetet haben. Aber das ist unsere Schuld und die Schuld unserer Väter, aber gewiß nicht Gottes Schuld – Und zumal wir Christen von heute ste-hen beschämt da vor einer sogenannten Sekte wie der der ernsten Bibelforscher, die zu Hunderten und Tau-senden ins Konzentrationslager und in den Tod gegan-gen sind, weil sie den Kriegsdienst ablehnten, und sich weigerten, auf Menschen zu schießen:“

Oftmals wird die „Bekennende Kirche“ als ein Beispiel hingestellt. Aber gab sie dieses wirklich?
Der Kölner Religionspädagoge Hans Prolingheuer räumt mit dieser Ansicht auf. Die Rheinische Post vom 28. Januar 1983 berichtet: „Heftige Kritik an einer Le-gendenbildung über den Kirchenkampf im Dritten Reich und die Rolle der Bekennenden Kirche hat erneut der Kölner Religionspädagode Hans Proling-heuer geübt“. Die sogenannte Stunde Null sei in den Kirchen zu einer „Geburtsstunde von Lügen und Legen-den“ geworden, schreibt er in „Der umkämpfte Kir-chenkampf 1933 bis 1945 – das politische Versagen der Bekennden Kirche“. Die „Bekennende Kirche“ sei erst nach dem Zusammenbruch des Hitlerregimes zu dem geworden, „worauf Millionen von Opfern des Fa-schismus zu ihren Lebzeiten vergeblich gewartet hät-ten: zu einem Bollwerk gegen Adolf Hitler“.

In einer Studie, die zum Teil in der ökumenischen Mo-natszeitschrift „Neue Stimme“ veröffentlicht wurde, kritisiert der Religionspädagoge auch die Stuttgarter Schulderklärung der evangelischen Kirchen von 1945. Sie lautet auszugsweise: „Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden…Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“ Sie schloß mit einem Wort an Gott, „der uns durch die Katastrophen unseres Volkes hindurch gerettet hat und Schuld vergeben will (FAZ vom 25. Januar 1983, Seite 1). Dieses „Schuldbe-kenntnis“ hat nach Ansicht Prolingheuers „mehr ver-schwiegen als bekannt“. „Berge von Papier“ hätten bisher dazu beigetragen, „die Wahrheit vom politi-schen Versagen der Bekennenden Kirche zu er-sticken“. Der Kirchenkampf sei der Interessenlage der Nachkriegskirche angepasst worden.

Die Historikerin Dr. Susannah Heschel, Professorin für Religion an der Case-Western-Reserve-Universität in den USA kam sogar zu der Schlussfolgerung:
„Was, wenn sich die evangelische Kirche wie die Zeugen Jehovas verhalten hätte? Oder die Katholiken? Meiner Ansicht nach wäre die Geschichte völlig anders verlaufen“.


Franz Wohlfahrt ließ sich auch durch die Hinrichtung seines Vaters und seines Bruders nicht abschrecken, seinem Gott Jehova treu zu bleiben. Er schrieb folgen-des Gedicht als Mahnung für seine Glaubensbrüder:

„Ich bleibe fest in meinem Glauben,
wenn die Welt auch höhnt und schreit;
ich bleibe fest in meinem Hoffen,
auf eine schönre, bessre Zeit.
Ich bleibe fest in meinem Lieben,
wenn auch die Welt der Untreu front.
Von Gottes Wort fließt die Kraft der Starken,
die auch aus Schwachen Kämpfer macht;

ich bleibe fest durch Gottes Gnade,
ich bleib es nicht aus eigner Kraft.
Ich bleibe fest, gilt’s auch mein Leben;
Und geb’ ich meines Odems Rest;
Ihr sollt vom letzten Hauch noch hören;
Ich bleibe fest, ich bleibe fest, ich bleibe fest!“

Dies Worte Franz Wohlfahrts geben auch die Ent-schlossenheit Tausender Zeugen Jehovas wieder – der lebenden und der toten -, die unter dem NS-Regime standhaft blieben trotz bitterer Verfolgung.

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von:  Hans-Joachim Schalies

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