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Lohnender Theaterbesuch am 17.Dez.2017

Symbolfoto - Angela Parszyk - pixelio
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Gießen | Am 15.11.2017 hatte der Bürgerreporter Bernt Nehmer in einem Artikel * auf das Ein-Personen-Stück „Ansichten eines Clowns“, zurzeit in der Studiobühne des Stadttheaters laufend, hingewiesen. Das Stück orientiert sich sehr eng an dem Anfang der 60er Jahre herausgekommenen Roman ** mit gleichen Titel von Heinrich Böll.

Vielen Mitbürgern dürfte der Namen „Heinrich Böll“ wenig bis nichts sagen. Der oder die Eine oder Andere verbindet mit dem Böll die Stiftung einer staatstragenden Partei, manche erinnern sich noch an Böll als sehr bekanntes Aushängschild der Friedensbewegung Ende der 70er / Anfang der 80er Jahre und Spezialisten wissen, dass Heinrich Böll den Literatur-Nobelpreis bekommen hat. Filminteressierten ist eine Verfilmung eines seiner letzten Bücher, nämlich „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ *** vielleicht in Erinnerung, denn dieser Film (er setzt sich mit der Medienhatz in Zeiten der Bekämpfung der Baader-Meinhof-Gruppe auseinander) sorgte bei seiner Aufführung für recht viel Wirbel. Vielleicht gibt es auch Mitbürger, welche in den 60er bzw. 70er Jahren (danach kam Böll „aus der Mode“) das Buch
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als Pflichtlektüre an der Schule bearbeiten mussten. Mein Zugang zu ihm datiert aus den Anfang 70er Jahren, denn da habe ich mehrere Bücher vom ihm „verschlungen“. Das ist nicht verwunderlich, denn ich bin in einem kleinbürgerlichen und katholischen Elternhaus groß geworden. Seine fundierte Kritik an der Amtskirche hat mit dazu beigetragen, dass ich die Machtinstitution Amtskirche mit ihrem Zuchtmittel „Dogma“ (bis heute) strikt ablehne und den frei denkenden Menschen ohne Dogma und anderen „Stützen“ dem Glück der beschützenden Gemeinschaft (der Gleichdenker) vorziehe.
Vom Inhalt möchte ich wenig verraten. Der Clown heißt Hans Schnier und tritt bei kleineren Veranstaltungen auf. Die Geschichte seines langsamen gesellschaftlichen Abstieges ist auch eine Liebesgeschichte mit Maria. Diese scheitert, denn die Frau bleibt ihrem katholischen Umfeld verhaftet. Hans Liebe kann die Konventionen nicht knacken. Maria heiratet einen anderen gesellschaftskonformen Mann. Soweit so schlecht. Sicherlich eine Geschichte die sehr häufig vorkommt. Was diese Geschichte aber gut heraus stellt ist, dass der Clown an diesem Punkt nicht stehen bleibt, sondern über die Hintergründe der Doppeltentwicklung (Maria zurück in die Norm – er selber raus aus
Symbolfoto - Christina Maderthoner - pixelio
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der Norm) sich selber Rechenschaft abgibt. Seine „Antwort“ ist dabei sicherlich der kalten Jahren der 50er entsprechend ausgefallen. Am Schluss sitzt er als Pantomime geschminkt vor dem Bahnhof. Mit seinen Liedern zur Gitarre versucht er seine Sicht der Dinge den spontanen Zuhörern nahe zu bringen. Er wird von der Umgebung als Gescheiterter angesehen, sich selber gegenüber sieht er sich eher als jemand der seinen eingeschlagenen Weg zu Ende geht. (Heute werden robustere Methoden zur Abwehr von Stigmatisierungsversuchen angewandt.)
Heinrich Böll kann mit einer gewissen Berechtigung als katholischer Schriftsteller angesehen werden. In Zeiten wo gottlob die Machtapparate der (Staats)Kirchen an gesellschaftlicher Bedeutung drastisch verloren haben ist die Frage zu stellen, ob seine Lektüre (bzw. ein Theaterbesuch) noch Erkenntnisgewinn für den heutigen Mitbürger erbringen kann. Ich bejahe diese Frage, denn die gesellschaftlichen Mechanismen sind heute wie in den 50er Jahren (immer) noch vorzufinden. Sie sind nur etwas verfeinert worden. Heute bedarf es keines Prälaten mehr der die Fahne der rechten Gesinnung voran trägt. Das “es ist heute angesagt…“ oder „Ich bin Trendsetter!“ reicht völlig aus um eine (zumindest im kapitalistischen
Symbolfoto - Rike - pixelio
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Sinne) gleichgeschaltete (kaufwütige) Masse zu formen. Die glücklicherweise erkämpften persönlichen Freiheiten was sexuelle Orientierung oder Partnerwahl betrifft sind enorm (und nicht zu verachten), aber meiner Einschätzung nach sekundär. Wahre Freiheit ist die Freiheit nicht seine Arbeitskraft an Kapitalisten verkaufen zu müssen. Manche Menschen schaffen das auch heute noch gegen eine weit verbreiteten Ansicht, dass du deine Arbeitskraft dem Kapitalisten verkaufen musst um in der ominöse „Schaut-her-ich-kann-mir-was-leisten“ – Gesellschaft Wertschätzung zu erfahren, also dem eigenen Leben einen Sinne verleihen zu können.

Da ich sehr selten ins Theater gehe war ich vorher etwas skeptisch, ob es in einem Ein-Personen-Stück wirklich gelingen kann eine Geschichte zu erzählen. Das ging erstaunlich gut, denn durch einfache technische Tricks (Stimmen aus dem Dunkeln, Kleiderwechsel für die verschiedenen Rollen als Nacherzähler bzw. dargestellte Person, aber auch Musikstücke die eindeutig mit bestimmten Ereignissen in Verbindung gesetzt werden) verlor ich nie den Überblick. Hinzu kam, dass in dieser Bearbeitung davon abgesehen wurden Parallelen zu heutigen Zeit zu schlagen. Da das Stück ohne Pause gespielt wurde (vielleicht auch gespielt werden musste) hätte es den Zeitrahmen von gut 1 ½ Stunden gesprengt. Außerdem bin ich der Meinung dem Zuschauer ist schon zuzumuten, diese Denkarbeit selber zu verrichten.

* http://www.giessener-zeitung.de/hungen/beitrag/121442/ansichten-eines-clowns-im-tat-giessen/
** Buch zum Theaterstück - ISBN: 3462000489 – gebraucht bei den üblichen Plattformen für wenig Geld zu erhalten
*** https://www.inhaltsangabe.de/boell/die-verlorene-ehre-der-katharina-blum/

mein Veranstaltungstipp: Ein-Personen-Stück Ansichten eines Clowns von Heinrich Böll
Produktion vom Theater „Die Komödianten“ in Kiel – Stadttheater; hier taT-studiobühne (hinter dem Rathaus)
nur noch einmal - 17.12.2017 - 20:00 Uhr – Eintritt (keine Platzreservierung) 13.00 / 9.50 Euro

(aus der Eigenwerbung des Stadttheaters)
Heinrich Bölls Roman ANSICHTEN EINES CLOWNS zählt zu den berührensten Liebesgeschichten der deutschen Nachkriegsliteratur. Er erzählt von der Unmöglichkeit, gesellschaftliche Konventionen zu durchbrechen, und vom unheilvollen Einfluss falsch verstandener und radikaler Religiosität. Regisseur Christian Lugerth und Schauspieler Ivan Dentler haben Bölls Werk in einer geschickt verdichteten Fassung auf die Bühne gebracht.

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Kommentare zum Beitrag

Christian Momberger
11.031
Christian Momberger aus Gießen schrieb am 11.12.2017 um 22:37 Uhr
Danke für den Hinweis Martin. Ich habe das Buch von Böll 1996 im Deutsch Leistungskurs bei Frau Friese gelesen. Es wurde also auch in den 1990ern noch im Schulunterricht verwendet. ;-)
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